Betrachtet man die Außenpolitik der BRD ergeben sich Besonderheiten. Ihre Ziele nach dem 2. Weltkrieg waren: äußere Sicherheit, Souveränität, Gleichberechtigung und Wiedervereinigung.2 Die Bundesrepublik, gegründet durch Ost- West- Konflikt,3 erreichte erst in einem langen Prozess ihre Souveränität und damit außenpolitische Handlungsfreiheit zurück. d.h. sie wandelte sich von einem Objekt der Alliierten zu einem gleichberechtigten Subjekt der Staatengemeinschaft.4 Charakteristisch war ihr Doppelkonflikt: zum einen strebte sie danach, eine westliche, freiheitliche Demokratie zu werden. Ihr Interesse, eine weitere Expansion der Sowjetunion verhindern, deckte sich mit dem Interesse der alliierten Westmächte. Dies war der gemeinsame Konflikt des demokratischen Westens mit dem kommunistischen Osten. Zum anderen befand sie sich mit der Sowjetunion in einem Sonderkonflikt, der sich aus den westdeutschen Forderungen nach Wiedervereinigung mit dem sowjetisch besetzten Teil Deutschlands und der Revision der verlorenen Ostgebiete ergab. Bei diesem speziellen Konflikt konnte Westdeutschland nur bedingt auf Unterstützung des Westen vertrauen.5 Wesentlich für die deutsche Außenpolitik war ihr begrenzter Aktionsraum aufgrund bestehender alliierter Vorbehaltrechte bezüglich Deutschlands und Berlins, sowie deren Absicht, die Bundesrepublik als Vorhut der Freiheit in dem ideologischen und machtpolitischen Ost-West-Konflikt zu präsentieren.6 Um eigene Interessen zu verwirklichen wählte, die Bundesrepublik das Mittel der Westintegration. Sie fügte sich in das westliche Bündnis ein und erreichte 1955 ein gewisses Maß an Sicherheit, Teilsouveränität und teilweise Gleichberechtigung. Auf ihr vorrangiges Ziel (Wiedervereinigung) musste sie vorerst verzichten.7
In den 60er Jahren begann sich die weltpolitische Lage zu verändern. Der Ost-West- Konflikt trat in eine Phase der Entspannung. Das bewirkte eine Neuausrichtung der deutschen Außenpolitik, speziell ihres Verhältnisses zur Sowjetunion. Durch die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition gelang es der Bundesrepublik, sich aus der beschriebenen politischen Situation ein Stück zu emanzipieren.8
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Auswärtige Beziehungen der BRD mit der SU bis 1969 vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes
1.1 Ostpolitik der BRD unter Bundeskanzler Adenauer
1.2. Ostpolitik der BRD unter Bundeskanzler Erhard: Öffnung nach Osten
1.3. Die Ostpolitik der Großen Koalition: Neuorientierung in den außenpolitischen Beziehungen zum Osten
2. Beweggründe und Ideen für eine Annäherung an den Osten bis 1969
2.1. Willy Brandts: Koexistenz- Zwang zum Wagnis
2.2. Egon Bahrs Konzept „Wandel durch Annäherung“
2.3. Politik der „Kleinen Schritte“ – Das Passierscheinabkommen
2.4. Sicherheit und Frieden in Europa
2.5. Zentrale Aspekte der Außen- und Deutschlandpolitik Brandts zur Zeit der Großen Koalition
3. Die sozialliberale Koalition
3.1. Beweggründe zur Bildung der Koalition, ihre Motive und Ziele
3.2. Die Ostverträge als Umsetzung der ostpolitischen Konzepte
3.2.1. Der Moskauer Vertrag und das Berlin-Abkommen
3.2.1.1. Verhandlungen mit Moskau
3.2.1.2. Das Vier-Mächte- Abkommen über Berlin
3.3. Bilanz und Bewertung der Anfänge der Ostpolitik
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Genese und Umsetzung der „Neuen Ostpolitik“ der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt zwischen 1969 und 1974. Dabei wird analysiert, welche theoretischen Konzepte, insbesondere von Egon Bahr, und persönlichen Motive der Akteure zu einer Abkehr von der bisherigen Politik der Stärke führten und inwiefern diese Ziele in den Ostverträgen sowie dem Berlin-Abkommen realisiert wurden.
- Historische Einordnung der westdeutschen Außenpolitik von Adenauer bis zur Großen Koalition
- Die theoretischen Grundlagen und Konzepte: „Wandel durch Annäherung“ und „Koexistenz“
- Analyse der Ostverträge als Instrument der Entspannungspolitik
- Die Rolle der DDR und der Sowjetunion im Entspannungsprozess
- Erfolgskontrolle und kritische Bilanz der Ostpolitik unter der sozialliberalen Koalition
Auszug aus dem Buch
1.2 Ostpolitik der BRD unter Bundeskanzler Erhard: Öffnung nach Osten
Die Berlin- Krise und die Kuba- Krise von 1962 führten die Welt an den Rand einer atomaren Katastrophe. Sie bildeten Höhepunkt und Wendpunkt im Ost-West Konflikt. Der deutsche Sonderkonflikt wurde vorerst eingefroren, die Sowjetunion konnte den Status quo in Europa festigen. In der Kuba-Krise konnte der Westen seine Position festigen, da Moskau einsah, sich machtpolitisch gegenüber den USA nicht durchsetzen zu können. In den USA begann Kennedy die bisherige Außenpolitik zu überprüfen. Nukleare Waffen sollten nicht mehr die einzige Option im Falle eines Konfliktes sein. Ein Umdenkprozess setzte sich in Gang. Die bisherige NATO- Strategie der massiven Vergeltung sollte ersetzt werden durch eine abgestufte Reaktionsoption, der flexiblen Antwort. Die neue Phase der des Ost-West-Konflikts wurde durch Entspannung geprägt. Kennedy verkündetet: „Wir müssen uns mit der Welt befassen, wie sie ist.“ Entspannung meinte Spannungsabbau, Konfliktverhinderung, aber auch Kooperation und damit hilfreiche Beziehungen in verschiedenen Bereichen schaffen.
