Jean-Jacques Rousseau - Kritiker oder Vollender der Aufklärung? Eine Analyse auf der Basis des 'Émile'


Seminararbeit, 2006
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkungen

2. Jean-Jacques Rousseau – Leben und Werk
2.1. Eltern, Kindheit und Lebensstationen
2.2. Die Schriften

3. Jean-Jacques Rousseau – Kritiker oder Vollender der Aufklärung?
3.1. Gesellschafts- und Kulturkritik/Naturbegriff
3.2. Die Vorstellung von Kindheit
3.3. Religion
3.4. Rolle der Frau, Geschlechterkonzeption

4. Fazit

Literaturverzeichnis
A. Quellen
B. Darstellungen

1. Vorbemerkungen

Die Aufklärung gehört zu den Epochen der europäischen Geschichte, die Staaten und Gesellschaften umfassend veränderten. Der Begriff der Aufklärung ist ein multivalenter.

Was ist Aufklärung? Meist wird „Aufklärung“ als ein Epochenbegriff gebraucht, der das 17. und 18. Jahrhundert oder speziell das 18. Jahrhundert umfasst. Tatsächlich gab es in der Zeit von der Glorious Revolution 1688 bis zur Französischen Revolution 1789 - um mit diesen wichtigen Daten einen Zeitrahmen für die Aufklärung im engeren Sinn zu setzen - bereits in wachsendem Maß das Bewusstsein, in einer philosophisch und wissenschaftlich neugeprägten Zeit zu leben. In Frankreich, Italien und Deutschland war vom erleuchteten Jahrhundert die Rede. Im Laufe des 18. Jahrhunderts kam dann das Substantiv „Aufklärung“ in Gebrauch.

In der wohl berühmtesten Definition dessen, was Aufklärung heißt, geht es nicht um eine bestimmte zeitliche Epoche. Immanuel Kant formulierte 1784:: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlossenheit und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen“[1]. „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, ist also der Wahlspruch der Aufklarung.

In der Geschichte der Pädagogik gilt die Aufklärung als das „pädagogische Jahrhundert“[2] und Jean-Jacques Rousseaus „Émile“ als der Klassiker überhaupt.

Rousseau ist einer der meistkommentierten Autoren des 18. Jahrhunderts. Eine große Anzahl bedeutender Schriften hat er vorzuweisen. Wie viele seiner intellektuellen Zeitgenossen hatte er viele Interessen wie u.a. Politik, Philosophie, Botanik, Musik und Pädagogik. In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit Jean-Jacques Rousseau ein Vertreter der Aufklärung war oder als ein Kritiker der Epoche gelten kann. Wo finden sich in seinen Konzepten aufklärerische Ideen? Wo weicht er von der geltenden Meinung ab? Als Grundlage für die Beantwortung der Fragen dient das pädagogische Hauptwerk Rousseaus: „Émile oder über die Erziehung“[3].

„Rousseau ist kein Aufklärer, sondern ein Gegner der Aufklärung“[4], das ist eine Position, die vertreten wird. Der Philosoph Karl Vorländer weist auf die Abstammung Rousseaus aus dem Volk und seine Herkunft aus dem demokratisch-protestantischen Genf hin. Die Grundzüge seiner Theorien seien nicht von der Vernunft geleitet, sondern bestünden aus einem „überschwänglichen Gefühl“. Knapp hundert Jahre später ist auch Werner Schneiders der Ansicht, dass Rousseau „als Kritiker der politischen und kulturellen Zustände in Frankreich zum Kritiker des Absolutismus und der Aufklärung überhaupt“[5] wurde.

Daneben existiert eine andere Sichtweise, die Rousseau in einem anderen Licht erscheinen lässt. Heinz-Otto Sieburg ist der Meinung, dass sich „in Rousseau die französische Aufklärungsbewegung vollendet und zugleich überwunden hat“[6]. Ruhloff spricht von Rousseau als „Vollender“[7] der Aufklärung.

Die Bedeutung der Werke und Ideen Rousseaus und sein Platz in der Geschichte der Aufklärungsbewegung ist umstritten. Da verhält sich die wissenschaftliche Forschung heutiger Prägung nicht anders, als die Zeitgenossen Rousseaus im 18. Jahrhundert.

