Der Fall "Rütli Schule". Sozialstrukturelle Erklärungsansätze für die Entstehung von Jugendgewalt


Hausarbeit, 2006
9 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Der Fall „Rütli Schule“

Sozialstrukturelle Erklärungsansätze für die Entstehung von Jugendgewalt

Die Problematik der Rütli-Schule

Im Frühjahr 2003 schrieb das Lehrerkollegium der Rütli Hauptschule in Berlin-Neukölln einen Brief an die Senatsverwaltung von Berlin.1 In diesem Hilferuf schildern die Lehrer ihre Probleme, die sie mit ihrer Schülerschaft erleben.

Sie beklagen dabei einen hohen Anteil von Schülern nicht deutscher Herkunft von 83,2 % und verweisen dabei vor allem auf Schüler mit arabisch- und türkischem Migrationshintergrund, während gleichzeitig Mitarbeiter aus diesen Kulturkreise fehlen. Schließlich beschreiben sie die Atmosphäre einiger Klassen dieser Schule als aggressiv, respektlos, menschenverachtend und ignorant, begründen dies mit Beispielen und schildern ihre erfolglosen pädagogischen Bemühungen, diesen Zustand zu verändern, z.B. indem Regeln nicht eingehalten werden, Eltern in der Kooperation mit Lehrern versagen.

Sie beschreiben gleichzeitig eine Resignation der Kollegen vor diesem Problem und begründen dies mit Krankheitsausfällen und personellen Problemen. Sie fordern die Abschaffung der Hauptschule und den Einsatz von Fachkräften für Deeskalation und Krisenintervention.

Es zeigt sich hier die Problematik, dass Jugendgewalt eine große Rolle im Leben dieser Jugendlichen im Bezirk Neukölln von Berlin spielt, die mit Respektlosigkeit, Aggressivität und Ignoranz einhergeht

Die Frage, die daher nachzugehen ist, besteht darin, wie diese Jugendgewalt in diesem Bezirk zu erklären ist und inwiefern diese Erklärungsansätze dabei helfen, die Jugendgewalt in diesen Bezirken zu reduzieren.

Sozialstrukurelle Erklärungsansätze (vgl. F. Dubet, 2002)

François Dubet beschreibt in seinem Kapitel „Jugendgewalt und Stadt“, dass Gewalt vielfältig, perspektivenabhängig, aber trotzdem stets moralisch verurteilt wird und immer ein Bruch einer sozialen Ordnung darstellt, worauf er unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema Jugendgewalt zunächst vorstellt, wobei die folgenden dabei sehr interessant sind:

1. Gewalt steht im Zentrum der menschlichen Natur. Die Begierden, die der Mensch nicht selbst beschränken kann, sind daher von der Gesellschaft zu kontrollieren, um ihn zu sozialisieren, in eine Gesellschaft zu integrieren. Das Mittel der Sozialisation ist in diesem Zusammenhang die Erziehung des Menschen nach den moralischen Normen und Werten einer Gesellschaft. Gewalt entsteht daher, wenn Individuen Sozialisation nicht erfahren, wenn sie daher nicht gesellschaftlich integriert sind,. Dubet beruft sich dabei auf Shaw/Mc Kay (1940) und Graham/Gurr (1979). (vgl. Dubet, S. 1172 ff)
2. Schließlich führt Dubet eine gerechte Gewalt an, insofern sie eine „Antwort auf erlittene Gewalt“ darstellt, eine Antwort auf Unterdrückung, Verleugnung und Missachtung eines Konflikts der Stigmatisierten in einer Gesellschaft und bezieht sich dabei u.a. auf Moore (1978). (vgl. Dubet, S. 1175 ff)

Es zeigt sich also, dass Gewalt im Spannungsfeld zwischen Integration und Sozialisation steht, vor allem dann entsteht, wenn Menschen eben nicht sozialisiert, nicht integriert wird, wenn unterdrückt und ausgeschlossen wird.

Dubet führt daraufhin Dubet fort, indem er versucht, diese Theorien mit dem Leben der Jugendlichen in französischen Vorstädten im Zusammenhang zu betrachten.

Traditionelle Gesellschaften waren bisher in der Lage, Abweichungen im Jugendalter zu tolerieren und Orte und Momente zu schaffen, „ wo eben ( … ) Normen unbeschwert ü berschritten werden konnten. “ (vgl. Dubet, S. 1177) Diese Abweichungen, setzten „ ein kulturelles und soziales Einvernehmen, dichte soziale Netze und mehrere, abgestufte Interventionsm ö gichkeiten “ (vgl. Dubet, S. 1178) voraus. Diese informelle soziale Kontrolle, die zur Reduzierung von nicht mehr zu tolerierender Gewalt beitragen kann, und daher Normen und Grenzen aufzeigt, daher Sozialisation anbietet, fehlt heute, sagt Dubet und bezeichnet die Auflösung dieser sozialen Netze nach Shaw/McKay (1940) als „ soziale Desorganisation “. (vgl. Dubet, S. 1178)

Die Gesellschaft reagiert heute stattdessen auf Jugendgewalt in der Form von Sozialarbeitern, Hausarbeitern und Polizisten übermäßig streng. Vorstadtsiedlungen führen zu Massenkulturen, in denen Zuständigkeiten und Interventionen gegen Normüberschreitungen nicht mehr klar sind. Die Gemeinschaft kontrolliert ihre Jugendlichen nicht mehr, gibt keine Normen vor, bietet keine Möglichkeiten der Sozialisation. Es fühlt sich in der Stadt niemand mehr zuständig, wenn Grenzen überschritten werden. (vgl. Dubet, S. 1178)

Gewalt entsteht vor allem durch die Verweigerung, sich beherrschen und sozial ausgrenzen zu lassen. Ausgrenzung führt schließlich zu Wut und Aufständen, ihre Auslöser liegen in Vorfällen mit der Polizei, und sie führt zu Zerstörung des Viertels, in dem die Jugendlichen leben. Die Gewalt in der Vorstadt durch Jugendliche ist aber keine Revolte im klassischen Sinne, sondern lediglich „ Zorn ohne Objekt, ohne Prinzip und ohne Ziel. “ (vgl. Dubet, S. 1180)

Dubet versucht daraufhin ein Griff in die Geschichte: Im 19. Jahrhundert kam es zu Aufständen unter Arbeitern in Frankreich, mit den Dubet die Jugendgewalt von heute in französischen Vorstädten vergleicht, die ihre Wut in „ kollektive, organisierte Aktionsformen “ (vgl. Dubet, S. 1180), d.h. in kooperativen Revolten, hervorbrachte. Dagegen existieren heute in den Gewalthandlungen unter den Jugendlichen kein Klassenbewusstsein, keine Solidarität und keine Organisation mehr. Die Wut der Jugendlichen ist deshalb heute ziel- und planlos.

Die Gemeinsamkeit der Gewalt der Jugendlichen und der Arbeiter im 19. Jahrhundert ist daher zwar über das Gefühl der Wut über Ausgeschlossenheit zu erklären. Der größte Unterschied in diesem Vergleich liegt wohl aber darin, dass die Arbeiter ihre Ausgrenzung durch Ausbeutung befürchteten, aber eigentlich sich selbst als „ wesentliche Mitglieder der Gesellschaft wahrnahmen “ (vgl. Dubet, S. 1180), während die Jugendlichen der Vorstädte sich bereits als ausgeschlossen betrachten. Dubet meint: „ Sie weisen sich keinen Platz in der Gesellschaft zu. “ (vgl. Dubet, S. 1180).

Zwangsläufig begreifen sich daher delinquente Jugendliche eher als Teil einer zu zu beobachteten Subkultur im 21. Jahrhundert. Dubet betont: „ Die Subkultur der jugendlichen Vorstadtbewohner ist nicht exotisch, marginal oder traditionell, sie entsteht in Form der Anpassung an die Zw ä nge der relativen Armut und des wirtschaftlichen Ausschlusses. “ (vgl. Dubet, S. 1181). Er erklärt damit Gewalt als Teil dieser Subkultur, die ihren Widerstand gegen die Gesellschaft ausdrückt. Kulturelle Identität, d.h. Normen und Werte der Migranten werden nicht anerkannt, verwandeln sich in stolzes Bewusstsein, in Subkulturen. Gewalt stellt daher eine Antwort auf Rassismus, Armut und fehlender Integration dar. Pädagogische Programme, z.B. Freizeitzentren, verstärken die Ausgrenzung, da sie keinen Beitrag zu Integration leisten, z.B. keine Arbeitsplätze schaffen.

Dies lässt die daraus resultierende Jugendgewalt zum Thema der Sozialpolitik werden, wirft Fragen an die Integrationspoltik auf.

Gewalt ist ein Ausdruck der Verteidigung des Viertels, in dem die Jugendlichen wohnen und mit dem sie sich identifizieren. So bietet diese Verteidigung eine gefühlte Sicherheit und Integration im Viertel. (vgl. Dubet, S. 1183 ff)

Gleichzeitig bietet das Viertel einen geschützten Raum für abweichende Handlungsmöglichkeiten, aufgrund der Verschwiegenheit und der Ängstlichkeit der Anwohner, die sich von der Polizei nicht mehr als geschützt betrachtet. Somit beschreibt Dubet solche geschützten Territorien als Ghettos. (vgl. Dubet, S. 1184)

Verhaltensweisen des Stadtviertels werden schließlich, so Dubet, in die Schule integriert, wodurch Schule in ihren Zielen, Erziehung und Sozialisation, destabilisiert wird. (vgl. Dubet, S. 1188 ff)

