Moderne Zeiten - Die Bedeutung der Zeit im Leben der Menschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Die Zeit und der Mensch oder die Frage, warum wir so leben, wie wir leben

Eine Grundschulklasse in den 80er Jahren, katholischer Religionsunterricht. Das 1. Gebot steht auf den Stundenplan: Du sollst dir keine Götter neben mir machen. In grellen Farben illustriert das Schulbuch die diversen Götzen unserer modernen Gesellschaft: Geld, vor allem das, neue technologische „Spielzeuge“, Computer, Gameboys etc.[1] Doch all dies soll nicht Thema der Stunde sein, denn ihr Religionslehrer versucht den Neun- bis Zehnjährigen nahe zubringen, dass die Menschen sich ein viel größeres und einflussreicheres Idol erschaffen haben, das ihre Welt in unvorstellbarem Ausmaß regelt und kontrolliert: die Uhr. Die Kinder werden zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstehen, was er unter dem „Diktat des Uhrzeigers“ versteht, und sie werden sich auch (noch) nicht als „Sklaven“ ihrer Uhren sehen. Schließlich war es für viele ein ereignisreicher Moment, als sie sich das erste Mal eine Armbanduhr umschnallten. Wieso also sollten sie dieses vielbegehrte Accessoire nun plötzlich verdammen, wo sie doch jeden Tag – vor allem auch in der Schule – damit konfrontiert wurden, wie unsagbar wichtig, ja geradezu elementar es war, sich der Zeit bewusst zu sein, vor allem dem rechten Zeitpunkt, Pünktlichkeit, der diversen zeitlichen Abschnitte zwischen Unterrichtsbeginn und – ende, den ersehnten Pausen usw.

Eine Art Experiment soll den Kindern helfen, das besorgte Anliegen ihres Lehrers zu verstehen: sie sollen an diesem Nachmittag – nur für ein paar Stunden – ihre Uhren abnehmen, und sich selbst beobachten, wie oft ihr Blick dennoch zu ihrem Handgelenk schweifen wird. Natürlich werden sie unzählige Male auf ihre nicht vorhandenen Uhren blicken, sich jedoch eher über diesen Umstand amüsieren als sich beunruhigen, und vielleicht auch erst sehr viel später verstehen lernen, was ihnen diese Religionsstunde mit auf den Weg geben wollte.

„Natürlich, was Zeit ist, wissen wir alle; sie ist das Allerbekannteste. Sobald wir aber den

Versuch machen, über das Zeitbewusstsein Rechenschaft zu geben, objektive Zeit und

subjektives Zeitbewusstsein in das rechte Verhältnis zu setzen und uns zum

Verständnis zu bringen, wie sich zeitliche Objektivität, also individuelle Objektivität

Überhaupt, im subjektiven Zeitbewusstsein konstituieren kann, ja sowie wir auch

nur den Versuch machen, das rein subjektive Zeitbewusstsein, den phänome-

logischen Gehalt der Zeiterlebnisse einer Analyse unterziehen, verwickeln wir uns

in die sonderbarsten Schwierigkeiten, Widersprüche, Verworrenheiten.“

(Edmund Husserl, 1904)[2]

Seit Anbeginn der Zeit beschäftigt sich der Mensch mit der Frage nach dem Ursprung der Zeit; was ist sie, und wozu ist sie? gibt es einen Raum ohne Zeit, oder eine Zeit ohne Raum? woher kommt sie – und damit in gewisser Weise auch der Mensch – und wohin geht sie?

Schon Augustinus schien über diesen Fragen zu verzweifeln und auch nach ihm scheinen wir noch nicht zu einer befriedigenden Antwort gelangt zu sein. Und obwohl Jeremy Rifkin die Meinung vertritt, wir müssten die Zeit definieren, weil sie uns definiere[3], kann seinem Anspruch in dieser Arbeit verständlicherweise nicht genüge geleistet werden.

Dennoch steht die Zeit im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen, insbesondere ihr Einfluss auf die Menschen, ihr Leben, ihr Miteinander in den verschiedenen Gesellschaften, Kulturen und Politischen Systemen.

Auf die Frage, warum wir so leben, wie wir leben, scheint die Kategorie Zeit äußerst aufschlussreiche und aussagekräftige Erklärungen zu bieten.