Auch in seiner Heimatstadt Genf scheint der Umgang mit dem prominenten Bürger auch heute noch Schwierigkeiten zu bereiten. „Rousseau heimatlos“ – so hieß es Anfang 2006 in einem Artikel der FAZ. In Genf wurde zum Ende des letzten Jahres der „Espace Rousseau“, ein kleines Museum im Geburtshaus Rousseaus, geschlossen. Die Gedenkstätte war erst vor einigen Jahren eingerichtet worden. Die Stadt Genf wollte für die Kosten nicht mehr aufkommen. Ein Zusammenschluss mit dem „Musée Rousseau“ in der Genfer Universität scheiterte am Widerstand des Konservators. „Die Rivalitäten zwischen den "Rousseauisten" sind stadtbekannt; ihre Streitereien verhindern, dass der "Citoyen de Genève" in seiner Heimat gebührend gewürdigt wird“[8], fasst die Autorin des Artikels zusammen..

2. Jean-Jacques Rousseau – Leben und Werk

2.1. Eltern, Kindheit und Lebensstationen

Im Jahr 1712 wird Jean-Jacques Rousseau als Sohn eines Uhrmachers in Genf geboren. Einige Tage nach der Geburt stirbt seine Mutter. Auch der Vater tritt bald aus dem Leben des jungen Jean-Jacques. Um einer drohenden Verhaftung zu entgehen floh Vater Isaak nach Nyon. Neuer Vormund wird der Onkel Gabriel Bernard., der seinen Schützling in der Pension des Pastors Lambercier erziehen lässt.[9] Im Alter von zwölf Jahren begann der junge Rousseau eine Lehre bei einem Genfer Gerichtsschreiber, die er nicht beendet. Danach fängt er eine weitere Lehre als Gravierer an. Als er 1728 bei der abendlichen Rückkehr von einem Ausflug die Genfer Stadttore verschlossen vorfand, entscheid er sich auf Wanderschaft zu gehen.

Hier kommt er mit Madame de Warens in Kontakt. Die fromme Frau war zum Katholizismus konvertiert und übte großen Einfluss auf Rousseau aus. Der junge Mann wurde Katholik und schwor dem calvinistischen Lauben ab. Die Warens nahm in auf und wurde Geliebte und Mutter zugleich. Rousseau reiste in den 1730er Jahren quer durch Europa. Zunächst besuchte er erfolglos ein Priesterseminar. Er arbeitete als Musik- und Hauslehrer, Musikant und Schreiber. Rousseau wird 1743 der Sekretär des französischen Botschafters in Venedig. Den Posten übte er nur für ein Jahr aus. Seine Lebensgefährtin Thérèse Levasseur, die als Dienstmagd und Wäscherin arbeitete, lernte er 1745 kennen. Ein Jahr später kam sein erstes Kind zur Welt. Ebenso wie die vier weiteren Nachkommen kam es in ein Findelhaus.

Mit seiner Partnerin Thérèse reiste er 1754 in seine Heimatstadt Genf. Dort nahm er den calvinistischen Glauben wieder an. Krankheiten und Verfolgungswahn kennzeichneten das Leben Rousseaus in den 1760er Jahren. Seine Schriften brachten im wenig Zustimmung ein. Einzelne Werke wurden verboten, er musste mehrfach seinen Wohnort ändern.

Ab 1770 lebte Rousseau wieder in Paris. Die Behörden duldeten dies stillschweigend. Der Marquis de Girardin lud ihn 1778 nach Schloss Ermonsville ein, wo er am 2. Juli 1778 starb. Seine Leiche wurde 1794 in den Pariser Panthéon überführt.

2.2. Die Schriften

„Kein anderer Denker des 18. Jahrhunderts verfasste eine so große Spannbreite von Themen und literarischen Gattungen.“[10] Allein die Quantität der Werke Rousseaus macht es nicht einfach, einen knappen Überblick über seine Schriften zu geben. Seine Werke handeln u.a. von Musik, Botanik, Politik und Pädagogik. Dazu kommen Briefe und Schriften zu aktuellen Themen und Ereignissen seiner Zeit. Auch die große Bedeutung und das qualitative Element vieler schriftlichen Erzeugnisse Rousseaus zwingen den Kommentator zu einer Beschränkung auf das Hauptwerk.

Ausgangspunkt seiner literarischen Karriere war die Abhandlung „Discours sur les sciences et les arts“ (Erster Discours) des Jahres 1750. Auf die Preisfrage der Akademie von Dijon „Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Reinigung der Sitten beigetragen?“ fand Rousseau eine negative Antwort, die ihn über Nacht berühmt machte. Er kritisierte die entartete Kulturgesellschaft. 1754 folgte der zweite Discours, ebenfalls als eine Antwort auf eine Frage der Akademie von Dijon. Im „Discours sur l´origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes“ kommt Rousseaus Kritik an der Aufklärung zum Vorschein. Der Briefroman „La Nouvelle Héloise“ des Jahres 1761 hatte die Liebe zwischen dem bürgerlichen Interlektuellen Saint-Preux zu der adligen Julie d’Étanges zum Thema. Ein Jahr später folgten zwei bedeutende Werke. Der „Contrat social“ setzte neue Maßstäbe in der politischen Philosophie. Der Schlüsselbegriff des Werkes lautet volonté générale. Der Gemeinwille ist die oberste Bedingung der Gesellschaft. Im gleichen Jahr erschient seine zentrale pädagogische Schrift „Emile ou De l’éducation“. In den letzten Jahren seines Lebens arbeitete er an autobiographischen Schriften und seinen Memoiren.

3. Jean-Jacques Rousseau – Kritiker oder Vollender der Aufklärung?.

In der Aufklärung war das Fortschrittsdenken mit positiven Konnotationen belegt. Rousseaus Leistung war es, dass Fortschrittsdenken kritisch zu hinterfragen. Er betrachtete es als Richtschnur für das Leben der Menschen, die sich immer mehr von ihrem Naturzustand entfernt haben. Rousseau stellte die aufklärerische Grundeinstellung, den alleinigen Glauben an die Vernunft des Menschen, in Frage. „Damit erschütterte er die Grundlagen, auf denen das Denken der Aufklärung beruhte“[11], wie Simone Jostock analysiert. Die Identität des einzelnen Menschen rückte Rousseau in den Blickpunkt. Er kann so als Vorkämpfer eines modernen Individualismus gesehen werden. Bei der Analyse sollen vier Themenschwerpunkte und Handlungsfelder im Mittelpunkt stehen:

1. Gesellschafts- und Kulturkritik, Naturbegriff,
2. Kindheit, Phasen der Erziehung
3. Religion,
4. Rolle der Frau, Geschlechterkonzept.

[...]


[1] Immanuel Kant: Was ist Aufklärung?. Berlin 1784.

[2] Herbert Gudjons: Pädagogisches Grundwissen. Regensburg. 82003, S. 105..

[3] Jean-Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Hrsg. von Martin Rang. Stuttgart 1963.

[4] Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Neuzeit, VII. Die französische Aufklärungsphilosophie von Bayle bis Rousseau.. Berlin .1902, S. 128.

[5] Werner Schneiders: Das Zeitalter der Aufklärung. München 1997, S. 74.

[6] Heinz-Otto Sieburg: Geschichte Frankreichs. Stuttgart 51995, S. 172.

[7] Jörg Ruhloff: Jean-Jacques Rousseau. In : Wolfgang Fischer; Dieter-Jürgen Löwisch: Pädagogisches Denken von den Anfängen bis zur Gegenwart. Darmstadt 1989, S.94.

[8] Rousseau heimatlos. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2006, Nr. 22, S. 43

[9] Alfred Schäfer: Jean-Jacques Roussau. Ein pädagogisches Porträt. Weinheim 2002, S. 149f.

[10] Robert Wokler: Rousseau 1999, S. 9.

[11] Simone Jostock: Kindheit in der Moderne und Postmoderne. Opladen 1999, S. 18.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Jean-Jacques Rousseau - Kritiker oder Vollender der Aufklärung? Eine Analyse auf der Basis des 'Émile'
Hochschule
Universität zu Köln  (Seminar für Pädagogik)
Veranstaltung
Klassiker der Pädagogik
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V63145
ISBN (eBook)
9783638562607
ISBN (Buch)
9783638753302
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jean-Jacques, Rousseau, Kritiker, Vollender, Aufklärung, Eine, Analyse, Basis, Klassiker, Pädagogik
Arbeit zitieren
Maik Bubenzer (Autor), 2006, Jean-Jacques Rousseau - Kritiker oder Vollender der Aufklärung? Eine Analyse auf der Basis des 'Émile', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63145

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