Intertextualität in "Medea und ihre Kinder" von Ljudmila Ulitzkaja


Seminararbeit, 2002

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

Teil I
Textualität und Intertextualität als Thema von „Medea und ihre Kinder“
2. Figur der Medea als Fiktion auf allen drei Ebenen der Erzählung
3. Erinnerung als Legitimation des Erzählens
4. Medea als Integrationsfigur
5. Medea als intertextueller Text

Teil II
Thematische intertextuelle Bezüge zwischen „Medea und ihre Kinder“ von Ulitzkaja, 1. Mose und „Medea“ von Euripides
6. Intertextuelle Bezüge
7. Integrationsfiguren
8. Das gelobte Land
9. Motiv der Kinderlosigkeit

Bibliographie

1. Einleitung

Auf den ersten Blick ist das Buch „Medea und ihre Kinder“ von Medea Ulitzkaja eine unterhaltsame „Familiensaga“, die sich größtenteils im mediterranen Klima der Halbinsel Krim auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion abspielt. Der Erzählstil scheint sich der südlichen Atmosphäre anzupassen und das Buch lässt sich leicht lesen. Vor allem an ungemütlichen Wintertagen hinterlässt es einen Hauch von Sommer aber viel mehr auch nicht, so scheint es.

Wäre da nur nicht der Epilog.[1] Liest man ihn einmal, überkommt einen das leise Gefühl, dass an der abgerundeten, harmonisch erzählten, sonnigen Geschichte irgendetwas nicht stimmt. Liest man ihn ein zweites mal, beginnt man an der Glaubwürdigkeit des erzählten Geschehens, an das man unreflektiert nur allzu gerne glaubt, zu zweifeln. Liest man ihn ein drittes mal, wird klar, dass die Autorin den Leser mit diesem Epilog auf etwas ganz Bestimmtes stoßen lassen wollte. Und zwar darauf, dass die Geschichte erfunden ist. Natürlich weiß man, dass die Erzählung auf der Ebene des historischen Autors mehr oder weniger Fiktion ist. Aber diese Geschichte ist durch und durch, auf allen ihren Ebenen erfunden, und zwar zu einem bestimmten Zweck.

„Medea und ihre Kinder“ ist eine Erzählung über das Erzählen. Thematisiert wird unter Anderem auf allen Ebenen, dass Erzählen nicht ohne Grund geschieht, sondern immer einen bestimmten Zweck verfolgt, und eine Legitimation braucht. Und da jede Geschichte nicht aus sich selbst entstehen kann, sondern immer mindestens eine Vorgeschichte hat, thematisiert diese Erzählung auch Intertextualität.

Diese Arbeit hat zwei Teile: Im ersten Teil möchte ich aufzeigen, wie auf der Ebene der Narration und auf der Ebene der Geschichte das Erzählen und damit auch Intertextualität thematisiert wird, und im zweiten Teil möchte ich intertextuelle Bezüge zwischen „Medea und ihre Kinder“ von Ulitzkaja und dem 1. Buch Mose[2] und zwischen „Medea und ihre Kinder“ von Ulitzkaja und „Medea“ von Euripides aufzeigen. Ich möchte zeigen, dass das Erzählen im 1. Buch Mose den gleichen Zweck verfolgt, wie er auf der Ebene der Narration in „Medea und ihre Kinder“ thematisiert wird. Um deutlicher differenzieren zu können, werde ich mich in meiner Arbeit des drei-Ebenen-Modells und der Terminologie Gérard Genettes bedienen.[3]

Teil I
Textualität und Intertextualität als Thema von „Medea und ihre Kinder“

2. Figur der Medea als Fiktion auf allen drei Ebenen der Erzählung

Auf der Ebene der Geschichte wird von der weitläufigen, vor langer Zeit aus Griechenland eingewanderten, Familie Sinopli erzählt. Erzählerischer Mittelpunkt ist die auf der Halbinsel Krim lebende Medea Mendes, frühere Sinopli. Medea ist die kinderlose Witwe eines jüdischen Dentisten und lebt als letztes Mitglied der großen Familie Sinopli auf der Krim, der Wahlheimat ihrer seit langer Zeit hier siedelnden griechischen Vorfahren. Jeden Sommer kommt ein Teil der weitläufigen Verwandtschaft Medeas auf die Halbinsel und wohnt in ihrem Haus. Medea wird von allen ihren Angehörigen sehr verehrt und fast als Heilige angesehen. Von dieser Situation eines Sommers in Medeas Haus ausgehend, werden Geschichten verschiedener Angehöriger der Familie Sinopli und mit ihnen in Berührung kommender Menschen erzählt. Medea ist jedoch der Anstoßpunkt, Legitimattisierung und der Grund zu erzählen.

Auf der Ebene der Narration herrscht die ganze Erzählung über der Eindruck die Geschichte würde von einem „heterodiegetischen Erzähler“[4] in einem „unfokalisierten Modus“[5] erzählt. Für eine Geschichte im „Null-Fokus“ spricht auch, dass die Erzählung von „Anachronien“, in diesem Fall „externen Analepsen“[6], durchsetzt ist. Außerdem berichtet die Erzählerin ausführlich von den Gedanken und Gefühlen der von ihr erzählten Figuren, was ebenfalls gewöhnlich nur in einem „unfokalisierten Modus“ möglich ist.

Die erzählte Zeit[7], einschließlich des Epilogs, umfasst etwa 100 Jahre. Auf der Ebene der Geschichte ist das früheste erwähnte Datum 1892.[8] In diesem Jahr schreibt Medeas Tante, zu deren Ehre Medea ihren Namen erhielt, einen Brief an Matilda, Medeas Mutter.

Das letzte Ereignis in der chronologischen Abfolge der Geschichte ist das Schreiben des Epilogs durch die Erzählerin, was nach dem Sommer 1995 stattgefunden haben muss, da im Sommer 1995 die Erzählerin und ihr Mann zum letzten mal auf der Krim gewesen waren.[9] Zwischen diesen beiden Daten passieren unzählige Ereignisse in der Geschichte der unzähligen Figuren, von denen ein „heterodiegetischer“, im „unfokalisierten Modus“ erzählender Erzähler, aber wohl kaum ein „homodiegetischer“, im „internenen“[10] oder gar externen Fokalisierungsmodus berichtender Erzähler, Kenntnis haben kann.

Bevor der Leser den Epilog gelesen hat, ist der Zeitpunkt der angenommenen Basiserzählung das Jahr 1977. Dieses Datum wird im Text nicht erwähnt, lässt sich aber durch Beschreibung anderer Daten annehmen.[11] Die angenommene Basiserzählung beginnt im April[12] mit der Ankunft Georgijs, eines Neffen Medeas, und seines Sohnes Artjom und endet mit der Beerdigung Maschas, Medeas Großnichte, und der Emigration ihres Mannes und ihres Sohnes in die USA.[13] Die zunächst angenommene Basiserzählung wird in chronologischer Folge entwickelt, wird aber sehr oft durch „externe Analepsen“, die die Erzählstränge verschiedener erzählter Figuren entwickeln, unterbrochen. Diese stehen in keiner chronologischen Reihenfolge und scheinen durch einen auktorialen Erzähler[14] willkürlich aus dem zeitlichen Fluss herausgegriffen zu sein, um Zusammenhänge besser erklären und entwickeln zu können.

Im Epilog[15] jedoch ändert sich die Situation schlagartig. Erst am Ende der Erzählung stellt sich die Erzählerin selbst als die Frau eines entfernten Verwandten Medeas vor und behauptet eine unmittelbare Zeugin und Beteiligte der Ereignisse der zunächst angenommenen Basiserzählung gewesen zu sein.[16] Damit wechselt die Erzählsituation des ganzen Romans. Es muss nun angenommen werden, dass der Erzähler ein „homodiegetischer“ ist, also neben seiner Erzählerfunktion die Funktion einer erzählten Figur inne hat. Außerdem muss der erste Eindruck, die Basiserzählung sei die des Jahres 1977, korrigiert werden.

Die tatsächliche Basiserzählung ist der Zeitpunkt des Schreibens der Geschichte und die erzählte Handlung des Jahres 1977 ist wiederum eine „externe Analepse“.

Es bleibt jedoch unklar, welche Erzählsituation nun vorherrscht. Im Epilog spricht die Erzählerin ganz klar in der Ich-Erzählform[17], was zuvor in der Haupterzählung nicht der Fall war. Deshalb wirkt dieser Abschnitt sehr stark mimetisch. Da nun die unfokalisierte heterodiegetische Erzählperspektive durch den Epilog unmöglich geworden ist, muss, da die Erzählerin sich nun als eine Figur auf der Ebene der Erzählung entpuppt, eine „homodiegetischer“ Erzähler, der in einem „externen Fokalisierungsmodus“[18] spricht, angenommen werden. Dieser plötzliche Wechsel von einer „unfokalisierten“ zu einer „extern fokalisierten“ Erzählperspektive ist verwirrend, zumal die Anzeichen für eine „unfokalisierte“ Erzählweise im Text sehr stark sind, durch den Epilog aber ad absurdum geführt werden. Nimmt man die Anwesenheit der Erzählerin bei den von ihr erzählten Ereignissen, von denen sie in einer „späteren Narration“[19] berichtet, an, so kann man gleichzeitig auch nur eine „externe Fokalisierung“ der Erzählung annehmen, da sich die Erzählerin zur Zeit des Geschehens der von ihr später erzählten Ereignisse, weniger oder zumindest genauso viel wissen konnte, wie die von ihr erzählten Figuren. Ganz zu schweigen von den Ereignissen, die Sie als Figur auf der Ebene der Geschichte gar nicht miterlebt haben kann.

