Sport und Selbstkonzept im Kindesalter


Diplomarbeit, 2006

49 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Begriffsbestimmungen
2.2 Das Selbstkonzept
2.2.1 Überblick
2.2.2 Selbstkonzept
2.2.3 Einfluss auf die Persönlichkeit
2.2.4 Einfluss auf die Gesundheit
2.2.5 Geschlechtsspezifität
2.2.6 Aufbau und Modellvorstellung
2.2.6.1 Das Modell nach Shavelson et al
2.2.6.1.1 Aufbau
2.2.6.1.2 Struktur
2.2.6.1.3 Eigenschaften
2.2.6.1.4 Genese
2.2.6.1.5 Evaluation
2.2.6.1.6 Kritik
2.2.7 Beeinflussende Variablen und Moderatoren
2.3 Das Körperkonzept als Teildimension des Selbstkonzeptes
2.4 Selbstkonzept und Sport
2.4.1 Aktueller Forschungsstand
2.4.2 Sport und Persönlichkeit
2.4.3 Sport und Selbstkonzeptentwicklung
2.4.3.1 Sonstroems & Morgans EXSEM-Modell
2.4.4 Selbstkonzept im Kindesalter

3 SV Pfefferwerk e.V.

4 Studie
4.1 Fragestellung und Hypothesen
4.2 Methodik
4.2.1 Probanden
4.2.2 Untersuchungsdesign
4.2.3 Das Frankfurter-Kinder-Selbstkonzeptinventar
4.2.3.1 Gütekriterien
4.2.3.2 Bisherige Untersuchungen
4.3 Durchführung
4.4 Auswertungen

5 Diskussion

6 Zusammenfassung und Ausblick

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis Erklärung

1 Einleitung

Als werdender Vater sehe ich mich nun direkt mit einigen Fragen konfrontiert, welches sowohl ein vieldiskutiertes Alltagsthema ist, aber auch, verstärkt in einer Zeit von Überfluss an Eindrücken und Möglichkeiten, im wissenschaftlichen Interesse steht:

- Was ist gut für die Erziehung meines Kindes?
- Was wird Einfluss auf mein Kind haben?
- Was ist förderlich, was hemmend?

Nach den ersten Jahren (oder ersten Monaten) mit den Eltern kommt das Kleinkind in näheren Kontakt mit der Gesellschaft: Kinderkrippe, Kindergarten oder Schule werden sehr früh das Wesen oder den Charakter prägen.

Doch nicht nur diese gesellschaftlichen Institutionen sind für die Entwicklung des Kindes von Bedeutung, ein weiteres Phänomen setzt schon in den frühen Jahren an und wird sich durch das gesamte Leben des Menschen fortsetzen: der Sport.

Sport durchdringt unsere Gesellschaft und ist elementarer Bestandteil des täglichen Lebens; so sind z.B. allein - laut der Internetseite des Deutschen Sportbundes - immerhin rund 27 Millionen Menschen als Mitglieder organisiert, welche sich auf ca. 90 000 Turn- und Sportvereine aufgliedern.

Das ein frühes Auseinandersetzen mit dem Sport förderlich für motorische und auch medizinische Aspekte ist, gilt als wissenschaftlich bewiesen, welcher Einfluss aber auf die psychische Entwicklung genommen wird, gilt – zumindest im Kindesalter – noch als „unbeschriebenes Blatt“.

Seit über einem Jahr bin ich bei einem Berliner Verein als Jugendtrainer für 4-6 jährigen Mädchen und Jungen in der Sektion Fußball tätig, und im Laufe der Zeit kam es zu interessanten Rückmeldungen seitens der Eltern.

So erzählte mir anfangs eine Mutter, dass sich ihr Kind im Training offener zu anderen Kinder verhalte und im Allgemein kommunikativer sei, als sie es im Kindergarten gewohnt ist. Ähnliche Beispiele, dass ein besseres Sozialverhalten im Training zu erkennen ist, gab es noch bei einigen weiteren Kindern.

Das Altersgefüge von 3-6 Jahren ist das prägendste und damit auch das wichtigste in der Kindheit“ betont Klaus Hurrelmann (2005), und bezieht sich dabei auf Forschungen aus der Entwicklungspsychologie (Vgl. Montada, L. & Oerter, R., 1998).

Das der Sport einen Einfluss auf den Menschen hat, gilt als unbestritten, wie auch Conzelmann und Müller feststellten (2005), tatsächliche Daten über die psychologischen Auswirkungen sind allerdings sehr gering vorhanden.

Vor allem die sensible Phase (Hurrelmann, 2005, S. 19; Montada, L. & Oerter, R., 1998) im frühen Kindesalter sind so gut wie gar nicht empirisch belegt, aus dem schlichten Grund, dass eine psychologische Untersuchung an Kindern sehr umständlich und als schwer durchführbar galt.

Diesen Umstand versucht der Frankfurter-Selbstkonzept-Fragebogen für Kinder von Prof. Deusinger et al. zu beseitigen. Er wurde entwickelt, um gezielt Kleinkinder ab 3 Jahren in Form eines Frage-Antwort-Spiels über ihr Selbstkonzept zu befragen.

Das psychische Konstrukt „Selbstkonzept“ ist als „Glaube an die eigenen Fähigkeiten und damit an sich selbst und die subjektive Vorstellung des Menschen von sich selbst…“ (Alfermann, 1998, S. 212) definiert, ist soz. frei übersetzt das „Bild von sich selbst“.

So sind die bekannten psychologischen Eigenschaften Selbstvertrauen oder Körperbild Bestandteile bzw. Produkte des eigenen Selbstkonzeptes.

Der Fragebogen baut auf der Basis der bewährten Frankfurter Selbstkonzeptskalen auf und soll nun eine bessere Möglichkeit darstellen, mehr über das Befinden und über die psychische Entwicklung von Kindern in den frühen Lebensjahren zu erfassen und soll somit das diagnostische Mittel meiner Diplomarbeit sein.

Ich werde nun näher auf Grundlagen und einige Facetten des Konstruktes Selbstkonzept eingehen und mit Hilfe von 31 Kindern ein Querschnittsstudie durchführen, welche aufzeigen soll, dass schon in frühen Jahren der Sport – oder speziell in dieser Arbeit: die Wahl der Sportart – einen Einfluss auf die psychische Entwicklung hat.

2 Theoretische Grundlagen

Auf den folgenden Seiten soll mit Hilfe einer Literaturstudie ein kleiner Überblick zum

gegenwärtigen Stand der psychologischen Forschung zum Thema Selbstkonzept geboten

werden und eine Begriffserklärung für die folgende Untersuchung voranstellen, die ein

besseres Verständnis, immer im Hinblick auf die besondere Bedeutung für das Kindesalter,

der vorliegenden Arbeit beabsichtigt.

2.1 Begriffsbestimmungen

- Bulimie

„Bulimie ist durch wiederholte Attacken von Heißhunger (´Fressattacken´), gefolgt von selbst herbeigeführtem Erbrechen gekennzeichnet. In aller Regel spielen sich solche Attacken in aller Heimlichkeit ab. Ein tiefes Schamgefühl nach einer Fress-/Brechattacke ist ein wesentlicher Grund, die Erkrankung auch vor den besten Freunden zu verstecken. Ein weiteres Kennzeichen für die Bulimie ist die fast permanente Beschäftigung der Betroffenen mit allem, was mit Essen, Kalorien, Körpergewicht, Diät und Figur etc. zu tun hat. Bulimische Menschen können unter-, normal- oder auch übergewichtig sein, sie haben jedoch meist ein sehr schlankes Körperideal.“

(Aus http://www.bulimie-online.de/betroffene/information/info.htm; Zugriff am 18.06.2006)

- Dichothom

griech.: „zweigeteilt“: Antworten sind nur in jeweils zwei Dimensionen möglich (heiß/kalt; ja/nein) (Rost, 1996)

- Magersucht

Magersucht ist eine Erkrankung, meistens von Mädchen und jungen Frauen, aber auch immer häufiger von Jungen und jungen Männern, bei denen das Selbstbild und Körperempfinden gestört ist und der Gewichtsverlust zum Inhalt des Denkens und Handelns wird. Die Betroffenen empfinden sich „als zu dick´, auch wenn sie erhebliches Untergewicht aufweisen. Häufig ist Magersucht gepaart mit hohem Leistungsdenken auf verschiedenen Ebenen des Lebens.“

(Aus http://www.bulimie-online.de/betroffene/information/info.htm; Zugriff am 18.06.2006)

- Metakognition

Art von Wissen über das eigene kognitive System und dessen Regulierung“

(Mönks & Knoers, 1996, S. 255)

- Moderatorvariable

Variable, welche einen Einfluss auf die Höhe der Beziehungen zwischen zwei oder anderen Variablen ausübt.“

(nach Bortz, 1999, In: http://userpage.fu-berlin.de/~urtescho/downloads/Uebung%200405/Moderator.pdf; Zugriff am 18.06.2006)

- Pathogenese

= Krankheitslehre

- Salutogenesemodell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1

Die Salutogenese beschäftigt sich im Gegensatz zur Pathogenese nicht mit den

Ursachen und der Behandlung von Krankheiten, sondern setzt an der

Erforschung der Prozesse, die die Gesundheit erhalten und fördern an und

betrachtet den Menschen als mehr oder weniger gesund und gleichzeitig mehr

oder weniger krank. Es gibt stets eine Auseinandersetzung zwischen psycho-physischen Stressoren und generalisierten Widerstandsquellen, welche diese inneren Spannungszustände erwirken, welche wiederum die Tendenz im Disease-Healthease-Kontinuum bestimmen, d.h. ob ein jeweiliges Individuum

„mehr krank oder mehr gesund“ im Kontinuum dasteht.

