Die Datierung der 2. Lautverschiebung anhand des proprialen Wortschatzes - Erörterung der Methoden und kritische Betrachtung der ersten Belege


Hausarbeit, 2005

25 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Einleitung

B) Hauptteil
1. Stand und Methoden der Forschung
2. Die Datierung mithilfe von Personennamen
2.1. Die Datierung nach Theodor Steche
2.2. Der Name des Alemannenherzogs Butilin
3. Die Datierung mithilfe der Ortsnamen
3.1. Stefan Sonderegger
3.2. Wolfgang Haubrichs
4. Erörterung der ersten Belege aus dem Bereich des proprialen Wortschatzes
4.1. Die St. Gallener Urkunden
4.2. Das Salzburger Verbrüderungsbuch
4.2.1. Belege für verschobene Medien
4.2.2. Belege für verschobene Tenues
4.2.3. Zusammenfassung

C) Fazit
Literaturverzeichnis

A) Einleitung

In dieser Hausarbeit, welche im Rahmen des Seminars "Lautwandel und Lautgeschichte" vom Sommersemester 2005 entstanden ist, möchte ich mich eingehender mit den aktuellen Ergebnissen zur Datierung der 2. Lautverschiebung beschäftigen sowie die ersten Belege des proprialen Wortschatzes für den Lautwandel bei den oberdeutschen Stämmen detailliert darstellen.

Um dies zu leisten, soll zunächst ein Überblick über den derzeitigen Stand der Forschung gegeben und verschiedene Methoden zur Erforschung der 2. Lautverschiebung aufgezeigt und diskutiert werden. An dieser Stelle sollen auch die ersten bekannten Belege für die durchgeführte 2. Lautverschiebung genannt und bezüglich ihrer Aussagefähigkeit kategorisiert werden.

Anschließend möchte ich anhand einer Referierung und Diskussion der Arbeiten Theodor Steches darstellen, auf welche Weise Personennamen zur Datierung der Lautverschiebung herangezogen werden können. Eine gesonderte Betrachtung soll dem kontrovers diskutierten, auch bei Steche erwähnten Namen Butilin anhängen.

Nachfolgend sollen die Methoden und hypothetischen Ergebnisse sowohl von Stefan Sonderegger, der Ortsnamen der deutschsprachigen Schweiz bezüglich der 2. Lautverschiebung untersucht, als auch von Wolfgang Haubrichs, welcher anhand von Ortsnamen die Lautverschiebung im Langobardischen zeitlich zu bestimmen versucht, dargestellt und einer kritischen Betrachtung unterzogen werden.

Das Hauptaugenmerk dieser Hausarbeit soll – wie schon aus dem Titel ersichtlich ist – auf einer Diskussion der Methoden einerseits, ferner jedoch auf einer kritischen Betrachtung der für die Namensforschung relevanten frühen Quellen liegen. Zu diesem Zwecke soll zuerst über die St. Gallener Urkunden und das Salzburger Verbrüderungsbuch referiert, anschließend die dort verzeichneten Namen nach lautverschobenen Konsonanten durchsucht werden, um schließlich eine Deutung in Bezug auf die 2. Lautverschiebung geben zu können.

In allen Teilen der Hausarbeit soll immer wieder thematisiert werden, welche Problematik einer eindeutigen Datierung der 2. Lautverschiebung entgegensteht.

Um dies zu leisten, soll einschlägige Forschungsliteratur verwendet werden, im Besonderen werde ich mich auf die Arbeiten zur 2. Lautverschiebung von Judith Schwerdt beziehen.

B) Hauptteil

1. Stand und Methoden der Forschung

Während eine relative Chronologie der einzelnen Lautverschiebungsvorgänge rekonstruierbar ist[1], bleibt die Suche nach dem Beginn der 2. Lautverschiebung problematisch. Die Forschung ist sich uneins, auf welche Weise der Lautwandel datiert werden sollte. Einige Philologen wie beispielsweise Mitzka oder Theodor Steche versuchen, den ungefähren Zeitraum des Lautwandels mithilfe früher schriftlicher Zeugnisse einzugrenzen, datieren den Eintritt der Lautverschiebung danach allerdings oft noch vor diese Zeit. Andere Argumentationen orientieren sich gar nicht erst an den Belegen, sondern basieren lediglich auf Vermutungen.

Um Spekulationen zu vermeiden, plädiert Schwerdt dafür, methodisch so vorzugehen, dass eine Datierung ausschließlich mithilfe der frühesten Belege durchzuführen sei, "die einer kritischen philologischen Prüfung standhalten".[2] Das bedeutet, dass nur jene sprachlichen Zeugnisse Rückschlüsse auf das Eintreten der 2. Lautverschiebung zulassen, deren Entstehung und Überlieferung bekannt ist, folglich möglichst im Original vorliegen. Martina Pitz und Maria Vòllono stimmen einer quellenkritischen Methode zu, hingegen weisen sie darauf hin, dass der zeitliche Abstand zwischen dem Original und der Kopie eines Zeugnisses mit der Möglichkeit einer sprachlichen Veränderung der Vorlage "offenbar nicht allzu viel zu tun" habe, vielmehr seien es andere Faktoren, die das Textverhalten der Schreiber und Kopisten bestimmen.[3] Sie halten prinzipielle Vorbehalte gegenüber überlieferten sprachlichen Zeugnissen für "nicht angebracht". Die kopial bezeugten Namen müssen jedoch kontrovers diskutiert werden, was im Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich sein kann. Aus diesem Grunde sollen hier nur im Original verzeichnete Namen zur Datierung der Lautverschiebung herangezogen werden.

