Grenzüberschreitungen und Vernetzungen der Artusgesellschaft in Wolframs Parzival


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

32 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Der Artushof als Zentrum höfischen Lebens
2. Die Sippe am Hof als Integrationsinstanz
3. Das Artuskönigtum als Reiseherrschaft
4. Die Tafelrunde
5. Die Frauen in der Artusgesellschaft

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Doch wie wird die Gestalt [Artus] eingeführt? Kein programmati­scher Tugendkatalog, kein Panegyrikus, kein festlicher Auftakt am Artushof, sondern eingefügt in den Kontext der Sippenzugehörig­keit, der von den ersten Büchern an ein weitverzweigtes Netz von Bezugspunkten im Handlungsgeschehen konstituiert.“[1]

Wie Karin R. Gürttler feststellt gibt es im Parzival Roman zahlreiche verwandt­schaftliche Vernetzungen. Diese Arbeit beschäftigt sich unter anderem mit der Versippung der Artusgesellschaft und geht der Frage nach, in welcher Weise die Artusgesellschaft vernetzt ist und inwieweit in der Artusgesellschaft Grenz­überschreitungen stattfinden?

Dafür werden die Vernetzungen und Grenzüberschreitungen auf folgende As­pekte hin untersucht: Herrschaftsformen, die Sitten und Gebräuche im eigenen und fremde Gebiet sowie die Herrschaft und Repräsentation in einem eigenen und fremden Gebiet, Sprache und Normen, das Verhalten zwischen Mann und Frau, die Religion und die Herkunft der Mitglieder.

Zunächst wird auf den Artushof, seine Mitglieder und seine Bedeutung einge­gangen. Anschließend wird das Artuskönigtum behandelt. Schließlich werden die Strukturen und Aufnahmekriterien der Tafelrunde näher untersucht. Als letztes wird die Rolle der Frauen in der Artusgesellschaft dargestellt. Dabei wird sowohl die eigene Textinterpretation als auch die Meinung der Sekundärliteratur aufgeführt.

II. Hauptteil

1. Der Artushof als Zentrum höfischen Lebens

Der Artushof wird als Anziehungspunkt für viele Menschen aus fremden Län­dern mit unterschiedlichen Qualitäten dargestellt:

Artûses hof was ein zil,

dar kom vremder liute vil,

die werden unt die smaehen (296, 25-28)

Die arturische Hofgesellschaft setzte sich aus einem Personenverband zusam­men, der durch das jeweilige Zusammentreten von König Artus, seiner Gefolg­schaft und den am Hof weilenden Gästen entstand.[2] König Artus übte – wie im Mittelalter üblich - eine Reiseherrschaft aus, denn König Artus besaß mehrere Residenzen.[3] Der Artushof kann nicht als eine Institution mit fester Örtlichkeit verstanden werden. Die Artusgesellschaft befand sich somit nicht permanent an demselben Ort. Der Artushof zeigt sich Menschen aus fremden Ländern offen; so befand sich zum Beispiel der Ritter Klias aus Griechenland (334, 11) am Artus­hof. Die Offenheit der Artusgesellschaft zeichnete sich aber nicht nur durch die Aufnahme Fremder aus, sondern auch in der Aufnahme von Heiden wie die Königin von Janfuse oder die spätere Aufnahme von Feirefiz mit seiner schwarz-weiß gefleckten Hautfarbe. Die Offenheit des Hofes macht aber vor niedrigen Schichten halt. Die Artusgesellschaft zeichnet sich ebenso dadurch aus, dass sie im Kern aus adligen Rittern und Damen besteht.[4]

Dieses Faktum wird auch von den Menschen akzeptiert, die nicht den Zugang zum Hof besitzen. Ein Beispiel hierfür ist der Fischer, den Parzival an den Artus­hof in Nantes bringt. Bei Anblick des Hofes kehrt er mit folgender Begrün­dung um:

diu mässenîe ist sölher art,

genaeht ir immer vilân,

daz waer vil sêre missetân (144, 14-16).

Die Tatsache, dass die Hofgesellschaft überwiegend aus Adligen besteht, heißt aber nicht, dass am Hof eine homogene Masse aus gleichberechtigten Mitglie­dern besteht.[5] Es scheint wohl eher so zu sein, dass man die Hofgesellschaft in zwei Gruppen teilen kann. Einmal die nahe Verwandtschaft und die hohen Adli­gen, die den Kern um Artus bilden und sich im Palast befinden und Mitglieder bzw. Gäste, die sich nur zeitweise am Hof aufhalten:

er vuorte in în zem palas,

dâ diu werde massenîe was (147, 11-28).

Die beschriebene kulturelle Ungleichheit in der Gesellschaft am Hof wird über die gemeinsame Hofsprache Französisch überwunden.[6] So kann auch Feirefiz französisch sprechen (744, 26ff).

Die Mitglieder der Hofgesellschaft zeichnen sich durch Schönheit aus und be­sonders Parzivals Schönheit findet Beachtung; sie wird als ein „Zeichen gött­licher Erwähltheit betrachtet“[7]. Parzivals Schönheit wird von allen bemerkt:

swer in sach, der jach vür wâr,

er waere gebluomt vür alle man.

diz lop sîn varwe muose hân.

Parzivâl stuont wol sîn wât (306, 26-29).

Eigentlich ist Schönheit eine Grundlage für den Zugang zum Hof und nur Cundrie findet trotzt dem Schönheitsanspruch Zugang. Sie zeichnet sich im Gegenteil zu Parzival durch ihre Hässlichkeit aus, die wiederum im Kontrast zu ihrer modischen Kleidung steht:

diu maget witze rîche

was gevar den unglîche

die man dâ heizet bêâ schent.

ein brûtlachen von Gent,

noch blâwer denn ein lâsûr,

het an geleit der vröuden schûr (313, 1-6).