Jene Widerstandsquellen (z.B.: Sozialstruktur, Wissen, Intelligenz, Selbst-vertrauen...) werden auch durch körperliche Bewegung gestärkt oder verbessert und durch den Kohärenzsinn aktiviert

(vgl. Aaron Antonovsky: Salutogenesemodell)

- Selbstkonzept

Gesamtheit der Einstellungen zur eigenen Person

(Mummendey, 1995, S.55)

- Traits

… sind überdauernde statische Persönlichkeitskonstrukte, welche als nicht so leicht beeinflussbar wie das Selbstkonzept an sich gelten. (Stiller, 2005)

2.2 Das Selbstkonzept

2.2.1 Überblick

Einen Überblick zum Thema Selbstkonzept zu erhalten, ist nicht einfach.

Keith und Bracken (1996)[1] stellen fest, dass es derzeit ungefähr 20 Definitionen und dementsprechend auch Vertreter (u.a. Shavelson, Marsh, Fuchs, Alfermann, Stiller, Deussinger) mit dazugehörigen Messinstrumenten gibt.

Hinzu kommt, dass im englischem Sprachgebrauch das Selbstkonzept auch als self-perception, self-image oder auch self-representation genannt und angewendet wird, weitere Begriffe sind im publizistischem Umlauf und reichen bis ins philosophische oder esoterische Milieu (u.a. „Seele“, „Ego“ oder „Körpergeist“).

Diesen Zustand der nicht einheitlichen Definition und der Fülle an diagnostischen Mitteln bezeichnet 1995 Marsh treffend als „everybody knows what it is“ – Phänomen.

Deshalb ist ein Blick in die Historie der Selbstkonzeptforschung hilfreich:

Schon 1890 erscheint der Begriff „Selbstkonzept“ in einer Abhandlung über die Psychologie von William James, einem Werk, welches als erstes auch auf eine Unterteilung des Selbst aufmerksam macht (Vgl. Mummendey, 1995; Alfermann, 1998).

Als „Pioniere“ werden laut Mummendey (1995, S.65) neben James noch Baldwin (1897), Cooley (1902), Mead (1934) und Allport (1943) angesehen.

Gergen (1971) weist allerdings darauf hin, dass die Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst und somit mit dem Selbst schon zeitens der frühen Philosophen im antiken Griechenland stattgefunden hat, und somit sowohl die klassischen – Aristoteles – als auch die „neueren“ Philosophen – Descartes, Berkeley, Hobbes, Kant, Hegel, usw. – sich auf ihre Art und Weise mit dem Thema Selbstkonzept beschäftigt haben.

Bis heute ist dieses Konstrukt immer noch aktuell und Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen sowie in stetiger Diskussion, die Sportpsychologie hat dieses Thema ebenfalls aufgegriffen, mit der Fragestellung, inwieweit körperliche Aktivität, also Bewegung und Sport sich auf die Psyche – und hier speziell dem Selbstkonzept – auswirken.

Dieser allgemeinen Fragestellung möchte ich mich mit meiner Arbeit anschließen.

Der Frage nach dem „Was wird gemessen“ folgt zudem die Frage „Wie wird gemessen?“. Auch hier ist das Angebot an diagnostischen Mitteln sehr reichhaltig:

Dabei möchte ich aber gleich auf das Themengebiet Sportpsychologie eingehen und für Grundfragen und einer Übersicht von Messinstrumenten auf Mummendey (1995) verweisen.

Für das Gebiet der deutschen Sportpsychologie, welche sich, so stellen Stiller und Alfermann 2005 fest, vor allem seit den 90er Jahren mit dem Thema Selbstkonzept, speziell nach dem Modell von Shavelson et al., auf welches ich später noch tiefgründiger eingehen werde, beschäftigt, haben sich folgende Messinstrumente herauskristallisiert, welche sich in Form eines Fragebogens mit variierenden Items unter verschiedenen Subdimensionen zusammensetzen:

- Deusinger (1998): Frankfurter Selbstkonzeptskalen
- Fuchs (1997): SSA-Skalen (eher Richtung Selbstwirksamkeit)
- Mummendey, Riemann & Schiebel (1983): Selbstratingskalen
- Fox & Corbin (1989): PSPP
- Marsh & Redmayne (1994): PSDQ

Wobei die letzteren zwei sich nur auf eine angenommen Subdimension des Selbstkonzeptes, dem Körperkonzept, beziehen.

Ich möchte mich in meiner Arbeit auf die Definition von Mummendey[2] beziehen und orientiere mich in meine Untersuchung an dem Modell von Shavelson et al. von 1976.

Als diagnostisches Mittel ziehe ich das Frankfurter Kinder Selbstkonzept Inventar von Deussinger et al. (noch veröffentlicht) zur Hilfe.

2.2.2 Selbstkonzept

Doch was ist, nach all den Vertretern und Messinstrumenten, eigentlich mit dem Begriff Selbstkonzept gemeint?

Auch hier sollte man sich möglichst für einen Vertreter entscheiden, denn es herrscht eine Fülle von Definitionsversuchen:

Deshalb erstmal salopp und knapp gesagt: Das Selbstkonzept beschreibt das Individuum als ein „Bild von sich selbst“.

Es ist also die Summe der Überzeugungen, die eine Person über ihre Eigenschaften hat, es ist ein Ausdruck dafür, wie sich der Mensch selbst sieht, was er von sich und seinen Fähigkeiten weiß und wie er seine Eigenschaften beurteilt, spiegelt somit die Interaktion Person-Umwelt wider.

„One´s perception of himself are though to influence the way in which he acts, and his acts in turn influence the way in which he perceives himself” (Shavelson, Hubner & Stanton, 1976, S. 411; zitiert nach Conzelmann & Müller, 2005, S. 113)

Alfermann (1998, zitiert in Bös, K. & Brehm, W., 1998, S. 212) zeigt konkret auf, dass darin der wesentliche Unterschied zur „looking-glass-self“ Theorie des Symbolischen Interaktionismus besteht, das Selbstkonzept also mehr ist als nur das seelische Abbild der Umweltreize ist, sondern dazu noch eine gewisse individuelle Eigendynamik der Person einfließt.

Mummendey (1995) merkt an, das damit das eigentliche Selbst beschrieben wird, also das auftretende Konzept oder der Erklärungsversuch des eigenen Ichs, eben das Selbst konzept. Des weiteren weist er darauf hin, dass dies im Grunde Einstellungen (attitudes) sind, die das Individuum nicht zu seiner Umwelt, sondern zu sich selbst hat und beschließt dies mit seiner viel zitierten Definition des Selbstkonzepts als „Gesamtheit der Einstellungen zur eigenen Person“ (Mummendey, 1995, S.55).

Schulz von Thun (2005) geht in seinem Buch über Kommunikationslehre sehr bildlich auf das oben genannte Selbstkonzept ein. Dabei geht er davon aus, dass dieses psychische Konstrukt aus dem Zusammenschluss eigener Interpretationen und Rückmeldungen aus der Umwelt gebildet wird:

Was für einer bin ich eigentlich?“ (Frage)

So einer bist du.“ (Feedback aus der Umwelt)

[Abbildung in ieser Leseprobe nicht enthalten] „So einer bin ich also!“ (Interpretation und Schlussfolgerung)

Handlungen werden demnach immer interpretiert, auf gleiche Weise werden auch Handlungen individuell ausgeführt, weil sie im Vornherein vom eigenen Selbstkonzept „geprüft“ werden. V. Thun begründet somit, dass das individuelle Selbstkonzept die Handlungen einer Person zwangsläufig beeinflusst.

Stiller und Alfermann (2005) haben in ihrem Beitrag übersichtlich zusammengefasst, welche weit reichende Bedeutung sich daraus ableiten lässt: auf diesem Wege können Handlungen und Verhaltensweisen wissenschaftlich interpretiert und zurückverfolgt werden, ebenso wird ein besseres Verständnis von Erlebensweisen ermöglicht. Ebenfalls nennen die Autorinnen die Ergänzungen von Epstein[3], welche das Selbstkonzept zusätzlich für die Erfahrungsverarbeitung und –organisation und für die Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühles sieht.

