Prosoziales Verhalten und die Entwicklung von Regelverständnis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ein integratives Modell von Peterson, 1982. Prosoziales Verhalten und die Entwicklung von Mitgefühl
(1) “I should help deserving individuals”
(2) „X levels of need“
(3) „The victim must be perceived as dependent on me for help“
(4) “when I can ascertain and perform the necessary behavior”
(5) cost or risk

3. Studie von Eisenberg (1983). Kindliche Unterscheidungen gegenüber potentiellen Hilfeempfängern
3.1 Hypothesen
3.2 Methode
3.3 Fragebogen
3.4 Ergebnisse

4. Studie von Peterson (1984). Welchen Einfluss haben Eltern auf das prosoziale Verhalten ihrer Kinder?
4.1 Hypothesen
4.2 Methode
4.3 Fragebogen
4.4 Ergebnisse

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Grundlage jeder prosozialen Handlung ist, dass der potentielle Helfer Mitgefühl für den Rezipienten entwickelt. Mitgefühl ist eine Reaktion auf die Situation, z. B. eine Notlage, eines anderen Menschen. Eine Definition von Wispe (1991, zitiert nach Ulich, Kienbaum & Volland, 2001) erklärt Mitgefühl als „die erhöhte Empfänglichkeit für das Leiden einer Person, das als etwas zu Linderndes empfunden wird.“

Mitgefühl entsteht als Reaktion auf die Notlage oder den Kummer einer anderen Person und umfasst eine Vielzahl möglicher Gefühlszustände und Gefühlsreaktionen. Gefühlszustände können Bekümmertheit, Beunruhigung, Bedauern, Besorgtheit und Fürsorglichkeit sein. Darin zeigen sich insgesamt individuelle Betroffenheit und Berührtheit, Emotionen, die das Gegenteil von Gleichgültigkeit darstellen (Ulich, Kienbaum & Volland, 2001,S. 4).

Wie und ab welchem Alter entwickelt sich Mitgefühl? Nach Bischof-Köhler (1998, zitiert nach Ulich, Kienbaum & Volland, 2001, S. 5) sind Kinder zu mitfühlenden Reaktionen erst dann in der Lage, wenn sie zwischen sich und anderen unterscheiden können, auf Gesichtsausdrücke anderer reagieren können (Harris, 1992, zitiert nach Ulich, Kienbaum & Volland, 2001, S. 5) und wenn ihnen der Zusammenhang bestimmter Ereignisse und den dazugehörenden Gefühlen schon hinreichend vertraut ist. Diese Voraussetzungen scheinen um die Mitte des zweiten Lebensjahres gegeben zu sein (Ulich, Kienbaum & Volland, 2001, S. 5).

In dieser Arbeit geht es darum, zu zeigen, wie sich prosoziales Verhalten bei Kindern entwickelt und welche Faktoren dabei zusammen wirken. Es ist klar, dass dies ein komplexes Thema ist. Um es einzugrenzen habe ich mich auf die Forschungen von Peterson (u.a., 1982 & 1984) und Eisenberg (1983) beschränkt.

Peterson (u.a., 1982) hat erkannt, dass für das Ausführen prosozialer Handlungen eine Vielzahl von Faktoren zusammen spielen. Die Charakteristik des potentiellen Helfers, des Rezipienten und der Situation beschreibt sie als Einflussfaktoren, die letztendlich das prosoziale Handeln bestimmen. Sie hat diese Faktoren in einem Modell zusammengefasst, das ich in Kapitel 2 näher erläutere.

In Kapitel 3 werde ich die Studie von Eisenberg (1983) vorstellen, die sich mit den kindlichen Unterscheidungen gegenüber potentiellen Hilfeempfängern auseinander gesetzt hat. Der Sinn ihrer Studie bestand darin, zu bestimmen, wem es Kinder vorziehen zu helfen und inwieweit ihr Urteilsvermögen gegenüber potentiellen Rezipienten sich mit dem Alter und der moralischen Entwicklung verändert.

Die Studie von Peterson aus dem Jahre 1984 (Kapitel 4) befasste sich mit dem Einfluss der Eltern auf das prosoziale Verhalten ihrer Kinder. Peterson zeigte in ihrer Studie, inwieweit Eltern kindliches prosoziales Verhalten befürworten oder determinieren. Diese Studie ist eine sinnvolle Ergänzung zu Eisenbergs (1983) Studie, weil sie die Entwicklung prosozialen Verhaltens aus der Sicht der Eltern untersucht.

2. Ein integratives Modell von Peterson, 1982. Prosoziales Verhalten und die Entwicklung von Mitgefühl.

I should help or give to (1) deserving individuals who are in (2) X levels of need, and are (3) dependent on me for help when I can (4) ascertain and perform the necessary behavior and when the (5) cost or risk does not exceed Y amount of my currently available resources. (Peterson, u.a., 1982, S. 202)

Im folgenden werden die einzelnen Komponenten dieses Modells erklärt.

(1) “I should help deserving individuals”

Peterson beginnt ihr Modell von 1982 mit den Worten “I should help deserving individuals”. Laut Forschungen auf dem Gebiet von Gerechtigkeitstheorien steigt das Erkennen von der Verdientheit anderer mit zunehmendem Alter (Damon, 1975, zitiert nach Peterson u.a., 1982). Ebenso dient Gerechtigkeit und Gleichheit dazu, Verdientheit besser einzuschätzen. In einer älteren Studie (Staub, 1970, zitiert nach Peterson u.a., 1982) hat sich gezeigt, dass ältere Kinder ihre Hilfe weniger oft als jüngere Kinder anbieten, wenn das Opfer durch eigenes Verschulden stürzt oder sich beim Spielen verletzt. Offensichtlich glauben ältere Kinder, dass das Opfer für seine Situation selbst verantwortlich ist. Diese Beurteilung führt dazu, dass die Kinder weniger helfen.

(2) „X levels of need“

Der nächste Faktor in Petersons (u.a., 1982) Modell besagt, dass Hilfe geboten werden soll, an „individuals who are in X level of need“. Von den vielen Faktoren, die beim „Hilfe geben“ eine Rolle spielen, ist das Bedürfnis der wichtigste (Moore, 1896; Rheingold et al., 1976, zitiert nach Peterson u.a., 1982).

“Need“ ist die Basis für die Norm der sozialen Verantwortlichkeit (Peterson u.a., 1982). Hier stellt sich die Frage nach dem Grad des Bedürfnisses: Wie bedürftig muss jemand sein, dass ihm geholfen wird?

Verschiedene Autoren haben bereits gezeigt, dass die Großzügigkeit mit dem Bedürfnis des Rezipienten steigt (Berkowitz, 1972; Lerner, 1974b; Leventhal, Weiss & Buttrick, 1972; Pruitt, 1972, zitiert nach Peterson u.a., 1982). Allerdings wurde die Entwicklung einer Einschätzung des Bedürfnisses laut Peterson (u.a., 1982) noch nicht genügend erforscht. Zahlreiche Studien belegen, dass Hilfe geben als Reaktion auf das Bedürfnis mit dem Alter steigt (Elliot & Vasta, 1970; Emler & Rushton, 1974; Handlon & Gross, 1959; Rosenhan, 1969; Wright, 1942, zitiert nach Peterson u.a., 1982).

(3) „The victim must be perceived as dependent on me for help“

Dieser Faktor beinhaltet den Aspekt des Helfenden. Das Opfer muss als „dependent on me for help“ wahrgenommen werden. Der potentielle Helfer muss sich verantwortlich fühlen. In früheren Experimenten, die sich mit prosozialem Verhalten beschäftigt haben, wurde gezeigt, dass Hilfe öfter gewährt wird, wenn das Opfer auf den Helfer angewiesen ist (Berkowitz, 1969, 1970; Horowitz, 1968, zitiert nach Peterson u.a.,1982).

Die Motivation für eine Aufgabe steigt, wenn die Mitglieder eines Teams voneinander abhängig sind (Deutsch, 1949, zitiert nach Peterson u.a., 1982). Viele Forschungen haben gezeigt, dass Verantwortung verwirrend wirken kann, wenn mehrere potentielle Helfer anwesend sind (Darley & Latané, 1968, zitiert nach Peterson u.a., 1982), besonders wenn die Hilfe anderer Anwesender fehlschlägt (Clark & Word, 1972, zitiert nach Peterson u.a., 1982).

In Fällen, in denen das Opfer in seiner Umgebung „gefangen“ ist, wie beispielsweise in einer fahrenden Straßenbahn (Piliavin u.a., 1969, zitiert nach Peterson u.a., 1982) oder direkt vor einem Fußgänger auf dem Gehsteig, wird die Verantwortung zu helfen öfter akzeptiert (Staub und Baer, 1974, zitiert nach Peterson u.a., 1982). Schließlich sagt Staub (1978, zitiert nach Peterson, 1982), dass das Verhältnis zwischen Helfer und Rezipient die Akzeptanz der Abhängigkeit hervorrufen kann.

Man könnte glauben, dass die Fähigkeit, das Bedürfnis zu beurteilen, sich früher entwickelt, als die Fähigkeit, persönliche Verantwortung zu beurteilen. Gerade, wenn kleine Kinder das Bedürfnis zu erkennen scheinen, haben sie möglicherweise noch nicht gelernt, dass von ihnen erwartet wird, jemandem in einer Bedürfnissituation zu helfen (Staub, 1971, 1978, zitiert nach Peterson u.a., 1982). Solange ein Kind noch nicht zu helfen vermag, wird das auch nicht von ihm erwartet werden. Mit wachsender Kompetenz steigt auch das Vermögen, Verantwortung zu beurteilen (Staub, 1970, zitiert nach Peterson u.a., 1982).

(4) “when I can ascertain and perform the necessary behavior”

Die Bereitschaft prosozialer Handlungen nimmt ab, wenn es Probleme gibt das mögliche richtige prosoziale Verhalten von Kindern (Staub & Sherk, 1970, zitiert nach Peterson u.a., 1982) und Erwachsenen (Baron & Byrne, 1977, zitiert nach Peterson u.a., 1982) zu begründen. Hilfe wird gegeben, “when I can ascertain and perform the necessary behavior”. Das Gefühl der eigenen Kompetenz steht also in direkter Verbindung zur tatsächlichen Hilfeleistung. Lenrow (1965, zitiert nach Peterson u.a., 1982) meint, dass Kinder, die Handlungskompetenz erkennen lassen, eher helfen, als Kinder die diese nicht zeigen.

Andere Forscher haben nachgewiesen, dass Gefühle von Kompetenz anscheinend in Beziehung stehen zu der Tendenz, sich mit Verhalten zu engagieren, das anderen nützt (Midlarsky, 1968, 1971, zitiert nach Peterson u.a., 1982). Nach einem Modell zu handeln, könne Hilfe leisten steigern, weil dadurch Informationen verbreitet werden, die beinhalten, wie und wem man hilft (Poulus & Liebert, 1972; Staub, 1971, zitiert nach Peterson u.a., 1982). Die Aussage “ability induced responsibility“ kann hier als eine Art Schlüsselsatz bezeichnet werden (Staub, 1978, zitiert nach Peterson u.a., 1982). Es ist bereits gezeigt worden, dass Kompetenz einen wichtigen Einfluss auf Hilfe geben ausübt. Forscher haben versucht zu bestimmen, wie sich Gefühle von Kompetenz auf natürliche Weise entwickeln und wie sie bei kleinen Kindern trainiert werden können (Bryan, 1972, zitiert nach Peterson u.a., 1982). Die kognitiven und sozialen Fähigkeiten, die Notwendigkeit von Hilfe zu erfassen, unterscheiden sich von den Fähigkeiten, die notwendig sind, um tatsächlich zu handeln.

(5) cost or risk

Die letzte Komponente aus Petersons (u.a., 1982) Modell befasst sich mit den Kosten, die prosoziales Verhalten verursachen. Prosoziales Verhalten gilt theoretisch als inkompatibel zu eigenem Interesse und eigener Überlegung. Praktisch jedoch wird Hilfeleistung von solchen Faktoren beeinflusst (Krebs, 1970; Schwartz, 1977, zitiert nach Peterson u.a., 1982).

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Hilfe leisten und den vermeintlichen Kosten bzw. Nutzen. Beispielsweise geben Kinder eher Süßigkeiten ab, die sie weniger mögen (Zinser & Lydiatt, 1976, zitiert nach Peterson u.a., 1982). Kinder wählen lieber einen Rezipienten aus, der sich revanchieren kann als einen hilfsbedürftigen Rezipienten (Peterson, 1980, zitiert nach Peterson u.a., 1982). Erwachsene verhalten sich ähnlich, sie bevorzugen ebenfalls lieber einen Rezipienten, der nicht hilfsbedürftig ist und Hilfe zurück geben kann vor einem hilfsbedürftigen Empfänger (Peterson & McCommis, 1980, zitiert nach Peterson u.a., 1982). Ebenso melden sich Erwachsene eher freiwillig wenn die Aufgabe leicht ist als schwer (Weyant, 1978, zitiert nach Peterson u.a., 1982), und erhaltene Belohnungen werden eher geteilt, wenn der Wert der Belohnung niedrig als hoch ist (Greenberg, 1978, zitiert nach Peterson u.a., 1982).

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Details

Titel
Prosoziales Verhalten und die Entwicklung von Regelverständnis
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Psychologie)
Veranstaltung
Hauptseminar Entwicklungspsychologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
31
Katalognummer
V63048
ISBN (eBook)
9783638561723
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prosoziales, Verhalten, Entwicklung, Regelverständnis, Hauptseminar, Entwicklungspsychologie
Arbeit zitieren
Magister Artium Christine Scheffler (Autor), 2002, Prosoziales Verhalten und die Entwicklung von Regelverständnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63048

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