Erinnern und Vergessen in Monika Marons "Pawels Briefe" und Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
32 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Hauptteil
I. Gedächtnismodelle
II. Erinnern und Vergessen in Moika Marons „Pawels
Briefe“
II.1 Anlass der Erinnerungsarbeit
II.2 Quellen der Erinnerung
II.3 Erinnerungsarbeit
II.4 Vergessen

III. Erinnern und Vergessen in Uwe Timms „Am Beispiel
meines Bruders“
III.1 Anlass der Erinnerungsarbeit
III.2 Quellen der Erinnerung
III.3 Erinnerungsarbeit

Schluss

Literatur

Einleitung

Im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen zwei Texte der deutschen Gegenwartsliteratur, in denen die Autoren sich mit der Vergangenheit ihrer Familien auseinandersetzen. Monika Maron fragt in Pawels Briefe. Eine Familiengeschichte (1999)[1] nach dem Schicksal ihres aus einer jüdischen Familie stammenden Großvaters und seiner Frau im Nationalsozialismus. Uwe Timm beschäftigt sich in Am Beispiel meines Bruders (2003)[2] primär mit der Geschichte seines im Zweiten Weltkrieg als Mitglied der Waffen-SS gefallenen Bruders. Beide Autoren sind bei ihrer Spurensuche in der Vergangenheit auf Quellen wie Briefe, Tagebucheinträge und Berichte angewiesen, da sie die betreffenden Personen nie bzw. nur als Kleinkind kennen gelernt haben und so über keine originären Erinnerungen an sie verfügen.

Mit ihrer Suche nach der eigenen Herkunft befinden sich Maron und Timm im Trend: Friederike Eigler konstatiert eine Flut familiengeschichtlicher Erkundungen und eine neue Popularität von Generationenromanen in der deutschen Gegenwartsliteratur. Diesen Texten sei gemeinsam, dass die Autoren sich mit dem vielfach gestörten Generationengedächtnis auseinandersetzen und hierbei Dokumenten der Familiengeschichte wie Briefen, Tagebüchern und Fotos großes Interesse entgegengebracht wird.[3] Die Möglichkeit eines direkten Zugangs zur Familiengeschichte wird als illusorisch angesehen, an die Stelle der Authenzität rückt die Medialität von Erinnerung.[4] Bestandteil dieser Familiengeschichten sind ihr zufolge sowohl Aspekte der Geschichte des 20. Jahrhunderts als auch die Thematisierung des Prozesses der Erinnerung selbst.[5]

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Frage nach Erinnern und Vergessen in Pawels Briefe und Am Beispiel meines Bruders. Um einen theoretischen Rahmen für die nachfolgenden Textanalysen zu schaffen, werden im ersten Kapitel unterschiedliche Gedächtnisbegriffe vorgestellt. Allerdings ist die Forschungsliteratur zu diesem Thema unüberschaubar, und so wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Den Gegenstand des zweiten Kapitels bildet Monika Marons Text Pawels Briefe, den des dritten Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders. Gefragt wird jeweils nach den Gründen für das Bedürfnis nach Aufarbeitung der Familiengeschichte, den zur Hilfe genommenen Quellen, dem Prozess der Erinnerungsarbeit, hierbei auftretenden Problemen und eventuell stattfindenden Reflexionen über das Wesen von Erinnern und Vergessen. Bezüge werden hierbei zum einen hergestellt zwischen den im ersten Kapitel vorgestellten Gedächtnismodellen und dem Erinnern in den literarischen Texten, zum anderen zwischen den Gemeinsamkeiten und Unterschieden des Erinnerns in Pawels Briefe und Am Beispiel meines Bruders.

I. Gedächtnismodelle

Beschäftigt man sich intensiver mit der Frage nach dem Gedächtnis, sieht man sich schnell mit einer Vielzahl von Definitionen und Modellen konfrontiert, die einzig darin übereinzustimmen scheinen, dass es sich bei ihrem Gegenstand um ein schwer zu fassendes Phänomen handelt.[6] Im Gedächtnisdiskurs „kreuzen, stimulieren und verdichten“[7] sich Fragen aus dem kulturwissenschaftlichen, naturwissenschaftlichen und informationstechnischen Bereich, wobei zunehmend deutlich wird, „daß das Gedächtnis ein Phänomen ist, auf das keine Disziplin ihr Monopol anmelden kann.“[8] Fragt man Neurobiologen und Psychologen nach Struktur und Funktion des Gedächtnisses, fällt die Antwort eher ernüchternd aus; die Antworten von Philosophen und Kulturhistorikern hingegen bleiben weitgehend spekulativ.[9]

Weitgehende Einigkeit über die Disziplinen hinweg besteht darüber, „dass Erinnern als ein Prozess, Erinnerungen als dessen Ergebnis und Gedächtnis als eine Fähigkeit oder eine veränderliche Struktur zu konzipieren ist.“[10] Das Gedächtnis selbst lässt sich nicht direkt beobachten; Hypothesen über seine Beschaffenheit und seine Funktionsweise können nur aus der Analyse konkreter Erinnerungsakte abgeleitet werden.[11] Relativ unbestritten sind auch der Gegenwartsbezug und der konstruktive Charakter des Erinnerns: Erinnerungen sind keine objektiven Darstellungen der Vergangenheit, sondern subjektive, selektive Rekonstruktionen vergangener Wahrnehmungen. Je nach veränderter Gegenwart entstehen beim Erinnern andere Versionen der Vergangenheit.[12] Im Folgenden werden zunächst psychologische, danach kulturwissenschaftliche Herangehensweisen an das Gedächtnis vorgestellt.

Zimbardo/Gerrig definieren „Gedächtnis“ in ihrem Lehrbuch der Psychologie als „unsere Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu speichern (aufzubewahren) und bei Bedarf wieder abzurufen.“[13] In der Psychologie geht man heute davon aus, dass „das Gedächtnis [...] kein passiver Wissensspeicher [ist], sondern ein höchst aktives Organ, in ständiger Veränderung und Selbstorganisation begriffen.“[14] Favorisiert werden Modelle, die „Gedächtnistätigkeit nicht als Aufbewahrungs-, sondern als Konstruktionsarbeit konzeptualisieren“.[15] Bei der Erinnerung wird also nicht einfach auf einen Speicher zugegriffen, sondern Erinnerungen sind eher „momentane Konstruktionen [...], Versuche, Muster zu kopieren, die wir einst erlebt haben, [...] [wobei] die Wahrscheinlichkeit einer exakten Kopie gering [ist].“[16]

Das Gedächtnis wird verstanden als die durch Wahrnehmungen ausgelöste Etablierung von dauerhaften Kognitionsstrukturen, die für weitere Kognitionen zur Verfügung stehen. Erinnerungen befinden sich demnach nicht im Gedächtnis, und Erinnern bedeutet nicht, dass auf im Gedächtnis gespeicherte Daten zugegriffen wird, sondern dass diese neuronalen Strukturmuster durch einen gegebenen Anlass aktiviert werden.[17] Erinnerungen existieren somit „an keinem anderen Ort und zu keiner anderen Zeit als jetzt im Nervensystem.“[18] Da Erinnerungen nicht ein konkretes Erlebnis konservieren, sondern nur stabile kognitive Muster anlässlich von Erlebnissen ausbilden, muss man von einer „prinzipiellen Differenz zwischen Erlebnis und Erinnerung“[19] ausgehen. Hinsichtlich der Zeitspanne, während der Erinnerungen präsent bleiben, steht heute das Modell der Elaboriertheit der Informationsverarbeitung im Zentrum: Ein Item wird elaboriert verarbeitet, indem es mit anderen verbunden und organisiert wird; je elaborierter ein Item verarbeitet wird, desto besser wird es erinnert.[20]

Das Vergessen von gespeicherten Informationen kann zum einen dadurch bewirkt werden, dass bestimmte Verbindungen im neuronalen System aufgelöst oder verändert werden. Eine andere Ursache kann sein, dass keine Handlungsnotwendigkeit besteht bzw. verschleiert wird, Erinnerungen zu produzieren.[21] Eine besondere Form des Vergessens stellt das Konzept der Verdrängung dar, dessen Ursprung in den Arbeiten Sigmund Freuds liegt. Verdrängung ist eine Art motiviertes Vergessen: Schmerzhafte oder angstbesetzte Erinnerungen werden unbewusst blockiert und vom Bewusstsein ferngehalten, verbleiben aber dennoch im Gedächtnissystem. Nach Freud können diese verdrängten Erinnerungen zu neurotischen Verhaltensmustern führen. Neben der Theorie Freuds gibt es auch aktuelle experimentelle Befunde, die beweisen, dass der Informationsabruf dann erschwert wird, wenn der Inhalt der Erinnerungen negativ besetzt ist.[22]

