Neben Italien ist Spanien wohl das Land in Europa, das auch heute noch am stärksten mit dem Katholizismus identifiziert wird. Die aktuellen Reaktionen in Spanien auf die Anerkennung der Ehe von gleichgeschlechtlichen Partnern, nämlich die Forderungen der Bischöfe an die Bürgermeister, „zivilen Ungehorsam“ zu leisten und die Eheschließungen dieser Paare zu verweigern, veranschaulicht, dass die spanische Katholische Kirche noch heute beansprucht, in Fragen von Moral und des rechten Menschenbilds Normen zu setzen und eine lautstarke Einflussnahme auf die spanische Gesellschaft auszuüben. Sind es heute nur noch Äußerungen appellativen Charakters, die die Kirche an die einzelnen Vertreter des Staates lanciert, so war die Verflechtung von Kirche und Staat im Franco-Regime auch institutionell verankert. Die Katholische Kirche gehörte zu den fundamentalen Stützen des neuen Regimes, welches ihr im Gegenzug ihre alten, in der Republik eingebüßten Privilegien zurückerstattete. Mit Hilfe dieser Machtinstrumente durchdrang die Katholische Kirche die verschiedenen Bereiche des sozialen Lebens. Doch welche Funktionen waren es genau, die die Kirche in jenem Regime, das oft als „klerikalfaschistische Herrschaftsform“ bezeichnet wird, einnahm? Welchergestalt war der Einfluss, den sie auf die Gesellschaft ausübte? Und welche Wirkung hatte dieser Einfluss im täglichen Leben? Diese Arbeit stellt den Versuch dar, die Rolle der Kirche im Franco-Regime zu skizzieren. Dabei lieferte die Darstellung von Walther L. Bernecker zur Religion in Spanien in der Fülle der Literatur zu diesem Thema eine grundlegende Orientierungshilfe. Im Rahmen einer im Wesentlichen chronologischen Darstellung der Entwicklung der Katholischen Kirche wird zunächst die Situation der Kirche nach dem Bürgerkrieg beschrieben. Um die Kodifizierung des Verhältnisses von Staat und Kirche zu erklären, folgt eine Beschreibung des Konkordats und seiner konkreten Auswirkung in Spanien. Dabei muss darauf verzichtet werden, die diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem franquistischen Regime genauer zu erläutern. In den folgenden drei Kapiteln wird die Einflussnahme der Kirche auf die Gesellschaft beleuchtet. Im Einzelnen interessieren uns dabei vier Bereiche: Die Sexualrepression durch die Kirche, das von ihr propagierte Frauenbild, ihre Beziehungen mit der Arbeiterschaft und der Einfluss einer kirchlichen Organisation, des Opus Dei, speziell auf die Wirtschaft. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Situation der Kirche nach dem Bürgerkrieg:
der Nationalkatholizismus
3. Das Konkordat von 1953
4. Kirche und Sexualität
5. Die Kirche und ihr Frauenbild
6. Kirche und Arbeiterschaft
7. Das Opus Dei
8. Die Distanzierung der Kirche vom Staat
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit skizziert die Rolle der katholischen Kirche während des Franco-Regimes in Spanien. Dabei wird untersucht, wie die Kirche als fundamentale Stütze des Regimes institutionell verankert war, ihre Macht instrumentalisierte und welchen Einfluss sie auf das soziale Leben sowie die moralischen Normen der spanischen Gesellschaft ausübte, bis hin zu ihrer sukzessiven Distanzierung vom Staat ab den 1960er Jahren.
- Der Nationalkatholizismus als ideologische und institutionelle Basis des Franco-Regimes.
- Die rechtliche Kodifizierung der Privilegien durch das Konkordat von 1953.
- Kirchliche Einflussnahme auf Sexualmoral, Frauenbild und Arbeiterschaft.
- Die politische und ökonomische Rolle des Opus Dei.
- Die Transformation der Kirche und ihr wachsender Widerstand gegen das Regime ab den 1960er Jahren.
Auszug aus dem Buch
4. Kirche und Sexualität
Eine wichtige Funktion der Kirche seit 1939 war die Zensur. Damit ist nicht nur eine politische Zensur, sondern vor allem eine moralische gemeint. Die Kirche hatte die Rolle vorzuschreiben, was in Spanien dem „guten Anstand“ in den verschiedenen Bereichen des sozialen Lebens entsprach. Dabei fuhr sie erwartungsgemäß einen extrem konservativen Kurs, der Neuerungen grundsätzlich ablehnend gegenüberstand. In den 1957 von Primas Pla y Deniel veröffentlichten Normen für das richtige Verhalten von Pfarrern war das öffentliche Rauchen, der Besuch von Fußballspielen oder Stierkämpfen, von Kinos und Theatern als unschicklich proklamiert und somit verboten. Darüber hinaus stellte der Primas auch für Laien harte Verhaltensregeln auf: Pärchen sollten nicht Arm in Arm auf der Straße gehen, gemeinsames Baden von Männern und Frauen an Stränden und Tanzveranstaltungen, bei denen sich Männer und Frauen berührten, waren verpönt.