Die Einsicht, dass die großen Konfliktfragen zu Deutschland, Berlin und Abrüstung nicht so schnell zu lösen seien, mündete in Versuche, sich dort zu einigen, wo Einigung möglich schien. Primärziel der beiden Supermächte war die Verhinderung eines Atomkrieges. Ein erstes Ergebnis war 1963 das Atomteststoppabkommen, dem bis 1972 weitere Verträge zur Nutzung und Verbreitung von Atomwaffen sowie deren Abrüstung folgten.
In der BRD setzte mit dem Regierungsantritt Ludwigs Erhards und Außenminister Gerhard Schröder eine vorsichtige Öffnung nach Osten ein. Schröders `Politik der Bewegung` sah vor, dass die BRD mit den Oststaaten Beziehungen aufnahm, die DDR aber ignorierte. Man hoffte, dass so Druck auf die DDR seitens des Warschauer Pakts ausgeübt werde und diese zu Zugeständnissen für die deutsch- deutschen Beziehungen bewegt werde. 1963 wurden dazu Handelverträge mit Polen, Rumänien und Ungarn abgeschlossen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, die deutsche Außenpolitik der 1960er Jahre in den Kontext des internationalen Ost-West-Konflikts zu stellen und die Entstehung der neuen Ostpolitik zu analysieren.
1. Auswärtige Beziehungen der BRD mit der SU bis 1969 vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes: Dieses Kapitel arbeitet die restriktiven Rahmenbedingungen der Ära Adenauer und Erhard auf, die durch die Hallstein-Doktrin und den Alleinvertretungsanspruch geprägt waren.
2. Beweggründe und Ideen für eine Annäherung an den Osten bis 1969: Es werden die zentralen theoretischen Ansätze von Willy Brandt und Egon Bahr, wie „Wandel durch Annäherung“ und das „Passierscheinabkommen“, beleuchtet.
3. Die sozialliberale Koalition: Dieses Hauptkapitel analysiert den Politikwechsel ab 1969, die Verhandlungen zu den Ostverträgen und zum Berlin-Abkommen sowie deren Wirkung auf die deutsche Souveränität.
Schlüsselwörter
Neue Ostpolitik, Willy Brandt, Egon Bahr, Wandel durch Annäherung, Koexistenz, Sozialliberale Koalition, Moskauer Vertrag, Berlin-Abkommen, Entspannungspolitik, Kalter Krieg, Deutschlandpolitik, Deutsche Frage, Wiedervereinigung, Hallstein-Doktrin.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Wandel der westdeutschen Außenpolitik von einer konfrontativen Haltung hin zu einer aktiven Entspannungspolitik unter der sozialliberalen Koalition in den Jahren 1969 bis 1974.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die deutsch-deutschen Beziehungen, das Verhältnis zur Sowjetunion, die Rolle West-Berlins und die theoretische Fundierung deutscher Interessen durch Konzepte wie „Wandel durch Annäherung“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, wie es zum Politikwechsel kam und inwieweit die konzipierten Theorien von Brandt und Bahr in konkrete völkerrechtliche Verträge umgesetzt werden konnten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse ausgewählter Primärquellen (Regierungserklärungen, Reden, Memoiren) und nutzt eine fachwissenschaftliche Literaturanalyse zur historisch-politischen Einordnung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung der Ausgangssituation vor 1969, die theoretische Vorbereitung der Ostpolitik durch die Akteure und die praktische Umsetzung durch die Ostverträge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Neue Ostpolitik, Wandel durch Annäherung, Entspannungspolitik und den Moskauer Vertrag maßgeblich charakterisiert.
Welche Bedeutung hatte das Passierscheinabkommen für die spätere Ostpolitik?
Das Passierscheinabkommen diente Egon Bahr als praktischer Testlauf, bei dem er erkannte, dass juristische Statusfragen ausgeklammert werden müssen, um konkrete humanitäre Erleichterungen zu erreichen.
Wie wurde die Rolle von Egon Bahr in den Verhandlungen bewertet?
Bahr wird als architektonischer Vordenker und enger Vertrauter Brandts dargestellt, der durch seine Verhandlungsstrategie und neue Modelle (wie das Bahr-Papier) maßgeblich zur Normalisierung beitrug.
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- Astrid Menz (Author), 2005, Die "Neue Ostpolitik" der sozialliberalen Koalition 1969-74: Konzepte, Motive und Ergebnisse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63748