Sie begegnet uns in den verschiedensten Bereichen unseres (Zusammen-)Lebens, in der Familie und Partnerschaft, als Arbeits- und als Freizeit, als Uhrzeit in Form von Terminen, Verabredungen, (Fahr-)Plänen und Fristen, als „nationale“ oder regionale und als Welt-Zeit, auf der Suche nach den rechten Zeiten und der verlorenen Zeit, aber auch in der Einsicht unserer eigenen Endlichkeit und der Ungewissheit, was wohl nach unserer Zeit kommen mag.

Nur eine Gesellschaft die sich all diesen Fragekomplexen bewusst ist, und sie als existentiell für ihre Mitglieder erfährt, kann sich effektiv mit dem Verhältnis der Menschen und ihrer Zeit auseinander setzten.

„Zeit ist etwas Grundlegendes. Sie ist das Prinzip, das unserem physisch-biologischen

System zugrunde liegt und es durchdringt. Sie ist die Sprache des Geistes, formt unser

Verhalten und definiert unsere Persönlichkeit.

Zeit ist das Instrument, das Gruppeninteraktion und die Schaffung von Kultur ermöglicht.“[4]

Sofern sich eine Gesellschaft auf der Suche nach dem guten Leben für ihre Mitglieder begreift, wird sie sich zwangsläufig auch mit der Ressource Zeit befassen müssen. Was ist die rechte Zeit einer Gesellschaft und ihrer Individuen, sowohl im Privaten als auch in der Wirtschaft; welche Zeitkulturen sind etabliert, welche Zeitnormen sollen geschaffen werden, und vor allem, wie kann dem in der westlichen Hemisphäre so verbreiteten Unbehagen an unserer modernen Zeit - beispielsweise durch die Etablierung einer demokratischen Zeitpolitik, einer Zeitethik - entgegengewirkt werden?

Denn viele sogenannte Zeitrebellen[5] sehen unsere Kulturen durch die Loslösung ihrer Zeit von den Rhythmen der Natur erkranken, führen viele unsere Zivilisationsprobleme auf eben jene künstlichen Zeitwelten zurück und fordern zu einer Rückkehr zu den natürlichen Zeiten, zur allgemeinen Entschleunigung[6], mit anderen Worten zur (Wieder-)Entdeckung der Langsamkeit auf.

Die wohl wichtigste Erkenntnis (oder vielmehr Einsicht) bei der Beschäftigung mit der Kategorie Zeit ist die Tatsache, dass sie menschengemacht ist, sein Werk und damit – entgegen früherer Philosophen und Wissenschaftler – nichts Absolutes, vom Menschen und seiner Realität Losgelöstes ist.[7] Dennoch gelangen auch heute noch viele intuitiv zu der Annahme, dass ihre Zeit gleichmäßig und damit auch völlig unabhängig von den jeweiligen Ereignissen und Gegebenheiten verfließt. Würde ihre Welt also in einen Dornröschenschlaf verfallen, würde die Zeit demzufolge unbeirrt weiterlaufen, ihren gang nicht unterbrechen.

Die Zeit ist kein (...) empirischer Begriff, der irgend von einer Erfahrung abgezogen

wurde. Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen würde selbst nicht in die

Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellung der Zeit nicht a priori zum Grunde läge. [...]

Die Zeit ist also a priori gegeben.[...]

Die Zeit ist nichts anders, als die Form des inneren Sinnes, d.i. des Anschauens unserer

Selbst und unseres inneren Zustandes.[...]

Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen überhaupt.“

(Immanuel Kant)[8]

Diesem Grundgedanken folgend sollen in den nächsten Kapiteln die diversen Thematiken Eingang finden, die den Menschen im Hinblick auf seine Zeit (seit jeher) beschäftigen. Beginnend mit einem kurzen Überblick über die physisch-biologischen Determinanten unserer eigenen Zeitlichkeit sowie der menschlichen Fähigkeit zur Zeitwahrnehmung und zur Herausbildung eines Zeitbewusstseins, bildet im Folgenden die Geschichte der menschlichen Zeiteinteilung und –messung den Kern der Überlegungen. So kann durch die Betrachtung der verschiedenen – historischen wie modernen – Zeitformen und –kulturen, der jeweiligen Zeitgeber und Zeitvorstellungen ein Bild der gegenwärtigen Gesellschaft gezeichnet werden.

Ausschlaggebend hierbei wird die Funktion der Zeit als soziales Orientierungssystem sein, um abschließend verschiedene Formen, Chancen, Aufgaben und Ziele der aktuellen Zeitpolitik, also neue Zeitkonzepte im Hinblick auf eine gerechtere Verteilung der Ressource Zeit vorzustellen.

