Im Hochmittelalter, das sich etwa vom zehnten bis zum dreizehnten Jahrhundert erstreckte, war die rechtliche wie auch die gesellschaftliche Stellung der Frau eine völlig andere als heutzutage. Grundsätzlich hatte die Frau dieser Zeit eine schwächere Rechtsstellung als der Mann und war diesem, ob es nun der Ehemann oder die männlichen Verwandten waren, unterworfen. So hatte der Vater einer unverheirateten Frau die Befugnis diese mit einem Mann zu verheiraten, um so z.B. seine gesellschaftliche Stellung zu heben oder zu sichern. Trotz allem durften die Männer nicht willkürlich über die Frauen entscheiden. Ihnen waren, auch wenn die Frau erst relativ spät in die öffentliche Gesetzgebung aufgenommen wurde, rechtliche Schranken gesetzt. Beispielsweise waren Tötung und Verstoßung nur in Ausnahmefällen erlaubt, der Inzest verboten und der Ehemann musste sich an die vertragliche Bindung an die Familie seiner Ehefrau halten. Trotz der vielen allgemeingültigen Regeln und Normen für Frauen, gab es in dieser Zeit erhebliche Unterschiede in deren Leben, die gesellschaftlichen Stände betreffend. Einer Dame aus adliger Gesellschaft war es z.B. möglich einen Anteil an der Machtausübung zu erlangen. Vor allem in kriegerischen Zeiten war sie als Repräsentantin ihres Mannes Landesherrin und verfügte über Macht. Auch durfte die Adlige über ihren Besitz und ihr Vermögen selbst bestimmen, wozu auch Grundbesitz gehörte, obwohl sie, streng genommen, ihrem Ehemann oder Vater unterworfen war. Die Rolle der Frau erfüllt in den Epen Hartmann von Aues (im Folgenden Hartmann genannt) eine zentrale Funktion in der Entwicklung des Protagonisten. Im Folgenden möchte ich auf diese Funktion und die Darstellung der Frau im Gregorius eingehen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Darstellung und Funktion der weiblichen Hauptgestalt
2.1 Zusammenfassung Gregorius
2.2 Die Schwester-Mutter-Gattin
2.2.1 Der erste Inzest
2.2.2 Der zweite Inzest
2.2.3 Wiedersehen in Rom
2.3 Die Namenlosigkeit
3. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle, Funktion und literarische Darstellung der weiblichen Hauptgestalt in Hartmann von Aues Epos "Gregorius" und analysiert, inwiefern diese Figur maßgeblich den Entwicklungsprozess des männlichen Protagonisten beeinflusst und steuert.
- Analyse der weiblichen Hauptfigur als Bindeglied zwischen Vor- und Hauptgeschichte
- Untersuchung der strukturellen Funktion des Inzests und dessen Aufarbeitung
- Die Bedeutung der weiblichen Figur für die Buße und spirituelle Erhebung Gregorius'
- Interpretation der bewussten Namenlosigkeit der weiblichen Hauptgestalt
- Diskussion der literarischen Entlastungsstrategien des Erzählers gegenüber der Mutterfigur
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Der erste Inzest
Am Anfang der Geschichte wird das Mädchen in ihrem verwandtschaftlichen Verhältnis zu ihrem Bruder und ihrem Vater als „swester“ (V. 237) und „tohterlîn“ (V. 184) eingeführt, wobei der Ausdruck „swester“ nur verwendet wird, so lange ihr Bruder noch am Leben ist. Vor allem wird es zu drei Vierteln in einem Objektkasus verwendet, der auf eine weitgehende Untätigkeit des Mädchens schließen lässt. Als der Vater auf dem Sterbebett liegt, beauftragt er seinen Sohn sich um die Schwester zu kümmern (V. 260ff) und drückt seine Sorgen um seine Tochter aus (V. 236f), die man als Vorausdeutung auf das ihr bevorstehende Schicksal ansehen kann.
Nicht lange nach dem Tod des Vaters, kommt es zum ersten Inzest zwischen Bruder und Schwester. Das Mädchen bemerkt zunächst nichts von der falschen Liebe des Bruders: 345 nû was daz einvalte kint / an sô getâner minne blint / und diu reine tumbe / enweste niht dar umbe / wes si sich hüeten solde / und hancte im swes er wolde.
Die Bezeichnungen „einvalte“ und „tumbe“ werden hier von Hartmann bewusst verwendet, um ihre Unerfahrenheit hervor zu heben und sie ihr damit auch zugute zu halten. An dieser Stelle wird das Mädchen auch zum letzten Mal als „kint“ bezeichnet, was wohl auch darauf hindeuten soll, dass ihre Kindheit vorbei ist, denn in der Nacht des Inzests wird sie „juncvrouwe“ (V. 355) genannt, ein Hinweis darauf, dass das Kind „zum jungen Mädchen“ geworden ist und somit einen Teil seiner Naivität verloren haben muss. Weiterhin wird sie als „wîp“ (V. 406) bezeichnet. Diese Benennung verwendet Hartmann nur, wenn er den „weiblich-menschlichen Aspekt der gemeinten Person“ zum Ausdruck bringen will, wie hier z.B. die Anziehung zwischen dem Bruder und der Schwester, oder wie im späteren Verlauf die Anziehung zwischen Gregorius und seiner Mutter. Als Gründe für den Beischlaf mit der Schwester gibt Hartmann Zuneigung zu dieser, ihre Schönheit, die Boshaftigkeit des Teufels und den jugendlichen Leichtsinn des Bruders an (V. 323ff). Somit wird „[d]ie Frau … zur Verführerin des Mannes – nicht willentlich, nicht bewußt, sondern durch ihr Sosein.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Kapitel skizziert die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Frau im Hochmittelalter und führt in die zentrale Funktion ein, die die weibliche Rolle in den Epen Hartmann von Aues einnimmt.
2. Darstellung und Funktion der weiblichen Hauptgestalt: Hier erfolgt eine detaillierte Analyse der Mutter-Gattin-Figur, ihrer Verbindung zur Handlung und der Bedeutung ihrer verschiedenen Lebensphasen sowie ihrer Namenlosigkeit.
3. Schlusswort: Die Arbeit fasst zusammen, dass die Mutterfigur als entscheidender Handlungsantrieb dient, um den spirituellen Werdegang des Gregorius zum barmherzigen Papst erst zu ermöglichen.
Schlüsselwörter
Hartmann von Aue, Gregorius, Mittelalterliche Literatur, Frauenbild, Inzest, Schuld und Buße, Heilsplan, Namenlosigkeit, Literaturwissenschaft, Epik, Personenbezeichnungen, Erlösung, Weibliche Hauptgestalt, Religiöse Identitätsfindung, Bußweg
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle der weiblichen Hauptfigur im Epos "Gregorius" von Hartmann von Aue und deren Einfluss auf den Entwicklungsweg des Protagonisten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das mittelalterliche Frauenbild, die Thematik des Inzests in der Literatur, die literarische Funktion der "Mutter-Gattin"-Figur und die spirituelle Läuterung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass die weibliche Hauptgestalt als entscheidender Handlungsantrieb fungiert und durch ihr Sosein und Handeln den Weg des Gregorius zu wahrer Erkenntnis und göttlicher Gnade maßgeblich ebnet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext (Hartmann von Aues Gregorius) mit Hilfe von Fachliteratur interpretiert und die Verwendung von Personenbezeichnungen sowie erzählerische Strategien untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Zusammenfassung der Handlung, die Analyse der drei Hauptstationen der Frau (Inzest 1, Inzest 2, Wiedersehen in Rom) sowie eine Untersuchung ihrer bewussten Namenlosigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen: Hartmann von Aue, Gregorius, Inzest, Schuld, Buße, Heilsplan, Namenlosigkeit und Erlösung.
Warum betont die Autorin die Namenlosigkeit der Figur?
Die Arbeit argumentiert, dass die Namenlosigkeit der Frau dazu dient, sie als Idealfigur zu stilisieren und eine stärkere Identifikation des Lesers zu ermöglichen, statt sie auf eine reale, historisch greifbare Person festzulegen.
Wie bewertet die Autorin die "Schuld" der weiblichen Hauptfigur?
Die Autorin stellt dar, dass der Erzähler die Schuld der Figur durch bestimmte Formulierungen zu minimieren versucht und sie als ein "schuldiges Weib" betrachtet, das jedoch durch Buße und den göttlichen Heilsplan zur Läuterung gelangt.
- Citation du texte
- Linda Tolle (Auteur), 2006, Zur Darstellung und Funktion der weiblichen Hauptgestalt in Hartmanns von Aue Gregorius, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62206