Das Deutsche System der industriellen Beziehungen


Seminararbeit, 2005

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Historische Entwicklung
2.1 Von 1950 bis Ende 70er/Anfang 80er Jahre
2.2 Von Anfang 80er bis heute

3. Charakteristika des deutschen Systems
3.1 Dualität
3.2 Intermediarität
3.2 Zentralisierung
3.3 Repräsentativität
3.4 Verrechtlichung

4. Zukunft der industriellen Beziehungen in Deutschland
4.1 Erosion des Tarifsystems
4.2 Kontinuität im Wandel
4.3 Kontinuitäten und Diskontinuitäten

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Quellenangaben

1. Einleitung

Erwerbsarbeit hat in Deutschland seit je her einen sehr hohen Stellenwert. Die Nachfrage nach Arbeitskräften wird, wie in kapitalistischen Gesellschaften üblich, grundlegend über den Arbeitsmarkt geregelt. Hierbei ist zu beachten, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer generell unterschiedliche Interessen besitzen.

Arbeitgeber sind auf menschliche Arbeitskraft angewiesen, um den Leistungserstellungs-Prozess in ihren Unternehmen aufrecht erhalten zu können. Demzufolge steht in dem Mittelpunkt der Arbeitgeber eine gewisse Organisationssicherheit und Erwartungssicherheit bezüglich der Arbeitnehmer.

Arbeitnehmer wiederum sind an einer ausreichenden Vergütung ihrer Arbeitsleistung und an einer mit dem Privatleben kompatiblen Arbeitszeitregelung sowie Arbeitsplatzsicherheit interessiert.

Um diese von einander abweichenden Ziele miteinander vereinbar zu machen hat sich in Deutschland ein spezielles System der industriellen Beziehungen entwickelt, das für alle beteiligten Parteien eine dienlichen Interessenausgleich liefern soll.

Auf die historische Entwicklung sowie Charakteristika des deutschen Systems der industriellen Beziehungen wird in Kapitel 2 genauer eingegangen. In Kapitel 3 folgt eine Charakterisierung des deutschen Systems industrieller Beziehungen. Hierauf folgt in Kapitel 4 die Frage, ob das deutsche System noch zeitgemäß ist.

2. Historische Entwicklung

Wenn man von der historischen Entwicklung der industriellen Beziehungen in Deutschland redet ist damit die Institution „Gewerkschaften“ sehr eng verbunden. Die Gewerkschaften, als überbetriebliche Ebene der Arbeitnehmervertretung[1], ist eine von zwei Hauptakteuren in diesem System. Stellvertretend soll hier deren Entwicklung in Deutschland aufgezeigt werden, wobei dafür die Zeit in zwei bedeutende Abschnitte untergliedert werden muss.

2.1 Von 1950 bis Ende 70er/Anfang 80er Jahre

Der Wiederaufbau Deutschlands nach dem Krieg, vor allem aber das Wiedererstarken der deutschen Wirtschaft kann man durchaus als grandiose Erfolgsgeschichte sehen.

Trotz eines dramatischen Einbruchs der wirtschaftlichen Aktivität in Deutschland im Jahr 1945/46 auf die Hälfte des Niveaus des Vorkriegsjahres 1938, konnte bereits nach 5 Jahren das Vorkriegsniveau wieder erreicht werden. Auch in den folgenden Jahren, als die „Wirtschaftswunderjahre“ in die Analen eingegangen, folgten Wirtschaftswachstumsraten von durchschnittlich knapp 7 % pro Jahr[2].

Zu erklären ist dieses enorme Wachstum zum einen durch einen hohen Bedarf an Gütern des täglichen Lebens, der sich in den Kriegsjahren aufgestaut hatte und zum anderen durch die Ersatzinvestitionen der im Krieg zerstörten Besitztümer. Dies führte zu einer wachsenden Nachfrage nach allen in der Produktion notwendigen Faktoren: Arbeit, Kapital und Boden. Von besonderem Interesse ist hierbei der Faktor Arbeit als Humankapital. In den 50er Jahren wuchs die Beschäftigung in Deutschland um 20% und zu Beginn der 60er Jahre wurde eine Vollbeschäftigung erreicht.

In diesen Aufbruchsjahren gelang es den Gewerkschaften, bei den Arbeitern auf offene Ohren zu stoßen. Der zunehmende Wohlstand breiter Schichten der Bevölkerung steigerte die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft und ließ zwar Forderungen nach den ursprünglichen Zielen der Gewerkschaften, Sozialisierung und Wirtschaftsplanung, zusehends in den Hintergrund treten. Allerdings gelang es den Gewerkschaften, sich bei der Verteilung des wachsenden Wohlstands unabdingbar zu machen.

Das war vor allem dadurch möglich, dass den Arbeitgebern durch den organisierten Druck der Gewerkschaften klargemacht wurde, dass die Arbeitnehmer einen unverzichtbaren und nicht ersetzbaren Produktionsfaktor darstellen und dass die hohen Wachstumsquoten nur zu sichern sind, wenn die Arbeitnehmer an dem volkswirtschaftlichen Aufschwung teilhaben. Beispielsweise sind hier die Forderungen nach Lohnerhöhung, der Anspruch auf Erholungsurlaub (1956) sowie Urlaubsgeld, Gleichstellung der Angestellten und Arbeitern bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (1956/57), Einführung der 40 Stunden Woche (1959) und zu Beginn der 60er Jahre die gleichberechtigte Mitbestimmung durch Betriebsräte (1963) zu erwähnen.

Diese Aktionen waren von einem großen Erfolg geprägt, der die Macht der Gewerkschaften steigen ließ: Von 1956 bis 1960 konnten die Reallöhne um durchschnittlich 4,6 Prozent jährlich gesteigert werden, in den folgenden Jahren bis 1965 gar um 5,3 Prozent. Die Bundesregierung erließ 1957 das Gesetz zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, und 1957 wurde in Stufen die 40 Stunden Woche sowie das arbeitsfreie Wochenende eingeführt.

Hierdurch lässt sich der Zulauf an Gewerkschaftsmitgliedern in dieser Zeit erklären, da gewerkschaftlich organisierte Mitglieder einen großen Vorteil gegenüber den unorganisierten hatten und ein direktes und greifbares Ergebnis der Gewerkschaftarbeit zu sehen war. Während 1950 rund 5,45 Millionen Mitglieder in den Gewerkschaften organisiert waren, waren es 1960 bereits 6,38 Millionen (Tabelle 1) und zu Spitzenzeiten 1981 waren knapp 8 Millionen Arbeitnehmer in den Gewerkschaften organisiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Mitgliederentwicklung der Gewerkschaften 1950 – 1960[3]

2.2 Von Anfang 80er bis heute

Ende der 70er /Anfang der 80er Jahre gab es dann einen unerwarteten Bruch in der Entwicklung der Gewerkschaften. Da Gewerkschaften ihre Stärke aus der Anzahl der Mitglieder beziehen, möchte ich mich auf die Darstellung der Mitgliederentwicklung als Indikator für den sinkenden Gewerkschaftseinfluss beschränken.

Gründe für den Mitgliederschwund, oder wie in der Literatur „Mitgliedererosion“ bezeichnet sind vielgestaltig, lassen sich aber grob einteilen in Makrosoziologische (auf gesellschaftlicher Ebene) sowie Mikrosoziologische Erklärungsversuche (auf individueller Ebene).

Zum ersteren Teil gehören Modelle wie ökonomische/politische Zyklen, kultureller Wandel sowie institutionelle Konfigurationen[4], auf die im folgenden eingegangen werden soll.

Als Beispiel der ökonomischen Zyklen möchte ich die Arbeitslosenentwicklung erläutern. Durch die zunehmende Globalisierung kam es zu einem grundlegenden Wandel des Wettbewerbsverhaltens sowohl auf Konsumenten- wie auch auf Produzentenseite. Betrugen in den 50er und 60er Jahren die Arbeitslosenzahlen faktisch weniger als ein Prozent, traten nun mehr und mehr Arbeiter untereinander in Wettbewerb[5] um die, durch Rationalisierungsprozesse, weniger werdenden Arbeitsplätze. Vor allem im Kohle- und Stahlsektor, bei dessen Schwerarbeitern und Kumpeln das Hauptklientel der Gewerkschaften lag, so im Saar- und Ruhrgebiet, wuchs die Arbeitslosenproblematik. Es war in diesem Zusammenhang die Rede von „Gewerkschaften als Schönwetterorganisation“, die bei florierender Wirtschaft für ihre Mitglieder da war, aber bei Problemen diese im Stich ließ. Zum anderen setzte zu dieser Zeit auch ein Trend der Tertiarisierung ein (Abbildung 1), der in den Bereich sozialstrukturellen oder kulturellen Wandel einzuordnen ist. Aber eben im Dienstleistungssektor ist die Gewerkschaftliche Organisationsrate mit vielen Angestellten, Frauen und Teilzeitarbeitskräften sowie kleinen und jungen Unternehmen nicht groß. Folglich kam es in diesem Zusammenhang ebenfalls zu einem Verlust von Einfluss der Gewerkschaften und die Macht der Arbeitnehmervertretung begann sich zu Gunsten der Arbeitgeber zu verschieben.

[...]


[1] Siehe dazu die Ausführungen unter Punkt 3.1

[2] Fitzenberger, B., W. Smolny und P. Winker

[3] Quelle: www.dbg.de/dgb/mitgliederzahlen/gesamt/1950_1993

[4] Einteilung nach Bernhard Ebbinghaus

[5] so zum Beispiel durch die Gastarbeiterregelungen der Bundesrepublik sowie durch Familiennachzüge der ersten Generation

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Deutsche System der industriellen Beziehungen
Hochschule
Technische Universität Dresden
Veranstaltung
Internationaler Vergleich industrieller Beziehungen
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V62209
ISBN (eBook)
9783638554923
ISBN (Buch)
9783656776970
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche, System, Beziehungen, Internationaler, Vergleich, Beziehungen
Arbeit zitieren
Diplom Kaufmann Stephan Riedel (Autor:in), 2005, Das Deutsche System der industriellen Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62209

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