Alfermann (1998) erwähnt zudem die Bedeutung für die entwicklungspsychologische und soziale Forschung.

Umgangssprachlich wird der Begriff Selbstkonzept mit Begriffen wie Selbstvertrauen, Körperbild oder auch Mut fälschlicherweise gleichgesetzt, da diese nur Teile des gesamten Konstruktes darstellen (siehe Punkt 2.2.6.1).

Das psychologische / philosophische Konstrukt Selbstkonzept kann man also als ein Abbild und Erklärungsansatz der individuellen Persönlichkeit sehen, worauf ich im folgendem Punkt eingehen möchte.

2.2.3 Einfluss auf die Persönlichkeit

Da es im Sprachgebrauch wie auch in der Literatur häufig zu Verwechslungen und Ungereimtheiten beim Benennen von Persönlichkeit und Selbstkonzept kommt, möchte ich den wesentlichen Unterschied nach Mummendey voranstellen:

„Während […] der Persönlichkeitsbegriff hauptsächlich darauf zielt, zu kennzeichnen, wie sich die Merkmale eines Individuums mehr oder weniger objektiv darstellen, bezieht sich der Begriff Selbst[4] hauptsächlich auf die subjektive Sicht des Individuums.“ (Mummendey, 1995, S. 54)

Ein positives, „gutes“ oder gar „hohes“ Selbstkonzept zu haben wird gesellschaftlich als ein zu verwirklichendes Gut angesehen (vgl. Alfermann, 1998, S.212). Aber warum ist dies so?

Die Autoren Stiller und Alfermann (2005) geben in ihrer Einführung ihres Beitrages an[5], dass

„… ein differenziertes Selbstkonzept […] als eine zentrale Entwicklungsaufgabe, als Indikator für Gesundheit und damit als ein wichtiges Erziehungsziel angesehen…“ (S. 119) wird.

Die Gründe dafür sind meiner Meinung nach wiederum in der Bedeutung und in der Konsequenz (siehe 2.2.2) in der Annahme des Konstruktes „Selbstkonzept“ zu sehen, die Frage ist nur, ab wann ist ein Selbstkonzept gut, oder welche Kriterien muss es erfüllen?

Die Autorinnen sehen die Bewertung Positiv also in einem hohen Grad der Unterscheidungsmöglichkeit, also Differenzierung, der eigenen kognitiven, emotionalen, motorischen und sozialen Fähigkeiten und weisen darauf hin, dass eine „positive Bewertung der eigenen Person und des eigenen Körpers“ im Vordergrund stehen sollte.

Schaut man in die Lehrpläne der Schulen (Conzelmann & Müller, 2005, S. 108f), so findet man ebenfalls die Forderung nach der Bildung eines – positiven – Selbstkonzeptes und es wird deutlich, das dem Phänomen Sport dabei eine wesentliche Rolle angerechnet wird, da dieser „…insbesondere jungen Menschen den Weg zur Selbstfindung und Selbst-verwirklichung“ und „Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer Persönlichkeitsentwicklung“ (Bundesministerium des Inneren, 1999, S.10) bieten soll.

„Erziehender Schulsport soll jeder Schülerin und jedem Schüler helfen, ein Selbstkonzept zu entwickeln.“ (Lehrplan für Sekundarstufe Ι in: Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig Holstein, 1997, S.15).

Man kann also feststellen, dass zum einen Selbstkonzept und Persönlichkeit eng miteinander verbunden sind, sowie zum anderen ein möglichst (je nach Betrachtungsweise) positives Maß angestrebt werden sollte.

Dabei ist – vor allem wegen des Bezuges zu meiner Arbeit – vor allem die Rolle Sportes für Kinder von Interesse, wobei ich auf den Zusammenhang von Sport und Selbstkonzept-entwicklung an späterer Stelle in meiner Arbeit eingehen werde.

2.2.4 Einfluss auf die Gesundheit

Alfermann (1998) stellt in ihrem Beitrag des Sammelbandes Gesundheitssport den hohen Stellenwert eines ausdifferenzierten Selbstkonzeptes als Gesundheitsressource dar.

Dieser Meinung sollte man sich anschließen, betrachtet man den Status „gesund“ aus der salutogenetischen Perspektive (siehe 2.1). So ist anzunehmen, dass ein positives Selbstkonzept mit seinen sich bildenden Formen und Merkmalen, wie u.a. Bildung oder Emotionsbewältigung, durchaus als eine generalisierte Widerstandsquelle im Modell von Antonovsky gelten kann.

Gabler, Nitsch und Singer sehen im Selbstkonzept gar einen „zentralen Indikator“ für die seelische Gesundheit (2000, S. 325).

Als „personelle Ressource“ wird das Selbstkonzept von Brinkhoff & Sack (1999) am Beispiel des schulischen Stresses bei Kindern gesehen, mit der Erklärung:

„Wer sich selbst vertraut, wer daran glaubt, dass er selbst es packen kann – und ihn nicht die zufälligen Umstände im Griff haben –, der geht ganz anders an schulische Leistungsprobleme heran.“ (S. 138)

Anders aber als nur, wie eben angegeben, zur Förderung und Stabilität von Gesundheit im psychischen Sinne geht Alfermann (1998) hingegen auch auf psychosomatische Belange und Konsequenzen der Sicht auf den eigenen Körper – dem Körperbild als Bestandteil des Selbstkonzeptes – ein.

Sie weist auf die Entwicklungsperspektive von jungen Menschen hin, welche über Interessen und der daraus resultierende Berufs- oder Partnerwahl dem Selbstkonzept (hier: „Beurteilungen“) eine große Rolle gerecht werden. Sie nennt ebenso die Einflüsse des Selbstwertgefühls als Teil des Selbstkonzeptes auf die psychische Befindsamkeit „…Personen mit einem hohem Selbstwertgefühl trauen sich mehr zu und sind erfolgreicher als Personen mit niedrigem Selbstwertgefühl….“ (S. 212), wie auch den Zusammenhang von Körperbild und Gesundheit.

So können u.a. Krankheit, Schwangerschaft und Menstruation das Körperkonzept verändern:

- Zum Einem in der Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten und das Geschlechtsrollenbild bei Müttern und Vätern nach Geburt des ersten Kindes. (zitiert nach Gloger-Tippelt 1988, S. 106f)
- Zum Anderem ist ein hohes Selbstwertgefühl und positives Selbstkonzept ist bedeutsam für ein „erfolgreiches“ Altern. (zitiert nach Frey, Gaska, Möhle und Weidemann (1991)

Besonders am Beispiel des Körperbildes ist hierbei auch der sowohl positive Effekt: „…Personen mit hohem Selbstwertgefühl zeigen weniger Anzeichen psychischer Instabilität und psychosomatischer Erkrankungen…“ (Alfermann, 1998, S.217), als auch der negative Effekt eines Selbstkonzeptes ersichtlich.

„Die übergroße Beschäftigung mit der eigenem physischen Attraktivität kann aber auch gesundheitsschwächend sein und zur Morbidität beitragen, etwa zu Essstörungen wie Magersucht und Bulimie.“ (Alfermann, 1998, S. 217)

2.2.5 Geschlechtsspezifität

Gomer (1995) stellte fest, dass in geschlechtspezifischen Studien (Second & Jourard, 1953; Zion, 1965; Lerner, Karabenik & Stuart, 1973) der Zusammenhang zwischen dem eigenen Körper (besser: Sicht auf dem eigenen Körper) und Selbstkonzept stärker bei Frauen als bei Männern ist, kurzum, dass die Bedeutung des Körpers beim weiblichen Geschlecht von höherem Wert und Wichtigkeit für die Psyche ist als bei den Männern.

Vertiefender geht der Autor noch auf Studien von Mrazek (1983) ein: Dieser fand an einer Untersuchung mit SportstudentInnen heraus, dass „…männliche Sportstudenten mit ihrem Körperbau […] zufriedener sind als […] Sportstudentinnen“, und weiter: „Sportstudentinnen sind jedoch – was die Gesamtheit ihrer Selbst- und Körpereinschätzungen betrifft – zufriedener als männliche Sportstudenten.“ (S. 72)

Mrazek schließt daraus auf ein stärker differenziertes Körper- und Selbstkonzept bei Frauen.

