Was ist das 'Moralische' an den Wochenschriften und wie wird es vermittelt?


Rezension / Literaturbericht, 2006

1 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Was ist das „Moralische“ an den Wochenschriften und wie wird es vermittelt?

Beide Wochenschriften, sowohl Die Matrone von Johann Georg Hamann als auch Der Biedermann von Johann Christoph Gottsched, werden von einer fiktiven Verfasserfigur geschrieben, auf die bereits der Titel der jeweiligen Zeitschrift hinweist. Die erste Ausgabe beider Wochenschriften dient dazu, dem Leser die Intention, die Funktion und die Vorgehensweise der Zeitschrift nahe zulegen, alle weiteren Aufmachungen sind sich meist sehr ähnlich: Einem kurzen Motto am Anfang folgen fortlaufende Texte zu einem bestimmten Thema, gelegentlich werden aber auch fingierte Leserbriefe[1] oder eingefügte Gedichte[2] abgedruckt. Die behandelten Themen sind dabei äußerst vielfältig: Ausführungen über Religion, Aberglaube, die richtige Kindererziehung- und Ausbildung, oder die galante Lebensführung stehen Exkurse über das Benehmen bei Theateraufführungen oder den Karneval gegenüber.

Das Moralische an den Wochenschriften ist dabei das Nützliche das sie vermitteln wollen, vor allem zielen die Aufsätze darauf ab, durch Einführung einer gewissen Tugend die Sitten der Menschen zu verbessern[3]. Daher schildert auch Gottsched rückwirkend in der letzten Ausgabe des Biedermann seine Absichten darin liegend, „die Unvernunft und das Laster auszurotten, hingegen Verstand und Tugend ... zu befördern[4]. Hamann, bzw. sein alter ego, spricht in der ersten Ausgabe der Matrone hauptsächlich die Jugend an wenn er die Ziele seiner Wochenschrift nennt: „Ich werde ihre gewöhnlichen Fehler anmercken, sie wider Vorurtheile wappnen, und vor gewissen schädlichen Gewohnheiten warnen[5].

Man kann bei der Vermittlung der moralischen Inhalte in den Wochenschriften wohl vom Prinzip des prodesse et delectare sprechen, die Stücke sollen sowohl nützlich sein als auch erfreuen, beide Grundsätze verbinden sich in der Matrone und im Biedermann. Um dies zu erreichen wenden Hamann und Gottsched als reale Autoren ähnliche Methoden an: Unter anderem treten sie zunächst einmal hinter die Maske eines fiktiven Verfassers zurück, der selbst einen tadellosen Charakter besitzt (die Verfasserin der Matrone) bzw. sie führen eine Person aus ihrem vermeintlichen Bekanntenkreis ein, die diese idealen Wesenszüge trägt (Der Freund und Nachbar Sophronicus im Biedermann). Dadurch erreichen sie bereits eine gewisse Glaubwürdigkeit. Die fiktiven Leserbriefe führen dies noch weiter, durch sie wird versucht die Identifikation des realen Lesers zu erreichen, der das Gefühl suggeriert bekommt, aktiv an der Gestaltung der Zeitschrift teilzunehmen.

Eine weitere Variante der Moral-Vermittlung ist die Satire. Gottsched wendet diese etwa bei der Schilderung der Lebensverhältnisse auf der weit entfernt liegenden Phantasieinsel Pamphagonien an[6]: Durch eine derartig ironische Beschreibung der dortigen Lebensverhältnisse und Sitten erreicht der Verfasser eine automatische Ablehnung gegenüber diesen beim Leser.

[...]


[1] Vgl.: Johann Christoph Gottsched: Der Biedermann. Erster u. Zweyter Theil, Leipzig 1727-1729, Bl. 21,

15.09. 1727, S.81f.

[2] Vgl.: Johann Georg Hamann: Die Matrone. 1. Stück, Hamburg 1728, S.207f.

[3] Vgl.: Susanne Niefanger: Schreibstrategien in Moralischen Wochenschriften. Formalstilistische, pragmatische und rhetorische Untersuchungen am Beispiel Gottscheds „Vernünftigen Tadlerinnen“, Tübingen 1997, S. 20ff.

[4] Gottsched: Der Biedermann, Bl. 100, 4.4.1729, S.200.

[5] Hamann: Die Matrone, S. 7.

[6] Gottsched: Der Biedermann, Bl. 15, 11.08.1727, S. 57ff.

Ende der Leseprobe aus 1 Seiten

Details

Titel
Was ist das 'Moralische' an den Wochenschriften und wie wird es vermittelt?
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
1.3
Autor
Jahr
2006
Seiten
1
Katalognummer
V62964
ISBN (eBook)
9783638561051
Dateigröße
354 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moralische, Wochenschriften, Zeitschrift, Aufklärung, 18. Jahrhundert, Moral
Arbeit zitieren
Martin Walter (Autor), 2006, Was ist das 'Moralische' an den Wochenschriften und wie wird es vermittelt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/62964

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