In ihrem Kampf für die Sittlichkeit arbeiteten Staat und Kirche Hand in Hand. Die oberste Instanz der Geheimpolizei, die Dirección General de Seguridad, veröffentlichte einen Fünf-Punkte-Katalog, in dem die Kleiderordnung und das Verhalten an Stränden festgeschrieben waren. Die Einhaltung dieser Regeln, wie etwa des Verbots von Sonnenbaden ohne Sonnenschirm oder des Umkleidens außerhalb der dafür bestimmten Kabinen, wurde durch die Zivilgarde überwacht. Erst in den 50er Jahren wurden diese Vorschriften durch den beginnenden Tourismus gelockert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Verflechtung von Staat und Kirche im Franco-Regime ein und umreißt die Forschungsfrage nach den Funktionen und Wirkungen kirchlicher Einflussnahme.
2. Die Situation der Kirche nach dem Bürgerkrieg: der Nationalkatholizismus: Dieses Kapitel erläutert den Aufstieg der Kirche zur tragenden Stütze des neuen Regimes unter dem Begriff des Nationalkatholizismus.
3. Das Konkordat von 1953: Hier wird die rechtliche Festigung der privilegierten Stellung der Kirche durch das Konkordat mit dem Vatikan und dessen politische Auswirkungen analysiert.
4. Kirche und Sexualität: Das Kapitel beschreibt die moralische Zensur und die rigiden kirchlichen Vorschriften zur Sittlichkeit und Sexualität im öffentlichen wie privaten Leben.
5. Die Kirche und ihr Frauenbild: Diese Sektion untersucht die durch die Kirche definierte, untergeordnete Rolle der Frau, die sich primär auf die Mutterschaft reduzierte.
6. Kirche und Arbeiterschaft: Dieses Kapitel beleuchtet den Versuch der Kirche, durch Arbeiterbruderschaften Einfluss auf die durch das Regime unterdrückte Arbeiterschaft zu nehmen.
7. Das Opus Dei: Hier wird der Aufstieg des Opus Dei als einflussreichste und wirtschaftlich mächtige Organisation innerhalb des Franquismus dargestellt.
8. Die Distanzierung der Kirche vom Staat: Dieses Kapitel beschreibt die Wandlung der Kirche ab den 1960er Jahren und ihr zunehmendes Eintreten gegen staatliche Repressionen.
9. Fazit: Das Fazit fasst die Rolle der Kirche als moralische Instanz und ihre Abkehr von der engen Allianz mit dem Franco-Regime am Ende der Ära zusammen.
Schlüsselwörter
Franco-Regime, Katholische Kirche, Nationalkatholizismus, Konkordat von 1953, Spanien, Moral, Zensur, Frauenbild, Arbeiterschaft, Opus Dei, Franquismus, Zweites Vatikanisches Konzil, Widerstand, Staat, Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die enge Symbiose und das Machtverhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Franco-Regime in Spanien zwischen 1936 und 2000.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Etablierung des Nationalkatholizismus, die rechtliche Absicherung der Privilegien durch das Konkordat, moralische Zensur, Geschlechterrollen, Arbeiterbewegung und die politische Ökonomie des Opus Dei.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Rolle der Kirche als Stütze des Regimes sowie ihre Funktionen als Moralinstanz und ihren schrittweisen Wandel hin zur Opposition zu skizzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine weitgehend chronologische historische Darstellung, die auf der Auswertung relevanter Fachliteratur zu Religion und Politik im franquistischen Spanien basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Entstehung des Nationalkatholizismus, der rechtlichen Fixierung durch das Konkordat, der Einflussnahme auf Gesellschaftsbereiche wie Sexualität und Frauenrolle, sowie den Aufstieg des Opus Dei und die spätere Distanzierung der Kirche.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören Franco-Regime, Katholische Kirche, Nationalkatholizismus, Konkordat, Opus Dei und gesellschaftliche Einflussnahme.
Welche Rolle spielte das Opus Dei für das Regime?
Das Opus Dei fungierte als einflussreiche, ordensähnliche Organisation, die ab den späten 50er Jahren durch die Besetzung zentraler Ministerien maßgeblich die wirtschaftliche Liberalisierung und Modernisierung Spaniens vorantrieb.
Was markierte den Wendepunkt im Verhältnis von Kirche und Staat?
Das Zweite Vatikanische Konzil sowie die Versammlung von Priestern und Bischöfen im Jahr 1971 werden als entscheidende Wendepunkte genannt, an denen die Kirche begann, sich vom Regime zu distanzieren und Menschenrechte einzufordern.
- Citation du texte
- Monika Braun (Auteur), 2005, Die Katholische Kirche während des Franco-Regimes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63225