Weiter nennt Gomer (1995, S. 72) zwei weitere Studien und Schlussfolgerungen:

(1) In der Körperkonzeptentwicklung von Kindern der Klasse sechs bis zehn ist die Variable „Geschlecht“ bedeutender als die Variable „Alter“. (nach Mrazek, 1984)
(2) Mädchen sind signifikant unzufriedener mit ihrer Figur, ihrem Gewicht und körperlicher Fitness als Jungen. (nach Mrazek, 1984)

Dass dem weiblichen Geschlecht – zumindest im Kindes- und Jugendalter – in Bezug auf den eigenen Körper besondere Aufmerksamkeit gebührt, stellt auch Alfermann (1998) fest und verweist darauf auf Studien von Mrazek (1991) und Mrazek & Hartmann (1989):

„…finden sich Geschlechtsunterschiede, die zeigen, dass Mädchen um ihre Figur besorgter sind und ihre physischen Fähigkeiten niedriger einschätzen als vergleichbare männliche Personen.“ (S. 215)

Besonders der Umstand der ernährungsbedingten Krankheiten wie Magersucht und Bulimie bei Frauen ist bei dieser Körperkonzentrierung zu bedenken (vgl. Alfermann, 1998, 219f).

2.2.6 Aufbau und Modellvorstellung

Wie schon erwähnt, gibt es unterschiedliche Ansatzweisen, um sich den Konstrukt Selbstkonzept zu nähern.

Zur Erklärung der Effekte von Sport auf das Selbstkonzept wurde in der Sportpsychologie (Stiller, Alfermann, Marsh, …) verstärkt das Modell von Shavelson et al. angenommen, welches ebenfalls die Grundlage dieser Arbeit darstellen soll, mit der Begründung, dass es zum Einen, zumindest partiell, schon evaluiert worden ist (Marsh 1990, Marsh & Shavelson 1985) und zum Anderen finden sich die Subdimensionen des Modells größtenteils im von mir verwendeten Fragebogen von Deusinger et al. wieder.

2.2.6.1 Das Modell nach Shavelson et al.
2.2.6.1.1 Aufbau

Die Autoren nehmen das allgemeine Selbstkonzept, im weiteren Verlauf auch globaler Selbstwert genannt, als oberste Ebene, welche in einzelne Subdimensionen unterteilt werden kann. Dies ist nicht ungewöhnlich und wurde von einer Vielzahl von Autoren ebenso aufgestellt (u.a. Harter, 1978, 1988; Epstein, 1984), dennoch

„… hebt sich [dieses Modell] insofern von anderen ab, als Annahmen über Struktur und Inhalte gemacht und diese in Teilen empirisch unterlegt werden konnten (vgl. Marsh, 1997; Stiller et al., 2004).“ (Stiller & Alfermann, 2005, S. 124)

Der globale Selbstwert wird also in ein akademisches und nicht-akademisches Selbstkonzept, welches sich wiederum in emotionalen, physischen und sozialen Subdimensionen untergliedert, aufgeteilt.

2.2.6.1.2 Struktur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Das Selbstkonzeptmodell nach Shavelson, Stanton & Hubner, 1976

2.2.6.1.3 Eigenschaften

Dieses Modellkonzept weist folgende sieben Merkmale auf (Stiller & Alfermann, 2005, S. 120f):

(1) Es ist strukturiert, d.h. eingehende Informationen werden von Personen kategorisiert und in Beziehung gesetzt.
(2) Es ist multidimensional, d.h. es existieren die oben genannten Subdimensionen.
(3) Es ist hierarchisch, d.h. es ist so organisiert, dass spezifische Informationen von der obersten zur untersten Ebene abgebildet werden können.
(4) Es ist stabil, d.h. Veränderungen sind eher auf der untersten Ebene möglich, der globale Selbstwert ist relativ beständig.
(5) Es ist entwickelbar, d.h. mit zunehmendem Alter (spez. bis zur Adoleszenz) bilden sich die einzelnen Unterkategorien und Subdimensionen heraus.[6]
(6) Es ist beschreibend und zugleich bewertend.
(7) Es ist zwischen anderen Dimensionen diskriminierend, d.h. beispielsweise, dass akademische Leistungen eher dem akademischen Selbstkonzept zugeordnet und weniger mit sozialen oder emotionalen Komponenten in Verbindung gebracht werden.

2.2.6.1.4 Genese

Vor allem Merkmal Nr. 5 (Entwicklung) ist für eine Arbeit, in der es um Selbstkonzept im Kindesalter geht, von Bedeutung. Nicht nur Klaus Hurrelmann, auch andere Autoren weisen auf die Bedeutung der frühen Jahre in der Kindheit hin.

Rossmann sieht so die ersten beiden Lebensjahre für die Entwicklung der Grundzüge des Selbstkonzeptes als wichtig:

„So entdeckt das Kind beispielsweise in der sonsomotorischen Periode, dass es die Bewegung seiner Hände und Füße kontrollieren kann, jedoch muss es feststellen, dass es auf viele andere Dinge und Geschehnisse überhaupt keinen Einfluss hat. Es beobachtet, dass seine Arme und Beine immer da sind, während Objekte und Personen kommen und gehen.“ (Rossmann, 2004, S. 102)

Und weiter:

„Durch die Summe solcher Erlebnisse beginnt sich da Selbst langsam und schrittweise von der Umwelt abzuheben und etwa um den zweiten Geburtstag entsteht bei den meisten Kindern das Gefühl für <<ich>>.“ (Rossmann, 2004, S. 102)

Stiller und Alfermann (2005, S. 121) nennen ebenfalls „…den Übergang von der Kindheit zur Jugend- und jungen Erwachsenenalter…“ als wichtigen Abschnitt bei „… der Ausdifferenzierung der Selbstkonzeptdimensionen“.

Ist das Selbstkonzept erst einmal gebildet, zeichnet sich es durch eine gewisse Stabilität (Merkmal Nr. 4) aus, was schon der „Selbstkonzept-Pionier“ William James erkannte: Er beschreibt diesen Umstand mit Hilfe eines Barometer. So geht er von einen durchschnittlichen, gefestigtem Konzept aus, welches geringfügigen Schwankungen am Tag unterliegen kann (Theiß, 2005, S.66).

Des Weiteren beschreibt die Autorin in Bezug auf Sherill (1998), dass es mit steigendem Alter stabiler wird und sich resistenter gegenüber Schwankungen und Änderungen zeigt. Sie sieht dabei die Lebensspanne bis zum 8. Lebensjahr als grundlegende Zeit.

Aus diesen Umständen möchte ich zwei Folgerungen ableiten. Zum einen muss noch einmal auf die Wichtigkeit des (frühen) Kindesalters bei der Genese des Selbstkonzeptes hingewiesen werden, in den ersten Jahren wird soz. das Grundgerüst für das eigene Bild von sich selbst und damit weiterführend auch der eigenen Persönlichkeit[7] gebildet. Zum anderen bedeutet die relative Stabilität des Konstruktes auch die Problematik und Schwierigkeit, das Selbstkonzept nach der Pubertät zu ändern.

2.2.6.1.5 Evaluation

Obwohl dieses Konstrukt von Shavelson et al. in der deutschsprachigen Sportpsychologie ein gern angenommenes und akzeptiertes Modell ist, gibt es dennoch einige Schwächen in der Evaluation.

Nach Alfermann & Stiller ist die Existenz der oben genannten Merkmale noch nicht für alle sieben empirisch unterlegt worden. So konnte zwar durch Studien (Marsh & Shavelson, 1985; Marsch & Yeung, 1998) die Eigenschaft Nr. 2 (Multidimensionalität) abgebildet, die Hierarchie (Nr. 3) aber noch nicht bewiesen werden. Hinzu kommt die Fragestellung über die Richtung der Einflussnahme auf das Modell, indem „bottom-up“[8] und „top-down“[9] diskutiert werden (Kowalski, Crocker, Kowalski, Chad & Humbert, 2003; Marsh & Yeung, 1998: vgl. Alfermann & Stiller, 2005, S.121).

Ebenfalls merken die Autorinnen an, dass Kowalski et al. (2003) Schwächen in der Struktur auflegten – sie konnten speziell die Struktur des physischen Selbstkonzeptes nicht belegen.

2.2.6.1.6 Kritik

Neben der im vorangegangenen Punkt erläuterten unvollständigen Evaluation des Modells von Shavelson et al. gibt es auch noch weitere Gesichtspunkte, die bei der Bearbeitung des Themas Selbstkonzept beachtet werden müssen:

„…definitions of self-concept are imprecise and vary from one study to the next” (Shavelson et al., 1976, S. 408, zitiert nach Stiller & Alfermann, 2005, S.123) ist ein immer noch gültiges Zitat das mit Marshs “everybody knows what it means”- Phänomen übereinstimmt und die Unexaktheit in der Begriffsbestimmung des Selbstkonzeptes kritisiert (siehe 2.2.1).

So wird schon durch die Erläuterung zur Entstehung des Selbstkonzeptes aufgezeigt, dass es nicht ein Modell für die gesamte Lebensspanne geben kann, es muss altersabhängig differenziert werden (vgl. Stiller & Alfermann, 2005).

„Eine Studie zur Selbstkonzeptentwicklung, deren Untersuchungszeitraum sich über die gesamte Adoleszenz erstreckt, wurde bis heute noch nicht vorgelegt. Weitgehend unbearbeitet blieb bislang [mit Ausnahmen] auch das Erwachsenenalter…“. (Conzelmann & Müller, 2005, S.115)

2.2.7 Beeinflussende Variablen und Moderatoren

Es wurde also schon darauf eingegangen, dass das Selbstkonzept ein relativ stabiles Konstrukt ist, welches sich in früher Kindheit bildet und bis hin zur Adoleszenz manifestiert.

In diesem Zeitraum ist es am leichtesten zu beeinflussen, so sehen z.B. Brinkhoff & Sack (1999) die Schule als einen Ort, in dem sich eine Richtung der (Selbst-) Veränderung bei einem Kind einschlagen lässt. So können zum Einem schulische Probleme durch „soziale Mediatoren“ gelöst oder zum Anderem durch „personale Mediatoren“ (bestärkte Stressbewältigungskompetenz) auf eine Verbesserung des Selbstkonzeptes gezielt werden (S.138).

Sie sehen dabei besonders Stützkurse für Lernschwache oder den Einsatz der Eltern bei der Schulorganisation als Beispiel für solche „sozialen Mediatoren“.

Theiß (2005, S. 71, vgl. Zigler & Hodapp, 1986) sieht vor allem bei geistig behinderten Menschen folgende sechs Merkmale als Risikofaktoren für eine verminderte Herausbildung des Selbstkonzeptes:

(1) Organische Faktoren, die die kognitive Entwicklung beeinflussen
(2) Lebenserfahrungen
(3) Lebensbedingungen
(4) Wahrgenommene intellektuelle Einschränkungen
(5) Wiederholter Misserfolg
(6) Andauernde Stigmatisierung

Wobei die Autorin Theiß (2005 zitiert nach Zigler & Hodapp, 1986) anmerken, dass zwar Nichtbehinderte und Behinderte gleich auf Umwelteinflüsse reagieren, Menschen mit Behinderung allerdings anfälliger für eine Entwicklung zum negativeren Selbstkonzept sind (Stichwort: „erlernte Hilflosigkeit“).

Was aber – ob nun im Kindesalter leichter oder nicht – sind eindeutige Variablen, die einen Einfluss auf das Selbstkonzept haben können und wie wirken sie?

Im Rahmen dieser Arbeit soll vor allem der Gegenstand des „Sports“ unter dieser Fragestellung untersucht werden.

Das dieser einen Einfluss auf das Selbstkonzept hat, ist eine weit angenommene Meinung, ob im Volksmund („Sport ist gut für den Charakter“) oder in der Sportpädagogik.

Nimmt man also die These an, dass körperliche Bewegung Einfluss auf das Selbst hat, stellt sich natürlich die Frage, in welchem Maße, welche Art von Sport geeignet ist oder auf welche Weise eine Wirkung erzielt wird.

2.3 Das Körperkonzept als Teildimension des Selbstkonzeptes

Am logischsten ist von daher, wenn man den Einfluss von körperlicher Bewegung auf das Selbstkonzept beurteilen will, auf einen Teil (Subdimension) zu schauen, welches wohl am nahe liegendsten zum Sport ist: das Körperkonzept.

Stiller & Alfermann (2005) bezeichnen dieses Konstrukt wie folgt:

„…ein Teil des Selbstkonzeptes […], in dem alle selbstbezogenen Informationen subsummiert sind, die sich auf den eigenen Körper beziehen. Diese […] beinhalten die körperlichen Fähigkeiten (Kraft, Beweglichkeit, Koordination, Ausdauer und Schnelligkeit) sowie Aspekte der physischen Attraktivität und werden auf einer höheren Ebene zum physischen Selbstwert zusammengefasst.“ (S. 121)

Als eine Dimension des Selbstkonzeptes spiegeln sich allerdings ebenfalls die gleichen schon erwähnten Probleme mit dem Konstrukt wider. So gibt es schon für das Körperkonzept eine Vielzahl von Vertretern mit dazugehörigen Messinstrumenten, u.a.:

- Mrazek (1987): EKOR/KJ
- Fox & Corbin (1989): PSPP
- Marsh & Redmayne (1994): PSDQ
- Strauß & Richter-Appelt (1996): FbeK
- Deusinger (1998): FKKS

Diese Mehrzahl an Angeboten an Fragebögen und die variierenden Ansichten über das Körperbild an sich erschwert eine Untersuchung über den Einfluss auf das Selbstkonzept und hindern vor allem die Vergleichbarkeit der Ergebnisse.

Da es eine Subdimension ist, steht es eindeutig in Beziehung mit dem Konstrukt Selbstkonzept. Gomer (1995, S.71) sieht diesen Zusammenhang als „unumstritten“, wobei er darauf aufmerksam macht, dass auch hier eine gewisse Geschlechtsspezifität vorliegt: So zeigen Stichproben (Secord & Jourard, 1953; Zion, 1965; Lerner, Karabenik & Stuart, 1973), dass bei Frauen eine höhere Korrelation zwischen Körper- und Selbstkonzept besteht als bei Männern.

Alfermann (1998) stellt zudem noch Unterschiede im Altersverlauf fest. So ist im Kindes- und Jugendalter ebenfalls eine hohe Korrelation zwischen Körper- und Selbstkonzept zu vermuten, als im Erwachsenenalter. Als Gründe sind die einsetzende Wachstumsentwicklung in diesen Lebensphasen und die „Zentralität der körperlichen Veränderungen“ (Alfermann, S. 216) zu sehen. Sie sieht im späteren Alter eher das Begabungskonzept oder berufliche Erfolgsrückmeldungen, also andere Subdimensionen, als ausschlaggebend.

Das Körperkonzept gilt ebenfalls als ein geeignetes Beispiel, um das schwierige Modell des Selbstkonzeptes zu erklären, indem man die Vor- und Nachteile, oder besser ein ausgeprägtes (positives) oder einfach strukturiertes (negatives) Konstrukt darstellt:

So fand Alfermann (1998, S. 217) heraus, dass „attraktive Personen […] sich als weniger einsam, weniger schüchtern, als beliebter, sozial aufgeschlossener und sexuell erfahrener…“ geben „…als unattraktive Menschen“.

Weiter (S. 219f) geht sie hingegen noch deutlicher auf die Gefahren eines verklärten Körperkonzeptes ein und betont insbesondere die größere Betroffenheit beim weiblichen Geschlecht. So können Essstörungen wie Bulimie und Magersucht im Besonderen wegen der hohen persönlichen, aber vor allem gesellschaftlichen Vorstellungen von Figur und Aussehen als Auswirkungen des Schlankheitswahns auf Frauen zurückkommen.

2.4 Selbstkonzept und Sport

Wie in Punkt 2.2.7 und 2.3 aufgeführt, ist vor allem dem Phänomen Sport eine große Rolle in der Körper- und/oder Selbstkonzeptentwicklung und –beeinflussung zugeschrieben worden.

So werden zum Beispiel gesundheitsstärkende Einflüsse von körperlicher Bewegung, die nicht auf rein anatomisch-funktionelle Bereiche zielen, einer Verbesserung des Selbstkonzeptes zugeschrieben (Vgl. u.a. Antonovkys Salutogenesemodell: Punkt 2.1 sowie 2.2.4).

Aber ebenfalls herrscht über die Frage des Einflusses des Sports kein wissenschaftlicher Konsens darüber, inwieweit Sport förderlich oder gar negativ sich auf das Selbstkonzept auswirken kann, gegebenenfalls welche Sportart oder –form begünstigend ist und wie die Einflussmechanismen aussehen können. Zudem werden bestehende Studien im wissenschaftlichen Kontext diskutiert und angezweifelt, bestehende Ergebnisse werden kritisiert und Aussagen widerlegt. (vgl. Conzelmann, 2005)

2.4.1 Aktueller Forschungsstand

Obwohl es ein umfassendes psychologisches Thema darstellt, ist der Gegenstand Sport und Selbstkonzept erst relativ spät (80er Jahre) von der Sportpsychologie aufgenommen worden (Stoll, 2001; Alfermann, 1998).

Vor allem wurden empirische Daten im gesundheitlichen Kontext gesammelt, also in wieweit sich körperliche Bewegung über eine Verbesserung des Selbstkonzeptes auf das gesundheitliche Wohlbefinden auswirken kann.

In einer viel zitierten Meta-Analyse von McDonald & Hodgon (1991) wird dieser Einfluss durch ein fitness-orientiertes Training nachgewiesen. Bestätigende Studien sind bei McAuley & Rudolph (1995, zitiert nach Stoll, 2001, S. 90), Gruber (1986, zitiert nach Gabler, Nitzsch & Singer, 2000, S. 325) oder Marsh (1990, zitiert nach Gomer, 1994, S.70) zu finden, jedoch weisen all diese Studien auch einige Schwächen auf.

