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Zur Medialität des Olfaktorischen - Eine Analyse von Patrick Süskinds Roman 'Das Parfum'

Title: Zur Medialität des Olfaktorischen - Eine Analyse von Patrick Süskinds Roman 'Das Parfum'

Thesis (M.A.) , 2004 , 74 Pages , Grade: sehr gut (1,0)

Autor:in: Astrid Wolffram (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Mit diesem Urteil bringt Immanuel Kant die untergeordnete Stellung des Geruchssinns in der Sinneswahrnehmung - wie sie auch heute noch zu verzeichnen ist - treffend zum Ausdruck. Der olfaktorische Sinn spielt auf den ersten Blick keine wichtige Rolle mehr, weil sich der Mensch heutzutage vorrangig visuell orientiert. Philosophen haben sich nie ‚ausführlich’ mit dem Geruchssinn auseinandergesetzt, sondern dieser wurde immer nur peripher im Kontext von Sinneshierarchien erwähnt, in denen er traditionell als niedrigster der fünf Sinne rangierte: Der Geruchssinn verharrt als „das begabte Stiefkind unter den Sinnesorganen“ nach wie vor auf der untersten Stufe der Wahrnehmungsskala. Nur weil die Augen die Sinneswahrnehmung dominieren, wäre es jedoch kurzsinnig zu vermuten, der Geruchssinn werde vernachlässigt. Die Wahrnehmung olfaktorischer Sinneseindrücke entzieht sich vielmehr häufig dem menschlichen Bewusstsein. Der Roman Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders(1985) von Patrick Süskind stellt einen Ansatz dazu dar das verloren gegangene Bewusstsein für Gerüche und Düfte wieder neu zu entdecken. Die Nase und das Parfum gewinnen in Süskinds ‚Monographie des Geruchssinns’ erstmals in der literarischen Ästhetikgeschichte den absoluten Vorrang über Auge und Bild sowie Ohr und Musik. Insofern das Interesse von Patrick Süskind auf Geruch als „Medium der Wahrnehmung, der Erkenntnis und der Konstruktion von Welt und von Kommunikation“ ausgerichtet ist, wird Das Parfum- inspiriert durch Gerhard Neumann - im Rahmen dieser Arbeit als „Medienroman“ gelesen. Was einen solchen kennzeichnet, gilt es in dieser Arbeit unter anderem festzustellen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wahrnehmung und Gedächtnis

2.1 „Geruchstier Mensch“: Be-Sinnung der Orientierung

2.2 Spracherwerb: Encodierung und Decodierung von Gerüchen

2.3 Gedächtnisarbeit: Analyse und Synthese von Gerüchen

2.4 Die Duftspur: Anwesenheit von Abwesendem

2.5 Das olfaktorische Gedächtnis: Geruch als Erinnerungsmedium

2.6 Grenouille: eine schizophrene Persönlichkeit

3. Die olfaktorische Kommunikation

3.1 Grenouille als ‚Sender’

3.1.1 ‚Nasenangst’: Körperduft als Identitätsbildner

3.1.2 Der Parfümeur als Schöpfer virtueller Identitäten

3.2 Das Parfum als technisch reproduzierbares Kunstwerk

3.2.1 Die Aura als einmalige Ferne

3.2.2 Die kalte Enfleurage: Speicherung des Flüchtigen

3.2.3 Die technische Reproduktion: Verlust der Einmaligkeit

3.2.4 Die Überwindung von Zeit und Raum: Verlust der Ferne

3.3 Die Empfänger: die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation

3.3.1 ‚Nasenlust’: die olfaktorische Manipulation der Massen

3.3.2 Das Scheitern der olfaktorischen Kommunikation

4. Schluss: Zur Medialität des Olfaktorischen

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ unter medientheoretischen Gesichtspunkten, wobei der Fokus auf der olfaktorischen Medialität liegt. Es wird analysiert, wie die Geruchswahrnehmung und das Gedächtnis des Protagonisten Jean-Baptiste Grenouille seine Sozialisation prägen und inwieweit das Medium „Parfum“ als technisch reproduzierbares Kunstwerk innerhalb eines soziologischen Kommunikationsrahmens fungiert.