I. Die verschiedenen Dimensionen der Zeit im menschlichen Leben

In allem, was wir tun, denken und fühlen kann uns die Zeit begegnen. Im Bewusstsein, dass „es an der Zeit ist“, eine bestimmte Tätigkeit zu verrichten; dass Zeit dabei vielleicht „wie im Fluge vergeht“ oder aber einfach „dahinkriecht“; in der Erinnerung an vergangene Tage oder in der Erwartung künftiger Ereignisse.

Die Zeit bildet so eine der wichtigsten Kategorien im menschlichen (Er-)Leben, tritt auf als ständiger Begleiter oder Mahner.

Wie wir uns mit der Zeit auseinandersetzen hängt jedoch mit verschiedenen Komponenten zusammen, wird definiert durch unser Alter und unsere Erfahrungen, unseren Intellekt und unsere Sprechfähigkeit, aber auch von unserem jeweiligen soziokulturellen Hintergrund, religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen. Trotz dieser verschiedenen Einflussfaktoren, gibt es jedoch gewisse physiologisch-biologische Grundvoraussetzungen und psychische Dimensionen, die den Rahmen für das menschliche Zeitbewusstsein bilden.

1. Zeit und Körperlichkeit – die Physiologische Zeit

Trotz aller kulturellen Unterschiede der Zeitvorstellungen, gibt es nach Pöppel einen Zeittakt[9], der den Erkenntnisprozessen aller Menschen zugrunde liegt. So benötigt das menschliche Gehirn 3 Sekunden, um eingehende Informationen in Erkenntnis und Wissen zu verarbeiten. Neben diesem Zeittakt gibt es zudem noch diverse andere Größen, die in ihrer Zusammensetzung die physiologische oder innere Uhr des Menschen bilden.

So etwa unsere körperlichen Reaktionen auf biologische und klimatische Veränderungen unserer Umgebung, die uns den direkten Einfluss unserer inneren Zeituhr aufweisen: die jahreszeitlich bedingten Stimmungsschwankungen, der lunar beeinflusste Menstruationszyklus, oder aber gewisse tageszeitliche Rhythmen, wie etwa der Wach-Schlafrhythmus von 16 bzw. 8 Stunden.[10]

Dieser Erkenntnis drängt sich die Frage auf, ob es möglicherweise keine innere Uhr ist, die den Lebenstakt des Menschen bestimmt, sondern ob es nicht vielmehr äußere Zeitstrukturen und Perioden sind, an denen sich unser Organismus orientiert. Dies würde nahe liegen, betrachtet man die organischen Funktionsabläufe, die auf den ersten Blick über unseren 24-Stunden-Tag gleichmäßig verteilt scheinen. Versuche haben jedoch gezeigt, dass sich dieser Rhythmus ändert, sofern die Probanten vollständig isoliert werden, d.h. keinerlei Möglichkeit besitzen, an natürlichen wie künstlichen Zeitgebern die Zeit ablesen zu können.[11] Geschieht dies nämlich, kommt es zu einer Verschiebung sowohl des Wach- als auch des Schlafrhythmus, der nun nicht mehr der Erdrotation entspricht, sondern sich in einem freilaufenden 25-Stunden-Zyklus wandelt. Diese, nach Halberg benannte, circadiane Uhr („ungefähr einem Tag entsprechend“)[12] stellt einen im Laufe der Evolution entstanden Schwingungsmechanismus dar, der nur ungefähr dem des astronomischen Tages entspricht. Der Mensch verfügt so also über eine Zeitkonzeption, die den Zeiten seiner Umwelt entspricht und ist so in der Lage, sich vorausschauend auf die natürlichen Zeitenfolgen – Tageszeiten, Mondphasen, Jahreszeiten und Gezeiten- einzustellen.

Der Mensch verfügt somit über gewisse zeitliche Grundkomponenten, die seine Physis direkt beeinflussen. Dieser Erkenntnis Rechnung tragend, widmen sich immer mehr Chronobiologen, Chronopharmakologen usw. der Erforschung des Zusammenhangs beispielsweise von Operationszeiten und dem anschließenden Heilungsprozess, oder versuchen eine Korrelation zwischen der Einnahme von Medikamenten und der jeweiligen Tageszeit herzustellen.[13]

Die genannten Faktoren finden sich bei allen (gesunden) Menschen gleichermaßen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Herkunft. Wie jedoch lässt sich erklären, dass die Menschen, trotz gleicher Ausgangsbedingungen hinsichtlich der physischen Ausprägungen der Zeit, diese dennoch auf so unterschiedliche Art und Weise erfahren und erleben können?