So sind zwar Effektstärken nachzuweisen, doch existieren ebenfalls Arbeiten, die keinerlei oder nicht signifikante Effekte aufzeigen können (vgl. Gabler, Nitzsch & Singer 2000). Es herrschen also widersprüchliche Angaben.

Es ist jedoch im Gesamten zu beobachten, dass sich das Selbstkonzept bei Personen mit niedrigen Ausgangswerten schneller entwickeln kann als bei Probanden mit schon hohem Niveau, wobei bei sog. Problemgruppen (Alkoholiker, Rehabilitationsgruppen, etc.) ein deutlicherer Anstieg zu verzeichnen ist.

Bei Sportarten mit nahe liegenden körperlichen Veränderungen (Joggen, Gerätetraining) scheinen sich signifikantere positive Änderungen anzudeuten als z. B. bei Wettkampfsportarten, welche wiederum durch Misserfolge negative Folgen fürs Selbstkonzept haben können. Zu beachten wären zu dem noch der eigentliche Änderungswunsch der sporttreibenden Person auf ihre Psyche.

Zur Dauer eines Sportprogramms gibt Stoll (2001) eine Zeitspanne von 10-12 Wochen vor, und „Je länger die Intervention andauert, desto deutlicher werden die Effekte.“ (S. 93).

Der gegenwärtige Stand ist wohl mit einem weiteren Zitat von Stoll kennzeichnend zu beschreiben:

Man kann „… zu einer recht optimistischen Einschätzung der Auswirkung von körperlichen Aktivitäten auf die Gesundheit im Allgemeinen und der psychischen Gesundheit im Speziellen…“ kommen. Jedoch: „Die meisten vorliegenden Meta-Analysen widersprechen dieser Einschätzung eher.“ Geht man jedoch näher auf diese Studien ein und „… betrachtet [ …] die wichtigsten Ergebnisse…“, so „…ist eine positive Auswirkung von sportlicher Aktivität auf Variablen der Gesundheit möglich.“ (Stoll, 2001, S. 92)

Der Autor ergänzt, dass Effekte deutlicher im körpernahen Bereich zu finden sind als im Selbstkonzept im Allgemeinen.

Die stark in diesem Bereich forschende Autorin Alfermann stellt ebenfalls als Fazit ihrer Untersuchungen fest, dass „… körperliche Aktivität…“ zumindest “… das Körperkonzept verändert.“ (1998, S. 219).

2.4.2 Sport und Persönlichkeit

Wie schon erwähnt, sind im psychologischen Sinne die Begriffe Persönlichkeit und Selbstkonzept stark miteinander verbunden, aber dennoch nicht gleich.

Dennoch möchte ich zum besseren Verständnis etwas näher auf die Persönlichkeitsentwicklung mit der Variable Sport eingehen, da sich viele Gedanken mit dem der Selbstkonzeptentwicklung nahe stehen:

„Annahmen wie etwa ´Sport beeinflusse die Persönlichkeit des sporttreibenden Menschen` sind so allgemein, das sie wissenschaftlich kaum überprüfbar sind.“ (Gabler, Nitsch & Singer, 2000, S. 332)

Dennoch steht es im Sportbericht der Bundesregierung (1999), es ist das Argument für eine dritte Stunde im Sportunterricht und der Volksmund hat es schon längst akzeptiert: Sport ist gut für den Körper – und für die Psyche und für das soziale Miteinander.

Wenn diese Behauptungen stimmen, so müsste sich diese Mehrdimensionalität der Effekte des Phänomens „Sport“ somit auch auf die persönliche Entwicklung auswirken, und dies im Allgemeinen mit positivem Charakter.

Dies ist der Ausgangspunkt, auf dem sich auch die Sportwissenschaft stützt, Lehrpläne erstellt werden und z.B. auch in der Sozialpädagogik Sport als Lösungsstrategie für soziale Probleme genutzt werden soll (Erlebnispädagogik).

Achim Conzelmann und Mario Müller haben dies in ihrem aktuellen Beitrag in der Zeitschrift für Sportpsychologie erkannt und üben Kritik: So ist „… bislang eine empirische Bestätigung, dass Sport im positiven Sinne zur Persönlichkeits- bzw. Charakterbildung beiträgt, nicht befriedigend gelungen.“ (2005, S. 109)

Weiter sehen sie keine pauschalen Aussagemöglichkeiten:

Man wird lediglich sagen, dass dem Sport – ja nach Gestaltung – sowohl eine negative als auch eine positive Sozialisationswirkung bei bestimmten Probandengruppen zukommen kann…“ (S. 109)

und ergänzen weiter,

„… dass jedoch solche sportspezifische Sozialisationsimpulse nur unter besonderen Umständen weit genug reichen, um auch auf der Ebene allgemeiner Werthaltungen und Verhaltensdispositionen wirksam zu werden.“.

(Conzelmann & Müller, 2005, S.109, zitiert nach Singer, 2000, S. 334)

Dieser kritische Konsens ist auch Gabler, Nitzsch & Singer (2000) zu entnehmen. Die Autoren zweifeln ebenso an den allgemeinen Vermutungen und Feststellungen[10] und gelangen zu „Ergebnisse, die das Gegenteil zu beweisen scheinen. […] Befunde weisen eher in die entgegen gesetzte Richtung.“ (vgl. S. 327):

- Webb (1969): Der Sieg ist mit zunehmenden Alter bei Schulkindern

bedeutender als Fairness

- Maloney & Petrie (1974): Fairness verliert bei Teilnahme an Wettkampfsport

zunehmend an Bedeutung (Klassenstufe 8-12)

- Pilz (1995, S. 392): „Die Jugendlichen in Fußball-Clubs lernen spätestens im

Alter von 12-14 Jahren, dass es akzeptabel ist, ja sogar geboten ist, die Regeln im Interesse des Erfolges zu verletzten.“

Die Liste solcher Studien ist nach eingehender Literaturstudie beliebig fortzusetzen (siehe z.B. auch Conzelmann, 2001; Gomer, 1995; Gabler, Nitzsch & Singer, 2000).

Es ist also festzustellen, dass der Einfluss des Sports auf die Persönlichkeit und damit ebenfalls auf das Selbstkonzept von empirischer Seite aus nicht geklärt ist, sogar negative Tendenzen zu verzeichnen sind. Aber warum wird weiterhin nach positiven Annahmen in der Schule gelehrt, Kindersport in Vereinen begründet und Erlebnispädagogik mit Problemgruppen angewandt?

Auch mit dieser Fragestellung haben sich die Autoren Gabler, Nitzsch und Singer (2000) in ihrem Standardwerk beschäftigt, mit dem Fazit, dass wiederum Studien existieren, welche einen positiven Zusammenhang von Sport und Persönlichkeit beweisen, ein Einfluss also doch als unbestritten angenommen werden kann (auch: Alfermann, 1998). Nur stellt sich die Frage, nach welchem Konzept (Gabler, Nitzsch & Singer fordern u.a. eine Abkehr vom Leistungsprinzip im Schulsport)? Oder welche Form des Sportes als geeignet gilt? Also z.B. ob es eine geeignetere Sportart zum Aufbau von sozialen Kompetenzen gibt als eine andere.

Oder aber, im Allgemeinen gesprochen, man wirklich vom globalen Denken abkehren sollte, und vielmehr die sensible Phasen (Hurrelmann, 2005) in der Persönlichkeitsentwicklung betrachten sollte um dort geeignete Sportinterventionen durchzuführen.

Als letzten Gedanken führt das Autorenkollektiv noch einmal Kritik an der methodischen Umsetzung von vielen vorliegenden Studien, welche, aufgrund ihrer inkonsequenten Vergleichbarkeit, sofern generelle Aussagen über die Problematik erschweren.

2.4.3 Sport und Selbstkonzeptentwicklung

Es gilt nun also, mit Hilfe von körperlicher Bewegung eine Zugang und eine direkte/indirekte Einflussnahme auf das globale psychische Konstrukt Selbstkonzept zu finden.

In dieser Arbeit soll vor allem auf das – für die Entwicklung des Modells entscheidende – Kindesalter eingegangen werden.

Im Sportunterricht an den Schulen oder in Kindersportvereinen können sozusagen „die Weichen“ gestellt werden:

So gehen Mönks & Knoers (1996) auf die Bedeutung von Entwicklungsaufgaben ein, welche des Erziehens willen gestellt werden müssen. Denn können diese Anforderungen nicht gelöst werden, so wirke sich dieses Scheitern ungünstig u.a. auf das Selbstkonzept aus, weisen aber ebenfalls darauf hin, dass „… Erfolg bei der Ausführung der Aufgaben zu einem Gefühl der Lebensmeisterung beitragen kann“ (S. 27).

Auf einen weiteren positiven Aspekt des Sports machen Giering & Uebe in ihrem Beitrag über (Sport-) Erlebnispädagogik mit adipösen Kindern aufmerksam, indem sie zu der Erkenntnis kommen, dass Sport eine differenzierte Körper- und Selbstwahrnehmung fördert, „… welche Vorraussetzung für ein ausgeglichenes Köper- und Selbstkonzept ist“. (vgl. Giering & Uebe, 2005, S. 78).

Auch die schon erwähnten Beispiele und Zitate aus Punkt 2.4 und 2.4.1 legen einen Einfluss von Sport auf die Psyche dar.

Sonstroem & Morgan (1989) haben versucht, diesen Prozess in einem Modell darzustellen.

4.3.2.1 Sonstroems und Morgans EXSEM-Modell

In diesem 1989 aufgestellten Konstrukt der beiden Wissenschaftler Sonstroem und Morgan gilt körperliche Bewegung nicht als der Verursacher, sondern vielmehr als eine Moderatervariable. Eine Wirkung wird soweit erzielt, indem durch Sport zunächst eine höhere physische Selbstwirksamkeit erzeugt wird. Stiller und Alfermann (2005, S.123) bezeichnen dies als Kompetenzerleben, welches auf „einer höheren Ebene“ die wahrgenommen sportliche Kompetenz und somit auch die physischen Akzeptanz stärkt. Diese beiden Module des Modells „... beeinflussen auf der obersten Ebene das generelle Selbstwertgefühl“.

Ein Effekt wird also „von unten“ angeregt, einfache körperliche Tätigkeit führt zu psychischen Veränderungen. Aufgrund der induktiven Wirkungsweise werde diese Prozesse auch als „bottom up“ bezeichnet.

In den weiteren Jahren wurde dieser Effekt aber auch in umgekehrter Reihenfolge erforscht, so „… dem Selbstwertgefühl wiederum ein Effekt auf Sport und Bewegung zugeschrieben wird“ („top-down“).

Es wird also angenommen, dass – um es mit einem Beispiel aus dem Basketball näher zu erläutern – eine Person, welche sich für unsportlich hält, durch mehrmaliges Korbwerfen und dem Treffen des Korbes (spezifisch) im Laufe der Zeit seine Wahrnehmung zum Körper (physische Selbstwirksamkeit) ändert. Sie hält sich für mehr und mehr für sportlich kompetenter. Dies wirkt sich aber auch auf die Akzeptanz des eigenen Körpers aus und bildet somit im Sinne eines multidimensionalen, hierarchischen Modells ein höheres allgemeines Selbstwertgefühl, stärkt also den globalen Selbstwert.

Dieses Modell gilt als beispielhaft zur Beschreibung von Einflüssen auf die Psyche und wird somit in der Sportpsychologie gern weiterentwickelt (u.a. Sonstroem 1994).

2.4.4 Selbstkonzept im Kindesalter

Das in dieser Arbeit übernommen Modell von Shavelson et al. hat die Eigenschaft, sich zu entwickeln und sich bis zur Adoleszenz relativ komplett auszubilden und grundlegend auszudifferenzieren.

Welche Rolle dem Sport dabei zugesprochen wird, möchte ich kurz in diesem Kapitel erörtern.

„Zu den zentralen Entwicklungsaufgaben […] zählt das Finden einer eigenen Identität. Jugendliche müssen ihren Platz in der Gesellschaft finden. Das bedeutet auch, dass sie ein Selbstbild entwickeln lernen, das sich differenziert mit ihren Fähigkeiten[11] auseinandersetzt.“ (Alfermann, 1998, S. 216)

Obwohl mit diesem Zitat eher der Entwicklungszeitraum für Jugendliche angesprochen wird, ist die Kernaussage auch für die Altersgruppe der Probanden in dieser Arbeit, 4-6 Jahre, entscheidend:

Gerade in diesen frühen Lebensjahren wird das Selbstkonzept gebildet - „Während der ersten beiden Lebensjahre entwickelt sich in Grundzügen das Selbstkonzept“ (Rossmann, 2004, S. 102) – und Sport spielt dabei eine wichtige Rolle (mehr noch als im Erwachsenenalter, siehe auch Punkt 2.3)

So bedeutet z.B. eine hohe Anerkennung im sportlichen Bereich („der kann gut Fußballspielen“) bei anderen Kindern zudem auch eine höhere soziale Akzeptanz. Körperlich „starke“ Kinder haben es allgemein leichter in einer Gruppe angenommen zu werden als vermeintlich „schwächere“.

Betrachtet man diese Annahmen aus Sicht des Modells von Shavelson et al., so stimmen sie mit den Aussagen über Sport und Körperlichkeit (siehe u.a. Punkt 2.4.3) überein, doch nicht nur im – den relativ nahe liegenden – Bereich des Körperkonzepts, sondern auch in anderen Subdimensionen. So können sich Elemente der Subdimension Begabung durch Sport äußern, und zwar aus Kompetenzerfahrungen, welche sich verstärkt durch Erfolg- bzw. Misserfolg (Brinkhoff 1999, Conzelmann 2005) bilden. Leistungen werden dann bei den Kindern mit einem Maßstab oder aber vor allem mit anderen Kindern oder Personen verglichen und bewertet. Aus diesen Erfahrungen werden die Vorstellungen der eigenen Begabung, sowohl aus sportlicher als auch außersportlicher Sicht, konstruiert (vgl.: Brinkhoff, 1999).

Diese eben aufgezählten Aussagen konnte ich als Übungsleiter für 4-6 jährige Mädchen und Jungen selbst beobachten, was wiederum Anreiz und Anstoß für die vorliegenden Diplomarbeit gewesen ist, den Einfluss des Sports auf das Selbstkonzept bei Kindern zu untersuchen.

3 SV Pfefferwerk e.V.

Die von mir durchgeführte Studie fand größtenteils mit Probanden des Berliner Stadtteilvereins „SV Pfefferwerk e.V.“ statt.

Diesen Verein gilt als sehr gut angenommener Breitensportverein, der sich selbst wie folgt beschreibt (entnommen aus dem Leitbild des Vereins):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Uns verbindet ein Sportverständnis, das auf einem humanistischen Menschenbild gründet.
Wir orientieren uns an einem Miteinander von großem Respekt vor jedem Einzelnen und dem Recht auf Anderssein. Im Mittelpunkt sollen die Menschen stehen, die sich mit Fairness und Teamgeist begegnen. Gewaltprävention ist ein unverzichtbarer Teil unserer Arbeit.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Große Aufmerksamkeit richtet sich besonders im Kinder- und Jugendbereich auf die Integration von Menschen mit Behinderungen.

Weiter wird sich vor allem den – nicht nur urbanen – Problemgebieten wie Drogen oder Integration mit sportlichen Mitteln gestellt:

„Bei der Drogenprävention steht bei uns die Gesundheitsförderung im Vordergrund. Wir wollen das Selbstvertrauen unserer Jugendlichen stärken und bessere Bewältigungsstrategien ermöglichen. In unserer Arbeit findet das Prinzip der nachhaltigen Ausrichtung auf ökologische, ökonomische und soziale Gesichtspunkte Ausdruck.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der drittgrößte Verein im Stadtteil Prenzlauer Berg stellt somit eine Alternative zur mehrheitlich leistungsorientierten Vereinslandschaft in der Landeshauptstadt und wurde u.a. vom Landessportbund Berlin als „Kinderfreundlichster Sportverein“ der Stadt ausgezeichnet.

Vor allem im Kinder- und Jugendbereich gibt es regen Zulauf zu den „Bewegung Integrale“[12] - Gruppen und den sich anschließenden Sportarten wie Fußball, Handball, Basketball etc.
Die Probanden der folgenden Studie rekrutieren sich zufolgt aus den Sportabteilungen des Vereins:
- Kinderfußball (4-6 Jahre; m/w)
- Bewegung Integrale (4-6 Jahre; m/w)

4 Studie

4.1 Fragestellung und Hypothesen

Im obigen Theorieabschnitt dieser Arbeit wurde auf einen bestehenden Zusammenhang von körperlicher Aktivität und dem Selbstkonzept hingewiesen. Es soll Ziel dieser Studie sein, auf dieser Aussage aufbauend, näher auf die Frage einzugehen, welche Art und Form von Bewegung beeinflussend wirken könnte.

Es wurden 31 Kleinkinder in einer Querschnittsuntersuchung befragt, welche zu Einen in zwei verschiedenen Sektionen des Berliner Sportvereins SV Pfefferwerk regelmäßig trainieren (in der Fußballsektion und die zweite Gruppe als Kontrollgruppe im integrativen, freien Kinderturnen [Bewegung Integrale]). Letztere Gruppe wurde von Messdaten der Kindersportabteilung des SC DHfK in Leipzig ergänzt, welche ein vergleichbares Konzept verfolgen.

