Im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen zwei Texte der deutschen Gegenwartsliteratur, in denen die Autoren sich mit der Vergangenheit ihrer Familien auseinandersetzen. Monika Maron fragt in "Pawels Briefe. Eine Familiengeschichte" (1999) nach dem Schicksal ihres aus einer jüdischen Familie stammenden Großvaters und seiner Frau im Nationalsozialismus. Uwe Timm beschäftigt sich in "Am Beispiel meines Bruders" (2003) primär mit der Geschichte seines im Zweiten Weltkrieg als Mitglied der Waffen-SS gefallenen Bruders. Beide Autoren sind bei ihrer Spurensuche in der Vergangenheit auf Quellen wie Briefe, Tagebucheinträge und Berichte angewiesen, da sie die betreffenden Personen nie bzw. nur als Kleinkind kennen gelernt haben und so über keine originären Erinnerungen an sie verfügen.
Mit ihrer Suche nach der eigenen Herkunft befinden sich Maron und Timm im Trend: Friederike Eigler konstatiert eine Flut familiengeschichtlicher Erkundungen und eine neue Popularität von Generationenromanen in der deutschen Gegenwartsliteratur. Diesen Texten sei gemeinsam, dass die Autoren sich mit dem vielfach gestörten Generationengedächtnis auseinandersetzen und hierbei Dokumenten der Familiengeschichte wie Briefen, Tagebüchern und Fotos großes Interesse entgegengebracht wird. Die Möglichkeit eines direkten Zugangs zur Familiengeschichte wird als illusorisch angesehen, an die Stelle der Authenzität rückt die Medialität von Erinnerung. Bestandteil dieser Familiengeschichten sind ihr zufolge sowohl Aspekte der Geschichte des 20. Jahrhunderts als auch die Thematisierung des Prozesses der Erinnerung selbst.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Gedächtnismodelle
II. Erinnern und Vergessen in Monika Marons Pawels Briefe
1. Anlass der Erinnerungsarbeit
2. Quellen der Erinnerung
3. Erinnerungsarbeit
4. Vergessen
III. Erinnern und Vergessen in Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders
1. Anlass der Erinnerungsarbeit
2. Quellen der Erinnerung
3. Erinnerungsarbeit
Schluss
Literatur
I. Primärliteratur
II. Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Prozesse des Erinnerns und Vergessens in den Werken "Pawels Briefe" von Monika Maron und "Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm. Zentrale Forschungsfrage ist, wie die Autoren angesichts fehlender eigener Erinnerungen durch die Aufarbeitung von Familiendokumenten versuchen, ihre Herkunft und die Rolle ihrer Angehörigen im Nationalsozialismus zu rekonstruieren.
- Analyse theoretischer Gedächtnismodelle (psychologisch und kulturwissenschaftlich)
- Untersuchung von Erinnerungsstrategien bei Monika Maron und Uwe Timm
- Bedeutung von Briefen, Tagebüchern und Fotografien als Erinnerungsquellen
- Reflexion über die Subjektivität und Selektivität des Erinnerungsprozesses
- Kontrastierung von affektivem Erinnern und kritischer Distanznahme
Auszug aus dem Buch
2. Quellen der Erinnerung
Die „Umrisse der Geschichte“ (PB 8) ihrer Großeltern waren Monika Maron schon immer bekannt: Pawel, der Großvater, stammte aus einer jüdischen Familie, konvertierte aber zu den Baptisten. Hier lernte er seine aus einer katholischen Familie stammende und ebenfalls zu den Baptisten konvertierte Frau Josefa kennen. Die beiden verließen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre polnische Heimat und kamen nach Berlin, wo sie als Schneider arbeiteten und vier Kinder bekamen. Ende der dreißiger Jahre wurde Pawel von den Nazis nach Polen ausgewiesen, wo er 1942 umgebracht wurde. Josefa musste ihrem Mann als Nichtjüdin nach Polen folgen, da sie die Scheidung verweigerte, und starb dort getrennt von ihm vermutlich an Krebs. Diesen Rahmendaten des Lebens der Großeltern fehlt jedoch „das Innenleben“ und die „innere Kenntnis“ (PB 8). Bei ihrem Versuch, dem Leben ihrer Großeltern näher zu kommen, verwendet die Erzählerin eine Vielzahl von Quellen: Schriftstücke, Fotos, Erinnerungen und Aufzeichnungen ihrer Mutter, Ortsbesichtigungen.
Den wichtigsten Träger von Erinnerung in Pawels Briefe stellt der vergessene Briefwechsel zwischen Pawel und seinen Kindern von 1939 bis 1942 dar, den seine Tochter Hella in den neunziger Jahren zufällig wiederfindet und auf den der Buchtitel rekurriert. Auszüge aus den Briefen Pawels finden sich vor allem auf den Seiten 132 bis 143. Pawel äußert in seinen Briefen zu Beginn vor allem die Hoffnung, durch ein Arbeitsangebot aus Berlin oder durch seinen baptistischen Glauben aus dem Ghetto befreit werden zu können. Nachdem er die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Berlin aufgegeben hat, beschäftigt er sich in seinen Briefen primär mit dem Schicksal seiner Frau. Das Schreckliche des Ghettolebens deutet Pawel nur an: „Liebe Marta, du schreibst, wie es mir geht, könnt ihr euch denken. Meine liebe Marta, das könnt ihr euch nicht denken“ (PB 136). Dadurch, dass Pawel immer wieder seine Enkelin erwähnt, spürt Monika eine tiefe Nähe zu ihrem Großvater.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit stellt die untersuchten Werke vor und verortet sie im Kontext der deutschen Gegenwartsliteratur sowie der Debatte um Generationenromane und familiäres Erinnern.
I. Gedächtnismodelle: Es werden grundlegende psychologische und kulturwissenschaftliche Theorien zum Gedächtnis, zur Erinnerung und zum Vergessen erörtert, um eine Basis für die literarischen Analysen zu schaffen.
II. Erinnern und Vergessen in Monika Marons Pawels Briefe: Dieses Kapitel analysiert Marons Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Großeltern unter besonderer Berücksichtigung der Briefe als primäre Erinnerungsquelle und der Rolle des Vergessens.
III. Erinnern und Vergessen in Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders: Hier wird Timms Spurensuche nach der Rolle seines im Krieg gefallenen Bruders untersucht, wobei die Problematik der Quellen und die kritische Distanz des Autors im Vordergrund stehen.
Schluss: Das Kapitel vergleicht die Ergebnisse der Analysen und betont die unterschiedlichen Ausgangslagen und Erinnerungsstile von Maron und Timm.
Schlüsselwörter
Erinnerung, Vergessen, Gedächtnis, Familiengeschichte, Monika Maron, Uwe Timm, Nationalsozialismus, Generationenroman, Identität, Briefwechsel, Kriegstagebuch, Rekonstruktion, Quellenanalyse, Verdrängung, Medialität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht zwei Werke der deutschen Gegenwartsliteratur, in denen sich die Autoren intensiv mit der verdrängten Vergangenheit ihrer jeweiligen Familien und der Rolle ihrer Angehörigen im Nationalsozialismus auseinandersetzen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Begriffe Erinnern und Vergessen, die Rekonstruktion familiärer Herkunft anhand von Dokumenten sowie die Reflexion über die Medialität und Subjektivität von Erinnerungsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den individuellen Prozess der Erinnerungsarbeit in den Romanen zu analysieren und aufzuzeigen, wie die Autoren durch die Auseinandersetzung mit historischen Zeugnissen versuchen, Lücken im familiären Gedächtnis zu schließen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse. Sie stützt sich dabei auf theoretische Gedächtnismodelle der Kultur- und Sozialwissenschaften (u.a. Jan und Aleida Assmann, Maurice Halbwachs) sowie auf eine detaillierte Textanalyse der Primärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung und zwei vertiefende Analyseteile zu Monika Maron ("Pawels Briefe") und Uwe Timm ("Am Beispiel meines Bruders"), in denen jeweils Anlass, Quellen und Arbeitsweise der Erinnerung untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den wichtigsten Schlagworten gehören Erinnerungskultur, Familiengeschichte, Generationengedächtnis, kritische Distanz, Identitätsfindung und die Problematik des authentischen Erinnerns.
Wie unterscheidet sich die Erinnerungsarbeit von Monika Maron von der Uwe Timms?
Maron nähert sich ihrem Großvater mit einem Gefühl der Zuneigung und versucht, Nähe herzustellen. Timm hingegen bewahrt gegenüber seinem älteren Bruder eine kritische Distanz und fokussiert stark auf die Frage eines möglichen Schuldigwerdens im Nationalsozialismus.
Warum spielen Fotografien in Monika Marons Analyse eine besondere Rolle?
Die Fotos dienen Maron als Ausgangspunkt für ihre Spurensuche, werden jedoch gleichzeitig als begrenzt in ihrer Aussagekraft reflektiert, da sie die Betrachterin zur Interpretation zwingen und oft unklar bleiben.
Welche Rolle spielt die "Lücke" in den Unterlagen bei Uwe Timm?
Die Lücken im Kriegstagebuch seines Bruders und das Schweigen in den Dokumenten werden für Timm zu einem zentralen Untersuchungsobjekt, das ihn zur Spekulation über die Ängste und die psychologische Verfassung des Bruders anregt.
- Citation du texte
- Judith Blum (Auteur), 2006, Erinnern und Vergessen in Monika Marons "Pawels Briefe" und Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62499