Wer sich mit der Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens beschäftigt, stellt schnell fest, dass man sich getrost auf die Rolle des Öls konzentrieren kann. Zwar gibt es Ansätze weitere Wirtschaftszweige wie zum Beispiel den Tourismus auszubauen. Diese Bereiche kann man angesichts des gigantischen Wirtschaftsfaktors Öl aber vernachlässigen. Deshalb beschäftigt sich diese Arbeit auch fast ausschließlich mit der Rolle des Öls, seiner direkten und indirekten Wirkungen auf die Region und die Politik.
Ich werde als eine zentrale These untersuchen, inwieweit sich die Bedeutung der Region in der Weltpolitik einzig und allein aus dem Ölreichtum der arabischen Halbinsel ableiten lässt. Diese These wurde in den vergangen Jahren insbesondere im Zusammenhang mit dem dritten Golfkrieg, den die USA gegen den Irak führen, immer wieder genannt. Das Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel’ brachte es in einer Titelgeschichte im Januar 2003 auf eine plakative Schlagzeile: „Blut für Öl. Worum es im Irak wirklich geht.“ Die Titelgeschichte versucht zu belegen, dass es den Vereinigten Staaten mit dem Krieg gegen den Irak nicht um die Beseitigung einer Diktatur, die über Massenvernichtungswaffen verfügt, geht, sondern dass die USA eigene wirtschaftliche Interessen verfolgen: Die riesigen Ölvorkommen des Irak.
Natürlich ist diese These nicht erst zu Beginn des dritten Golfkriegs 2003 aufgekommen. Vielmehr haben sich schon sehr viel früher zahlreiche Staatsmänner in dieser Richtung geäußert. Der ehemalige US-Präsident Woodrow Wilson wird mit den Worten „Die Weltgeltung einer Nation wird von ihren Ölschätzen abhängen“ zitiert.
Der ehemalige französische Premierminister Clemenceau soll für sein Land erklärt haben „Ein Tropfen Öl ist uns einen Tropfen Blut wert“. Am deutlichsten wird der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger: „Erdöl ist zu wichtig, als dass man es den Arabern überlassen könnte.“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Betrachtung
2. Öl – Der dominierende Wirtschaftsfaktor
2.1 Bedeutung der Region – Zahlen und Fakten
2.2 Die OPEC
3. Rentier- und Allokationsstaaten
3.1 Rentierstaaten
3.1 Allokationsstaaten
4. Die Rolle des Öls in der Geschichte
5. Auswirkungen auf den politischen Alltag
6. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung des Ölreichtums für die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Staaten im Nahen und Mittleren Osten und hinterfragt, inwieweit die geopolitische Relevanz dieser Region primär auf ihre Ölvorkommen zurückzuführen ist.
- Die Rolle des Öls als primärer Wirtschaftsfaktor in der Golfregion.
- Die Funktionsweise und ökonomischen Auswirkungen von Rentier- und Allokationsstaaten.
- Die historische Entwicklung des Ölmarktes und der Einfluss der OPEC.
- Sozioökonomische Folgen der Rohstoffabhängigkeit und deren Einfluss auf Reformbestrebungen.
- Die geopolitische Abhängigkeit der Industrienationen von den Ölreserven des Nahen Ostens.
Auszug aus dem Buch
3.1 Allokationsstaaten
Wie bereits aus Beblawis Definition deutlich wird, hat der Staat mit hohen externen Einnahmen die Möglichkeit seine Bürger an diesen Einnahmen und damit verbundenem Wohlstand teilhaben zu lassen. Während Nicht-Rentierstaaten, wie sie überall auf der Welt üblich sind, von ihren Bürgern Steuern verlangen müssen, um staatliche Aufgaben wie zum Beispiel die Infrastruktur oder, besonders in westlichen Staaten, die soziale Absicherung zu leisten, können Rentierstaaten auf Steuern verzichten. In ihrem Fall stammen die Einnahmen des Staates aus externen Quellen wie zum Beispiel dem Verkauf von wertvollen Ressourcen.
Allokationsstaaten gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie zahlen ihren Bürgern Zuschüsse, statt ihnen Steuern abzunehmen und lassen sie so an den externen Einnahmen des Staates teilhaben. Längst nicht alle Rentierstaaten sind auch Allokationsstaaten. Diesen Luxus können sich nur die reichsten Rentierstaaten erlauben. In der Region des Nahen und Mittlern Ostens gibt es aber zahlreiche Allokationsstaaten. Diese Form des Staates hat neben den direkten Einflüssen auf den Wohlstand im Land auch indirekte Wirkungen auf politische Entwicklungen der Staaten. „Sie [die Allokationsstaaten, P.V.] können es sich leisten, ihren Bürgern Zuschüsse zukommen zu lassen, anstatt ihnen Steuern abzuverlangen und dafür im Gegenzug politische Forderungen gewärtigen zu müssen, die sich in der Formel No taxation without representation zusammenfassen lassen.“ (Hervorhebungen wie im Original)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Betrachtung: Einführung in die Thematik der wirtschaftlichen Monostruktur der Golfregion und Darlegung der zentralen Forschungsfrage zur Rolle des Öls in der Weltpolitik.
2. Öl – Der dominierende Wirtschaftsfaktor: Analyse der Bedeutung der Region als "Ölprovinz" sowie Erläuterung der Rolle der OPEC als kartellähnliche Organisation.
3. Rentier- und Allokationsstaaten: Erörterung der staatstheoretischen Konzepte von Rentier- und Allokationsstaaten und deren finanzielle Auswirkungen auf die Bevölkerung.
4. Die Rolle des Öls in der Geschichte: Historischer Rückblick auf die Entdeckung der Ölfelder und die strategische Nutzung von Öl als politisches Druckmittel, insbesondere ab den 1970er Jahren.
5. Auswirkungen auf den politischen Alltag: Untersuchung der sozialen und politischen Folgen der Ressourcenabhängigkeit sowie der Klassifizierung der Staaten nach ihrem Wohlstandsniveau.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der ambivalenten Rolle des Öls als "Segen und Fluch" für die regionale Entwicklung und Stabilität.
Schlüsselwörter
Naher Osten, Mittlerer Osten, Erdöl, Ölreserven, OPEC, Rentierstaat, Allokationsstaat, Weltpolitik, Golfregion, Wirtschaftsfaktor, Ressourcenabhängigkeit, Handelsbilanz, Export, Energiebedarf, politische Reformen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die ökonomische und politische Rolle des Erdöls in den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die Bedeutung der Ölreserven, die Funktionsweise der OPEC, das Modell des Rentier- bzw. Allokationsstaats sowie die politischen Konsequenzen der Ressourcenabhängigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu untersuchen, inwieweit die geopolitische Bedeutung der Region tatsächlich ausschließlich auf den Ölreichtum zurückzuführen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine deskriptive Analyse sowie eine literaturgestützte Auswertung von wirtschaftlichen Daten und politischen Modellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die statistische Verteilung der Ölreserven, die kartellistische Macht der OPEC, die staatstheoretische Einordnung als Rentierstaat sowie die historischen Auswirkungen der Ölpolitik auf die Region beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Naher Osten, Ölprovinz, Rentierstaat, Allokationsstaat, OPEC, geopolitisches Gewicht und Ressourcenabhängigkeit.
Wie beeinflusst das Allokationsmodell die politischen Reformen?
Da Allokationsstaaten ihre Bürger durch Transferzahlungen statt durch Steuern finanzieren, entfällt der ökonomische Anreiz für politische Partizipation, was Reformen tendenziell eher unterdrückt.
Warum wird die Region in vier Klassen eingeteilt?
Die Einteilung verdeutlicht, dass nicht alle Staaten der Region gleichermaßen vom Ölreichtum profitieren und zwischen den extrem reichen Hauptölexporteuren und den ärmeren, unterstützungsbedürftigen Staaten differenziert werden muss.
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- Philipp Vetter (Author), 2005, Die Wirtschaft und die Rolle des Öls im Nahen und Mittleren Osten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62794