Daraus folgt, dass die Erzählerin auf der Ebene der Narration, wenn nicht alles, so doch vieles erfunden haben muss. Die Erzählerin will dies auch gar nicht verbergen. Der letzte Satz der Erzählung lautet: „Это удивительно приятное чувство – принадлежать к семье Медеи, к такой большой семье что всех ее членов даже не знаешь в лицо и они теряются в перспективе бывшего, не бывшего (Unterstreichung von K.F.) и будущего.“[20]

Die Erzählerin gibt auf der Ebene der Narration zu, auf der Ebene der Erzählung , einen mehr oder weniger erfundene Geschichte erzählt zu haben. Dem nach sind die erzählten Figuren und damit auch Medea nicht nur auf der Ebene der Narration sondern auch auf der Ebene der Geschichte eine Fiktion, ein Simulakrum, ein Abbild ohne Urbild. Medea ist auf keiner Ebene real: nicht für den realen Autor, nicht für die Erzählerin auf der Ebene der Narration und nicht mal für die erzählten Figuren auf der Ebene der Geschichte, da die Erzählerin eine merkwürdige Ironie entstehen lässt, indem Sie sich mit Hilfe des Epilogs von der Ebene der Narration auf die Ebene der Geschichte und damit auf die Ebene der erzählten Figuren begibt. Im Epilog macht sich die Erzählerin bewusst unglaubwürdig, lässt die zunächst perfekt scheinende Mimesis einen Riss bekommen und macht diese als Fiktion sichtbar. Die Figuren, die sie auf der Ebene der Erzählung erzählt, und damit implizit auch sich selbst, sind für sie selbst erfunden und nicht real existent. Auch die erzählten Figuren, abgesehen von der Erzählerin, lassen auf der Ebene der Geschichte eine Fiktion von Medea entstehen, indem sie einander gegenseitig von ihr erzählen und einen Mythos Medea schaffen, was die Erzählerin auf der Ebene der Narration bewusst weiterführt. Die Erzählerin und mit ihr die erzählten Figuren lassen einen Mythos Medea entstehen.

[...]


[1] Ulitzkaja, Ljudmila: Medea und ihre Kinder. S 379- S 383

[2] 1. Mose, 11.10 – 1. Mose, 50.26

[3] Genette, Gérard: Die Erzählung die Termini „Erzählung“, „Geschichte“ und „Narration“ stammen aus ebendiesem Werk

[4] http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/stimme.htm

[5] http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/foktyp.htm

[6] http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/zeitgenette.htm

[7] http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/erzeit.htm

[8] Ulitzkaja, Ljudmila: Medea und ihre Kinder. S 226

[9] Ulitzkaja, Ljudmila: Medea und ihre Kinder. S 379

[10] http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/foktyp.htm

[11] Die letzte Begegnung zwischen Medea und Alexandra war 1952. Sie haben sich 25 Jahre lang nicht gesehen. (S 373) -> Basiserzählung 1977

[12] Ulitzkaja, Ljudmila: Medea und ihre Kinder. S 17

[13] Ulitzkaja, Ljudmila: Medea und ihre Kinder. S 375- S 378

[14] http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/auktorial.htm

[15] Ulitzkaja, Ljudmila: Medea und ihre Kinder. S 379- S 383

[16] Ulitzkaja, Ljudmila: Medea und ihre Kinder. S 382

[17] http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/ich.htm

[18] http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/foktyp.htm

[19] http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/stimme.htm

[20] Ulitzkaja, Ljudmila: Medea und ihre Kinder. S 383

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Intertextualität in "Medea und ihre Kinder" von Ljudmila Ulitzkaja
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Slawische Fakultät)
Veranstaltung
Seminar: Genderkonstruktionen in der polnischen und russischen Literatur der 90er Jahre
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V62580
ISBN (eBook)
9783638557948
ISBN (Buch)
9783638677660
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Intertextualität, Medea, Kinder, Ljudmila, Ulitzkaja, Seminar, Genderkonstruktionen, Literatur, Jahre
Arbeit zitieren
Katharina Friesen (Autor), 2002, Intertextualität in "Medea und ihre Kinder" von Ljudmila Ulitzkaja, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62580

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Intertextualität in "Medea und ihre Kinder" von Ljudmila Ulitzkaja



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden