Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Melancholie Aurelies. Diese Figur, die durchaus das vierte und fünfte Buch der ‚Lehrjahre’ prägt, ist in der Forschung bisher verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Ingrid Ladendorf macht treffende Beobachtungen, verwendet jedoch an keiner Stelle den Melancholiebegriff, der für die Interpretation Aurelies unumgänglich ist.3 Anders verfährt Monika Fick, die zwar hauptsächlich die Beziehungen Aurelies zu Lothario und Wilhelm untersucht, dabei jedoch auf die Krankheit Aurelies zurückgreift.4 Thorsten Valk5 und Franziska Schößler6 weisen nachdrücklich auf die Wichtigkeit der Melancholie und ihre Bedeutung im Zusammenhang mit Aurelie hin. Wie äußert sich die Melancholie Aurelies? Welche Faktoren tragen zur Linderung oder Forcierung bei? Wie ist Aurelies Scheitern trotz Therapieversuchen zu bewerten? Um diese Fragen zu beantworten, wird zu Beginn der Arbeit Aurelies Auftreten untersucht, an Hand dessen erste auffällige Melancholieverweise sichtbar werden. Ebenso soll der Auslöser ihrer Krankheit sowie deren Auswirkungen beleuchtet werden. Im Folgenden widmet sich die Arbeit Aurelies Liebeswunde und Todessehnsucht. Die Folgen der Beziehung zu Lothario und die nicht erwiderte Liebe sollen hierbei in Hinblick auf ihre Melancholie untersucht werden. Außerdem wird die Todessehnsucht als Krankheitssymptom des Melancholikers im Vergleich mit literarischen Leidensgenossen herausgestellt. Aurelies Schauspiel und insbesondere die Verkörperung Ophelias und Orsinas geben im zweiten Kapitel Aufschluss über ihr Selbstverständnis. Die Wirkung der Identifikation mit den von ihr gespielten Charakteren hinsichtlich ihrer Krankheit soll aufgezeigt und interpretiert werden. Das letzte Kapitel befasst sich mit den Therapieversuchen. Es stellt sich die Frage, inwieweit Wilhelm als Freund und Vertrauter Einfluss auf den Krankheitsverlauf Aurelies nehmen kann. Abschließend wird die vom Arzt empfohlene Bibliotherapie im Zusammenhang mit ihrem Tod diskutiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Melancholietradition und Melancholie in ‚Wilhelm Meisters Lehrjahren’
2 Aurelie als Melancholikerin
2.1 Das Leiden Aurelies
2.2 Auftreten Aurelies und Auslöser der Melancholie
2.3 Liebeswunde und Todessehnsucht
3 Identifikation mit dem Theater
3.1 Ophelia
3.2 Orsina
4 Scheiternde Therapieversuche
4.1 Wilhelms Freundschaft
4.2 Bibliotherapie
5 Versöhnlicher Abschied aus den ‚Lehrjahren’
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Figur der Aurelie in Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ unter dem spezifischen Fokus ihrer melancholischen Veranlagung, ihrer traumatischen Kindheitserfahrungen sowie ihres Scheiterns innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen. Ziel ist es zu analysieren, wie sich Aurelies Melancholie manifestiert, welche Rolle die Identifikation mit Theaterrollen spielt und warum sämtliche Therapieversuche, einschließlich der Bibliotherapie, letztlich wirkungslos bleiben.
- Tradition und theoretische Einordnung der Melancholie bei Goethe
- Analyse der symptomatischen Verhaltensweisen und Traumata Aurelies
- Untersuchung der psychologischen Dynamik ihrer Theaterrollen Ophelia und Orsina
- Bewertung der therapeutischen Einflussnahme Wilhelms und der Bibliotherapie
- Einordnung des Schicksals Aurelies im Kontext der „Turmgesellschaft“
Auszug aus dem Buch
Aurelie als Melancholikerin
Aurelie wird in ‚Wilhelm Meisters Lehrjahren’ bereits bei ihrem ersten Auftreten als leidende Figur eingeführt. Ihr „geistreiches Gesicht“ ist durch „einen entschiedenen Zug des Kummers“7 gezeichnet. Diese Tatsache nimmt Wilhelm bei der ersten Begegnung nicht wahr, während dem Leser hingegen die Anspielung auf vorangegangenes Leid nicht entgeht. Im weiteren Verlauf des vierten Buches scheint Aurelie teilnahmslos und in sich gekehrt und Valk weist auf eine Unterhaltung mit Wilhelm hin, bei der Aurelie „ans Fenster trat und den gestirnten Abendhimmel anschaute“ (Lj. 255).8 Er bringt diese Szene mit einem Traum Wilhelms in Verbindung, in dem dieser Aurelie vor sich sieht. Abgeschieden von den anderen Traumgestalten, die sich im Garten unterhalten, blickt Aurelie aus dem Fenster eines Gartenhauses (Lj. 444,445). Weiterhin deutet Valk diese Teilnahmslosigkeit als „Hinweis auf ihr distanziertes Weltverhältnis“ und ihre „seelische Isolation“9. Die Fensterscheibe trennt Aurelie symbolisch von der Außenwelt.10 Wilhelm kann Aurelie in seinem Traum weder ansprechen noch ihr Gesicht sehen. Sie bleibt abgewandt, wodurch der Eindruck entsteht, dass sie am wirklichen Leben nicht teilhaben will oder kann. Ihre Melancholie äußert sich somit in Abgeschiedenheit und Einsamkeit.11
Ein weiterer Aspekt, der auf melancholische Züge verweist, ist die typische Melancholiker Haltung, die Aurelie einnimmt: „Noch immer hatte Aurelie ihr Haupt von ihren Armen unterstützt und ihre Augen [...] gen Himmel gewendet“ (Lj 256, 263). Der von den Händen gestützte Kopf ist seit Jahrhunderten in Kunst und Literatur ein Motiv, das Melancholikern anhaftet. Die Bildtradition reicht bis in die Antike zurück und seit dem 15. Jahrhundert lebt diese Tradition wieder auf und lässt Melancholiker in der beschriebenen Haltung darstellen.12 Wiederum ist ihr Blick in den Himmel gerichtet und distanziert sich mit dieser Geste vom weltlichen Geschehen. In diesem Zusammenhang zeichnet wiederkehrendes Kopfweh Aurelie als Melancholikerin aus (Lj. 260).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Melancholietradition und Melancholie in ‚Wilhelm Meisters Lehrjahren’: Das Kapitel erläutert die antiken Grundlagen der Melancholie sowie deren Bedeutung als Seelenstimmung und literarisches Motiv in Goethes Roman.
2 Aurelie als Melancholikerin: Hier werden die Verhaltensweisen der Figur, ihre traumatische Vorgeschichte sowie ihre Symptome wie Einsamkeit, Liebeswunde und Todessehnsucht analysiert.
3 Identifikation mit dem Theater: Das Kapitel untersucht Aurelies psychologische Identifikation mit den tragischen Bühnenrollen Ophelia und Orsina als Spiegel ihres eigenen inneren Zustands.
4 Scheiternde Therapieversuche: Es wird die Unwirksamkeit von Wilhelms Freundschaft sowie der ärztlich verordneten Bibliotherapie im Hinblick auf den Krankheitsverlauf Aurelies behandelt.
5 Versöhnlicher Abschied aus den ‚Lehrjahren’: Den Abschluss bildet eine Synthese, die Aurelies Schicksal als notwendiges Ausscheiden der „Künstlerfiguren“ aus der zweckorientierten Ordnung der Turmgesellschaft interpretiert.
Schlüsselwörter
Melancholie, Aurelie, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Goethe, Literaturpsychologie, Bibliotherapie, Theateridentifikation, Suizid, Männerhass, Kindheitstrauma, Turmgesellschaft, Symptomatologie, Wahnsinn, Seelenstimmung, Subjektivismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Figur der Aurelie in Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ als ein Fallbeispiel für eine ausgeprägte pathologische Melancholie.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die psychische Verfassung Aurelies, die Auswirkungen ihrer Kindheitstraumata, ihre Identifikation mit Theaterrollen und die Unfähigkeit der sie umgebenden Gesellschaft, ihre Melancholie zu heilen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Entwicklung von Aurelies psychischer Krankheit zu verstehen und die Gründe für das Scheitern sowohl ihrer sozialen Beziehungen als auch der therapeutischen Versuche aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende literaturwissenschaftliche Textanalyse, unter Einbeziehung von Fachliteratur zur Melancholietradition, zur medizinischen Diätetik des 18. Jahrhunderts und zu zeitgenössischen Goethe-Interpretationen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Aurelies spezifischen Krankheitssymptomen, ihre Flucht in die Identifikation mit den Rollen der Ophelia und Orsina sowie die Analyse der gescheiterten Therapieversuche durch Wilhelm und die ärztliche Bibliotherapie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wesentliche Begriffe sind Melancholie, Identifikation, Bibliotherapie, Trauma, Suizid und der Kontext der Turmgesellschaft bei Goethe.
Warum spielt die Rolle der „Orsina“ eine so große Bedeutung für Aurelie?
Die Rolle der Orsina aus Lessings „Emilia Galotti“ dient als Medium, durch das Aurelie ihren Männerhass und ihre innere Zerrüttung auf der Bühne unmittelbar ausleben kann, was ihren psychischen Verfall beschleunigt.
Kann die Bibliotherapie Aurelie in der Arbeit helfen?
Nein, die Bibliotherapie bleibt als Heilmittel erfolglos. Sie bietet der Sterbenden zwar kurzzeitig Trost und eine neue Perspektive, kann den tiefgreifenden Melancholieprozess jedoch nicht aufhalten.
Welche Rolle spielt die „Turmgesellschaft“ für das Ende von Aurelie?
In der Ordnung der Turmgesellschaft, die auf Tätigkeit und Nützlichkeit ausgelegt ist, gibt es keinen Platz mehr für melancholische Subjekte, was das Ende Aurelies innerhalb der Romanstruktur determiniert.
- Quote paper
- Nina Stein (Author), 2006, Aurelie als Melancholikerin in Wilhelm Meisters Lehrjahren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63316