Auf dem Weg von der Antike in das Mittelalter stellt die Auflösung des Weströmischen Reiches einen entscheidenden Einschnitt dar. Jede gängige Bezeichnung des Phänomens des Untergangs treffe jedoch nicht sein Wesen: es schwinge eine Konnotation und eine dazugehörige Untergangstheorie mit, so Alexander Demandt 2 . Deshalb spricht er vom „Fall Roms“ 3 . In der Forschung werden er - der Fall - und das Ende der Antike gleichgesetzt 4 , wobei das eine das andere bedingt.
Trotz scharfsinniger, origineller Thesen konnte bis jetzt keine universell gültige befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Epochenwechsel oder der Periodengrenze gegeben werden 5 , und dies ist wohl auch unmöglich. Die bisher gesetzten Epochenjahre weichen mitunter um 200 Jahre voneinander ab: Wolfgang Seyfarth fordert, die Forschung solle es aufgeben, nach einer Grenze zu suchen 6 .
Dennoch: auch wenn eine solche Grenze dem Geschichtsfluss Gewalt antut, da die natürliche Metamorphose abrupt abgebrochen werde 7 , so scheint eine Grenzziehung notwendig und faszinierend. Hierbei hätten die Historiker Jahrhunderte lang den Fehler begangen, die angelegten Epochen samt ihrer festgelegten Daten als selbstständige, unabhängige Einheit zu verstehen: es sei so nach Henri Pirenne ein schier unüberwindbarer Graben, eine Art no man’s land entstanden: die Spätantike 8 .
Pirenne versuchte, über diesen Graben eine Brücke zu schlagen. Er zeigte auf, dass das Altertum wesentlich später ende und das abendländische Mittelalter demzufolge später beginne als gemeinhin angenommen. In seinem posthum veröffentlichtem Mohammed und Karl der Große, 9 das Paul-Egon Hübinger als „tragenden Pfeiler (...) der Geschichtsschreibung“ 10 bezeichnet, geht er davon aus, dass die Völkerwanderung und der Einfall der Germanen keinen Bruch in der Einheit der Kultur des Mittelmeerraums darstellten. Der entscheidende Umbruch wird für ihn erst durch das Vordringen des Islam deutlich. Nach einem kurzen Abriss der wichtigsten gängigen Theorien bezüglich der Periodengrenze werden die Thesen Pirennes vorgestellt. Anschließend werden diese auf ihre Beweiskraft hin untersucht und Reaktionen auf sie dargestellt und problematisiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Theorien der Epochengrenze zwischen dem Altertum und dem abendländischem Mittelalter
3. Der Periodenwechsel nach Henri Pirenne
3.1 Die Thesen
3.2 Pirenne im Spiegel der Diskussion um den Epochenwechsel
4. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Ansätze zur Bestimmung der Epochengrenze zwischen Antike und Mittelalter, mit einem besonderen Fokus auf die kontroversen Thesen von Henri Pirenne, die das Ende der antiken Welt nicht in der germanischen Völkerwanderung, sondern im Vordringen des Islam verorten.
- Analyse gängiger Untergangstheorien des Römischen Reiches.
- Darstellung der Pirenne-These zur Bedeutung des Islam für den Epochenwechsel.
- Kritische Auseinandersetzung mit den Argumenten Pirennes durch zeitgenössische Historiker.
- Untersuchung der Rolle ökonomischer Faktoren wie Fernhandel und Geldwirtschaft.
- Diskussion über die Validität einer eigenständigen Epoche der Spätantike.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Thesen
„Ohne den Islam hätte das Reich der Franken zweifelsfrei niemals existiert und Karl d. Gr. wäre ohne Mohammed undenkbar.“ Unter diesem Leitsatz fasste Henri Pirenne seine neuartigen Thesen in Mohammed und Karl der Große zusammen. Pirenne verfuhr in zwei Schritten, um seine Meinung, der Islam habe die Antike beendet und das Mittelalter mit Karl dem Großen beginnen lassen, zu belegen: Zunächst ging er auf Westeuropa vor dem Auftreten des Islam ein. Hier zeigte er die Fortdauer der Mittelmeerkultur, der Wirtschaft und Gesellschaft und des geistigen Lebens im Westen nach dem Einbruch der Germanen mit der Völkerwanderung auf. Im zweiten Schritt ging er auf den Islam und seine Verbindung zu den Karolingern ein. Zunächst bespricht Pirenne die Ausbreitung des Islams im Mittelmeerraum, um dann den karolingischen Staatsstreich und den Wechsel in der Haltung des Papsttums darzustellen. Endlich zeigt er den Beginn des Mittelalters auf und zwar in sozioökonomischer, politischer und kultureller Hinsicht.
Die germanische Völkerwanderung hatte nach Pirenne weder die Einheit der vom Mittelmeer getragenen Kulturwelt zerstört noch das vernichtet, was an wesentlichen Elementen der römischen Kultur, wie sie im 5. Jahrhundert bestand, festzustellen war. Dies ist zusammengefasst seine erste These.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Kapitel führt in die Problematik der Periodisierung des Untergangs der Antike ein und stellt die gängige Forschungsdebatte sowie die Bedeutung von Henri Pirennes Ansatz vor.
2. Die Theorien der Epochengrenze zwischen dem Altertum und dem abendländischem Mittelalter: Hier werden die historischen Sichtweisen von der Renaissance bis zu den klassischen Datierungen (375, 476 etc.) und die Kritik von Alfred von Gutschmid dargelegt.
3. Der Periodenwechsel nach Henri Pirenne: Dieses Kapitel erläutert Pirennes Thesen zur Bedeutung des Islam und bietet eine detaillierte Übersicht der zeitgenössischen Kritik sowie der historiographischen Auseinandersetzung.
4. Schluss: Der abschließende Teil fasst die Debatte zusammen und bewertet den Vorschlag Wolfgang Seyfarths, die Spätantike als eigenständige Übergangszeit zu begreifen.
Schlüsselwörter
Pirenne-These, Antike, Mittelalter, Epochengrenze, Islam, Völkerwanderung, Weströmisches Reich, Untergangstheorie, Mittelmeerhandel, Karolinger, Spätantike, Geschichtsschreibung, Wirtschaftsgeschichte, Kulturtransfer, Epochenjahr.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die historische Debatte um den Übergang von der Antike zum Mittelalter und prüft die kontroversen Thesen von Henri Pirenne auf ihre wissenschaftliche Belastbarkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Epochengrenzen, die Rolle der Germanen und des Islams bei der Transformation des antiken Mittelmeerraums sowie ökonomische Faktoren der Spätantike.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, Pirennes These, wonach erst die islamische Expansion den Bruch mit der antiken Kultur verursachte, durch einen Vergleich mit anderen Theorien und kritischen Stimmen zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine historiographische Literaturanalyse, bei der primär- und sekundärsprachliche Quellen sowie kritische Forschungsbeiträge systematisch ausgewertet werden.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt neben den Pirenne-Thesen die Kritik von Forschern wie Coville, Buchner und Lopez sowie den Vergleich mit spätantiken Geschichtsschreibern wie Marcellinus Comes und Prokop.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Pirenne-These, Epochengrenze, Spätantike, Islam, Völkerwanderung und ökonomischer Strukturwandel.
Warum hält Pirenne den Einfall der Germanen für weniger folgenreich als den des Islam?
Pirenne argumentiert, dass die Germanen die römischen Strukturen, wie Verwaltung und Handel, weitgehend übernahmen und sich in das bestehende System integrierten, während der Islam die Einheit des Mittelmeerraums als wirtschaftliches Zentrum zerschlug.
Wie bewertet der Autor den Vorschlag von Wolfgang Seyfarth?
Der Autor zeigt sich offen für Seyfarths Idee einer eigenständigen Übergangszeit, mahnt jedoch an, dass dies das Problem der Grenzziehung lediglich auf andere Zeitpunkte verschiebt.
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- Esther Maier (Author), 2003, Die Periodengrenze zwischen Altertum und Mittelalter nach Henri Pirenne, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62409