Kulturwissenschaftliche Annäherungen an das Gedächtnis beziehen neben der Frage nach dem individuellen Erinnern auch die nach dem kollektiven Gedächtnis mit in ihre Forschungen ein. Einen wichtigen Stellenwert in kulturwissenschaftlichen Diskursen zum Gedächtnis nehmen die Arbeiten von Jan und Aleida Assmann ein. Ihre Theorie ist kultursoziologisch und kulturgeschichtlich orientiert und geht zurück auf die in den 1920er Jahren entstandenen Arbeiten des französischen Soziologen Maurice Halbwachs (1877-1945) zum sozialen Gedächtnis.[23] Halbwachs betont vor allem die identitätsbildende Funktion von Erinnerung bei sozialen Gruppen und die soziale Bedingtheit jeder individuellen Erinnerung. Die physiologischen Voraussetzungen des Erinnerns liegen zwar beim Individuum selbst, aber was erinnert und vergessen wird, ist bedingt durch soziale Erfahrungen. Jan Assmann fasst die Position von Halbwachs wie folgt zusammen: „Erinnerungen auch persönlichster Art entstehen nur durch Kommunikation und Interaktion im Rahmen sozialer Gruppen.“[24] Damit wendet Halbwachs sich gegen Gedächtnistheorien seiner Zeitgenossen, etwa die von Sigmund Freud, die Erinnerung als rein individuellen Vorgang verstehen.[25] Auch das Vergessen wird sozial begründet: „Einen Abschnitt seines Lebens vergessen heißt: die Verbindung zu jenen Menschen verlieren, die uns zu jener Zeit umgaben.“[26] Es wird demnach nur das erinnert, was in der Gegenwart einen sozialen Bezugsrahmen hat, und das vergessen, dem ein solcher Bezugsrahmen fehlt.

[...]


[1] Maron, Monika: Pawels Briefe. Frankfurt/Main 42004. Im Folgenden wird das Werk im Text zitiert mit der Sigle PB.

[2] Timm, Uwe: Am Beispiel meines Bruders. München 22005. Im Folgenden wird das Werk im Text zitiert mit der Sigle BmB.

[3] Vgl. Eigler, Friederike: Gedächtnis und Geschichte in Generationenromanen seit der Wende. Berlin 2005, 9

[4] Vgl. Eigler (2005), 26.

[5] Vgl. Eigler (2005), 9.

[6] Vgl. Remscheid, Meike: Zwischen Erinnern und Vergessen. Ein Versuch über das Gedächtnis in Leben und Dichtung. Bochum 1999, 10.

[7] Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 1999, 16.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Schmidt, Siegfried J.: Gedächtnis – Erzählen – Identität. In: Assmann, Aleida/Harth, Dietrich (Hg.): Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung. Frankfurt/Main 1991, 378-397, hier 378.

[10] Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart 2005, 7.

[11] Vgl. Erll (2005), 7.

[12] Vgl. ebd.

[13] Zimbardo, Philip G./Gerrig, Richard J.: Psychologie. 7., neu übers. u. bearb. Auflage. Berlin/Heidelberg 1999, 234.

[14] Dörner, Dietrich: Das Gedächtnis. Probleme – Trends – Perspektiven. Göttingen 1995,1.

[15] Schmidt (1991), 378.

[16] Damasio, Antonio R.: Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Aus dem Englischen von Hainer Kober. München 1994, 145 f.

[17] Vgl. Schmidt (1991), 380 ff.

[18] Schmidt (1991), 384.

[19] Ebd.

[20] Vgl. hierzu detaillierter Wessels, Michael G.: Kognitive Psychologie. 3., verb. Aufl. München/Basel 1994, 134 ff.

[21] Vgl. Schmidt (1991), 386.

[22] Vgl. hierzu detaillierter Wessels (1994), 184 ff.

[23] Vgl. Remscheid (1999), 32.

[24] Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 1992, 36.

[25] Vgl. Erll (2005), 14.

[26] Halbwachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis. Frankfurt/Main 1991, 10.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Erinnern und Vergessen in Monika Marons "Pawels Briefe" und Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Literatur zwischen Erinnerung und Fiktion
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
32
Katalognummer
V62499
ISBN (eBook)
9783638557290
ISBN (Buch)
9783638920889
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erinnern, Vergessen, Monika, Marons, Pawels, Briefe, Timms, Beispiel, Bruders, Literatur, Erinnerung, Fiktion
Arbeit zitieren
Judith Blum (Autor), 2006, Erinnern und Vergessen in Monika Marons "Pawels Briefe" und Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62499

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