Allerdings ist auf diese Weise lediglich der Eintritt der 2. Lautverschiebung in der Schriftlichkeit gesichert, "über den Eintritt in der gesprochenen Sprache" – welcher dem in der geschriebenen Sprache stets vorausgeht - kann nur spekuliert werden."[4]

Die Forschung geht jedoch davon aus, dass die 2. Lautverschiebung nicht schon Jahrhunderte - kaum Jahrzehnte - vor dem ersten Aufkommen in schriftlichen Zeugnissen in der Mündlichkeit bestanden habe. Haubrichs rechnet in diesem Zusammenhang eines "nicht-phonematischen Wandel[s], wie ihn die initialen Stadien der Lautverschiebung repräsentieren" mit "einem Nebeneinander der älteren und der neugebildeten Allophone für ein bis zwei Generationen".[5]

Die Methode der Datierung anhand der frühesten Belege ist zudem diffizil, da – bis auf einige Runeninschriften, Namen und germanisches Wortmaterial in der frühen lateinischen Rechtsliteratur – keine germanischen Texte überliefert sind. Auch die gesamte Überlieferung des Althochdeutschen ist gering und umfasst nicht mehr als 120 Textzeugen; dies erschwert das Auffinden von sachdienlichen Belegen.

Der propriale Wortschatz ist aufgrund dessen von herausragender Bedeutung für eine Datierung von Lautwandelphänomenen, da ein Großteil der aus dem Frühmittelalter überlieferten Texte in lateinischer oder griechischer Sprache abgefasst wurde und deswegen – bis auf die enthaltenen Namen - kaum Rückschlüsse auf Veränderungen der Sprache zulässt.

Der Ursprung der 2. Lautverschiebung ist bei den oberdeutschen Stämmen, das heißt den Alemannen, den Bayern und den Langobarden in Italien, zu suchen, da diese den Lautwandel am umfassendsten umgesetzt haben.

Richtet man sich nach Schwerdts Maxime, so könnte die alemannische Runeninschrift auf der Halbkugel von Stetten, deren Herstellung etwa um das Jahr 680 angenommen wird, einen ersten Anhaltspunkt für die durchgeführte 2. Lautverschiebung darstellen. Die winzige, kaum entzifferbare Inschrift auf der Kugel, deren sinngemäße Wiedergabe a me l k ud ƒ lautet, tradiert den weiblichen Personennamen Amelgu(n)d;[6] die eingeritzte ƒ-Rune könnte sowohl die Tätigkeit des Runenritzens beschreiben oder auch als Begriffsrune fungieren. Den Lautstand betreffend - so Schwerdt - "könnte sich hier die vor allem im Oberdeutschen anzutreffende Medienverschiebung zeigen." An der Beweiskraft der Runeninschrift auf der Halbkugel von Stetten sei jedoch zu beanstanden, dass sie bisher von noch keinem Fachrunologen untersucht" worden sei.[7]

Als ältester Beleg mit lautverschobenen Wörtern aus dem Langobardischen ist der Codex Sangallensis 730 zu nennen, die älteste Handschrift des langobardischen Edictus Rothari von ca. 700.[8] Allerdings scheint bei sonstiger Durchführung der Lautverschiebung germ. p nicht verschoben zu sein.[9]

Weitere frühe Quellen, welche im Folgenden eingehender behandelt werden, da sie vor allem dem Bereich des proprialen Wortschatzes angehören, sind zum einen die original überlieferten Urkunden des Klosters St. Gallen von der Mitte des 8. Jahrhunderts für das Alemannische sowie das Salzburger Verbrüderungsbuch des Stiftes St. Peter von 784 für das Bairische.

Ein früher Beleg für das Eintreten der 2. Lautverschiebung im Mittelfränkischen sind vermutlich die Glossen des Echternacher Evangeliars aus der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts, die Datierung der Glossen ist jedoch problematisch und möglicherweise fehlerhaft.[10]

2. Die Datierung mithilfe von Personennamen

2.1 Die Datierung nach Theodor Steche

Um die 2. Lautverschiebung zu datieren, untersucht vor allem Theodor Steche den proprialen Wortschatz, vor allem die Personennamen, nach Indizien. Zu diesem Zwecke prüft er die Namen in frühen Handschriften und schließt jeweils nach deren Entstehung und dem lautverschobenen Wortstand darauf, zu welchem Zeitpunkt die einzelnen Vorgänge der Lautverschiebung begonnen haben müssten. Mit seiner Arbeit plädiert er für ein sehr frühes Einsetzen der Lautverschiebung:

So sei die Tenuesverschiebung zunächst als Affrizierung bei den Langobarden zwischen 548 und 573 eingesetzt, bei den südlichen Alemannen ab dem Jahre 554. In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts habe die Entwicklung von der Affrikata zur Spirans stattgefunden. Laut Steche seien Belege für die durchgeführte Medienverschiebung ab dem Jahre 613 unstet in Schriftstücken der Langobarden zu finden. Bei den Alemannen sei die Medienverschiebung ab 642 belegt, bei den Bayern ab 720.[11]

Die frühe Datierung soll anhand verschiedener Personennamen belegt werden. So nennt Steche beispielsweise den Namen des langobardischen Herrschers Zaban von Pavia, welcher im Jahre 573 das Frankenreich attackierte.[12] Erwähnt wird der Name in den 574 entstandenen "Zehn Büchern Geschichten" von Gregor von Tours, der Fredegarchronik und der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus, welche beide ebenfalls im 6. Jahrhundert entstanden sind. Als weiteres notiert er unter anderen - als Belege für die Affrizierung bei den Langobarden im 6. Jahrhundert - die Namen des langobardischen Herzogs Zotto und des Herzogs Zangrulf von Verona[13], welche ebenfalls in Gregor von Tours "Geschichten", der Fredegarchronik und der Langobardengeschichte erwähnt werden. Aus der Fredegarchronik nennt Steche weiter den Namen Nuccio[14], Toloardus[15], Clip, Clyp und Clep[16], den Namen des Alemannenherzogs Uncelenus[17], sowie unter anderem die Namen Marchytrudae und Erchynoaldus[18], welche Belege für die Verschiebung von postvokalischem k zu Beginn des 7. Jahrhunderts darstellen sollen. Aus dem langobardischen Edictus Rothari zitiert Steche die Namen Tato[19], Froccho, Faccho und Noczo[20], aus der Origo gentis Langobardorum nennt er den Namen Zuchilo[21]. Den Name des Langobardenkönigs Wacho, welcher in anderen Handschriften als Waccho verzeichnet ist, zu Lebzeiten aber Wako gelautet habe, deutet Steche dahingehend, dass der Name im Jahre 548 noch unverschoben vorliege und erst im 7. Jahrhundert lautverschoben worden sei.[22]

Steches Beispiele sind jedoch nicht stichhaltig: Schwerdt beanstandet seine Vorangehensweise, bei welcher er die 2. Lautverschiebung mit griechischen und lateinischen anstatt germanisch-althochdeutschen Quellen zu belegen versucht. Quellen mit lateinischer oder griechischer Sprache seien problematisch, da bei Eigennamen mit der Substitution von Lauten und Graphien zu rechnen sei.[23] Demzufolge können Steches Beispiele nicht als Beweise für eine Datierung der 2. Lautverschiebung angesehen werden.

[...]


[1] einen umfassenden Überblick, in welcher Zeit die einzelnen Teilerscheinungen der Lautverschiebung üblich wurden, gibt u. a. Goblirsch (2005).

[2] Schwerdt (2000), 199.

[3] Pitz/ Vòllono (2003), 327f.

[4] Schwerdt (2002), 12.

[5] Haubrichs (2002), 239.

[6] siehe auch: Schwerdt (2000), 229f.

[7] aus: Schwerdt (2000), 230.

[8] Schwerdt (2000), 255 – 266.

[9] siehe Haubrichs (2002), 243.

[10] Schwerdt (2000), 267.

[11] siehe die Zusammenfassung von Steches Ergebnissen bei Schwerdt (2000), 239 – 249;

sowie Steche (1937), 18f.

[12] siehe Steche (1937), 11.

[13] beide Namen siehe Steche (1937), 12.

[14] Steche (1937), 52.

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] siehe Steche (1937), 12.

[18] siehe Steche (1939), 127.

[19] Steche (1937), 52.

[20] alle drei Namen siehe Steche (1939), 130

[21] siehe Steche (1937), 12.

[22] Steche (1937), 7.

[23] Schwerdt (2000), 240f.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Datierung der 2. Lautverschiebung anhand des proprialen Wortschatzes - Erörterung der Methoden und kritische Betrachtung der ersten Belege
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für deutsche Sprache und Literatur II)
Veranstaltung
Lautwandel und Lautgeschichte
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V63302
ISBN (eBook)
9783638563789
ISBN (Buch)
9783638668958
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Datierung, Lautverschiebung, Wortschatzes, Erörterung, Methoden, Betrachtung, Belege, Lautwandel, Lautgeschichte
Arbeit zitieren
M A. Florian Fix (Autor), 2005, Die Datierung der 2. Lautverschiebung anhand des proprialen Wortschatzes - Erörterung der Methoden und kritische Betrachtung der ersten Belege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63302

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Datierung der 2. Lautverschiebung anhand des proprialen Wortschatzes - Erörterung der Methoden und kritische Betrachtung der ersten Belege



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden