Aristoteles und Horaz haben mit ihren Poetiken über Jahrhunderte hinweg die Tragödie, Komödie und das Epos nachhaltig beeinflusst. Diese Arbeit geht der Frage nach, inwiefern beide Werke in Hartmann von Aues Iwein erkennbar sind.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Hartmann von Aues Kenntnisstand
2 Aristoteles
2.1 Das Unglück des Helden
2.2 Die sprachliche Form
2.3 Die Einsicht in die Handlung
2.4 Die Formung der Charaktere
2.5 Die Einheit der Handlung
2.6 Nachahmungsweisen
2.7 Die göttliche Rolle
2.8 Die Verhältnisse zwischen den Charakteren
2.9 Die Wiedererkennung
2.10 Die Ausdehnung des Epos
3 Horaz
3.1 Wirklichkeit vs. literarische Fiktion
3.2 Bekannte Ereignisse
3.3 Der Einklang von Sprache und Lage
3.4 Nutzen und Erfreuen
4 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literaturtheoretischen Einflüsse der antiken Poetiken von Aristoteles und Horaz auf den Artusroman Iwein von Hartmann von Aue, um zu prüfen, inwieweit deren normative Anforderungen in diesem mittelalterlichen Werk Anwendung finden.
- Analyse der Aristotelischen Kategorien (Glück-Unglück-Wandel, Charaktergestaltung, Handlungseinheit).
- Untersuchung der Horaz’schen Vorgaben (literarische Fiktion, Nutzen-Funktion, Einklang von Sprache und Lage).
- Überprüfung der Kenntnis von Antiken Poetiken durch Hartmann von Aue.
- Untersuchung der strukturellen und inhaltlichen Anpassungen des Stoffes.
- Synthese der Ergebnisse zum poetologischen Einfluss auf den Iwein.
Auszug aus dem Buch
Die sprachliche Form
Der sprachlichen Form der Tragödie weist Aristoteles die Eigenschaften zu, klar und gleichzeitig nicht banal zu sein. Dies ist jedoch eine durchaus schwierige Gratwanderung, da sie immer dann am Klarsten ist, wenn ihre Worte allesamt einfacher und konventioneller (also banaler) Art sind. Um nun die Banalität zu vermeiden muss die sprachliche Form auch fremdartige, unkonventionelle Ausdrücke beinhalten (beispielsweise in Form einer Glosse oder Metapher), allerdings nicht ausschließlich, da das Werk sonst einem Rätsel oder Barbarismus gleichkäme (Fuhrmann 1994, S. 71 f.). Es muss somit ein Gleichgewicht aus einfachen wie fremdartigen Begriffen vorliegen, um eine gemäß Aristoteles vollkommene sprachliche Form zu gewährleisten. Diese liegt – obwohl von Aristoteles auf die Tragödie bezogen – durchaus im Artusroman Iwein vor, was auch in Gottfried von Straßburgs bereits zitiertem Literaturexkurs Erwähnung findet.
Dort beschreibt er Hartmanns Worte als „ausgeschmückt“ und „verziert“ und lässt ihnen parallel hierzu die Eigenschaften „klar“ und „durchsichtig rein“ zukommen – ein erstes Indiz für Aristoteles´ Grundlagen. Bei näherer Betrachtung des Iwein-Textes bestätigen sich diese Facetten schließlich. So wird, wie das folgende Beispiel zeigt, vermehrt von Metaphern Gebrauch gemacht:
er hât bî sînen zîten
gelebet alsô schône
daz er der êren krône
dô truoc und noch sîn name treit (8-11)
Doch trotz der phasenweise blumigen, reich verzierten Worte bleibt die sprachliche Form zugänglich, da sie zu weiten Teilen einem einfachen Wortschatz entspringt. Zumindest in wesentlicher Hinsicht wird sie Aristoteles´ formalen Forderungen an die Sprache gerecht.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Vorstellung der antiken Theoretiker Aristoteles und Horaz und Formulierung der These, dass deren Poetiken im Iwein Anwendung finden.
1 Hartmann von Aues Kenntnisstand: Kritische Prüfung, inwieweit Hartmann die antiken Schriften gekannt haben könnte, wobei eine Kenntnis von Horaz für plausibler gehalten wird als von Aristoteles.
2 Aristoteles: Detaillierte Untersuchung von Hartmanns Roman anhand aristotelischer Kategorien wie Heldenstruktur, Handlungseinheit und Wiedererkennung.
3 Horaz: Analyse des Iweins unter horazischen Aspekten wie der Überlegenheit literarischer Fiktion über Faktizität und der funktionalen Doppelfunktion von Nutzen und Unterhaltung.
4 Schlussbetrachtung: Zusammenfassung der Ergebnisse, die den direkten bzw. indirekten Einfluss beider antiken Poetiken auf den Iwein bestätigen.
Schlüsselwörter
Hartmann von Aue, Iwein, Aristoteles, Horaz, Literaturtheorie, Mittelalter, Poetologie, Artusroman, Mimesis, Ars Poetica, Narratologie, Literaturrezeption, Literaturgeschichte, Poetik, Mittelalterliche Literatur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwiefern Hartmann von Aue in seinem Artusroman Iwein die literaturtheoretischen Prinzipien der antiken Autoren Aristoteles und Horaz angewendet hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Anwendbarkeit antiker poetologischer Kategorien (wie Handlungseinheit, Heldenzeichnung, sprachliche Form) auf einen mittelhochdeutschen Artusroman sowie die Frage nach dem Bildungsstand des Autors.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Prüfung der These, dass die normativen Poetiken des Aristoteles und des Horaz als literaturtheoretisches Fundament für Hartmanns Iwein dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine vergleichende Literaturanalyse, bei der zentrale Aussagen der antiken Poetiken den entsprechenden Textpassagen und Strukturen im Iwein gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine systematische Untersuchung des Romans anhand spezifischer Kategorien beider antiken Autoren, unterteilt in die Abschnitte zu Aristoteles und Horaz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Hartmann von Aue, Iwein, Aristoteles, Horaz, Poetologie, Literaturtheorie und Artusroman charakterisieren.
Konnte bewiesen werden, dass Hartmann von Aue die 'Poetik' des Aristoteles direkt gelesen hat?
Nein, die Forschung ist sich weitgehend einig, dass Hartmann die Poetik des Aristoteles nicht direkt rezipiert haben kann, jedoch ist ein indirekter Einfluss über antike Überlieferungsketten plausibel.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des göttlichen Wirkens bei Hartmann von dem aristotelischen Ideal?
Hartmann integriert christliche Bezüge, lässt das Göttliche jedoch als Teil der Erzählung erscheinen, ohne dass ein Gott explizit in das Handlungsgeschehen eingreift, was in Teilen mit der aristotelischen Forderung nach Handlung aus der Handlung selbst korrespondiert.
Wie bewertet der Autor den Unterhaltungswert des Iweins im Hinblick auf Horaz?
Der Autor bestätigt die horazische Doppelfunktion, da der Iwein einerseits märchenhafte und unterhaltsame Elemente bietet und andererseits moralische Lehren für den Leser vermittelt.
- Quote paper
- Sebastian Schult (Author), 2006, Antike poetologische Spuren im "Iwein", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63365