Kritik und persönliche Motive in Heines Vitzliputzli


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. „Vitzliputzli“ im Kontext
2.2. Äußerliche Merkmale des Gedichts
2.3. Exotik – Warum wählt Heine die Fremde?
2.4. Machtkritik und Ambivalenz
2.5. Religionskritik und göttliche Anklänge
2.6. Exil und Rache – Das pessimistische Geschichtsbild Heines

3. Schlussfolgerungen

1. Einleitung

„Lass die heil’gen Parabolen,

Lass die frommen Hypothesen –

Suche die verdammten Fragen

Ohne Umschweif uns zu lösen.“[1]

Ebenso direkt und ohne Rücksicht auf geltende Konventionen, wie Heine hier in Zum Lazarus die Antworten auf die für ihn wichtigen Fragen des Lebens einfordert, stellt er diese auch in seinen Werken. Und er lässt keinen Zweifel daran, welche Fragen er für wichtig erachtet und worauf er das Hauptaugenmerk seiner Kritik richtet: Die Themen Macht und Religion.[2] Die kritische Auseinandersetzung mit diesen Bereichen hat sich auch durch seine Krankheit nicht vermindert, im Gegenteil. Je desillusionierter er die geschichtliche Entwicklung betrachtet[3], desto schärfer wird seine Kritik. Spielen in seiner frühen Schaffensphase noch Liebesgedichte eine Rolle, beschäftigt sich die Lyrik seines Spätwerks fast ausschließlich mit der Abrechnung mit Kirche und Staat. Und so verwundert es kaum, dass auch das Gedicht Vitzliputzli, das den Niedergang der aztekischen Kultur bzw. die Unterdrückung und Ausbeutung durch die Spanier beschreibt, eben diese Fragen in den Mittelpunkt stellt.

Was sind also die genaueren persönlichen Motive Heines für die Wahl dieses Stoffes? Wie lässt sich die Behandlung der aztekischen Geschichte in Beziehung bringen mit aktueller Kritik an Staat und Kirche? Wie wirkt sich seine Krankheit, seine Lage in der Matratzengruft auf sein Werk aus und beeinflusst die Wahrnehmung Heines? Dies sind Fragen, die zum Verständnis des Gedichtes Vitzliputzli notwendig sind, denn ohne diesen Rahmen kann man das Gedicht zwar in seiner äußeren Form und dem vordergründigen Inhalt, nicht aber in seiner Gesamtheit, seiner Intention und seinen versteckten Aussagen betrachten.

2. Hauptteil

2.1. „Vitzliputzli“ im Kontext

Das Gedicht Vitzliputzli bildet den Abschluss der Historien und beendet somit den ersten Teil des Romanzero, des letzten vollständigen Gedichtbandes Heinrich Heines. Entstanden in der Hauptentstehungszeit des Gedichtbandes, nämlich in den Jahren nach Heines Zusammenbruch[4], ist es auch ein eindrucksvolles Dokument der Veränderungen, die Heine zu dieser Zeit erlebt und durchlebt.

Politisch muss er das Scheitern der Revolution erleben und "die Enttäuschung über die politische Entwicklung im Land seines deutschen Leserpublikums nach 1848"[5] durchleben. Spätestens hier vollzieht sich die vollständige Abkehr vom Hegel’schen Geschichtsverständnis einer immer im positiven fortschreitenden Welthistorie. Auch im Vitzliputzli möchte man verzweifeln angesichts der Sinnlosigkeit der Gewalt ohne Hoffnung auf Rettung und in der Gewissheit des Untergangs.

Persönlich muss er seinen gesundheitlichen Zusammenbruch erleben und somit auch den seines Weltbildes durchleben. Für Saint-Simonismus und Pantheismus ist in der stickigen Enge der Matzratzengruft kein Platz und so findet sich schon im Präludium des Vitzliputzli ein direkter Hinweis auf Heines Krankheit.[6] Denn: "Die ganze Grundlage seines geistigen Wesens – der Sensualismus, die Diesseitigkeit, die Hervorhebung des Erotischen und der Leibesfreuden - stellte sich notgedrungen in ein fragwürdiges Licht."[7]

Die für das Werk des Düsseldorfer Juden typische Ironie erfährt in dieser Zeit eine grundlegende Veränderung. Auch wenn Wolfgang Preisendanz Heines Ironie als "Kapitulation vor der Wirklichkeit"[8] bezeichnet, steht sie im Heine’schen Frühwerk doch im Kontext eines grundlegenden Glaubens an positive Veränderung. Anders ist seine Einschätzung im Vitzliputzli: Der Glanz der „Fluthenfrische“[9] weicht einer verschimmelten, versteinerten, einer todkranken Welt. Und hier nähert sich die Definition von Preisendanz wieder der Einschätzung Heines, dass Ironie durchaus an Hoffnung auf Verbesserung durch dieselbe geknüpft ist. Denn Heines Ironie erfährt gleichzeitig mit der Revolution von 1848 und mit seiner Gesundheit einen totalen Zusammenbruch. Heine ist enttäuscht vom Lauf der Dinge. Und deshalb, so Preisendanz diesmal treffender, tritt „an die Stelle der Ironie […] ein alles andere als versöhnlicher, apologetischer, affirmativer, […] ein makabrer Humor."[10] Also: Die Groteske. Sie verdrängt durch die harte Realität in der Matzratzengruft weitgehend die Ironie, die dem körperlich gesunden Saint-Simonisten Heine so wichtig war und für die er bis heute berühmt ist[11], obgleich er durch diese Entwicklung nichts von seiner, von Nietzsche attestierten, „göttliche[n] Bosheit“[12] einbüßt. In diesem Zusammenhang trifft es Christian Liedtke auf den Punkt, wenn er Vitzliputzli als „Inbegriff des Grotesken, [als] Grenzphänomen zwischen Komik und Schrecken"[13] charakterisiert

2.2. Äußerliche Merkmale des Gedichts

Wichtig für die Einordnung eines Gedichtes ist immer die äußere Form. Doch soll hier aus Gründen der Übersichtlichkeit und auch um das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren keine komplette Charakterisierung dieses Werk vorgenommen werden. Lediglich die für das Verständnis des „Vitzliputzli“ wichtigen, herausstehenden Merkmale seien also erwähnt.

Am hervorstechendsten ist wohl der prosanahe Stil des Gedichts, der zur Zeit seiner Erstveröffentlichung auch für manchen Anlass zur Kritik war. Dieser ist wohl bedingt durch die Intention Heines, eine Geschichte zu erzählen, deren Grausamkeit und groteske Handlung ein Reimschema kaum entsprechen könnte.

Sowohl das Präludium, in dem Heine in der ersten Person in seine Geschichte einführt, als auch der dreigliedrige Hauptteil des Gedichts sind geprägt von vierhebigen, reimlosen Versen mit freier Füllung und ohne Auftakt, die man bei Heine nicht selten findet. Dies verstärkt hier den Eindruck einer Prosaerzählung. Ausgeprägt ist dies vor allem bei zentralen, spannenden Stellen wie der Schlacht zwischen Spaniern und Azteken.

Auch die künstlerische Gewissenhaftigkeit ist im Vitzliputzli, genau wie im gesamten Romanzero auffällig.[14] Die Intention und das Gesamtbild werden von Heine oft höher bewertet als einzelne ästhetische Momente. Als letztes Element, das Eingang in diese kurze formale Einordnung finden soll, ist die außerordentliche Vielschichtigkeit zu nennen, die im Vitzliputzli vorherrscht. Mehrere Ebenen verweben sich, wechseln sich ab und ergeben erst in der Gesamtbetrachtung ein schlüssiges Bild. Dieses Stilmittel findet seine inhaltliche Entsprechung in der Ambivalenz der beiden Parteien.

2.3. Exotik – Warum wählt Heine die Fremde?

Im gesamten Gedichtband des Romanzero fällt eines besonders auf: Die Wahl der Motive. Bunt zusammengewürfelt sind sie zwar, eine sowohl zeitlich als auch räumlich durchmischte Sammlung, auf den ersten Blick ohne Struktur. Und doch fällt bei genauerer Betrachtung ihre Gemeinsamkeit ins Auge: Alle Gedichte handeln von mehr oder weniger exotischen Begebenheiten, fremden Kulturen und fernen Zeiten.

Ein Grund für die Wahl exotischer Motive ist schnell gefunden: Heines Siechtum in der Matratzengruft. Hier beschäftigt er sich eingehend mit der Kultur der Azteken[15] und legt so die Grundlage für das epische Gedicht über den Krieg des Cortez. Mit der nahe liegenden Strategie der Auseinandersetzung mit exotischen Themen versucht er, der stickigen Enge seines Gefängnisses zu entkommen. Denn: „Leiden und Dichtung sind in der Matratzengruft eine unauflösliche Verbindung wechselseitiger Durchdringung eingegangen."[16] Und so findet sich auch im Vitzliputzli eine Reihe von Darstellungen, die im Gegensatz zu Heines erlebter Realität stehen.

Gerade die Naturbeschreibungen im Präludium sind hier exemplarisch. Von der neuen Welt der ersten Strophe bis zum Dialog mit dem Affen beschreibt Heine in erster Person Natureindrücke, die ihm schon lange verwehrt bleiben. Auch die Fremde der aztekischen Kultur reizt Heines Phantasie bis zum Höhepunkt des Gedichts, dem Monolog, in dem „Mexikos blutrünst’ger Kriegsgott“[17] Rache an den Spaniern schwört. Trotzdem muss diese Beschäftigung mit exotischen Themen keine Flucht sein. Vielmehr ist es eine Bewältigungsstrategie, durch die Heine die Kraft findet, sich mit seiner Krankheit und dem Tod auseinanderzusetzen.[18] Für diese These spricht auch, dass er sich kaum negativ über seinen nahenden Tod äußert. Vielmehr sehnt er ihn im Nachwort zum Romanzero geradezu herbei, er sieht sich in einem „Grab ohne Ruhe“[19] und mahnt seine Leser und wohl auch sich selbst zur Geduld, die sein langsames Sterben erforderlich macht.

[...]


[1] DHA/1, S. 198.

[2] Vgl. DHA/2, S. 705ff.

[3] Auf Heines Geschichtsbild wird später noch eingegangen.

[4] Vgl. DHA/2, S.16.

[5] Jäger 2000, S. 50.

[6] Er selber glaubte, Syphilis zu haben, dies ist jedoch heute umstritten. Vgl. Höhn 1987, S. 114.

[7] Sammons 1991, S. 119.

[8] Preisendanz 1983, S. 113.

[9] DHA/1, S. 56.

[10] Preisendanz 1983, S.120.

[11] Vgl. Liedtke 2004.

[12] Nietzsche 2005, 39.

[13] Liedtke 2004, S. 21.

[14] Vgl. Rüdiger, S. 307.

[15] Vgl. DHA/2, S.682f.

[16] Höhn 1997, S. 136.

[17] DHA/1, S. 67.

[18] Vgl. Böhn 1999, S. 368f.

[19] Heine 1992/1, S. 177.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Kritik und persönliche Motive in Heines Vitzliputzli
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Die Lyrik Heinrich Heines
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V62321
ISBN (eBook)
9783638555852
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritik, Motive, Heines, Vitzliputzli, Lyrik, Heinrich, Heines
Arbeit zitieren
Christoph Aschenbrenner (Autor), 2006, Kritik und persönliche Motive in Heines Vitzliputzli, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62321

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