Diese Arbeit hat zwei Teile: Im ersten Teil möchte ich aufzeigen, wie auf der Ebene der Narration und auf der Ebene der Geschichte das Erzählen und damit auch Intertextualität thematisiert wird, und im zweiten Teil möchte ich intertextuelle Bezüge zwischen „Medea und ihre Kinder“ von Ulitzkaja und dem 1. Buch Mose2 und zwischen „Medea und ihre Kinder“ von Ulitzkaja und „Medea“ von Euripides aufzeigen. Ich möchte zeigen, dass das Erzählen im 1. Buch Mose den gleichen Zweck verfolgt, wie er auf der Ebene der Narration in „Medea und ihre Kinder“ thematisiert wird. Um deutlicher differenzieren zu können, werde ich mich in meiner Arbeit des drei-Ebenen-Modells und der Terminologie Gérard Genettes bedienen.3
2 1. Mose, 11.10 – 1. Mose, 50.26
3 Genette, Gérard: Die Erzählung die Termini „Erzählung“, „Geschichte“ und „Narration“ stammen aus ebendiesem Werk
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Teil I
Textualität und Intertextualität als Thema von „Medea und ihre Kinder“
2. Figur der Medea als Fiktion auf allen drei Ebenen der Erzählung
3. Erinnerung als Legitimation des Erzählens
4. Medea als Integrationsfigur
5. Medea als intertextueller Text
Teil II
Thematische intertextuelle Bezüge zwischen „Medea und ihre Kinder“ von Ulitzkaja, 1. Mose und „Medea“ von Euripides
6. Intertextuelle Bezüge
7. Integrationsfiguren
8. Das gelobte Land
9. Motiv der Kinderlosigkeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Roman „Medea und ihre Kinder“ von Ljudmila Ulitzkaja im Hinblick auf seine erzähltechnische Konstruktion sowie seine intertextuellen Bezüge zu biblischen Motiven (1. Mose) und dem antiken Drama „Medea“ von Euripides. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Funktion des Erzählens als Mittel der Mythenbildung und Identitätsstiftung.
- Narrative Ebenen und Fiktionalität im Roman
- Erinnerung als Instrument der Legitimation
- Die Figur der Medea als Integrationsfigur
- Intertextuelle Vergleiche zwischen Ulitzkaja, Euripides und 1. Mose
- Motivische Analysen: Das gelobte Land und Kinderlosigkeit
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Auf den ersten Blick ist das Buch „Medea und ihre Kinder“ von Medea Ulitzkaja eine unterhaltsame „Familiensaga“, die sich größtenteils im mediterranen Klima der Halbinsel Krim auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion abspielt. Der Erzählstil scheint sich der südlichen Atmosphäre anzupassen und das Buch lässt sich leicht lesen. Vor allem an ungemütlichen Wintertagen hinterlässt es einen Hauch von Sommer aber viel mehr auch nicht, so scheint es.
Wäre da nur nicht der Epilog. Liest man ihn einmal, überkommt einen das leise Gefühl, dass an der abgerundeten, harmonisch erzählten, sonnigen Geschichte irgendetwas nicht stimmt. Liest man ihn ein zweites mal, beginnt man an der Glaubwürdigkeit des erzählten Geschehens, an das man unreflektiert nur allzu gerne glaubt, zu zweifeln. Liest man ihn ein drittes mal, wird klar, dass die Autorin den Leser mit diesem Epilog auf etwas ganz Bestimmtes stoßen lassen wollte. Und zwar darauf, dass die Geschichte erfunden ist. Natürlich weiß man, dass die Erzählung auf der Ebene des historischen Autors mehr oder weniger Fiktion ist. Aber diese Geschichte ist durch und durch, auf allen ihren Ebenen erfunden, und zwar zu einem bestimmten Zweck.
„Medea und ihre Kinder“ ist eine Erzählung über das Erzählen. Thematisiert wird unter Anderem auf allen Ebenen, dass Erzählen nicht ohne Grund geschieht, sondern immer einen bestimmten Zweck verfolgt, und eine Legitimation braucht. Und da jede Geschichte nicht aus sich selbst entstehen kann, sondern immer mindestens eine Vorgeschichte hat, thematisiert diese Erzählung auch Intertextualität.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Ausgangslage des Romans als vermeintliche Familiensaga und führt in die zentrale Thematik der Konstruktion von Fiktion und Intertextualität ein.
2. Figur der Medea als Fiktion auf allen drei Ebenen der Erzählung: Dieses Kapitel analysiert Medea als erzählerisches Zentrum, das trotz seiner realistischen Darstellung als ein konstruiertes Simulakrum innerhalb des Drei-Ebenen-Modells der Erzählung fungiert.
3. Erinnerung als Legitimation des Erzählens: Hier wird untersucht, wie die Erzählerin das Erinnern als notwendigen Akt der kulturellen Bewahrung nutzt, um ihre eigene Geschichte zu legitimieren.
4. Medea als Integrationsfigur: Die Untersuchung konzentriert sich auf Medeas Rolle als „klassisches“ Modell, das Identität stiftet und als Ankerpunkt für die Familie und die Kultur dient.
5. Medea als intertextueller Text: Dieses Kapitel legt dar, wie Medea durch ihre Herkunft und Sprache als lebendiges Palimpsest und Teil eines größeren mythischen Textuniversums konzipiert ist.
6. Intertextuelle Bezüge: Hier werden die Verknüpfungen des Romans mit 1. Mose und dem Medea-Stoff des Euripides dargelegt, wobei Unterschiede in der Ausgestaltung der Integrationsfiguren hervorgehoben werden.
7. Integrationsfiguren: Es wird die Analogie zwischen Medea und biblischen Figuren wie Abraham aufgezeigt, insbesondere im Hinblick auf deren machtvolle Funktion als Sammelbegriff für eine Kultur.
8. Das gelobte Land: Das Kapitel behandelt die Krim als symbolisches „gelobtes Land“ und vergleicht diese Bedeutung mit biblischen Vorbildern und dem Exil-Motiv bei Euripides.
9. Motiv der Kinderlosigkeit: Abschließend wird untersucht, wie das Thema der Kinderlosigkeit im Kontext der kulturellen Weitergabe von Wissen und Tradition in allen drei Vergleichstexten interpretiert wird.
Schlüsselwörter
Intertextualität, Medea, Ljudmila Ulitzkaja, Fiktionalität, Identitätsstiftung, Familiensaga, Narrative Ebenen, Erinnerungskultur, Euripides, 1. Mose, Integrationsfigur, Mythos, Krim, Kulturmodell, Kinderlosigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Hausarbeit untersucht den Roman „Medea und ihre Kinder“ von Ljudmila Ulitzkaja und analysiert, wie die Autorin narrative Strukturen und intertextuelle Bezüge nutzt, um Geschichte zu konstruieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Themenbereiche Intertextualität, die Funktion von Erinnerung, die Rolle von Medea als Integrationsfigur sowie die Bedeutung von Heimat und Kinderlosigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie das Erzählen im Roman als Zweck verfolgt wird und auf welche Weise der Text durch Bezüge zu anderen literarischen und biblischen Werken mythische Tiefe gewinnt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt das Drei-Ebenen-Modell und die Terminologie von Gérard Genette, um eine präzise narratologische Analyse des Romans vorzunehmen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine narratologische Untersuchung der Fiktionsbildung in Teil I und einen intertextuellen Vergleich mit dem 1. Buch Mose und Euripides in Teil II.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Intertextualität, Integrationsfigur, Fiktionalität, Narrative Ebenen und das Motiv des gelobten Landes.
Warum wird der Epilog des Romans als so bedeutend angesehen?
Der Epilog ist entscheidend, da er die Erzählsituation schlagartig verändert und offenbart, dass die gesamte vorangegangene Geschichte eine bewusste Fiktion ist, wodurch die Mimesis als solche sichtbar wird.
Inwiefern unterscheidet sich die Medea bei Ulitzkaja von der bei Euripides?
Während Euripides’ Medea eine impulsive, desintegrative Figur darstellt, die ihre Tradition bricht, zeichnet sich Ulitzkajas Medea durch Zurückhaltung, Geduld und ihre Rolle als stabilisierende Integrationsfigur aus.
Welche Rolle spielt die „Kinderlosigkeit“ für die Deutung der Figur?
Medeas Kinderlosigkeit wird nicht nur biologisch, sondern im übertragenen Sinne verhandelt: Sie wird zur geistigen Mutter und zum Mythos, an dem sich die Nachkommen orientieren können.
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- Katharina Friesen (Author), 2002, Intertextualität in "Medea und ihre Kinder" von Ljudmila Ulitzkaja, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62580