Tourismus in Entwicklungsländern


Seminararbeit, 2005

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einführung

2 Allgemeine Aspekte zu Entwicklungsländern
2.1 Der Begriff der „Entwicklung“
2.2 Kennzeichen und Klassifizierung von Entwicklungsländern

3 Tourismus in Entwicklungsländern - Neokolonialismus oder ein Beitrag zur Überwindung von Unterentwicklung?
3.1 Entwicklungstheoretische Ansätze: Modernisierungstheorie und Dependenztheorie
3.2 Quantitatives Touristenaufkommen in Entwicklungsländern und der Begriff des Tourismus
3.2.1 Hintergründe der steigenden Touristenströme
3.2.2 Definition des Tourismus
3.3 Ökonomische Effekte des Tourismus
3.3.1 Investitionen und Infrastruktur
3.3.2 Devisen
3.3.3 Beschäftigung und Einkommen
3.3.4 Regionale Nivellierungseffekte am Beispiel Mexiko
3.3.5 Ergänzung: Die Rolle von internationalen Organisatio- nen und GATT für den Entwicklungsländertourismus..
3.4 Sozio-kulturelle Auswirkungen
3.4.1„Völkerverständigung“, Akkulturations- und Demonstrationseffekt
3.4.2 Sextourismus und Prostitution am Beispiel Thailand
3.5 Ökologische Auswirkungen

4 Zusammenfassung und Bewertung

5 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Beispielrechnung für Sickerraten anhand zweier Pauschalreisen nach Südamerika

Abb. 2 Die ab 1972 errichtete Hotelzone von Cancún in Mexiko - Beispiel für die Inwertsetzung von Peripherräumen

Abb. 3 Karte der Touristensiedlung einschließlich neu gebauter Infrastruktur (Straßen, Flughafen) und des 8 km langen Hotelstreifens

Abb. 4 Schülerinnen aus dem Nachbardorf, die den Touristen in einem Hotel auf Java „traditionelle“ indonesische Tänze vorführen

Abb. 5 Die Flugreise ans Urlaubsziel ist eines der ökologischen Haupt- probleme des Entwicklungsländertourismus und Mitverursacher des derzeitigen klimatischen Wandels

1 Einführung

„Wenigstens im Urlaub sollte man sich alle Freiheiten gönnen…“: So wird im aktuellen DERTOUR Afrika-Katalog um Kunden geworben, die die schönsten Tage des Jahres fernab von Deutschland, fernab vom Stress verbringen wollen. Eine sorgenfreie, luxuriöse Reise zum Sparpreis in exotischer Landschaft soll geboten werden und tatsächlich gibt es Länder, deren Tourismusangebot jenen Ansprüchen nachkommt. Zum Großteil handelt es sich hierbei um Entwicklungs- länder, die in den letzten Jahren und Dekaden einen stetig wachsenden Zustrom von Besuchern aus den Industrieländern verzeichnen konnten1. Für die bereisten Länder bringen die großen Touristenzahlen sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich. Manches Entwicklungsland verspricht sich vom Tourismus einen Beitrag zur Überwindung seiner Unterentwicklung, während Kritiker den Fremdenverkehr z.T. als Neokolonialismus, also als eine Art moderne „Ausprägung des Imperialis- mus“2, sehen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, beide Seiten des Fernreisens kritisch zu beleuchten, entwicklungsfördernde und -hemmende Faktoren heraus- zuarbeiten und diese anhand von einigen Fallbeispielen zu veranschaulichen. Dem Hauptteil vorangestellt werden noch einige allgemeine Aspekte zu Entwick- lungsländern; den Schluss der Arbeit bildet eine Bewertung der dargelegten Argumente.

2 Allgemeine Aspekte zu Entwicklungsländern

2.1 Der Begriff der „Entwicklung“

Bei der Auseinandersetzung mit Entwicklungsländern ist es unumgänglich, Be- griff und Bedeutung von Entwicklung genauer zu untersuchen. Problematisch hierbei ist, dass keine allgemeingültige Definition existiert. Unterschiedliche Sicht- weisen in Wissenschaft und Politik bedingen einen vielfältigen Bedeutungsgehalt; außerdem richtet er sich auch nach „individuellen und kollektiven Wertvorstel- lungen“3, was „Entwicklung“ zu einem normativen Begriff macht. In der Debatte der zwei großen Entwicklungstheorien wird Unterentwicklung zum einen als zu durchlaufendes Stadium eines Landes (Modernisierungstheorie), zum anderen als strukturelle Abhängigkeit von anderen Staaten (Dependenztheorie) verstan- den, was aber später noch näher erläutert wird. Weiterhin ändern sich sowohl Konnotation als auch akademischer Vorstellungsinhalt im Laufe der Zeit: Wäh- rend im UN-Bericht von 1951 Entwicklung noch mit Wirtschaftswachstum gleich- gesetzt wird, kommen zunächst in den 60er Jahren die soziale Komponente, in den 70er Jahren die Grundbedürfnisse der Menschen und in den 80er und 90er Jahren schließlich ökologische Aspekte vermehrt zum Tragen. „Qualität des Wachstums“ und „nachhaltige Entwicklung“ werden Schlagwörter bei der Lösung des globalen Problems der Unterentwicklung.4

2.2 Kennzeichen und Klassifizierung von Entwicklungsländern

Der ehemals geläufige Begriff „Dritte Welt“ hat seit der Hinfälligkeit der „Zweiten Welt“, der sozialistischen Industriestaaten im Osten, an Bedeutung verloren.5 Wesentlich häufiger findet man die Bezeichnung „Entwicklungsländer“. Kenn- zeichnend für sie ist zunächst ihre Unterentwicklung. Im Groben unterscheidet man exogene strukturelle und endogene Indikatoren bei Entwicklungsländern. Als erstgenannte Merkmale werden die „asymmetrische, sie benachteiligende(…) Einbindung in die int[ernationale] Arbeitsteilung (…)“ und die Ausrichtung der „Produktionsstruktur auf den Weltmarkt und auf die Befriedigung der Bedürfnisse der (…) [Industrieländer]“ sowie ein nicht geschlossener Wirtschaftskreislauf und strukturelle Heterogenität angeführt.6 Zu den endogenen Indikatoren zählt man unter anderem niedriges Pro-Kopf-Einkommen und Bruttosozialprodukt, hetero- gene Einkommens- und Besitzverteilung, geringe Spar- und Investitionsquoten, Dominanz des primären Sektors, hohe Weltmarktabhängigkeit der Preise von meist wenigen Exportgütern, hohe Auslandsverschuldung und Devisenmangel, hohe Arbeitslosigkeit, schlechte Infrastruktur und eine zum Teil prekäre Ernäh- rungslage. Zusätzlich werden noch demographische Besonderheiten wie hohes Bevölkerungswachstum, geringe Lebenserwartung oder Landflucht und Ver- städterung und soziokulturelle Merkmale wie schlechte Schul- und Ausbildung, unzureichende ärztliche und hygienische Versorgung, Frauenbenachteiligung, traditionelle Gemeinschaftsformen und politische Instabilität herangezogen, wo- bei letztere zum Teil schwer erfassbar sind. In Ergänzung könnte man noch auf ökologische Besonderheiten von Entwicklungsländern eingehen wie die Elimina- tion der Primärvegetation oder Wasserknappheit und -verschmutzung, doch sol- len die hier aufgeführten Punkte nur eine Auswahl aus einem großen Katalog sein.7

Auf die Frage, welche Kriterien ein Staat erfüllen muss, um als Entwicklungsland eingestuft zu werden, gibt es keine eindeutige Antwort, da es sehr unterschied- liche Methoden zur Klassifizierung gibt. Als Beispiele seien hier nur zwei Wege der Einteilung kurz vorgestellt. Die Weltbank, die für die Zuteilung von Krediten an unterentwickelte Länder zuständig ist, teilt auf der Grundlage des Bruttonatio- naleinkommens pro Einwohner Entwicklungsländer in drei Kategorien ein. Im Gegensatz dazu werden bei der Klassifizierung durch die UN neben ökono- mischen Größen auch ein „erweiterter Index des Lebensstandards“8 einbezogen, auf dessen Basis unter anderem eine Einstufung von 49 Ländern (im Jahr 2001) als am wenigsten entwickelte Länder (least developed countries, LDCs) ge- schah.9 Seit 1990 wird vom UN-Development Program (UNDP) der Human De- velopment Index (HDI) verwendet, der durch relative Indikatoren wie Lebenser- wartung, Wissen und Lebensstandard den „Stand menschlicher Entwicklung“10 misst. Die möglichen Werte des HDI liegen zwischen 0 und 1 und je nach Wert eines Landes wird es einer von drei verschiedenen Entwicklungskategorien zugewiesen.11 Demnach sind fast 75% der Länder, also rund 160 Staaten unse- rer Erde, Entwicklungsländer; ihre Einwohner stellen zwei Drittel der Weltbevölke- rung, obwohl ihr Anteil am Weltbruttosozialprodukt mit etwa 20% in keinem Verhältnis zum demographischen Übergewicht steht.12

3 Tourismus in Entwicklungsländern - Neokolonialismus oder ein Beitrag zur Überwindung von Unterentwicklung?

3.1 Entwicklungstheoretische Ansätze: Modernisierungstheorie und Dependenztheorie

Um Entwicklung herbeizuführen ist es nicht nur wichtig, sich klarzumachen, was das überhaupt bedeutet, sondern nicht minder relevant ist die Frage: Was sind die Ursachen von Unterentwicklung und wie kann sie überwunden werden? Wiederum soll und kann dieses komplexe Themenfeld im Rahmen dieser Arbeit nur kurz anhand der zwei wichtigsten und einflussreichsten Theorieansätze ange- gangen werden. Das in den 50er und 60er Jahren wohl größte Gewicht ist der „ökonomisch ausgerichteten“13 Modernisierungstheorie beizumessen, die von W. Rostow begründet wurde. Unterentwicklung wird gesehen als Rückständigkeit der Entwicklungsländer und ist somit endogener Natur.14 Entsprechende Staaten befinden sich in einem Stadium, das jedes Land in einem „Prozess der Nach- ahmung und der Angleichung unterentwickelter Gesellschaften an die entwickel- ten Gesellschaften“15 zu durchlaufen hat. Entwicklung ist somit an Industria- lisierung gebunden und ihre Geschwindigkeit hängt ab von der jeweiligen Verfüg- barkeit von Ressourcen, Kapital und Arbeit und deren Inwertsetzung. Die eigent- lichen Ursachen der Unterentwicklung bleiben in der Modernisierungstheorie weitgehend unreflektiert.16

Mitte der 60er Jahre bildete sich als Gegenpol zur Modernisierungstheorie die Dependenz- oder Abhängigkeitstheorie heraus. Unterentwicklung ist demnach die „Konsequenz einer sehr effizienten Integration der (…) [Entwicklungsländer]

(…) in den von den kapitalistischen (…) [Industrieländern] (…) beherrschten Weltmarkt“17 in einer die Entwicklungsländer entschieden benachteiligenden Wei- se. Die aus marxistischer Sicht durch den Neokolonialismus herbeigeführten „po- litischen und außenwirtschaftlichen Abhängigkeiten“18 sind somit exogene Ur- sachen von Unterentwicklung. Der Anfang dieser Dependenz vieler Entwick- lungsländer liegt freilich in der Kolonialzeit, in der sich die Disparitäten zwischen wenigen Metropolen oder Hafenstädten und dem in starkem Maße ausgebeu- teten Hinterland herausgebildet haben. Als Maßnahmen zur Überwindung der Unterentwicklung sieht die Dependenztheorie unter anderem eine Abkopplung der betroffenen Länder vom Weltmarkt vor, was die endogenen Potenziale in Richtung einer in zunehmendem Maße binnenorientierten Entwicklung stärken und bestehende Abhängigkeiten zum Beispiel durch Importsubstitution schwä- chen soll.19

3.2 Quantitatives Touristenaufkommen in Entwicklungsländern und der Begriff des Tourismus

3.2.1 Hintergründe der steigenden Touristenströme

In den 70er und 80er Jahren kam es zu einem rasanten Anstieg von Reisen in ferne Länder und vor allem auch in Entwicklungsländer. Als Gründe hierfür kön- nen die verbesserte Verkehrserschließung durch Großraumflugzeuge, der hohe Lebensstandard und mehr Urlaubszeit der Reisenden aus Industrieländern, zu- nehmende touristische Übernutzung von Zielen vor allem in Europa und nicht zuletzt das günstige Preis-Leistungs-Verhältnis in den Entwicklungsländern selbst angesehen werden.20 Im Jahre 1994 konnten über 27% der internationalen Tou- ristenankünfte (das entspricht einer Zahl von 146 Millionen Reisenden) den Ent- wicklungsländern zugerechnet werden21, 1997 lag der Wert bereits bei 30%22. Die aus dem Tourismus erzielten Deviseneinnahmen stiegen zwischen 1988 und 1994 um 76% auf 94,7 Milliarden US-$, was knapp 28% aller Deviseneinnahmen weltweit entspricht; und auch weiterhin ist mit einer wachsenden Reiselust in Ent- wicklungsländer zu rechnen.23 Jedoch ist zu bedenken, dass die entsprechenden Statistiken zum Teil auf der Grundlage von Schätzungen erstellt worden sind und auch verschiedene Erhebungsmethoden Auswirkungen auf das Ergebnis haben können. Deshalb ist es nötig, sich mit der Definition des Tourismus auseinander- zusetzen.

3.2.2 Definition des Tourismus

Es existieren wohl unzählige Definitionen, deshalb seien hier exemplarisch nur zwei davon herausgegriffen. Im DIE ZEIT-Lexikon24 wird Tourismus als „das mit der modernen Industriegesellschaft verbundene, bes[onders] durch techn[ischen] Fortschritt der Verkehrsmittel geförderte und durch Zunahme von Freizeit, Le- bensalter, Bildung und Konsum ermöglichte sowie durch organisierte Reisean- gebote erleichterte, primär auf die Freizeit bezogene Reiseverhalten zunehmend größerer Bev[ölkerungs]gruppen“ bezeichnet. Zusätzlich werden noch, je nach Reiseziel, Aufenthaltsdauer und weiteren Kriterien, unterschiedliche Formen des Tourismus unterschieden. Die Definition des schweizer Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL) lehnt sich hingegen sehr stark an die der WTO an. Laut BUWAL gilt also als Tourist, wer „ausserhalb der gewohnten Umgebung zu Freizeit-, Sport- oder Geschäftszwecken reis[t] und (…) [sich] dabei nicht länger als ein Jahr ohne Unterbruch am gewählten Ort (…) [aufhält]“25. Man sieht, dass der Fokus hier auf die ‚Entfernung’ aus der ungewohnten Umgebung, den Reisezweck und die Dauer des Aufenthaltes gelegt ist.

In vielen Entwicklungsländern spielt der internationale Tourismus nicht die Haupt- rolle, sondern wird vielmehr durch Erscheinungen wie Grenz-, Pilger- und Bin- nentourismus übertroffen. Erstgenannter dient dem Handel und impliziert deshalb nur kurze Aufenthaltsdauern, kann aber dennoch, je nach Erfassungsmethode, in die Statistik mit einfließen. Quantitativ am bedeutendsten ist nahezu überall der Binnentourismus, der nach Schätzungen der WTO zehnmal größer ist als der internationale Tourismus. In Kolumbien zum Beispiel waren 1982 73% der erfassten Touristen Inländer.26

Unser Augenmerk soll hier aber dennoch auf dem internationalen Fremdenverkehr liegen, da dieser in vielen Entwicklungsländern die gravierendsten wirtschaftlichen, sozio-kulturellen und ökologischen Veränderungen bewirkt und für viele Länder trotzdem oder gerade deshalb unverzichtbar geworden ist.

