Der Einfluß sozialökologischer Kontexteffekte auf jugendliche Gewaltdelinquenz

Am Beispiel der Pariser Banlieue


Diplomarbeit, 2006

106 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1. Anlass zur Arbeit: die französischen Unruhen 2005
1.2. Ziel der Arbeit
1.3. Aufbau der Arbeit

2. Ursachen von Kriminalität und Delinquenz aus sozialökologischer Sicht
2.1. Klassische Theorien sozialer Desorganisation der Chicago School
2.1.1. Parks und Burgess „Concentric Zone Theory“
2.1.2. Shaws und McKays „Cultural Transmission Theory”
2.1.3. Legitimation und Bedeutung der klassischen Theorien sozialer Desorganisation
2.2 Moderne sozialökologische Ansätze
2.2.1. Wilsons und Kellings „Broken Windows Theory“ und die Nulltoleranzstrategie
2.2.2. Sampsons Ansatz kollektiver Wirksamkeit
2.3 Implikationen sozialökologischer Ansätze

3. Die Pariser banlieue
3.1. Die Entstehung und Entwicklung der Pariser banlieue
3.2. Die Sozialstruktur der Pariser banlieue
3.3 Segregation und Ausgrenzung
3.3. Die Jugendlichen der banlieue - les jeunes

4. Kriminalität und jugendlicher Gewaltdelinquenz in der banlieue
4.1. Definition von jugendlicher Gewaltdelinquenz
4.2. Generelle Entwicklung jugendlicher Gewaltdelinquenz in der banlieue
4.3. Viktimisierung und Kriminalitätsfurcht
4.4. Kriminalitätskontrolle und Sicherheitspolitik
4.5. Polizeigewalt und Rassismus

5. Anwendung sozialökologischer Ansätze auf jugendliche Gewaltdelinquenz in der Pariser banlieue
5.1 Wandel des urbanen Raums - vom Chicago der 1920er Jahre zum Paris des 21. Jahrhunderts
5.2 Leistungsfähigkeit sozialökologischer Ansätze bei der Umsetzung in der sozialen Praxis
5.3 Erweiterungen sozialökologischer Ansätze – Verbindungen mit anderen kriminalsoziologischen Theorien

6. Fazit

Literatur

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Parks und Burgess Modell konzentrischer Zonen

Abb. 2: Shaws und McKays Karte der konzentrischen Zonen der Stadt Chicago:

Delinquenzbelastungen

Abb. 3: Theorie der sozialen Desorganisation

Abb. 4: Das „Broken Windows”-Paradigma

Abb. 5: Sampson und Groves kausales Modell einer erweiterten Version des Konzepts sozialer Desorganisation

Abb. 6: Überblick über klassische und moderne sozialökologische Theorien

Abb.7: Grands Ensembles in der Pariser Agglomeration

Abb.8: Großwohnsiedlung von Sacrelles

Abb.9: Stellung auf dem Arbeitsmarkt der 2. Generation nach Herkunftsland der Eltern

Abb. 10: Skala der urbanen Gewalt

1. Einführung

1.1 Anlass zur Arbeit: die französischen Unruhen 2005

Statt Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gibt es für ‚banlieusards’, das Vorortvolk, Elend, Resignation und Isolation […] Frankreich hat eine ganze Generation verloren. Im tristen Zustand der Außenbezirke lebt eine entwurzelte Jugend, die sich ziellos herumtreibt. Die, die in den cités der banlieue existieren, haben den Zug verpasst, der vielleicht nie vorbei gekommen ist […] Ihr Protest ist vorgezeichnet. (François Maspero 1993)[1]

Im Oktober und November 2005 kam es zu den bislang stärksten gewalttätigen Ausschreitungen in der Pariser banlieue. Auslöser für die Gewalt war der Unfalltod zweier Jugendlicher afrikanischer Herkunft, die am 27. Oktober 2005 bei der Flucht vor der Polizei[2] versucht hatten, eine Transformatorstation zu überwinden und dabei von Stromschlägen tödlich getroffen wurden und verbrannten. Als Reaktion auf dieses Ereignis zündeten Jugendgangs in dem Pariser Vorort Clichy-sous-Bois, in dem die verstorbenen Jugendlichen beheimatet waren, mehrere Fahrzeuge an. Es kam zu einer Reihe zunächst unorganisierter Sachbeschädigungen und Brandstiftungen an Autos und zahlreichen öffentlichen Gebäuden, wie Kindergärten, Schulen und Stadtteilzentren, sowie christlichen und muslimischen Einrichtungen. Die Unruhen, die ausschließlich nachts stattfanden, griffen schnell auf andere Pariser Vororte und Anfang November schließlich auch auf andere französische Städte wie Lyon, Toulouse und Straßburg über. Im Verlauf der Ausschreitungen fanden dabei auch fortwährend gewalttätige Zusammenstöße zwischen der Polizei und den Jugendlichen statt, in deren Folge 126 Polizisten verletzt wurden. Darüber hinaus wurde am 6. November 2005 auch ein Zivilist Opfer der Gewaltakte, als ein Passant im Pariser Vorort Stains den Verletzungen erlag, die Jugendliche ihm zugefügt hatten. Ausgeführt wurden diese Aktionen überwiegend von Gruppen männlicher[3] Jugendlicher mit Migrationshintergrund, vor allem aus dem Mahgreb und dem subsaharischen Afrika, die in vielen Vororten der Pariser banlieue in der Mehrheit sind (vgl. Scheidler 2005: 1).

Insgesamt wurden in der Zeit vom 27. Oktober bis zum 17. November 2005 9.267 Autos zerstört und es kam zu 2.832 Festnahmen (vgl. Der Spiegel 2005). Die Regierung reagierte am 9. November 2005 mit der Ausrufung des Notstandes[4] in 30 von 96 Departments (vgl. Becker 2005), den das französische Parlament am 16. November 2005 um drei Monate bis Ende Februar 2006 verlängerte, obwohl die Unruhen Mitte November begannen abzuflauen (vgl. Scheidler 2005: 1). Am 2. Dezember 2005 präsentierte Frankreichs Innenminister Villepin außerdem einen umfassenden Maßnahmenkatalog der Regierung für die benachteiligten Quartiere der banlieue. In ihm enthalten sind Maßnahmen zur Durchsetzung des Polygamieverbots[5], zum strikteren Vorgehen gegen Rassismus und Diskriminierung und weitere Restriktionen des Einwanderungsgesetzes, da die Regierung die Ausschreitungen mit der „unzureichenden Beherrschung der Migrationsströme“ erklärte. Die Regierung kündigte außerdem die Bereitstellung zusätzlicher finanzieller Mittel und Maßnahmen in den Bereichen der Arbeitsmarkt-, Wohnungs- und Bildungspolitik in den benachteiligten Quartieren (vgl. ebd. 2005), sowie die Schaffung von 2.000 neuen Planstellen bei der Polizei für 2006 und die Schaffung von 6.000 Sicherheitskräften für Frankreichs Schulhöfe in den Brennpunkten an (Becker 2005).

