„Das Mitleben und Mitleiden des Nibelungenepikers mit seinen Helden, insbesondere mit der Hauptgestalt Kriemhild, zeigt, dass sein Interesse nicht mehr nur und auch nicht primär den Geschehnissen, sondern vor allem auch den handelnden und leidenden Personen gilt.“ Der Nibelungenepiker war in diesem Sinne der Vorreiter in der mittelalterlichen Literatur und wurde in der Wissenschaft zu einem vieldiskutierten Forschungsobjekt. Die Frage der Personengestaltung soll der Inhalt der folgenden Arbeit sein. Vor dem Hintergrund einer theoretischen Erarbeitung zu den Unterschieden bei der Personendarstellung zwischen mittelalterlicher und moderner Literatur soll im zweiten Teil das Augenmerk auf die Figuren Kriemhild und Hagen gerichtet werden. Diese Untersuchungen sollen der Beantwortung der Frage dienen, ob der Dichter diese beiden Figuren mit dem Gedanken auf eine Darstellung des Konflikts zwischen den traditionellen Systemen und den Anfängen von Individualität entworfen hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen zur Personendarstellung
2.1 Strukturorientiertes und subjektorientiertes Erzählen
2.1.1 Subjektorientiertes Erzählen
2.1.2 Strukturorientiertes Erzählen
2.2 Charakter und Rolle
3. Hagen vs. Kriemhild
3.1 Kriemhild – Rolle oder Individualität?
3.2 Hagen – Rolle oder Individualität?
3.3 Diskussion
4. Hagen vs Kriemhild als Kampf zwischen höfischer Tradition und Individualität?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Personengestaltung im Nibelungenlied vor dem Hintergrund der theoretischen Unterscheidung zwischen mittelalterlichem „strukturorientiertem“ und modernem „subjektorientiertem“ Erzählen, um zu analysieren, ob die Figuren Kriemhild und Hagen Ansätze einer individuellen Charakterentwicklung innerhalb eines starren höfischen Systems aufweisen.
- Theoretische Abgrenzung von Rollenfiguren und Charakteren in der mittelalterlichen Literatur.
- Untersuchung der Bedeutung von Zeichen, Symbolen und nonverbaler Kommunikation als Machtinstrumente.
- Analyse der Transformation Kriemhilds von einer konformen Figur hin zu einer handelnden Individualität.
- Betrachtung von Hagens Sonderstellung zwischen höfischem Vasallentum und heroisch-archaischer Tradition.
- Diskussion des Konflikts zwischen traditionellen Systemen und den Anfängen von Individualität.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Subjektorientiertes Erzählen
Was heißt „subjektorientiertes Erzählen“? Die Benennung allein gibt schon fast die Antwort. Die Handlung, der Verlauf der Erzählung wird von der Figur selbst bestimmt, indem ihr bestimmte Eigenschaften zugesprochen werden, eine Persönlichkeitsbildung stattfinden kann. Die Figur gewinnt eine gewisse Eigenmächtigkeit, da ihr die Möglichkeit zu eigenen Entscheidungen offen steht, die durch die verschiedensten Einflüsse geprägt sein können. So haben die Figuren eine Geschichte, in der sie schon persönliche Erfahrungen gemacht haben, die sie zu denen gemacht hat, die sie nun sind und welche es zu berücksichtigen gilt. Sie entsprechen nicht einem einheitlichen Typ, einer Rolle, die sie zu erfüllen haben, ihr Charakter ist vielmehr vielschichtig, kann sich weiterentwickeln. Diese Weiterentwicklung setzt natürlich auch voraus, dass die Figur die Außenwelt wahrnimmt, sie reflektiert und anhand dieser Reflexion und Verarbeitung der Außenwelt sich ihren Weg durch das Schicksal bahnt, der nicht stringent geradlinig verläuft, dessen Ziel noch im Dunkeln liegt. Es ist genau diese Offenheit des Ausgangs, die der Figur eine Eigenverantwortlichkeit zukommen lässt und ihr eine Vielzahl an möglichen Wegen zur Verfügung stellt. Um die Entscheidungsfindung darzustellen, entstehen in der neuzeitlichen Literatur viele Möglichkeiten. So hat der Erzähler die Fähigkeit durch inneren Monolog den geistigen Etat der Figur in völliger Unmittelbarkeit zu präsentieren. Der Erzähler tritt so weit in den Hintergrund, dass er nicht mehr wahrgenommen wird. Die extremste Form den Zustand einer Figur darzustellen, ist der Bewusstseinsbericht, bei dem die Gedanken in höchst authentischer Weise festgehalten werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Forschungsthema der Personendarstellung im Nibelungenlied ein und stellt die leitende Forschungsfrage nach dem Konflikt zwischen traditionellen Systemen und individueller Entwicklung.
2. Theoretische Grundlagen zur Personendarstellung: Dieses Kapitel erörtert die methodischen Ansätze der Literaturwissenschaft zur Unterscheidung zwischen strukturorientiertem (mittelalterlichem) und subjektorientiertem (modernem) Erzählen sowie das Spannungsfeld zwischen Charakter und Rolle.
3. Hagen vs. Kriemhild: Hier werden die beiden Hauptfiguren hinsichtlich ihrer Individualität untersucht, wobei der Fokus auf dem Missbrauch höfischer Zeichen, der Macht des Wissens und der jeweiligen isolierten Position innerhalb der Gesellschaft liegt.
4. Hagen vs Kriemhild als Kampf zwischen höfischer Tradition und Individualität?: Das abschließende Kapitel resümiert, dass beide Figuren individuelle Züge in einer Welt entwickeln, die eigentlich keine Subjektivität vorsieht, womit der Dichter das System des höfischen Epos selbst in Frage stellt.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Personendarstellung, Strukturorientiertes Erzählen, Subjektorientiertes Erzählen, Individualität, Charakter, Rolle, Kriemhild, Hagen, höfische Konventionen, Macht, Wissen, nonverbale Kommunikation, Zeichensysteme, Heroismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung der Figuren Kriemhild und Hagen im Nibelungenlied im Kontext der mittelalterlichen Literaturtheorie und der Frage nach der Entstehung von Individualität.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Unterscheidung zwischen Rollenfiguren und Charakteren, die Funktion nonverbaler Zeichen als Machtmittel sowie der Gegensatz zwischen höfischer Tradition und dem aufkeimenden Bedürfnis nach subjektiver Entfaltung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu beantworten, ob der Dichter des Nibelungenliedes Hagen und Kriemhild als Charaktere entworfen hat, die den Konflikt zwischen traditionellen gesellschaftlichen Systemen und den Anfängen von Individualität verkörpern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Methoden, insbesondere die erzähltheoretische Differenzierung nach Annette Gerok-Reiter und die Unterscheidung zwischen Rolle und Charakter nach Wahl Armstrong, um den Text des Nibelungenliedes zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich theoretisch mit Erzählweisen und geht dann detailliert auf die Figuren Kriemhild und Hagen ein, wobei deren Handlungen, ihr Wissen und ihre Isolation im Hinblick auf den Bruch mit höfischen Konventionen beleuchtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Individualität, Strukturorientiertes Erzählen, höfische Konventionen, Macht durch Wissen und der Kampf zwischen den Werten ere und triuwe.
Wie nutzt Kriemhild ihr Wissen im Epos?
Kriemhild nutzt ihr Wissen um Siegfrieds verwundbare Stelle und die Täuschung um Brünhild, um sich einen privaten Innenraum zu schaffen und ihre Machtposition innerhalb des höfischen Gefüges gegen die Männer zu behaupten.
Welche Rolle spielt die Isolation für die Figuren?
Die Isolation der Figuren, die aus ihrem Handeln entgegen den höfischen Regeln resultiert, zwingt sie einerseits in eine Handlungsunfähigkeit, ermöglicht ihnen aber andererseits die Entwicklung eines abweichenden, individuellen Willens.
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- Julia Rosenberger (Author), 2006, Individualität und Rolle bei Kriemhild und Hagen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62461