3.3 Ökonomische Effekte des Tourismus

3.3.1 Investitionen und Infrastruktur

Voraussetzung für eine funktionierende Tourismusindustrie sind zunächst ent- sprechende Investitionen im Beherbergungsgewerbe und in der Infrastruktur. Vor allem in der Anfangsphase des boomenden Ferntourismus geschahen diese In- vestitionen in der Hotellerie vorrangig durch transnationale Konzerne der Indust- rieländer, der so genannten „Transnationals“; in einigen Ländern beteiligte sich auch der Staat. In Deutschland zum Beispiel zeichnen sich Touristik Union Inter- national (TUI), ITS und NUR-Touristik durch hohes finanzielles „Engagement“ in Entwicklungsländern aus.27 Vor allem Mitte der 80er Jahre nahm der Anteil aus- ländischen Kapitals zu, da viele Staaten eine investitionsfreundliche Politik betrie- ben28, die vielfach mit Subventionen und daher mit Belastungen der Staatskasse einherging29. Freilich fließen Gelder von großen Reiseveranstaltern und Touristikkonzernen nur in jene Regionen der Reiseländer, in denen hoher Profit zu erwarten ist. So ist es möglich, durch gezielte Investitionslenkung die Entwicklung ganzer Staaten oder zumindest von Teilgebieten im negativen oder positiven Sinne zu beeinflussen.30 In jüngster Zeit jedoch nimmt der Einfluss der Transnationals ab und es werden verstärkt Investitionen von einheimischen Unternehmen getätigt, weil die Gewinne umso höher sind, je mehr inländisches Kapital in der Tourismusbranche involviert ist.31 Beim Bau und Betreiben von Hotel- und Ferienkomplexen werden neue Arbeitsplätze geschaffen, aber durch die enorme Kapitalintensität der Investitionen liegen die Kosten pro geschaffe- nem Arbeitsplatz zum Teil wesentlich höher als in der industriellen Produktion.32 Außerdem verzögert sich die Amortisation des eingesetzten Kapitals häufig er- heblich aufgrund der an vielen Reisezielen vorhandenen, ausgeprägten Saiso- nalität und der dadurch bedingten „geringen Ausnutzung der Anlagen“33. Anhand der „grosse[n] Krisenanfälligkeit touristischer Investitionen“34 wird verständlich, warum nur ausgewählte Länder bei ausländischen Kapitalgebern berücksichtigt werden.

Die vielfach notwendigen Mittel zur Modernisierung der Infrastruktur stellen meist sowohl öffentliche Hand als auch private Investoren bereit35, oft stehen auch Gel- der der Weltbank zur Verfügung36. Ein verbessertes Straßennetz und modernere Flughäfen können zwar zumindest einem Teil der Bevölkerung nutzen, stellen aber doch einen erheblichen Kostenfaktor für den Staat dar.37 Nicht selten wer- den auch Finanzen, die eigentlich dem ganzen Land zu gute kommen sollen, auf touristische Zentren fokussiert38, was eventuell bestehende Disparitäten zumeist nicht abbauen hilft.

3.3.2 Devisen

Der wohl vor allem seitens der Modernisierungstheorie wichtigste Grund zur För- derung des Tourismus in Entwicklungsländer ist die Deviseneinnahme der bereis- ten Länder, welche vorrangig zur Verbesserung der Außenwirtschaftsbilanz ein- gesetzt wird. Diese ist bei Entwicklungsländern fast ausschließlich defizitär und somit auch ein „limitierender Faktor wirtschaftlichen Wachstums“39, da Kapital für entwicklungsfördernde Importe fehlt. Der Grund für die oft desolate außenwirt- schaftliche Lage kann in den schwankenden Exportpreisen von vor allem Roh- stoffen und den sich verschlechternden Terms of Trade gesehen werden, was heißt, dass ein Staat immer mehr exportieren muss und dafür immer weniger im- portieren kann. Die Zufuhr relativ kursschwankungsinvarianter Fremdwährungen stellt daher einen erheblichen Posten in der Zahlungsbilanz vieler unterent- wickelter Staaten dar.40 Nimmt man alle Entwicklungsländer zusammen, so kommen die Deviseneinnahmen aus dem Tourismus im Durchschnitt auf 20% der gesamten Exporteinnahmen eines Staates, in Deutschland sind es zum Ver- gleich 2,8%.41 Die Zahlen schwanken jedoch aufgrund „unterschiedlicher Res- sourcenausstattung, Größe und Wirtschaftskraft“42 von Land zu Land erheblich: In Kenia ist der Tourismus mit (1994) 18,8% an den Waren- und Dienstleistungs- exporten beteiligt, in kleinen Inselstaaten wie den Cayman Inseln übersteigen die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr die Warenexporterlöse um (1992) das Fünfzigfache.43