So lautet die Bilanz der Unruhen, die allerdings nur den Höhepunkt eines in Frankreichs Vorstädten seit fünfundzwanzig Jahren konstant zu beobachtenden sozialen Phänomens darstellt. Bereits vor dem Beginn der eigentlichen Unruhen wurden im Jahr 2005 etwa 90 Autos jede Nacht in Frankreich ein Opfer der Flammen, insgesamt 28.000 seit Beginn des Jahres 2005. Daneben wurden ca. 17.500 Müllcontainer angezündet, 5.760 Bushaltestellen, Telefonzellen und andere städtische Einrichtungen zerstört und 3.832 Angriffe auf Polizei oder Feuerwehr gezählt (Tagesspiegel 2005). Zum ersten Mal zeigte sich dieses Gewaltphänomen im „heissen Sommer 1981“, in dem innerhalb von drei Monaten in der Cité Les Minguettes in der Lyoner Vorstadt Vénissieux und in anderen Orten 250 Autos angezündet wurden (vgl. Zitzmann 2005). Diese Unruhen bildeten den Auftakt für eine Reihe von sporadischen Gewaltausbrüchen, die sich in verschiedenen Quartieren der banlieues bis zur Alltäglichkeit wiederholen sollten (vgl. Dubet 1997: 224).

Die aktuellen Ausbrüche an Gewalt haben demnach lediglich erneute Schlaglichter auf die sozialen Spannungen und Gewaltpotentiale geworfen, die sich in Frankreichs banlieues entwickeln konnten. Die gesellschaftlichen Ursachen, die dieser in Europa einmaligen Form des Jugendaufstandes zugrunde liegen, sind jedoch bis heute nicht gelöst, auch wenn viele wissenschaftliche Studien hierzu verfasst wurden und mannigfaltige Erklärungsansätze für diese besondere Form jugendlicher Gewalt vorliegen. In ihnen werden die Unruhen als Ergebnis der hohen Erwerbslosigkeit (vgl. Sattler 2005) und der damit verbundenen relativen Armut in den Vorstädten, als „Antwort auf den Ausschluss aus der Konsumgesellschaft“[6] (vgl. ebd. 2005) oder auch als Scheitern der französischen Integrations- und Wohnungsbaupolitik gesehen, durch die ein urbaner Segregationsprozess in Gang gesetzt worden ist (vgl. Wiegel 2005). Neben diesen sozialen Problemen werden aber auch häufig kulturelle und religiöse Motive für die Unruhen verantwortlich gemacht. All diese Erklärungsansätze[7] können eine Rolle spielen, wobei davon auszugehen ist, dass die Ursachen dieses sozialen Gewaltphänomens ebenso vielfältig sind, wie die ihnen zugeführten Erklärungen und wahrscheinlich in einem Zusammenwirken diverser sozialer, religiöser und kultureller Faktoren bestehen.

Es bleibt aber festzuhalten, dass sich die gewalttätigen Unruhen fast ausschließlich in den banlieues der großen französischen Städte manifestieren, in denen eine geographische Konzentration sozialer Ausgrenzung und Armut zu beobachten ist. Einhergehend mit der Verarmung und der Zunahme räumlicher Segregation entstehen in diesen benachteiligten Quartieren zunehmend deviante Jugendsubkulturen. Es liegt deshalb nahe, bei der Erklärung dieses spezifischen Musters jugendlicher Gewalt insbesondere die Beziehung zwischen den jugendlichen ‚Tätern’ und ihren sozialräumlichen Rahmenbedingungen in den Blickpunkt des Interesses zu stellen. Dieser Zusammenhang wird besonders in der theoretischen Perspektive der Sozialökologie berücksichtigt, mithilfe derer versucht wird zu erklären, warum sich abweichendes Verhalten (hier: jugendliche Gewaltdelinquenz) in bestimmter Weise auf bestimmte Gebiete (hier: die Pariser banlieue) verteilt (vgl. Opp 1968).

1.2 Ziel der Arbeit

Diese Perspektive der Sozialökologie bildet die Grundlage der vorliegenden Arbeit, deren Ziel eine theoretische Analyse jugendlicher Gewaltdelinquenz und ihrer sozialen Einflussfaktoren unter Einbeziehung des urbanen Raums sein soll. Dabei sollen zwei moderne sozialökologische Theorien miteinander verglichen werden. Es handelt sich bei den betrachteten Theorien zum einen um die Broken-Windows Theorie von Wilson und Kelling aus dem Jahr 1982 und zum anderen um Sampsons und Groves Ansatz aus dem Jahr 1989, der 1997 zur Theorie der kollektiven Wirksamkeit weiterentwickelt wurde. Aus der relativen Fülle moderner sozialökologischer Theorien sind diese beiden aus drei Gründen ausgewählt worden. Erstens besitzen sie nicht nur in der fachöffentlichen Diskussion einen vergleichsweise hohen Popularitätsgrad, der es nahe legt, sich anzuschauen, warum dies der Fall ist. Zweitens sind ihre Prämissen und dementsprechend auch die aus ihnen abgeleiteten sozialpolitischen Maßnahmen sehr unterschiedlich und teilweise sogar konträr, so dass ein interessantes Spannungsfeld entsteht. Drittens schließlich sind insbesondere aus der Broken-Windows Theorie schon sozialpolitische Maßnahmen abgleitet worden, die seit einiger Zeit auch in der Pariser banlieue angewendet werden, so dass sich hier eine Möglichkeit bietet, anhand des Istzustandes in der Pariser banlieue eine Zwischenbilanz über die Wirksamkeit der Umsetzung zu ziehen.

Insgesamt sollen die beiden Theorien in Hinblick auf folgende zentrale Fragestellungen betrachtet werden:

1. Sind sozialökologische Theorien, die eine starke Strukturierung der Gesellschaft verbunden mit einer geographisch zuordenbaren ethnischen und sozialen Segmentierung unterstellen, auf moderne Gesellschaften überhaupt noch anwendbar?
2. Wo liegen die Stärken der dargestellten sozialökologischen Theorien und welche wirkungsvollen Folgerungen zur Problemintervention bzw. –prävention können aus ihnen abgeleitet werden?
3. Welche Erweiterungen der sozialökologischen Ansätze bzw. Verbindungen mit anderen kriminalsoziologischen Theorien wären sinnvoll?

Diese Fragen sollen auf die Situation in der Pariser banlieue angewendet werden. Die Quartiere der Pariser banlieue sind dabei aufgrund der aktuellen Relevanz der dortigen Gewaltproblematik als exemplarischer Fall gewählt worden, anhand derer sich die Ursachen von Gewalt aus sozialökologischer Sicht ebenso gut analysieren lassen, wie anhand anderer moderner Städte der westlichen Welt. Zwar stellen sie in gewisser Hinsicht einen Sonderfall dar, da sie in besonderem Maße sozial und ethnisch segregiert und polarisiert sind, dennoch muss an dieser Stelle betont werden das jugendliche Gewaltdelinquenz in allen westlichen Großstädten als Folge der urbanen Krise (vgl. Eisner 1997) eine vermehrte Aufmerksamkeit erfährt. Es soll in dieser Arbeit deshalb der Versuch unternommen werden soll, die von Jugendlichen ausgehende Gewalt in der banlieue weder zu verharmlosen noch zu dramatisieren, wie dies nicht selten in medialen Inszenierungen ebenso wie in der fachöffentlichen Auseinandersetzung geschieht. Dies ist eine schwierige Gratwanderung, da nur allzu leicht die soziale Wirklichkeit der großstädtischen Quartiere simplifiziert wird.

Die aktuelle Forschungssituation zu sozialökologischen Kontexteffekten auf jugendliche Delinquenz ist insbesondere in Deutschland noch sehr unbefriedigend; es konnte sich bis jetzt keine starke Tradition sozialökologischer Forschung entwickeln, so dass die theoretischen und methodischen Voraussetzungen sozialökologischer Untersuchungsansätze nicht vollständig ausgereift sind. Dementsprechend existieren auch noch verhältnismäßig wenig empirische Forschungsergebnisse zu den sozialökologischen Kontexteffekten der Quartiere auf jugendliche Delinquenz. In den letzten Jahren hat sich aber die Mehrebenenanalyse als Forschungsinstrument erwiesen, mithilfe derer sozialökologische Delinquenzforschung auch empirisch angemessen möglich war. Allerdings sind empirische Studien mithilfe der Mehrebenenanalyse sehr aufwendig und kostspielig, da sie idealerweise ein in die relevanten sozialökologischen Kontexte eingebettetes Längsschnittdesign erfordern, denn in Querschnittsstudien besteht die Gefahr der Überschätzung von Kontexteffekten[8] (vgl. Oberwittler 2003).

Dennoch sind jüngere Studien mithilfe der Mehrebenenanalyse[9] durchgeführt worden, die durchweg zeigen, dass es einen Einfluss sozialökologischer Kontexteffekte auf das delinquente Verhalten von Jugendlichen gibt[10]. Die gemessenen Kontexteffekte sind zwar recht gering, aber es bleibt zu erwarten, dass sie im Zuge der stetigen Verbesserung der Forschungsdesigns präziser gemessen werden können. Insgesamt zeigen die empirischen Studien jedenfalls, dass der sozialökologische Ansatz eine bedeutende Erweiterung zu individualistischen Ansätzen darstellt und eine nicht zu unterschätzende Relevanz für die Erklärung jugendlicher Delinquenz besitzt (vgl. ebd. 2003).

1.3 Aufbau der Arbeit

In Kapitel 2 wird die theoretische Perspektive der Sozialökologie näher erläutert, wobei zunächst eine historisch orientierte Darstellung der sozialökologischen Tradition vorgenommen wird, der ein Überblick über die zentralen klassischen Theorien der Desorganisation folgt, deren Legitimation und Bedeutung schließlich kritisch beleuchtet wird. Im Anschluss daran werden zwei moderne sozialökologische Ansätze und die Folgerungen zur Problemintervention und -prävention, die sich aus ihnen ergeben, näher betrachtet.

Im Kapitel 3 wird mit Rücksicht auf die besondere Bedeutung des urbanen Raums in der sozialökologischen Perspektive zunächst die Pariser banlieue als Wohnumfeld der delinquenten Jugendlichen näher beschrieben. Es wird dazu in komprimierter Form die historische Entstehung und Entwicklung der Pariser banlieue dargestellt, bevor eine eingehendere Betrachtung der Sozialstruktur derselbigen vorgenommen werden kann. Erst vor diesem Hintergrund ist ein Überblick über die Kriminalität und insbesondere über jugendliche Gewaltdelinquenz in der banlieue möglich.

Kapitel 4 dient dazu, ein differenzierteres Bild über jugendliche Gewaltdelinquenz in der Pariser banlieue zu gewinnen, um diese später im Rahmen der zuvor entwickelten sozialökologischen Perspektive interpretieren zu können. Zunächst soll eine Definition von Gewaltdelinquenz, wie sie in dieser Arbeit benutzt wird, vorgenommen werden, schließlich sollen einige empirische Befunde zur Gewaltdelinquenz – insbesondere zur jugendlichen Gewaltdelinquenz- in der Pariser banlieue vorgestellt werden; hierbei sollen nach einem allgemeinen Überblick in den Kapiteln 4.3. und 4.4. den Themen Polizeigewalt[11] und Kriminalitätsfurcht besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Schließlich werden sicherheitspolitische Maßnahmen der Kommunen und des französischen Staates zur Kriminalitätskontrolle vorgestellt und aktuelle Strategien zur Gewaltprävention resümiert.

Im zentralen fünften Kapitel dieser Arbeit soll schließlich der sozialökologische Ansatz auf die Gewaltdelinquenz in der Pariser banlieue angewendet werden. Dabei muss unter 5.1. allerdings zunächst die Frage beantwortet werden, ob sozialökologische Theorien, die eine starke Strukturierung der Gesellschaft - verbunden mit einer geographisch zuordenbaren ethnischen und sozialen Segmentierung - unterstellen, auf moderne Gesellschaften überhaupt noch anwendbar sind. Dazu werden die historischen und nationalen Gegebenheiten veranschaulicht, unter denen die klassischen sozialökologischen Theorien entstanden sind und es wird der Versuch unternommen, zu analysieren, inwieweit sozialökologische Theorien auf den europäischen Raum zu Beginn des 21. Jahrhunderts übertragbar sind. Anschließend soll unter 5.2. die Leistungsfähigkeit der Theorien bei der Umsetzung in der sozialen Praxis betrachtet werden. Es soll also konkret untersucht werden, inwieweit sozialökologische Theorien helfen (können), die jugendliche Gewaltdelinquenz in der Pariser banlieue zu reduzieren. Zuletzt soll unter 5.3. betrachtet werden, welche Weiterentwicklungen sozialökologischer Konzepte sinnvoll wären bzw. welche Verbindungen mit anderen kriminalsoziologischen Ansätzen ihre Erklärungsleistung steigern könnten.

Im abschließenden sechsten Kapitel werden in einer Schlussbetrachtung die wichtigsten Ergebnisse resümiert.

2. Ursachen von Kriminalität und Delinquenz aus sozialökologischer Sicht

Die klassischen und modernen Theorien der sozialen Desorganisation lassen sich auf den sozialökologischen Ansatz zurückführen, der sich im Wesentlichen mit Prozessen wechselseitiger Interaktion zwischen menschlichen Gruppen und ihrer physischen Umwelt beschäftigt (vgl. Schäfers 2000: 329). Dabei stehen insbesondere die Entwicklungsbedingungen von Großstädten im Mittelpunkt: „die Entstehung städtischer Siedlungssysteme, das Wachstum von Städten, ihre interne Differenzierung, die räumliche Verteilung ‚sozialpathologischer’ Erscheinungen wie Kriminalität, Prostitution, Geisteskrankheiten und die typischen Formen sozialer Organisation in segregierten Wohngebieten“ (ebd. 2000: 329).

Die Ursachen von Kriminalität und Delinquenz werden im sozialökologischen Ansatz demnach im gesellschaftlichen Kontext gesucht und nicht in der Person des Täters (vgl. Albrecht 1993: 227), da angenommen wird, dass nicht nur individuelle, sondern auch soziale Kontextfaktoren, die in der konkreten räumlichen Umgebung zu finden sind, delinquentes Verhalten beeinflussen. Messner und Rosenfeld konstatieren hierzu:

„Motivations for crime do not result simply from the flaws, failures, or free choices of individuals. A complete explanation of crime ultimately must consider the sociocultural environments in which people are located“ (Messner/Rosenfeld 1994: 11).

Somit ist die Erklärung von Delinquenz aus sozialökologischer Sicht makrosoziologisch: Delinquenz wird mit den kollektiven Eigenschaften der Stadtviertel und nicht mit den individuellen Eigenschaften der Bewohner erklärt (vgl. Oberwittler 2003). Aufgrund dieser Fokussierung auf sozialräumliche Bedingungen zählen die Theorien der sozialen Desorganisation neben der Anomietheorie, der Subkulturtheorie, der Kulturkonflikttheorie und der Theorie der differentiellen Gelegenheiten zu den Sozialstrukturtheorien der Kriminalsoziologie; denen gemein ist, dass sie in den Zwängen, die mit dem Leben in benachteiligten Wohngebieten verbunden sind, den Antrieb der Bewohner zu delinquentem Verhalten sehen. Dabei richten die Mehrzahl der Sozialstrukturtheorien ihren Blick auf deviantes Verhalten im Jugendalter: sie gehen davon aus, dass die sozialen Zwänge, die Kriminalität verursachen, beginnen Personen zu beeinflussen, wenn diese noch relativ jung sind und dies ihr ganzes weiteres Leben lang tun. Auch wenn nicht alle devianten Jugendlichen erwachsene Straftäter werden, lernen viele zunächst deviante Werte als Mitglieder von Jugendgangs kennen (vgl. Siegel 2006: 181). Ein Hauptaugenmerk des sozialökologischen Ansatzes ist deshalb auf die Existenz von unüberwachten Jugendgangs in benachteiligten Wohngebieten gerichtet. Unterschichtskriminalität wird als das gewalttätige und destruktive Produkt von Jugendgangs angesehen. Obwohl auch Mitglieder der Mittel- und Oberschichten deviant werden, zeichnet sich aus sozialökologischer Sicht deren deviantes Verhalten durch eine geringere Häufigkeit, Schwere und Gefahr für die Allgemeinheit aus; Siegel konstatiert hierzu:

„The ‚real crime problem’ is essentially a lower-class phenomenon, beginning in youth and continuing into young adulthood” (ebd. 2006: 181).

2.1 Klassische Theorien sozialer Desorganisation der Chicago School

Sozialökologische Analysen, die eine Beeinflussung delinquenten Verhaltens durch sozialräumliche Bedingungen annehmen, haben in der Kriminalsoziologie eine lange Tradition, die ihren Anfang in der Kriminal- und Moralstatistik zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahm (vgl. Albrecht 1993: 226). Zu den ersten Untersuchungen[12] gehörten Guerrys (1833) und Quetelets (1835) kartographische Darstellungen der Kriminalitätsverteilung. Guerry untersuchte anhand der französischen Moralstatistiken den Zusammenhang zwischen Kriminalität, Armut, mangelnder Bildung und Bevölkerungsdichte und kam zu dem wichtigen Ergebnis, dass relativ konstante Faktoren und Bedingungen die Determinanten bei der Erforschung sozialer Phänomene sind (vgl. Albrecht 1993: 226). Die Datenaufbereitung mit Hilfe geographischer Darstellungstechniken erwies sich zwar für spätere Interpretationen als nützlich und lieferte außerdem wichtige deskriptive Informationen, allerdings beschränkten sich diese ersten Arbeiten von Guerry und Quetelet auf die Kartographierung von Kriminalität in recht grob gewählten Arealgrenzen. Aber schon bald gab es auch erste ökologische Analysen von gesellschaftlichen Teilgebieten, insbesondere von Städten und Großstädten. Die ersten Untersuchungen mit kommunalem Bezug waren die stadtgeographischen Arbeiten von Parent-Duchatelent (1837) über Prostitution in Paris und von Mayhew (1862) über Kriminalität in London (vgl. ebd. 1993: 227). Diesen Vorarbeiten folgten allerdings lange Zeit keine weiteren raumbezogenen Analysen, bis der sozialökologische Ansatz der Chicago School erste bedeutsame Erklärungsansätze im Hinblick auf mögliche Zusammenhänge zwischen Raum und der in ihm aufkommenden Kriminalität bot. Dieser wurde von einer Gruppe von Soziologen der Universität Chicago entwickelt, die sich zu Beginn der 1920er Jahre zunehmend mit der Frage der Entwicklung und des Wachstums von Städten und der Frage, wie städtische Umgebungen kriminelle Handlungen hervorbringen, auseinanderzusetzen begannen[13]. Zu den bekanntesten Vertretern der Chicago School zählen neben Clifford Shaw und Henry McKay, W. I. Thomas und Florian Znaniecki auch Robert E. Park und Ernest Burgess, die Pionierarbeit im Bereich der ökologischen Analyse städtischen Lebens leisteten. Robert E. Park war es auch, der 1916 den Begriff der Sozialökologie prägte, den er definierte als:

„study of the spatial and temporal relations of human beings as affected by the selective, distributive and accomodative forces of the environment“ definierte. (Park 1925: 63f.).

Gemeinsam mit seinem Kollegen Burgess entwickelte Park außerdem die „Concentric Zone Theory“, in der am Beispiel der Stadt Chicago ein allgemeingültiges Modell einer Stadt beschrieben wurde, in dem eine Einteilung derselben in verschiedene konzentrische Zonen vorgenommen wird. Da viele nachfolgende sozialökologische Arbeiten auf diesem Modell konzentrischer Zonen aufbauen, soll es im Folgenden näher erläutert werden.

2.1.1. Parks und Burgess „Concentric Zone Theory“

Park und Burgess sahen die Stadt als einen lebendigen sozialen Organismus, den sie systematisch untersuchen wollten, wobei ihr besonderes Interesse dem Wachstum der Stadt galt (vgl. Schneider 1987: 419). Die Stadt Chicago bot ihnen für diese Aufgabe ein perfektes Labor, denn sie hatte innerhalb kurzer Zeit ein starkes Wachstum erlebt. Während Chicago im Jahr 1840 noch eine kleine, ländliche Stadt mit 4500 Einwohnern war, waren es 1870 bereits 300.000, zur Jahrhundertwende 1.700.000 und 1920 annähernd 3 Millionen Einwohner. Diese schnelle Bevölkerungszunahme war begründet in der Entwicklung der Stadt zum kommerziellen Zentrum des Mittleren Westens der USA, mit der eine Expansion der landwirtschaftsnahen Industrie einherging. Das industrielle Wachstum zog Immigranten aus aller Welt, jedoch vor allem aus den europäischen Ländern an, so dass um die Jahrhundertwende etwa die Hälfte der Bewohner von Chicago im Ausland geboren waren (Gasser 2004)[14]. So fand in Chicago innerhalb kürzester Zeit ein rapider Wandel durch die Zwänge der Urbanisierung, Immigration und Industrialisierung statt, der Park und Burgess vor die Frage stellte, welche Auswirkungen diese rapiden sozialen Änderungen besaßen, insbesondere im Hinblick auf die soziale Ordnung der Stadt.

Zur Beantwortung dieser Frage verglichen Park und Burgess den Wachstum einer Stadt mit dem natürlichen ökologischen Wettbewerb. Sie vertraten die Auffassung, dass ebenso, wie es eine natürliche Ökologie gibt, in der Pflanzen und Tiere um Lebensraum und ihre Existenz konkurrieren, auch eine soziale Ökologie existiert, in der Menschen um den knappen erstrebenswerten Wohnraum konkurrieren. In der Natur scheinen Pflanzen und Tiere in einer gemeinsamen Harmonie zusammenzuleben und dabei letztlich interdependent voneinander zu sein. Diese wechselseitige Interdependenz wird „Symbiose“ genannt. Park glaubte, dass Städte „symbiotic environments“ seien. Er sah die Stadt als einen Superorganismus (super-organism) der natürliche Gebiete (natural areas) bzw. Zonen enthält. Diese natürlichen Gebiete können viele verschiedene Formen annehmen, einschließlich 1. ethnische Enklaven (ethnic enclaves) 2. vorgangesbezogene Gebiete (activity-related areas), z.B. Geschäftsgebiete, Industriegebiete und Wohngebiete 3. Einkommensgruppen (Oberschichtsgebiete, Mittelschichtswohnumgebungen, Ghettos) 4. physisch getrennte Gebiete, voneinander geteilt durch Flüsse, Seen, Autobahnen, Flughäfen usw.

Während die Konzepte der Symbiose und der natürlichen Gebiete das städtische Leben im Querschnitt zu erklären vermochten, konnten sie nicht den städtischen Wandel erklären, insbesondere nicht die Muster des Wachstums, des Verfalls und der Erneuerung, der alle Städte zu folgen scheinen. Um dieses Phänomen zu erläutern, entliehen sich Park und Burgess ein anderes Konzept aus der Ökologie der Pflanzen - die Invasion. Ein Ökosystem bleibt für eine anhaltende Zeitperiode im Gleichgewicht, bis die Ausbreitung einer neuen Spezies dieses alte Gleichgewicht zerstört, dies nennt man Invasion[15]. Park und Burgess waren der Überzeugung, dass ein ähnliches Muster in Städten anzutreffen ist. Wenn die „Neuen“[16] in ein feststehendes natürliches Gebiet eindringen, findet ein Wettbewerb um die Vorherrschaft dieses Gebietes statt. Wenn die Invasion erfolgreich ist, werden die „Neuen“ dominant und das Gebiet dehnt sich aus - der Prozess der Sukzession[17] gilt als gelungen.

Um zu erklären, wie der Prozess der Invasion und Sukzession in großem Maßstab erfolgte, entwickelten Park und Burgess ihre Concentric Zone Theory.

Abbildung 1: Parks und Burgess Modell konzentrischer Zonen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://faculty.ncwc.edu/TOConnor/301/301lect08.htm[18]

In der Concentric Zone Theory konstatierten Park und Burgess, dass sich in einer Stadt idealtypisch deutlich verschiedene ökologische Gebiete innerhalb fünf konzentrischer Zonen bilden, wobei jede Zone sich allmählich ausdehnt, in die angrenzenden Zonen eindringt, diese mitdominiert und somit ein stetiges Wachstum der Stadt von innen nach außen stattfindet. Der natürliche Prozess des Wachstums einer Stadt ist demnach gekennzeichnet durch Invasion, Dominanz und Sukzession; sehr gut vergleichbar mit dem Weg, dem eine neue Pflanzenart folgt, um die Kontrolle über das Ökosystem zu übernehmen.

Gemäß dieser Vorstellung unterteilten Park und Burgess die Stadt Chicago in folgende konzentrische Zonen: 1. den Central Business District (Loop), 2. die Transitional Zone; 3. die Working Class Zone; 4. die Residental Zone und 5. die Commuter Zone. Die Zone 1 ist der älteste Teil der Stadt und bildet das wirtschaftliche und historische Zentrum, welches Park und Burgess auch als Loop bezeichnen; an diese erste Zone grenzt die sogenannte Transitional Zone an, die die Leichtindustrie beherbergt, aber auch als Wohngebiet statusniedriger Gruppen gilt und durch eine hohe Wohndichte, baulichen Verfall, einen hohen Immigrantenanteil und eine hohe Mobilität der Bewohner gekennzeichnet ist. Die dritte Zone bildet die Working Class Zone, eine geringfügig statushöhere Wohngegend der Industriearbeiter, denen es gelungen ist, die Transitional Zone zu verlassen, die aber dennoch in der Nähe ihrer Arbeitstelle wohnen wollen. Die vierte Zone bildet die Residental Zone, ein Wohngebiet der gehobenen Schicht mit Einfamilienhäusern, das schließlich von der statushöchsten Commuter Zone umschlossen wird.

Der größte Wettbewerb um Wohnraum tritt nun auf, wenn die Bewohner der Transitional Zone diese zugunsten besserer Wohngegenden verlassen, sobald ihre finanzielle Lage dies möglich macht und durch neue ärmere Bewohner ersetzt werden. Die Transitional Zone ist aufgrund der hohen Mobilität ihrer Bewohner und der vom Central Business District ausgehenden Wandlungsprozesse tendenziell desorganisiert (Eifler 2002: 22), wobei Park und Burgess soziale Desorganisation im kontrolltheoretischen Sinn als Mangel an sozialer Kontrolle formulieren, also als Unfähigkeit einer Gemeinschaft einen allgemeinen Werte- und Normenkonsens zu realisieren. Park beschreibt dies folgendermaßen:

„But with the growth of great cities, […], the old forms of social control represented by the family, the neighbourhood, and the local community have been undermined and their influence greatly diminished. This process by which the authority and influence of an earlier culture and system of social control is undermined and eventually destroyed is described by Thomas – looking at it from the side of the individual – as a process of “individualisation”. But looking at it from the point of view of society and the community it is social disorganisation” (Park 1925: 107).

Parks und Burgess als „allgemein nachweisbar postuliertes Muster“ (Albrecht 1993: 228) konzentrischer Zonen wurde in der Literatur später oft bestritten und es wurde nachgewiesen, dass es eine Vernachlässigung kultureller Faktoren und eine übermäßige Betonung des Wettbewerbs gab. Auch neuere empirische Studien konnten Parks und Burgess Zonenmodell nicht bestätigen, sie zeigten stattdessen, dass die innerstädtische Verteilung der Täterwohnsitze vielmehr über die Allokationsfunktionen des Wohnungsmarktes geregelt wird[19] (vgl. Oberwittler 1999). Dennoch war das Concentric Zone Modell lange Zeit das allgemein akzeptierte Analyseparadigma für sozialökologische Untersuchungen, dass auch den Chicagoer Soziologen Clifford Shaw und Henry McKay als Orientierung diente (vgl. Albrecht 1993: 228).

2.1.2. Shaws und McKays „Cultural Transmission Theory”

Shaw und McKay wandten die Concentric Zone Theory auf die Untersuchung jugendlicher Delinquenz in Chicago an. Ihr Ziel war es, die Hypothese zu prüfen, dass Jugenddelinquenz und die Muster städtischen Wachstums und Verfalls miteinander verknüpft sein könnten. Zur Prüfung dieser Hypothese sammelten Shaw und McKay mithilfe von Jugendgerichts- und Bewährungshilfeakten[20] die Privatadressen aller männlichen Jugendlichen, die von der Chicagoer Polizei verhaftet worden oder dem Cook County Jugendgericht gemeldet worden waren. So identifizierten Shaw und McKay die Gebiete in Chicago, die überdurchschnittliche Kriminalitätsraten besaßen. Ausgehend von Parks und Burgess Modell konzentrischer Zonen zeigte sich ihnen, dass es innerhalb dieser Zonen verschiedene ökologische Gebiete gab, zwischen denen stabile und signifikante Differenzen hinsichtlich der Kriminalitätsraten existierten.

Abbildung 2: Shaws und McKays Karte der konzentrischen Zonen der Stadt Chicago: Delinquenzbelastungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Siegel 2006: 187.

Die Zonen, die am weitesten vom Stadtzentrum entfernt lagen, hatten die niedrigsten Kriminalitätsraten, wohingegen die Gegenden mit der höchsten Konzentration an Kriminalität die Transitional Zones waren, die durch folgende Merkmale gekennzeichnet waren: 1. sie lagen innerhalb von Industriegebieten oder Handelszentren oder grenzten direkt an diese an; 2. ihre Bewohner besaßen den niedrigsten ökonomischen Status (diese Gegenden hatten die höchsten Prozentsätze an Sozialhilfe, Kindersterblichkeit, Tuberkulose, und Geisteskrankheit); 3. sie besaßen den höchsten Prozentsatz im Ausland geborener oder afroamerikanischer Bewohner. Es zeigte sich, dass die Transitional Zones über Jahrzehnte hohe Delinquenzraten behielten, auch wenn die ethnische und rassische Zusammensetzung der Bevölkerung sich grundlegend änderte. Die Ethnizität schien also kein signifikanter Faktor für die stadtweite Delinquenz zu sein. Jede ethnische Gruppe brachte sehr niedrige bis sehr hohe Delinquenzraten hervor, je nachdem, in welcher Art von Gegend sie ihren Wohnsitz hatte[21]. Vielmehr führten Shaw und McKay diese bevölkerungsunabhängige erhöhte Delinquenz in den Transitional Zones auf die soziale Desorganisation in diesen Gebieten zurück, die sie definierten als:

„inability of local communities to realize the common values of their residents or solve commonly experienced problems“ (Shaw/McKay 1969)

Die soziale Desorganisation wurde auf drei traditionelle Quellen zurückgeführt. Die erste Quelle ist die residential instability/mobility, also die hohe Mobilität der Bewohner der Transitional Zones. Da viele Bewohner häufig umziehen oder darauf warten umziehen zu können, investieren sie nicht viel in eine Gemeinschaft, bei der sie davon ausgehen, dass sie diese sowieso bald verlassen. Die zweite Quelle ist die ethnic heterogenity (ethnische Heterogenität); während die Delinquenz mit der Ethnizität an sich nicht in Verbindung steht, bewirkt doch die Verschiedenheit der Rassen, Kulturen und Sprachen in den Transitional Zones die Erwartung unüberbrückbarer Differenzen. Die kulturelle Verschiedenheit wird negativ bewertet und führt dazu, dass die Bewohner sich isolieren und die tiefere Interaktion mit anderen oder die Teilnahme an gemeinschaftlichen Aktionen vermeiden[22]. Die dritte traditionelle Quelle Sozialer Desorganisation ist die Armut (poverty). Die inadäquaten Ressourcen hindern die Gemeinschaft daran mit lokalen Problemen umzugehen; ein Großteil der Bewohner ist mit dem Überleben in einer Gegend beschäftigt, die er so bald wie möglich verlassen will.[23]

Die durch die Veränderung in der Bevölkerungsstruktur, die mangelnde Integration fremder Kulturen, die Ausbreitung divergenter kultureller Standards und durch Armut hervorgerufene Soziale Desorganisation in den Transitional Zones resultierte schließlich in der Auflösung einer nachbarschaftlichen Kultur und Organisation. Die Kontinuität herkömmlicher nachbarschaftlicher Traditionen und Institutionen war gebrochen. Die Effektivität der Nachbarschaft als Einheit der Kontrolle und als Träger moralischer Werte war größtenteils stark gesunken, so dass deviante und herkömmlichen Werte koexistierten.

Kinder und Jugendliche, die in diesen Gegenden aufwuchsen, erlebten häufig, dass die Erwachsenen in ihrer Umgebung, die einen devianten Lebensstil gewählt hatten - der Spieler oder der Drogendealer - am finanziell erfolgreichsten waren. Deshalb wählten viele von ihnen bei der Entscheidung zwischen herkömmlichen und devianten Werten letztere. Sie umgaben sich mit Gleichgesinnten und bildeten kriminelle Gangs oder Banden. Die Entstehung von jugendlichen Gangs ist ein essentieller Bestandteil jugendlichen Missverhaltens in Transitional neighbourhoods. Aufgrund ihrer devianten Werte kommen diese Kinder oft in Konflikt mit den existierenden Werten der Mittelschicht, die strengen Gehorsam gegenüber dem Gesetz verlangen. Konsequenterweise entsteht dadurch ein Wertekonflikt, der die delinquenten Jugendlichen noch weiter von der konventionellen Gesellschaft entfernt. Das Ergebnis ist eine noch größere Akzeptanz gegenüber devianten Zielen und abweichendem Verhalten. Von der konventionellen Gesellschaft ausgeschlossen, werden Straßengangs für die Jugendlichen dann eine feste Institution, die dazu beiträgt, deviantes Verhalten von einer Generation auf die nächste zu übertragen (vgl. Siegel 2006: 185). Shaw und McKay folgern:

„traditions of delinquency can be and are transmitted through successive generations of boys in much the same way that language and other social forms are transmitted“ (Shaw/McKay 1969: 174).

Diese Transmission delinquenter Werte und Techniken von einer Generation zur nächsten, die namensgebend für Shaws und McKays Cultural Transmission Theory war, stellt eine ihrer wichtigsten Prämissen dar. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse ihrer Studie, dass die meisten delinquenten Akte von Jugendlichen in Gruppen begangen werden, dass delinquente Jugendliche regelmäßigen Kontakt zu anderen Delinquenten haben und dass sie bei illegalen Aktivitäten von der delinquenten Gruppe, zu der sie gehören, unterstützt werden (vgl. Shaw/McKay 1969: 183). Viele Jugendliche beenden ihre delinquenten Aktivitäten im Erwachsenenalter, manche führen allerdings ihre kriminelle Karriere fort.

Zusammengefasst kann man Shaws und McKays Theorie sozialer Desorganisation folgendermaßen wiedergeben: Bestimmte städtische Wohnumgebungen - die Transitional Zones - sind aufgrund diverser Faktoren, wie Armut, ethnischer Heterogenität und hoher Mobilität besonders stark sozial desorganisiert. Diese soziale Desorganisation bewirkt schließlich einen Zusammenbruch sozialer Kontrolle, der dazu führt, dass die Transitional Zones anfällig für Kriminalität werden; es entstehen ‚ delinquency areas’. In diesen werden kriminelle Techniken und delinquente Werte schließlich im Zuge der kulturellen Transmission von einer Generation zur nächsten übertragen. Diese Entwicklung lässt sich graphisch so darstellen:

Abbildung 3: Theorie der sozialen Desorganisation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Siegel 2006: 185.

Shaw beschäftigte sich auch mit den Implikationen der Theorie für die Sozialpolitik. Er führte von 1932 bis 1957 Chicago Area Projects in verschiedenen Wohnumgebungen der Unterschicht mit hohen Delinquenzraten durch. Ziel dieser Projekte war es, sozialer Desorganisation mit sozialer Organisation und informeller sozialer Kontrolle zu begegnen. Es entstanden lokale Organisationen und Clubs, die den Jugendlichen der delinquency areas zeitfüllende Freizeitaktivitäten anboten, um ihnen Alternativen zum delinquenten Verhalten aufzuzeigen. Delinquente Gangs wurden identifiziert und Sozialarbeiter versuchten Kontakt mit ihnen aufzunehmen, um mit der Vermittlung nicht-delinquenter Aktivitäten präventiv gegen die frühe Wendung zur Delinquenz vorzugehen. Ein Großteil der Präventionsarbeit sollte dabei von Bewohnern der Delinquenzgebiete selbst getätigt werden, um ihr Selbstvertrauen zu stärken und sie zur Teilnahme am Gemeinschaftsleben zu ermutigen. Die Jugenddelinquenz in den belasteten Gebieten wurde mithilfe dieses Präventivprogramms mit großer Wahrscheinlichkeit stark vermindert und auch wenn nicht präzise gemessen wurde, in welchem Umfang (vgl. Schneider 1987: 426), so besaß es doch auf jeden Fall Vorbildcharakter für nachfolgende Maßnahmen zur Kriminalprävention- und intervention.

2.1.3. Legitimation und Bedeutung der klassischen Theorien sozialer Desorganisation

Während sich Parks und Burgess Modell konzentrischer Zonen in neueren Untersuchungen nicht bestätigen ließ, bleibt das Konzept der sozialen Desorganisation, wie Shaw und McKay es formuliert hatten, innerhalb der Kriminologie seit mehr als 75 Jahren prominent und hat einen wertvollen Beitrag zum heutigen Verständnis über die Ursachen kriminellen Verhaltens geleistet. Mit der Einführung sozialräumlicher Bedingungen in die Studie der Kriminalität haben die Autoren den Weg für eine ganze Generation von Kriminologen bereitet, ihren Fokus auf die sozialen Einflüsse kriminellen und delinquenten Verhaltens zu richten. Mit ihrem Befund, dass Kriminalität das Ergebnis unzureichender sozialräumlicher Bedingungen in bestimmten Wohnumgebungen ist, zeigten Shaw und McKay auf, dass Kriminelle nicht biologisch unterlegen, intellektuell beeinträchtigt oder psychisch gestört sind, sondern dass sowohl Kriminalität bei Erwachsenen als auch delinquentes Verhalten in Jugendgangs als eine normale Antwort auf die nachteiligen Bedingungen in den Transitional Zones gesehen werden kann.[24] Doch gerade dieser zentrale Aspekt der Theorie sozialer Desorganisation wurde immer wieder in Frage gestellt. Auch wenn die hohen Kriminalitätsraten der Transitional Zones valide sind[25], muss man trotzdem betonen, dass eine signifikante Mehrheit der Bewohner dieser Gegenden keine Straftäter sind, sondern dass die Mehrzahl aller Straftaten von einer relativ kleinen Anzahl von Tätern begangen wird. Wenn die sozialräumlichen Bedingungen allerdings allein die Ursache für Kriminalität wären, ließe es sich kaum erklären, dass die enorme Überzahl der Bewohner der Transitional Zones ehrlich und gesetzestreu bleibt. Es ist außerdem fraglich, ob eine abgeschlossene Unterschichtskultur überhaupt tatsächlich existiert. Diverse Studien haben gezeigt, dass Jugendliche der Unterschicht Mittelschichtskonzepte wie Respekt vor dem Gesetz, finanzielle Selbständigkeit und eine gute Erziehung ebenso wertschätzen wie Jugendliche der Mittelschicht. In US-amerikanischen Studien zeigte sich, dass gerade die Personen mit dem niedrigsten Einkommen härtere Drogengesetze, stärkeren Polizeischutz und eine bessere Strafverfolgung befürworteten; diese Meinungen ähneln eher den klassischen Mittelschicht werten, als dass sie repräsentativ für eine unabhängige deviante Kultur sind (vgl. Siegel 2006: 186).

Aber nicht nur gegen die zentralen Ideen von Shaw und McKay, sondern auch gegen die Validität ihrer Befunde sind Einwände erhoben worden. Die wichtigste Kritik richtet sich hierbei gegen die Verwendung aggregierter polizeistatistischer Daten, die zwei bedeutende Probleme in sich bergen. Das erste Problem besteht in der Gefahr eines ökologischen Fehlschlusses[26], wenn man wie Shaw und McKay versucht, auf Basis aggregierter Daten Rückschlüsse auf die individuelle Ebene zu ziehen. Um diesen ökologischen Fehlschluss zu umgehen, müsste man anstatt zu konstatieren „Socially disorganized neighborhoods produce delinquent behavior among children in those neighboorboods“ die These vielmehr folgendermaßen formulieren: „Socially dizorganized neighboorhoods produce problems associated with the concentration of low-income families” (Thabit o.J.: 6). Das zweite Problem bei der Verwendung offizieller Polizeistatistiken liegt in der mangelnden Einbeziehung des tatsächlichen Kriminalitätsaufkommens im Dunkelfeld (vgl. Eifler 2002: 26). Durch die ausschließliche Nutzung polizeilicher Aufzeichnungen lässt sich nicht genau sagen, ob tatsächlich Differenzen hinsichtlich der Kriminalitätsraten verschiedener Gegenden bestehen oder ob die hohe Kriminalitätsrate einer bestimmten Wohnumgebung nicht vielmehr das Ergebnis einer höheren polizeilichen Überwachung im Sinne des Labeling approach -Ansatzes ist. Unzählige Studien haben belegt, dass die Polizei bei der Verhaftung von Personen weitgehend nach ihrem Gutdünken handelt und dass sozialer Status ein Faktor ist, der die Entscheidungen der Polizei beeinflusst. Es ist wahrscheinlich, dass Mitglieder der Mittelschicht viele Straftaten begehen, die niemals in einer offiziellen Statistik auftauchen, während Mitglieder der Unterschicht mit viel größerer Wahrscheinlichkeit verhaftet und verurteilt werden. Deswegen könnte die Beziehung zwischen sozialer Umgebung und Kriminalitätsrate vielmehr das Verhalten der Polizei als deviantes Verhalten widerspiegeln (vgl. Siegel 2006: 186).

[...]


[1] So beschrieb der französische Romancier François Maspero in dem Roman Roissy-Express bereits Anfang der 1990er Jahre die Situation der Jugendlichen in der banlieue.

[2] Die Jugendlichen flohen, um sich einer Ausweiskontrolle durch die Polizei zu entziehen, deren Aufmerksamkeit allerdings einer anderen Gruppe galt

[3] Es handelte sich bei den gewalttätigen Jugendlichen fast ausschließlich um männliche Jugendliche. Diese Tatsache macht eine geschlechtsspezifische Analyse notwendig, die an dieser Stelle aber nicht vorgenommen werden kann. Erste Versuche einer solchen Analyse finden sich im Frauenmagazin EMMA, Heft Jan./Feb. 2006, p. 6-7, 22-31.

[4] Mit der Ausrufung des Notstandes reaktivierte die französische Regierung ein Gesetz aus der Zeit des Algerienkrieges von 1955 und verhängte somit den Ausnahmezustand. Dadurch konnten Ausgangsperren sowie weitere Maßnahmen, unter anderem Versammlungsverbote, erleichterte Durchsuchungen und Kontrollen durch die Polizei angeordnet werden.

[5] Das Polygamieverbot wurde gefordert, weil bei der breiten Suche nach den Ursachen der Unruhen auch die eher bedenkliche These aufgestellt wurde, dass Polygamie unter schwarzafrikanischen Einwanderern und eine viel zu nachsichtige Praxis bei der Familienzusammenführung in den vergangenen zehn Jahren den Hauptfaktor bei der Auslösung der Gewaltwelle gebildet hätten. Sowohl der Arbeitsminister Larcher als auch der Fraktionschef der Regierungspartei Accoyer, hatten sich in solcher Weise geäußert und konstatiert, dass die Mehrehe unter Immigranten einer der Gründe für das Entstehen rassistischer Vorbehalte gegenüber der Minderheit sei, die letztlich zur Abweisung auf dem Arbeitsmarkt führten (vgl. NZZ 2005). Exkurs : Polygamie ist in Frankreich zwar gesetzlich verboten und kann mit Gefängnis bestraft werden, dennoch leben dort Schätzungen zufolge 30.000 Familien, in denen die Mehrehe praktiziert wird. Sie werden von den Behörden toleriert. Die meisten von ihnen stammen aus Afrika. Das islamische Recht erlaubt es männlichen Moslems, unter bestimmten Umständen bis zu vier Ehefrauen zu haben.

[6] Diese Erklärung stammt von Michael Wievorka, dem Direktor der französischen Hochschule für Sozialwissenschaften. Dieser konstatiert weiterhin, dass Wut und Zorn sich stets aufs Neue nähren, weil „diese Viertel immer mehr ghettoisiert werden und die soziale Ausgrenzung zunimmt“.

[7] Die Zahl der Erklärungsansätze ist so unüberschaubar, dass hier nur die in den Medien am häufigsten zitierten genannt werden.

[8] Außerdem können in Querschnittsstudien Variablen wie die Bewohnermobilität (siehe 2.1.2. und 2.2.2.) nicht gemessen werden

[9] Bei der Mehrebenenanalyse werden unabhängige Variablen auf der Individual- und Aggregatebene gemeinsam in Regressionsgleichungen aufgenommen, damit ihr jeweiliger Einfluss direkt geschätzt werden kann (Oberwittler 1999: 416). Vgl. hierzu auch: Engel, U. (1998): Einführung in die Mehrebenenanalyse: Grundlagen, Auswertungsverfahren und praktische Beispiele. Opladen.

[10] Siehe zu neueren amerikanischen Studien, die Kontexteffekte der Quartiere auf Jugenddelinqunez zeigen u.a.: Simcha-Fagan und Schwartz (1986): Neighborhood Context and Delinqueny: an assessment of contextual effects. In: Criminology, Nr. 24 . Peeples, F.; Loeber, R. (1994): Do Individual Factors and Neighborhood Contexts Explain Ethnic Differences in Juvenile Delinquency? In: Journal of Quantitative Criminology, Nr.10. 141-157. Jüngere deutsche Studien hierzu: Friedrichs (1998) Esser: Sozialökologische Stadtforschung und Mehr-Ebenen-Analyse. In: Soziologische Stadtforschung (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Soziapsychologie/Sonderheft 29), hrsg. v. Friedrichs, J.. Opladen. 35-55. Oberwittler, D. (2003): Stadtstruktur, Freundeskreise und Delinquenz. Eine Mehrebenenanalyse zu sozialökologischen Kontexteffekten auf schwere Jugenddelinquenz. In: Oberwittler, D./Karstedt, S. (Hg.) Soziologie der Kriminalität, Sonderheft 43 der Kölner Zeitschrift fü für Soziologie und Sozialpsychologie. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. S.135-170.

[11] Polizeigewalt schließt in diesem Fall sowohl Gewalt gegen die Polizei als auch von der Polizei ausgehende Gewalt mit ein.

[12] Siehe hierzu André-Michel Guerrys „Essai sur la statistique morale de la France“ und Adolphe Quetelets „Physique sociale“.

[13] Siehe hierzu ausführlicher Eifler 2002: 20f.

[14] Ein Überblick über das Wachstum der Stadt Chicago findet sich auch bei Shaw und McKay 1942: 22f.

[15] So hatten beispielsweise in den 1920er Jahren englische Siedler eine neue Kakteenart mit nach Australien gebracht, die überall zu wachsen begann und ein erhebliches Maß der heimischen Vegetation zerstörte

[16] Die „Neuen“ können eine beispielsweise Gruppe von Personen sein (polnische Immigranten ersetzen irische Immigranten).

[17] Park definierte Sukzession folgendermaßen: „[…] the main fact of expansion (is), namely, the tendency of each inner zone to extend its area by the invasion of the next outer zone. This aspect may be called succession, a process which has beeen studied in detail in plant ecology” (Park, 1925: 50).

[18] Die Originalfassung der Grafik findet sich unter dem Titel „The Growth of the City“ bei Park, 1925: 51.

[19] Dabei hat in Europa im Unterschied zu den USA der öffentlich geförderte Wohnungsbau eine besondere Bedeutung

[20] Zur Ergänzung und zum besseren Verständnis ihrer quantitativen Daten führten Shaw und McKay auch biographische Interviews, sogenannte oral histories, durch. Sie dienten zum einen dazu, die unmittelbare Umgebung des Delinquenten zu dokumentieren (Privatleben, Freunde, Schule, Zusammenstöße mit der Polizei) und zum anderen dazu, die Entwicklung delinquenter Karrieren aufzuzeigen. Sie sollten unterstreichen, dass die Delinquenten im Wesentlichen normale Kinder und Jugendliche waren, deren illegale Aktivitäten in Beziehung zu der Umwelt standen, in der sie lebten. Shaw verfasste drei Arbeiten, die auf der qualitativen Methode der oral histories basierten: The Jack Roller (1930), Brothers in Crime (1952) und The Natural History of a Delinquent Career (1931).

[21] Eine Ausnahme bildete hier die ethnische Gruppe der Asiaten, die nicht in dieses Muster passte.

[22] Dass diese Isolation der Bewohner zu einem Mangel an sozialer Kontrolle und letztlich zu Delinquenz führt, konstatieren auch Wilson und Kelling in ihrer Broken Windows-Theorie. Vergleiche hierzu Kapitel 2.2.3.

[23] Es muss an dieser Stelle aber ausdrücklich betont werden, dass Shaw und McKay Armut nicht als direkte Quelle von Kriminalität sehen: „Poverty by itself is never a cause of crime; it only facilitates crime by deprivation of adequate resources to deal with crime“ (Shaw/McKay, 1969).

[24] Dieser Befund spiegelt Emile Durkheims Konzept wieder, dass Kriminalität normal und nützlich sein kann.

[25] Bzw. sein sollten, denn auch gegen die Validität von Shaws und McKays Befunden sind Einwände erhoben worden, die im späteren Verlauf dieses Kapitel noch ausführlich dargelegt werden.

[26] Siehe zur Problematik des ökologischen Fehlschlusses ausführlich Robinsons Aufsatz „Ecological Correlation and the Behavior of Individuals“ aus dem Jahr 1950.

Ende der Leseprobe aus 106 Seiten

Details

Titel
Der Einfluß sozialökologischer Kontexteffekte auf jugendliche Gewaltdelinquenz
Untertitel
Am Beispiel der Pariser Banlieue
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
106
Katalognummer
V62293
ISBN (eBook)
9783638555593
ISBN (Buch)
9783638715782
Dateigröße
1492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einfluß, Kontexteffekte, Gewaltdelinquenz, Beispiel, Pariser, Banlieue
Arbeit zitieren
Mirja Buschmann (Autor), 2006, Der Einfluß sozialökologischer Kontexteffekte auf jugendliche Gewaltdelinquenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62293

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