Bei Parzivals erster Ankunft am Artushof wird er von zahlreichen Kindern ver­folgt und es entsteht ein Gedränge um ihn herum:

dâ volgeten im diu kindelîn

ûf den hof vür den palas,

dâ maneger slahte vuore was (147, 12-15).

Aus dieser Vielzahl von Menschen am Hof, verwundert das Gedränge bei Par­zivals erster Ankunft nicht. Das Gedränge bekommen auch Clamide und Orilius bei ihrer Ankunft (217, 28-30; 275, 7f) zu spüren und auch die Königin rät dem Boten, sich ohne Scheu durch die Menge zu drängen:

waz wirret ob du dich dringest

durch daz volc unz an den rehten wirt,

der gein dir grüezen niht verbirt? (647, 10-12).

Das Gedränge ist also Folge der Offenheit des Hofes und kann als ein Charak­teristikum des Hofes beschrieben werden, in dem auch die Lebensatmosphäre des Hofes zum Ausdruck kommt. In der Forschung gibt es darüber auch andere Meinungen. Carola L. Gottzmann sieht in dem Gedränge ein „Indiz für die artu­rische Unordnung“.[8] Dies würde aber der mittelalterlichen Vorstellung widerspre­chen, dass die Anzahl der Anwesenden eines Festes Maßstab für dessen gesellschaftliche Relevanz und die Macht des Gastgebers ist.[9]

Der Artushof zeichnet sich nicht durch seine topographische Lage aus, sondern vielmehr als Bezugs- und Orientierungspunkt für einen Großteil der höfisch-rit­terlichen Welt.[10] Zum Beispiel für Gawan: Nachdem er selbst ein souveräner Herrscher geworden ist, bleibt für ihn der Artushof die unabdingbare Legitimations­instanz seiner ritterlichen und gesellschaftlichen Reputation und ist Maßstab für sein ritterliches Selbstverständnis[11] :

„jâ, hêrre, ob ir wellet,

zer vröude er sich gesellet.“

sus sprach der knappe wîse.

„er schiede gar von prîse,

ob ir in liezet under wegen:

wer sollte ouch dâ bî vröuden pflegen?

iuwer trôst im zucket vröude enbor:

unz ûzerhalb der riuwe tor

von sîme herzen kumber jagt

daz ir an im iht sît verzagt (649,19-30).

Gawan präsentiert seine neu gewonnene Macht, indem er vor Joflanze ein ei­genes Lager aufschlägt (667,14) und seine Herrschaftsgewalt dort darstellt (667,22-26; 670, 1-4). Er will seine êre und seinen prîs auch weiter am Hof bestätigt sehen.[12]

[...]


[1] zit. aus Gürttler, Karin R. 1976: „Künec Artus der guote“. Das Artusbild der höfischen Epik des 12. und 13. Jahrhunderts. Bonn: Bouvier Verlag. (Studien zur Germanistik, Anglistik und Komparatistik; Bd. 52). S. 119

[2] vgl. Pratelidis, Konstantin 1994: Tafelrunde und Gral. Die Artuswelt und ihr Verhältnis zur Gralswelt im „Parzival“ Wolframs von Eschenbach. Würzburg: Könighausen und Neumann. (Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie; Bd. 12), S. 78

[3] siehe dazu Abschnitt 3. Das Artuskönigtum als Reiseherrschaft

[4] vgl. Pratelidis 1994: S. 85

[5] vgl. Pratelidis 1994: S. 86

[6] vgl. Thum, Bernd 1990: Frühformen des Umgangs mit „Fremdem“ und „Fremden“ in der Literatur des Hochmittelalters. Der „Parzival“ Wolframs von Eschenbach als Beispiel. S. 333. In: Das Mittelalter – Unsere fremde Vergangenheit. Hrsg. von Joachim Kuolt, Harald Kleinschmidt, Peter Dinzelbacher. Stuttgart: Barbara Fay Verlag. (Flugschriften der Volkshochschule Stuttgart; Band 6). S.315 - 352

[7] vgl. Bumke, Joachim1997: Wolfram von Eschenbach. Stuttgart, Weimar: Metzler. (Sammlung Metzler; Bd. 36). S. 60

[8] vgl. Gottzmann, Carola L. 1986: Deutsche Artusdichtung. Rittertum, Minne, Ehe und Herrschertum: die Artusepik der hochhöfischen Zeit. Frankfurt, Bern, New York: Lang.

(Informationen und Interpretationen. Arbeiten zu älteren germanischen, deutschen und nordischen Sprachen und Literaturen; Bd. 2). S. 224

[9] vgl. Pratelidis 1994: S. 83. Pratelidis widerspricht Gottzmann, er sieht das Gedränge als ausgelassene Lebensfreude.

[10] vgl. Pratelidis 1994: S. 79

[11] vgl. Pratelidis 1994: S. 79

[12] vgl. Pratelidis 1994: S. 79

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Details

Titel
Grenzüberschreitungen und Vernetzungen der Artusgesellschaft in Wolframs Parzival
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Hauptseminar: Grenzüberschreitungen und Vernetzungen 800-1600
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
32
Katalognummer
V63631
ISBN (eBook)
9783638566353
ISBN (Buch)
9783638767309
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grenzüberschreitungen, Vernetzungen, Artusgesellschaft, Wolframs, Parzival, Hauptseminar, Grenzüberschreitungen, Vernetzungen
Arbeit zitieren
Alice B (Autor), 2005, Grenzüberschreitungen und Vernetzungen der Artusgesellschaft in Wolframs Parzival, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63631

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