  • Olfaktorische Sozialisation und Mediensozialisation
  • Wahrnehmungs- und Gedächtnistheorien im Kontext von Geruch
  • Analyse des Mediums „Parfum“ als technisch reproduzierbares Kunstwerk
  • Kommunikationstheoretische Betrachtung der olfaktorischen Manipulation
  • Identitätskonstruktion durch olfaktorische Markierungen

Auszug aus dem Buch

3.1.2 Der Parfümeur als Schöpfer virtueller Identitäten

Bis dato hatte er [...] noch nie in einen Spiegel gesehen. Er sah einen Herrn in feinem blauem Gewand vor sich, mit weißem Hemd und Seidenstrümpfen, und er duckte sich ganz instinktiv, wie er sich immer vor solch feinen Herren geduckt hatte. Der feine Herr aber duckte sich auch, und indem Grenouille sich wieder aufrichtete, tat der feine Herr dasselbe, und dann erstarrten beide und fixierten sich. [...] Grenouille fand, daß der Monsieur im Spiegel, diese als Mensch verkleidete, maskierte, geruchlose Gestalt, nicht so ganz ohne sei; zumindest schien ihm, als könnte sie – würde man ihre Maske nur vervollkommnen – eine Wirkung auf die äußere Welt tun [...]. (184-186)

In diesem, das Lacansche Spiegelstadium symbolisierenden Augenblick ist der ‚kostümierte’ Grenouille zunächst durch seine visuelle Selbstwahrnehmung irritiert. Später verinnerlicht er die Erkenntnis: ‚Kleider machen Leute’, und macht sie – auf olfaktorische Weise – zum Programm seiner Identität.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die thematische Unterordnung des Geruchssinns ein und definiert „Das Parfum“ als „Medienroman“, der auf einer Sozialisationstheorie basiert.

2. Wahrnehmung und Gedächtnis: In diesem Kapitel wird das Verhältnis von Wahrnehmung und Gedächtnis mittels Henri Bergsons Theorien auf Grenouilles Entwicklung und seine olfaktorische Sozialisation angewendet.

3. Die olfaktorische Kommunikation: Das Hauptkapitel untersucht das Medium Parfum anhand von Medientheorien von Walter Benjamin und Niklas Luhmann, um die Möglichkeiten und das Scheitern der Kommunikation zu beleuchten.

4. Schluss: Zur Medialität des Olfaktorischen: Das Fazit fasst zusammen, dass die olfaktorische Medialität durch einen Mangel an kulturellen Codes und die Unwahrscheinlichkeit zwischenmenschlicher Kommunikation gekennzeichnet ist, was das Individuum in die Isolation treibt.

Schlüsselwörter

Medialität, Olfaktorik, Patrick Süskind, Das Parfum, Jean-Baptiste Grenouille, Geruchssinn, Wahrnehmung, Gedächtnis, Mediensozialisation, Aura, technische Reproduktion, Kommunikation, Manipulation, Identität, Pheromone

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Magisterarbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die Medialität des Olfaktorischen in Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ und untersucht die olfaktorische Sozialisation des Protagonisten Grenouille.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Die zentralen Themen umfassen die Rolle des Geruchssinns als Medium, die Theorie des Gedächtnisses, die technische Reproduzierbarkeit von Kunst und die Grenzen zwischenmenschlicher Kommunikation.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Grenouille durch olfaktorische Mittel Identität konstruiert und inwiefern dies als medientheoretisch relevante Kommunikation gewertet werden kann.

Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?

Die Arbeit nutzt medien- und kunsttheoretische Ansätze, insbesondere von Henri Bergson, Walter Benjamin und Niklas Luhmann, um das Phänomen „Geruch“ literaturwissenschaftlich einzuordnen.

Was ist das Hauptaugenmerk im Bereich der Kommunikation?

Der Hauptteil befasst sich mit dem Modell „Sender-Medium-Empfänger“ und der Frage, ob eine tatsächliche olfaktorische Kommunikation zwischen Grenouille und seinen Mitmenschen stattfindet.

Welche Schlüsselbegriffe sind charakteristisch?

Zu den wichtigsten Begriffen gehören olfaktorische Medialität, Aura, technische Reproduktion, Geruchsanalphabetismus und die schizophrene Persönlichkeitsstruktur Grenouilles.

Warum wird Grenouille als „schizophren“ bezeichnet?

Die Arbeit identifiziert seine extreme Spaltung zwischen einer animalischen, impulsiven Natur und einem hochgradig abstrakten, inneren „Seelentheater“ als Symptome einer Schizophrenie.

Inwiefern spielt der „Weinkeller“ eine Rolle im Text?

Der Weinkeller dient als zentrale architektonische Gedächtnismetapher, die den Speicherort für Grenouilles Geruchserinnerungen versinnbildlicht.

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Details

Title
Zur Medialität des Olfaktorischen - Eine Analyse von Patrick Süskinds Roman 'Das Parfum'
College
University of Cologne
Grade
sehr gut (1,0)
Author
Astrid Wolffram (Author)
Publication Year
2004
Pages
74
Catalog Number
V63722
ISBN (eBook)
9783638567008
ISBN (Book)
9783656795544
Language
German
Tags
Medialität Olfaktorischen Eine Analyse Patrick Süskinds Roman Parfum Thema Das Parfum
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Astrid Wolffram (Author), 2004, Zur Medialität des Olfaktorischen - Eine Analyse von Patrick Süskinds Roman 'Das Parfum', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63722
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