2. Das Zeiterleben – die Psychologische Zeit

Die Psychologie beschäftigt sich hierbei vornehmlich mit dem Phänomen des Zeiterlebens, also dem Umstand, dass die Zeit vom Menschen sowohl zyklisch als auch azyklisch erfahren werden kann, als „vorbeifließend“, „vorbeirasend“ oder aber „dahinkriechend“. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Unterscheidung zwischen der objektiven Zeit und der subjektiven Zeit des Menschen.[14] Erstere tritt uns im Allgemeinen als absolute und unabhängige Größe, als Realität gegenüber, selbst wenn wir uns der Aussagen der Einsteinschen Relativitätstheorie bewusst sind. Die subjektive Zeit jedoch entspricht dem inneren Zeitgefühl („durée“)[15] des Menschen, den individuellen Vorstellungen von der Zeit und ihrem Verlauf. Diese psychologische Zeit, die bestimmt wird durch das intrasubjektive Erleben, Erinnern und Erwarten der Zeit, steht somit in Abhängigkeit von den Inhalten, die die Zeit strukturieren. So wird beispielsweise die Wahrnehmung von Dauer v.a. von der positiven bzw. negativen Wertung der gemachten Erfahrungen geprägt. Robert Ornstein[16] weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass positive Erfahrungen im menschlichen Gehirn besser organisiert werden als negative; je besser eine Erinnerungseinheit organisiert ist, desto kleinere Speichergrößen besetzt diese. Dies führt dazu, dass die positiven Erfahrungen, die weniger Platz auf der Hirnrinde einnehmen als die negativen, dadurch auch als viel kürzer erlebt werden, so als hätten sie im Vergleich viel weniger Zeit beansprucht, als sie dies „objektiv“ (im Sinne der gemessenen Zeit) taten.

[...]


[1] Man beachte die Tatsache, dass es bis zu unserer Eroberung von/ durch „Handys“, x-boxes, Internet, iPods, mp3, GPS-

Systemen fürs Fahrrad usw., noch einige Jahre dauern sollte.

[2] Zitiert aus Huth, Volkhard, Zeit ist mit dem Himmel entstanden, 2003; S. 31.

[3] Rifkin, Jeremy, Uhrwerk Universum, 1988; S. 11.

[4] Ebd., S. 9.

[5] Rifkin, Uhrwerk, 1988; S. 13.

[6] Es scheint in diesem Zusammenhang fast symptomatisch, dass das hier verwendete Rechtschreibprogramm den Begriff

der „Entschleunigung“ nicht „kannte“.

[7] Götze, Lutz, Zeitkulturen, 2004; S. 55; Simsa, Ruth, Wem gehört die Zeit, 1996; S. 14.

[8] Götze, Zeitkulturen, S. 53.

[9] Vgl. Aschoff, Jürgen, Die Zeit – Dauer und Augenblick, 1998; S. 158f.

[10] Aschoff, Jürgen, Die innere Uhr des Menschen, in: Gumin/Meier, 1998; S. 134f.

[11] ebd., S. 137; Levine, Robert, Eine Landkarte der Zeit, 1998; S. 59.

[12] Aschoff, Die innere Uhr, in: Gumin/Meier; S. 137.

[13] Rifkin, Uhrwerk; S. 50ff.

[14] Stanko, Lucia/ Jürgen Ribert, Zeit als Kategorie in den Sozialwissenschaften, 1994; S. 14.

[15] Nach Bergson; vgl. Stanko, S. 15.

[16] Levine, S. 71f.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Moderne Zeiten - Die Bedeutung der Zeit im Leben der Menschen
Hochschule
Universität Augsburg  (Institut für Politikwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
31
Katalognummer
V62950
ISBN (eBook)
9783638560924
ISBN (Buch)
9783638843898
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moderne, Zeiten, Bedeutung, Zeit, Leben, Menschen
Arbeit zitieren
Diplom-Politologin Daniela Keppeler (Autor), 2005, Moderne Zeiten - Die Bedeutung der Zeit im Leben der Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62950

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