Maßgeblich zur Linderung der Zahlungsbilanzdefizite sind jedoch nicht die Brutto- als vielmehr die Nettodeviseneinnahmen aus dem Fremdenverkehr. Von Kritikern wie Anhängern der Dependenztheorie wird ins Feld geführt, dass die hohe Ab- hängigkeit kleiner Mikrostaaten von ausländischen Zahlungsmitteln eine enorme Krisenanfälligkeit des Tourismus bedingt. Als Beispiel hierfür kann die politische Instabilität Sri Lankas im Jahr 1983 genannt werden, aufgrund derer die Be- sucherzahlen der Insel abrupt zurückgingen.44 Die vom Tourismus verursachten Ausgaben für Importe überwiegen außerdem zum Teil die Einnahmen an Fremd- währungen und der positive Effekt auf die Zahlungsbilanz verschwindet; betroffen sind hier in geringerem Maße großflächige und bevölkerungsreiche Staaten als stärker kleinere Länder und Inselstaaten, die jedoch ihrerseits aufgrund der mo- nostrukturierten Wirtschaft besonders auf Devisenzuflüsse angewiesen sind.

Folgende Faktoren müssen nach SPREITZHOFER45 bei der Ermittlung des Nettodevisenzuflusses Berücksichtigung finden:

- Kapital und Gewinne, die aufgrund ausländischer Investitionen in die Ge- berländer zurückfließen
- Devisenkosten für den Import von Investitionsgütern für den Tourismus, wie beispielsweise Baustoffe, Möbel, Transportfahrzeuge und Einrich- tungsgegenstände
- Devisenkosten für den Import von Konsumgütern für westlichen Standard gewohnte Touristen, zum Beispiel Butter, Mineralwasser, Fleisch oder in- ternational vertretene Marken wie Coca-Cola und Heineken-Bier
- Ausgaben für Werbung in den Entsendeländern der Touristen
- Gehaltskosten für ausländische „Führungskräfte“ wie Verwaltungsange- stellte oder Personal in der Reiseführung, deren Einkommen meist weit über dem dortigen Landesdurchschnitt liegt

Die Höhe der durch Importe entstandenen Verlustquote an Devisen, der so ge- nannten „Sickerrate“, ist vor allem davon abhängig, inwiefern das Land beim Errichten einer touristischen Infrastruktur eigene Baustoffe und eigenes Know- how verwenden kann, ob das Land über eine ausreichend entwickelte Volkswirt- schaft verfügt, um den Bedürfnissen der Besucher gerecht zu werden, in welchem Maße der Staat in der Lage ist, den Ausbau des Fremdenverkehrs in Ei- genregie zu betreiben und wie viele ausländische Tourismusfachkräfte ins Land geholt werden müssen.46 Je selbstständiger ein Land den Fremdenverkehr be- treibt und je weniger es auf devisenzehrende Importe angewiesen ist, desto kleiner fällt die Sickerrate aus. Oft versuchen die Entwicklungsländer auch, mit Importsubstitution die Nettoeinnahmen an Fremdwährungen zu erhöhen.47

Weiterhin nehmen die Devisenverluste mit zunehmender Entwicklung des Tou- rismus ab, da die Erfahrung in der Branche wächst und mit einhergehender wirtschaftlicher Entwicklung zusehends mehr Leistungen im Land erbracht und mehr Investitions- und Konsumgüter selbst produziert werden können.48 Die Höhe der Sickerrate schwankt bei VORLAUFER49 zwischen 5% im Schwellenland Mexiko und mehr als 50% in karibischen Inselstaaten, nach SPREITZHOFER50 beträgt sie in Südostasien über 50%, während UTHOFF51 die Devisenabflüsse in Ländern Südostasiens auf durchschnittlich ungefähr 25% beziffert. Als Ursache der differierenden Werte können unterschiedliche Berechnungsgrundlagen ange- sehen werden. Als konkretes Beispiel seien hier zwei Pauschalreisen unterschiedlicher Anbieter nach Südamerika genannt, bei denen die Sicker- quoten 65% bzw. 56% des bezahlten Reisepreises betragen (s. Tabelle 1). Vor allem der Flug, der meist von europäischen oder nordamerikanischen Gesell- schaften durchgeführt wird52, sowie Reiseleitung und sonstige Fixkosten schla- gen zu Buche.

[...]


1 VORLAUFER 1996a, S. 8ff.

2 NOHLEN 2002, S. 597

3 NOHLEN 2002, S. 227

4 NOHLEN 2002, S. 227ff.

5 SCHRETTENBRUNNER 2000, S. 242ff.

6 NOHLEN 2002, S. 234

7 SCHRETTENBRUNNER 2000, S. 248ff.

8 ZEITVERLAG GERD BUCERIUS 2005, Band 4, S. 223

9 ZEITVERLAG GERD BUCERIUS 2005, Band 4, S. 222f.

10 NOHLEN 2002, S. 365

11 NOHLEN 2002, S. 365f.

12 SCHRETTENBRUNNER 2000, S. 241

13 SCHRETTENBRUNNER 2000, S. 245

14 SCHRETTENBRUNNER 2000, S. 245f.

15 NOHLEN 2002, S. 572

16 NOHLEN 2002, S. 572f.

17 NOHLEN 2002, S. 181

18 SCHRETTENBRUNNER 2000, S. 246

19 SCHRETTENBRUNNER 2000, S. 246

20 GORMSEN 1996, S. 11 und S. 20f.

21 VORLAUFER 1996a, S. 9

22 NOHLEN 2002, S. 795

23 VORLAUFER 1996a, S. 8f.

24 ZEITVERLAG GERD BUCERIUS 2005, Band 15, S. 14

25 www.umwelt-schweiz.ch/buwal/de/fachgebiete/fg_landinfra/freizeit/lust_auf_landschaft/ def_tourismus/ Zugriff 19.11.2005, 10:30

26 GORMSEN 1996, S. 16

27 VORLAUFER 1996a, S. 84

28 VORLAUFER 1996a, S. 107

29 THIEßEN 1993, S. 40

30 VORLAUFER 1996a, S. 107 und S. 84f.

31 NOHLEN 2002, S. 795

32 THIEßEN 1993, S. 38

33 MÄDER 1980, S. 19

34 MÄDER 1980, S. 21

35 NOHLEN 2002, S. 795

36 MÄDER 1980, S. 22

37 THIEßEN 1993, S. 40

38 MÄDER 1980, S. 22

39 VORLAUFER 1996b, S. 117

40 VORLAUFER 1996a, S. 132f.

41 SPREITZHOFER 2004, S. 7

42 VORLAUFER 1996a, S. 134

43 VORLAUFER 1996a, S. 134ff.

44 VORLAUFER 1984, S. 93

45 2004, S. 7

46 VORLAUFER 1984, S. 85ff.

47 VORLAUFER 1996a, S. 136f.

48 UTHOFF 1996, S. 90

49 1996a, S. 138

50 2004, S. 7

51 1996, S. 90

52 MÄDER 1980, S. 15

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Tourismus in Entwicklungsländern
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V62947
ISBN (eBook)
9783638560894
ISBN (Buch)
9783638683357
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand
Schlagworte
Tourismus, Entwicklungsländern, Thema Tourismus
Arbeit zitieren
Christoph Schmidt (Autor:in), 2005, Tourismus in Entwicklungsländern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62947

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