Die Undurchsichtigkeit der gegenwärtig geführten bildungspolitischen Diskussion nach Pisa ist allgegenwärtig spürbar und vorhanden. Von Bildungspolitik nach Pisa kann eigentlich nicht ausgegangen werden, da klar erkennbare Akteure in der bildungspolitischen Praxis einfach fehlen: es gibt kaum identifizierbare Politiker, keine klaren Programmatiken, es gibt auch keine verlässlich operierenden Ministerien und Verwaltungen. Es gibt vor allem keine Öffentlichkeit mehr, in der die Angelegenheit des Bildungssystems in einer Art und Weise verhandelt werden, die dann in demokratisch legitimierten Formen durch den Gesetzgeber ausgesprochen und geregelt werden. Vor dem Hintergrund dieser bildungspolitisch fragwürdigen Entwicklung sind insbesondere die Ergebnisse der letzten Pisa- Studie zu interpretieren. Hat sich doch gezeigt, dass sich die Chancenungleichheit unter deutschen Schülern noch mehr verschärft hat: in keinem anderen Staat der Welt ist der Schulerfolg so stark von Einkommen und Vorbildung der Eltern abhängig ist wie in Deutschland. Das dreigliedrige Schulsystem ist offenbar nicht in der Lage, das Zusammenspiel von sozialer Herkunft und guten schulischen Lernergebnissen zu durchbrechen. Diese Erkenntnis bezieht sich vor allem auf die Gruppe der Hauptschüler. Gleich von mehreren Seiten werden derzeit Forderungen nach einer Abschaffung der Hauptschule erhoben.
Motiviert zeigt sich der Verfasser dieser Arbeit in der Hinsicht, diese Thematik in das Bezugsfeld von Sozialer Arbeit zu stellen. Die Schulsozialarbeit setzt an einem Widerspruch des Bildungswesens an: einerseits dem Widerspruch zwischen dem demokratischen Gebot gleicher Bildungschancen für alle und andererseits dem von der Schule erwarteten Beitrag zur Legitimation gesellschaftlicher Statusunterschiede. Vor dem Hintergrund einer aus dieser eingegrenzten Problemstellung heraus legitimierten und handelnden Schulsozialarbeit versucht sich der Verfasser diesbezüglich mit der Fragestellung auseinander zu setzen, ob es einerseits unter der gegenwärtigen Bildungsstruktur noch gelingen kann, eine glaubhafte Perspektive für die Hauptschule zu liefern. Und in wie weit kann auf der anderen Seite Schulsozialarbeit intervenieren, um Strukturproblemen und den damit verbundenen Chancenungleichheiten zu begegnen. Kann Schulsozialarbeit überhaupt eine Antwort auf die problematische Strukturfrage sein?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur Strukturproblematik des deutschen Bildungswesens
2.1 Reformdiskussion und Entwicklungsgeschichte
2.2 Beispiele zur Strukturproblematik
2.3 Zur problematischen Situation der Hauptschule
3 Soziale Ungleichheiten im Bildungswesen
3.1 Zum Begriff der sozialen Ungleichheit
3.2 Ungleiche Bildungschancen
3.3 Erklärungsmodelle zur Chancenungleichheit
4 Die Situation des "Hauptschülers"
4.1 Schulische und soziokulturelle Lebenslagen
5 Soziale Arbeit und Schule
5.1 Soziale Arbeit
5.1.1 Jugendhilfe und Schule
5.1.2 Schulsozialarbeit: ein Definitionsversuch
5.2 Schulsozialarbeiterische Grundkonzepte
5.2.1 Sozialarbeit in der Schule
5.2.2 Sozialpädagogik in der Schule
5.2.3 Sozialpädagogische Schule
5.3 Aktuelle Konzepte der Schulsozialarbeit
6 Beispiele sozialarbeiterischer Reichweite
6.1 Ziele der Schulsozialarbeit
6.2 Übersicht möglicher Aufgabenkomplexe
6.2.1 Die soziale Gruppenarbeit
6.2.2 Die Einzelfallhilfe
6.3 Grenzen der Schulsozialarbeit
7 Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Widerspruch zwischen dem demokratischen Gebot gleicher Bildungschancen und der Funktion der Schule als Legitimationsinstanz für soziale Statusunterschiede, mit Fokus auf der Rolle der Schulsozialarbeit an Hauptschulen.
- Strukturproblematik des deutschen Bildungswesens
- Soziale Ungleichheit und ihre Auswirkungen auf den Bildungserfolg
- Lebenslagen und Problematiken von Hauptschülern
- Konzepte und Ansätze der Schulsozialarbeit
- Reichweite und Grenzen sozialarbeiterischer Interventionen in der Schule
Auszug aus dem Buch
2.3 Zur problematischen Situation der Hauptschule
Im Bezug auf die Pisa – Studie wurde der enge Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialer Herkunft in Deutschland belegt und auf große Probleme im unteren Bildungsbereich aufmerksam gemacht: fast ein Viertel der Fünfzehnjährigen in Deutschland gehört zu der Gruppe schwacher oder extrem schwacher Leser. Dieses Ergebnis betrifft besonders die Hauptschüler. PISA hat demnach deutlich gemacht, dass ein entscheidendes Risikopotenzial in der Hauptschule liegt. Der genaue Wortlaut im Text der PISA- Studie lautet:
„Erwartungsgemäß ist ebenfalls der Befund, dass sich die Gruppe der 15-Jährigen, die die Kompetenzstufe I (in der Lesefähigkeit) nicht erreichen, überwiegend aus Schülerinnen und Schüler aus Haupt- und Sonderschulen zusammensetzt; etwa 34% dieser Jugendlichen besuchen Sonderschulen, und weitere 50 % sind in den Hauptschulen zu finden“.(PISA 2000, S.117, hier zitiert von Brenner, 2006, S. 40)
Nach BRENNER sind die Hauptschulen zum Sammelbecken für "Risikogruppen" geworden. Die hierfür relevanten Ursachenbegründungen reichen bis in die sechziger Jahre zurück, als die Hauptschule flächendeckend zu einer „[…] weiterführenden Schule mit eigenständigem Profil […]“ (Schulz, 2000, S.71) in der Bundesrepublik eingeführt wurden. Sie ersetzte die alte Oberstufe der Volksschule. Dadurch sollte eine neue Schülerschaft angesprochen werden, der mehr als nur die Möglichkeit einer volkstümlichen Bildung zugestanden wurde. Vorbereitend geschah dies im Hinblick auf veränderte Anforderungen der modernen Wirtschafts- und Arbeitswelt. Dennoch ist die Hauptschule in den meisten Gebieten zur Restschule verkommen, die zum Sammelbecken für all diejenigen geworden ist, die den Anforderungen des Schulsystems nur mit Mühe oder überhaupt nicht mehr gerecht werden können. (vgl. Brenner, 2006, S. 41)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die bildungspolitische Unsicherheit nach der PISA-Studie und skizziert die Rolle der Schulsozialarbeit angesichts der Chancenungleichheit an Hauptschulen.
2 Zur Strukturproblematik des deutschen Bildungswesens: Das Kapitel analysiert die historische Reformdiskussion und die strukturelle Komplexität sowie die problematische Situation des Hauptschulwesens in Deutschland.
3 Soziale Ungleichheiten im Bildungswesen: Hier werden der Begriff der sozialen Ungleichheit definiert und die ungleichen Bildungschancen durch verschiedene Erklärungsmodelle wissenschaftlich fundiert.
4 Die Situation des "Hauptschülers": Dieses Kapitel beschreibt die schulischen und soziokulturellen Lebenslagen von Jugendlichen in Hauptschulen und die damit verbundenen Risikofaktoren.
5 Soziale Arbeit und Schule: Es werden Grundlagen der Sozialen Arbeit, gesetzliche Aufträge und verschiedene definitorische Ansätze sowie Konzepte der Schulsozialarbeit vorgestellt.
6 Beispiele sozialarbeiterischer Reichweite: Dieses Kapitel erläutert Ziele, konkrete Aufgabenkomplexe wie Gruppenarbeit und Einzelfallhilfe sowie die Grenzen schulsozialarbeiterischer Interventionen.
7 Schlusswort: Das Schlusswort zieht eine kritische Bilanz über das Potenzial und die strukturellen Limitationen der Schulsozialarbeit im Kontext der deutschen Bildungsstruktur.
Schlüsselwörter
Schulsozialarbeit, Hauptschule, soziale Ungleichheit, Bildungschancen, PISA-Studie, Bildungssystem, Bildungsreform, Risikogruppen, Soziale Arbeit, Jugendhilfe, Chancenungleichheit, Sozialisation, Strukturproblematik, Integration, Einzelfallhilfe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Situation der Hauptschule innerhalb des deutschen Bildungssystems unter Berücksichtigung der durch die PISA-Studie verdeutlichten sozialen Ungleichheiten und untersucht die Reichweite sowie die Möglichkeiten der Schulsozialarbeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Strukturproblematik des Bildungswesens, die soziale Herkunft als Faktor für Bildungserfolg, die Lebenslagen von Hauptschülern sowie die verschiedenen Konzepte und Einsatzgebiete der Schulsozialarbeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, ob Schulsozialarbeit eine glaubhafte Perspektive für die Hauptschule bieten kann und inwieweit sie in der Lage ist, auf strukturelle Probleme und Chancenungleichheiten zu intervenieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Verfasser?
Der Verfasser nutzt eine Literaturanalyse und den Rückgriff auf einschlägige sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse, um die aktuelle Situation und Konzepte der Schulsozialarbeit kritisch zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Komplexe: Die Analyse der bildungspolitischen Strukturproblematik und der Situation der Hauptschule sowie die Vorstellung verschiedener Konzepte der Schulsozialarbeit inklusive praktischer Beispiele für deren Reichweite.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Schulsozialarbeit, Hauptschule, soziale Ungleichheit, Bildungschancen, Chancenungleichheit, Soziale Arbeit und Bildungsreform.
Welche Bedeutung hat das "Becksche Individualisierungstheorem" für Hauptschüler?
Das Theorem verdeutlicht, dass die Herauslösung aus traditionellen Bindungen für Hauptschüler mit geringem sozialen und kulturellen Kapital neue Widersprüche und ein höheres Risiko des Scheiterns erzeugt.
Warum grenzen sich Schulsozialarbeiter als "kritisches Korrektiv" ab?
Da Schulsozialarbeit in einer konkurrierenden Beziehung zur Institution Schule steht, versteht sie sich aus einer gewissen Distanz heraus als Korrektiv, um die Bedürfnisse der benachteiligten Schüler in den Mittelpunkt zu stellen, ohne die Schule grundsätzlich abzulehnen.
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- Jens Moldenhauer (Author), 2006, Konfliktfeld Schule - Überlegungen zur Reichweite sozialarbeiterischer Intervention in Hauptschulen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62816