Theoretische Interpretation und empirische Anwendung der Beveridge-Relation


Seminararbeit, 2003

28 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Abbildungsverzeichnis

3. Problemstellung

4. Arbeitslosigkeit und offenen Stellen

5. Das Stromgrössenmodell

6. Die Beveridge-Kurve

7. Schwächen des Modells
7.1. Die Vakanzen
7.2. . Die Arbeitslosendaten
7.3. Die Schleifenbewegung der Beveridge-Kurve
7.4. Verschiebung oder Bewegung auf der Beveridge-Kurve

8. Die Beveridge-Kurve für Deutschland

9. Die Beveridge-Kurve des Euro-Währungsgebiets

10. Ausblick

11. Anhang 1

12. Anhang 2

13. Literaturverzeichnis

2. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Struktur des Stromgrössenmodells Abbildung 2: Die Vermittlungsfunktion

Abbildung 3: Verschiebung der Beveridge-Kurve nach rechts außen ⇒ Mismatch-Arbeitslosigkeit zugenommen

Abbildung 4: Eine Verschiebung der Beveridge-Kurve ist von einer Bewegung auf der Beveridge-Kurve nicht immer leicht zu unterscheiden

Abbildung 5: Die deutsche Beveridge-Kurve - Arbeitslose und gemeldete offene Stellen

Abbildung 6: Beveridge-Kurve für das Euro-Währungsgebiet

3. Problemstellung

Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist seit Mitte der siebziger Jahre zu einem zentralen gesellschaftlichen Problem geworden. Man kann hierbei grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen Ursachen für Arbeitslosigkeit unterscheiden. Eine mögliche Ursache ist eine Diskrepanz zwischen dem Arbeitskräftepotential und der Menge der insgesamt verfügbaren Arbeitsplätze. Die zweite mögliche Ursache sind Friktionen in der Vermitt- lung von Angebot und Nachfrage durch den Markt1. Ein theoretisches Modell, das es erlaubt zwischen diesen Ursachen für Arbeitslosigkeit zu unterscheiden, basiert auf der Beveridge-Relation. Nachfolgend werden einige Gründe für die simultane Existenz von Arbeitslosigkeit und offenen Stellen aufgezeigt. Danach folgt mit dem Stromgrössen- modell ein einfaches Modell, das als Grundlage des anschließenden Beveridge-Kurven- Modells gesehen werden kann. Nach einer theoretischen Interpretation der Beveridge- Relation anhand der Beveridge-Kurve, werden einige Schwächen aufgezeigt, die sich sowohl bei der Diagnose dieser Funktion, sowie auch bei der empirischen Ermittlung der benötigten Daten ergeben. Schließlich folgt eine empirische Anwendung dieser the- oretischen Grundlagen anhand der Werte, welche sich für die Beveridge-Kurve für Deutschland , sowie für das Euro-Währungsgebiet ergeben. Von besonderem Interesse ist hierbei, welche Ursache für die angestiegene Arbeitslosigkeit besteht. Hier wird also die Frage diskutiert ob dieser Anstieg auf einer verschlechterten Vermittlungseffizienz beruht, oder ob gesamtwirtschaftlich-klassische Probleme hierfür verantwortlich sind. Zum Schluß dieser Arbeit erfolgt ein Ausblick über zukünftige Erwartungen und Mög- lichkeiten, die sich aus den Vorschlägen der "Hartz-Kommission" und der zu Beginn der Jahres 2003 gestarteten Vermittlungsoffensive ergeben.

4. Arbeitslosigkeit und offenen Stellen

Die friktionell-strukturelle Komponente der Arbeitslosigkeit reflektiert den Tatbestand, dass sich Arbeitslose nicht beliebig schnell und leicht auf offene Stellen vermitteln las- sen, und das sich die Anforderungen, welche die Arbeitsplätze und die Stellensuchen- den aneinander stellen, nicht vollkommen entsprechen.2Dies ist darauf zurückzuführen, dass Arbeit ein hochgradig differenziertes, heterogenes Gut ist. Falls unvollständige Information die Vermittlung von Arbeitsplätzen und Arbeitskräften verzögert, spricht man von friktioneller Arbeitslosigkeit. Sie ist auch in Zeiten der Vollbeschäftigung un- vermeidbar, da die Suche nach einem Arbeitsplatz in jedem Einzelfall einige Zeit in Anspruch nimmt. Ist die Arbeitslosigkeit durch die Inkongruenz der qualitativen Profile von Arbeitsangebot und -nachfrage begründet, spricht man von struktureller Arbeitslo- sigkeit. Die Heterogenität besteht häufig in der Qualifikation, dem Geschlecht oder Al- ter und im Standort. Diskutiert wird die strukturelle Arbeitslosigkeit daher auch unter dem Begriff der Mismatch-Arbeitslosigkeit. Gesamtwirtschaftlich bedeutet dies, dass zu jedem Zeitpunkt ein gewisser Prozentsatz der Erwerbspersonen arbeitslos ist.3

- Es können somit drei wesentliche Ursachen für Mismatch-Arbeitslosigkeit herausgefiltert werden:4 • Es bestehen Informationsdefizite. Die Sucher kennen die für sie geeigneten und auch vorhandenen Vakanzen nicht, und Firmen gelingt es nicht, die ebenfalls exi- stenten und passenden Kandidaten für ihre freien Arbeitsplätze ausfindig zu ma- chen.
- Das qualitative Profil zwischen Sucher und Vakanz stimmt nicht überein, mögli- cherweise wird diese Inkongruenz durch höhere Ansprüche der Firmen an die Quali- fikation oder durch zu hohe Einkommensvorstellung der Bewerber verschärft.
- Sucher und Firmen sind in unterschiedlichen Regionen beheimatet und immobil.

Formal läßt sich diese Unterscheidung zwischen den zwei Ursachen für Arbeitslosigkeit durch folgende Definitionsgleichung darstellen:5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5. Das Stromgrössenmodell

Ein einfaches Modell6, das auf dieser Idee aufbaut, betrachtet zwei Gruppen auf dem Arbeitsmarkt, die Beschäftigten N und die Arbeitslosen U. Zwischen diesen beiden Beständen fließen permanent Ströme, d.h. Arbeitslose treten mit der Wahrscheinlichkeit η innerhalb einer Periode (wieder) in die Beschäftigung ein, während ein Anteilsder Beschäftigten den Arbeitsplatz verliert. Für die Änderung der Beschäftigung innerhalb einer Periode, d.h. zwischen den Zeitpunktent-1undtgilt somit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hierbei wird ein exogenes und zeitunabhängiges Arbeitsangebot Ňs angenommen. Diese Konstanz des Arbeitsangebots bedeutet überdies, dass die Änderung der Beschäftigung betragsmäßig genauso groß wie die Änderung der Arbeitslosigkeit ist. Dies folgt aus der Annahme, dass aus keinem der beiden Pole etwas in Dritte abfließen, bzw. von Dritten Polen kommen kann. Formal läßt sich dies durch folgende Gleichung ausdrücken:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine einfache Grafik die dieses Modell veranschaulicht ist Abbildung 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Struktur des Stromgrössenmodells

Setzt man (5) in (4) ein und löst nach ∆Ut auf, so erhält man:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dasjenige Niveau der Arbeitslosigkeit, das mit einer stationären Zahl von Arbeitslosen kompatibel ist (∆U = 0) läßt sich aus Gleichung (6) errechnen. Dieser Gleichgewichtswert Ū führt zu einer gleichgewichtigen Arbeitslosenquote der Form:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Entlassungswahrscheinlichkeit s, und die Wiedereinstellungswahrscheinlichkeit η, charakterisieren somit die Funktionstüchtigkeit des Arbeitsmarktes. Ein Arbeitsverhält- nis kann natürlich nicht nur durch Entlassung, sondern auch durch Kündigung seitens des Arbeitnehmers zu Ende gehen. Da auf Kündigung aber nur sehr selten Arbeitslosig- keit folgt, interpretieren wir s hier als Entlassungswahrscheinlichkeit.7 Folgende Faktoren sind als mögliche Determinanten der Parameter η und s denkbar:8

- Die zur sozialen Abfederung der Arbeitslosigkeit geschaffenen sozialstaatlichen Einrichtungen beeinflussen den Parameter η und damit das Stromgrössengleichgewicht. Je grosszügiger diese Leistungen, je schwächer die Bedingungen, an die sie geknüpft sind, und je länger sie gewährt werden, desto mehr werden die Anreize geschwächt, von der Arbeitslosigkeit rasch wieder in die Beschäftigung zu wechseln, d.h. desto geringer wird η sein.
- Eine Minimallohngesetzgebung übt ebenfalls einen Einfluss aus, indem sie es wenig qualifizierten Arbeitslosen erschwert, wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Höhere Minimallöhne senken daher den Parameter η.
- Kündigungsschutzregelungen sind ihrer Intention nach darauf gerichtet, s so gering wie möglich zu halten, indem eine Entlassung erschwert, bzw. zeitlich verschoben wird. Allerdings werden Unternehmer in Reaktion darauf auch ihr Einstellungsverhalten ändern, d.h. vorsichtiger bei der Rekrutierung neuer Arbeitskräfte sein. Insofern wird der positive Effekt auf s durch eine Verringerung von η ganz oder teilweise wettgemacht, möglicherweise sogar überkompensiert.
- Der Strukturwandel in einer Volkswirtschaft wirkt ebenfalls auf die Parameter s und η. Je mehr Beschäftigte von schrumpfenden Sektoren freigesetzt werden, und je schwerer sie es aufgrund ihrer spezifischen Qualifikation oder regionalen Gebun- denheiten haben, in expandierenden Sektoren aufgenommen zu werden, desto un- günstiger wird das Verhältnis von s und η, und desto mehr Arbeitslosigkeit resul- tiert.
- Die Wiederbeschäftigungschancen der Arbeitslosen hängen insbesondere auch von der Angebots-Nachfrage-Konstellation auf dem Arbeitsmarkt ab: Je mehr offene Stellen es gibt und je weniger Arbeitslose sich um sie bewerben, desto besser sind die Erfolgsaussichten jedes gegebenen Stellensuchenden, d.h. desto grösser ist der Parameter η.

6. Die Beveridge-Kurve

Die Hypothese eines Zusammenhangs zwischen der Anzahl offener Stellen pro Arbeits- losem und den durchschnittlichen Vermittlungschancen der Arbeitslosen lässt sich da- durch formalisieren, dass η als Funktion des Verhältnisses V/U ≡ g (θ) geschrieben wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diesen Zusammenhang bezeichnet man als Vermittlungsfunktion (englisch: matching function). Da ein höheres θ zwar die Wahrscheinlichkeit η erhöht einen Arbeitsplatz zu finden, dieser Effekt jedoch mit wachsendem θ geringer wird, ist die erste Ableitung dieser Funktion nach θ positiv, die zweite jedoch negativ.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Vermittlungsfunktion

Eine einfache Funktion, die die postulierten Eigenschaften erfüllt, ist

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hierbei fasst η0 alle institutionellen Einflußfaktoren zusammen, die auf die Einstel- lungswahrscheinlichkeit über andere Mechanismen als θ wirken. Ersetzt man die Ände- rung der Arbeitslosigkeit (unter Vernachlässigung der Zeitindizierung) wie im Srom- grössenmodell durch [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] , so folgt unter Berücksichtigung von (9):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus der Stromgleichgewichtsbedingung ∆U = 0 lässt sich somit folgender Gleichgewichtswert der Arbeitslosigkeit ermitteln:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie hieraus ersichtlich wird, ist das Stromgleichgewicht des Arbeitsmarktes durch eine inverse Beziehung zwischen der Anzahl der Arbeitslosen und der Anzahl der offenen Stellen gekennzeichnet. Wenn man analog zur Arbeitslosenquote u ≡ U/ Ňs eine Vakanzenquote [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Ňs definiert, führt dies unter Berücksichtigung von [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] zu folgender Schreibweise von (11):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser negativ-konvexe Zusammenhang zwischen u und v ist die Beveridge-Kurve.9Sie ist somit eine Relation, welche die Arbeitslosenquote und die Quote der offenen Stellen in Beziehung setzt. Beide Quoten sind zeitraumbezogene Durchschnittsgrößen, da die durchschnittliche Zahl der Arbeitslosen (Vakanzen) eines Jahres durch die Zahl der Erwerbspersonen dividiert wird.10

Ihre Lage im u-v-Diagramm signalisiert das Ausmaß der friktionell-strukturellen Kom- ponente der Arbeitslosigkeit. Diese räumliche Lage wird in unserem Modell durch den Quotienten[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]bestimmt. Je größer dieser Quotient ist, desto größer sind die Ver- mittlungsprobleme, desto weiter außen liegt die Beveridge-Kurve, und desto höher ist das Niveau, auf dem sich die Arbeitslosenquote bei jeder gegebenen Zahl von offenen Stellen einpendelt.

[...]


1 Vgl. Landmann, O./ Jerger, J. (1999), S. 49.

2Vgl. Landmann, O./ Jerger, J. (1999), S. 50.

3Vgl. Stellmach, P. (2002), S. 8.f.

4 Franz, W. (2003), S.227.

5 Vgl. Landmann, O./ Jerger, J. (1999), S. 50.

6Vgl. Hall, R.-E. (1979), S. 153-169. ; Barro, R.-J. (1988), S. 32-37. ; Landmann, O./ Jerger, J. (1999), S. 51.ff.

7Landmann, O./ Jerger, J. (1999), S. 53.

8 Vgl. Clark, K./Summers, L.-H. (1979), S. 13-60.

9Benannt nach William H. Lord Beveridge (1879-1963), einem britischen Ökonomen und Regierungsbe- rater.

10 Vgl. Schettkat, R. (1992), S. 396.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Theoretische Interpretation und empirische Anwendung der Beveridge-Relation
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Arbeitsmarkt & Beschäftigung
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
28
Katalognummer
V62639
ISBN (eBook)
9783638558471
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theoretische, Interpretation, Anwendung, Beveridge-Relation, Arbeitsmarkt, Beschäftigung
Arbeit zitieren
Diplom Volkswirt Patrick Roth (Autor), 2003, Theoretische Interpretation und empirische Anwendung der Beveridge-Relation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62639

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