Stattdessen sind Schüler ein Teil einer Jugendsubkultur, die von den Lehrern, von Schule überhaupt, weit entfernt ist. So existiert eine Kluft zwischen Lehrern der Mittelschicht und den Schülern in ihren Subkulturen der Unterschicht. Die Schule hat sich für alle Schüler geöffnet, sowohl für die Mittel-, als auch für die Unterschicht, als auch für Kinder nicht deutscher Herkunft. Aufgrund der fehlenden Auseinandersetzung mit sozialen und kulturellen Problemen dieser Schichten, wie z.B. Familienkrisen, Rassismus und Arbeitslosigkeit und aufgrund der daraus resultierende Perspektivlosigkeit kommt es zu Verständnislosigkeit, zu Spannungen, zu Wut und daher zu Jugendgewalt. (vgl. Dubet, S. 1188)

Erklärungsansätze für die Problematik der Rütli-Schule

Die Rütli-Schule, die in der Presse im Frühjahr 2006 regelrecht zerrissen wurde, befindet sich im Reuten-Kiez des Bezirks Neukölln von Berlin. Dieser Bezirk beheimatet eine Reihe von Familien mit Migrationshintergrund und ist als „Problemviertel“ mit hoher Kriminalstatistik bekannt. Drogenkonsum, Diebstahl und Körperverletzung bestimmt den Ruf, aber auch das Klischee dieses Viertels. Es befinden sich eine Reihe von pädagogischen Freizeitangeboten für Jugendliche in diesem Viertel; Freizeitzentren, Abenteuerspielplätze sowie Spielplatzbetreuer auf regulären Spielplätzen. Somit entspricht der Reuten-Kiez, der Bezirk Neukölln überhaupt, den Stadteilen, über die Dubet in seinem Kapitel „ Jugendgewalt und Stadt “ schreibt. Es lässt sich also hier die theoretischen Erklärungsansätze Dubets, sowohl die soziale Desorganisation, als auch die Wut über das Fehlen von Integration und die damit verbundene Perspektivlosigkeit, auf Neukölln, speziell auf den Reuten-Kiez, anwenden.

So entspricht Neukölln einer französischen Vorstadtsiedlung, in dem Sinne, dass dort viele Kulturen wohnen, die unterschiedliche Normen und Werte vorweisen können. Neukölln gehört dazu den Stadtteilen, in denen Zuständigkeiten, Verantwortungen und Interventionen gegen Normüberschreitungen in der Gesellschaft nicht mehr klar sind. Es existieren pädagogische Freizeiteinrichtungen und sogar Nachbarschaftsheime, aber es fehlen, so scheint es, soziale informelle Netze in der Bevölkerung Neuköllns. Es existiert statt Nachbarschaft eher Anonymität in Neukölln, im Gegensatz zu den Dörfern der Arbeiterviertel, die Dubet beschreibt, in denen Gewalt sogar toleriert werden konnte, weil die Familien in der Nachbarschaft diese Gewalt in akzeptable Grenzen hielt. (vgl. Dubet, S. 1178). Die Gesellschaft hat sich gewandelt. So hört man, dass sogar Familien ihre Verantwortung für die Sozialisation ihrer Kinder in die Gesellschaft an die Schule abgeben, die Schule wiederum ihre Verantwortung an die Eltern. Wo liegt der Bezugspunkt der Jugendlichen, Sozialisation zu erfahren? Wer erzieht diese Jungendlichen? Der Bezugspunkt für diese Jugendlichen ist nicht die Gesellschaft, sondern die Peergroup mit ihren eigenen Regeln in dem Sozialraum Neukölln. Somit entstehen die bekannten „Regeln der Straße“, die keiner Kontrolle der Bevölkerung unterliegen. Diese Verantwortungslosigkeit der Gesellschaft und Familien, ihre Jugendlichen nicht mehr zu kontrollieren, das Fehlen dieser sozialen Netze, diese soziale Desorganisation, führt auf „den Straßen“ zu bedenklichen Moralvorstellungen bei Jugendlichen, die mit Normen der Gesellschaft, mit z.B. denen der Lehrer in der Schule, kollidieren. Somit kommt es zwangsläufig zu Konflikten, Spannungen und Gewalt.

Deutschland hat Sozialprobleme; Arbeitslosigkeit, Rassismus und Familienkrisen.

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Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Der Fall "Rütli Schule". Sozialstrukturelle Erklärungsansätze für die Entstehung von Jugendgewalt
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Jugendliche Gewalt
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
9
Katalognummer
V62325
ISBN (eBook)
9783638555890
ISBN (Buch)
9783656573517
Dateigröße
1351 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Rütli, Schule, Jugendgewalt, Jugendliche, Gewalt, Jugend
Arbeit zitieren
Udo Lihs (Autor), 2006, Der Fall "Rütli Schule". Sozialstrukturelle Erklärungsansätze für die Entstehung von Jugendgewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62325

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