Es stellt sich die Frage, ob die Kinder des freien Bewegungsturnens Unterschiede im erfassten Selbstkonzept zur Fußballgruppe aufweisen, da sich beide Gruppen schon einige Monate im Trainingsprozess befinden.

Ist es anzunehmen, dass in der Fußballgruppe schon höhere Werte im Selbstkonzept (zumindest in der sozialen Subdimension) aufgezeigt werden, da sich diese Kinder im Vergleich zur Kontrollgruppe schon früh in eine Mannschaft arrangieren müssen und ebenso aufgrund des Leistungsgedankens des Sportspiel Fußball das sportliche Selbstverständnis beeinflusst wird? Oder bilden sich einzelne Selbstkonzepte besser aufgrund der individuellen Förderung in der freien Sportgruppe aus?

Auch soll auf mögliche Abweichungen bezüglich des Geschlechts in der Bewegung Integrale Gruppe eingegangen werden, da hier sowohl Mädchen als auch Jungen befragt wurden.

Aus oben genannten Vorüberlegungen stellen sich also zwei Hypothesen:

a) Bei Kindern, welche schon frühzeitig mit der Spielsportart Fußball konfrontiert werden, wird ein Unterschied im Selbstkonzept nachgewiesen zu Kindern, welche im selben Alter freien Sport betreiben.
b) Im Bezug auf das Geschlecht gibt es im Selbstkonzept zwischen Mädchen und Jungen in der freien Sportgruppe keine Unterschiede.

4.2 Methodik

Die Studie wurde beim Berliner Sportverein „Pfefferwerk e.V.“ und beim Leipziger DHfK an 31 Kindern im frühen Kindesalter mittels Fragebogenuntersuchung mit dem FSKI durchgeführt.

4.2.1 Probanden

Diese 31 Kinder sind zum Zeitpunkt der Untersuchung alle im Alter von vier bis sechs gewesen und teilen sich in zwei Gruppen auf:

- Die Fußballgruppe (n=17)
- 4-jährigen: n=6
- 5-jährigen: n=9
- 6-jährigen: n=2
- Alle männlich
- Die Bewegung Integrale Gruppe (n= 14)
- 4-jährigen: n=7
- 5-jährigen: n=5
- 6-jährigen: n=2
- Männlich: n=10
- Weiblich: n=4

Beide Gruppen rekrutieren sich aus Kindern, welche vorrangig aus guten sozialen Verhältnissen stammen.

4.2.2 Untersuchungsdesign

„Die Erfassung von Selbstkonzeptionen wird in der Persönlichkeitsdiagnostik als Spezialfall angesehen, da es hierbei nicht um objektive Persönlichkeitsmerkmale, sondern um die subjektive Sicht des Individuums in Bezug auf die der eigenen Person wichtig erscheinende Persönlichkeitsbereiche geht.“ (Gomer, 1995, S.46)

Obwohl optisch gesehen der FKSI einem Persönlichkeitsfragebogen ähnelt, ist nach Rost (1996, S. 46) das Hauptmerkmal bei Kindern in diesen frühen Alter nicht erfüllt, die sog. Metakognition (siehe 2.1 Begriffsbestimmungen) .

Dennoch kann bei dieser mangelnden Selbstkenntnis laut Rost (1996) mit solch strukturierten Fragebögen wie dem FKSI auf das Selbstbild geschlossen werden kann, was sich in diesem Sinne auch mit dem Selbstkonzept gleichsetzen kann.

Alle Kinder wurden zuhause von ihren Eltern in einer Art „Frage-Antwort-Spiel“ selbst befragt, nachdem die Eltern von mir instruiert und auch ermahnt wurden, sich auf die Meinungen ihres Kindes zu konzentrieren, und nicht auf die vielleicht offensichtliche Realität.

Zuvor habe ich die ersten 40 Fragen in einer Gruppensituation bei vier und fünfjährigen Kindern gestellt, um das Verständnis und die Handhabung bei Kindern zu üben.

Nachdem dieser Test erfolgreich verlaufen ist, wurden die Fragebögen an die Eltern und teils vorbereitete Antwortbögen zum Ankreuzen an die Kinder verteilt.

4.2.3 Das Frankfurter-Kinder-Selbstkonzept-Inventar

Als Grundlage des Testes wurden von der Autorengruppe Deusinger et al (2005) fünf Selbstbereiche als Aspekte der Identität definiert, welche sich aus elf einzelnen Selbstkonzepten zusammensetzen. Die Endform besteht aus 90 Items:

- Selbstbereich Körper
- SKER Körperliche Erscheinung (8 Items): Ich bin schön.
- SKBR Gesundheit, Körperliches Befinden (6): Ich fühle mich meistens wohl.
- SKEF Körperliche Effizienz (10): Ich bin stark.
- Selbstbereich Emotion, Gestimmtheit
- SKEG Emotionale Gestimmtheit (8): Oft bin ich sehr traurig.
- SKAE Angsterleben (13): Ich fürchte mich vor der Dunkelheit.
- SKSS Selbstsicherheit (7): Ich habe Angst, Fehler zu machen.
- Selbstbereich Moral, Selbstwertschätzung
- SKMS Moralorientierung, Selbstwertschätzung (8): Ich bin ein braves Kind.
- Selbstbereich Kognitive Leistungsfähigkeit
- SKAL Allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit (8): Oft verstehe ich Dinge nicht.
- Selbstbereich Psychosoziale Interaktion mit Personen der Umwelt
- SKSD Selbstbehauptungs- und Durchsetzungsfähigkeit (6): Wenn andere Kinder mich ärgern, kann ich mich alleine wehren.
- SKKU Kontakt- und Umgangsfähigkeit (7): Ich spiele lieber mit kleineren Kindern.
- SKWA Wertschätzung durch andere (9): Viele Leute mögen mich.

Obwohl ein qualitativer Unterschied zwischen den einzelnen Bereichen angenommen wird, beruht der Fragebogen auf dem multidimensionale, hierarchische Selbstkonzeptmodell im Sinne Shavelson et al. (1976).

Alle 90 Items konnten in drei Dimensionen vom Kind beantwortet werden:

- trifft zu
- trifft etwas zu
- trifft nicht zu

Solche Ratingskalen haben den Vorteil, informationsreicher als dichothome (siehe 2.1) Antwortskalen zu sein, worauf auch Rost (1996, S. 67) hinweist.

Daraufhin wird in der Auswertung nach einer vorgegebenen Schablone die Punktzahl pro Item (1-3) ermittelt, in den dazugehörigen Teilselbstkonzepten summiert um letztendlich eine Gesamtsummenskore für alle Selbstbereiche zu erhalten. Je positiver die Aussage zur eigenen Person ist, desto mehr Punkte (also maximal 3 pro Item) können erreicht werden.

Die einzelnen Teilsummen sowie der Gesamtsummenskore wird den drei Bereichen „positives“, „neutrales“ und „negatives Selbstkonzept“ zugeordnet.

4.2.3.1 Gütekriterien

Der FSKI wurden von den Autoren (2005) bezüglich seiner Zuverlässigkeit im Gesamtskore:

- interne Konsistenz (Testhalbierungsreliabilität: odd-even)
- 40 3-6jährige Kinder: Cronbach Alpha von .88
- 114 Grundschulklasse 2-4: Cronbach Alpha von .89
- Stabilität
- 5-11jährige Kinder: Spearman Rangkorrelationskoeffizient von r=.73

sowie zur Gültigkeit:

- Skalogrammanalysen (Cornell-Technik) weisen die 11 Teilselbstkonzepte für 3-6jährige Kinder als Skalen (zumindest Quasiskalen) im Sinne Gutmanns aus.

überprüft.

[...]


[1] In: Stiller, Alfermann. (2005, S. 123f)

[2] Siehe Begriffsbestimmungen

[3] Welche ebenfalls als eine Hauptvertreterin des Selbstkonzeptes gilt: Epstein, S. (1973). The self-concept

revised: Or a theory of a theory. American Psychologist, 28, 404-416.

[4] der Autor setzt diesen Begriff später den Begriff Selbstkonzept gleich

[5] Sie beziehen sich dabei auf: Bracken, B. & Lamprecht, M. S. (2003). Positive self-concept: An equal opportunity construct. School Psychology Quarterly, 18, 103-121

[6] Siehe auch: Klaus Hurrelmann, (2005): er spricht von sensiblen Phasen in der Kindheit: die ersten sechs Jahre, der Eintritt ins Jugendalter und der Beginn der Schulzeit.

[7] Im Sinne des Selbstkonzeptes als Teil der eigenen Persönlichkeit

[8] von niedrigster Sub-Dimension bis hin zum globalen Selbstwert

[9] eine Verbesserung im übergeordneten Bereich wirkt auch auf untere Subdimensionen

[10] Z.B.: (vgl. Gabler, Nitzsch & Singer, 2000, S. 327) - Sportler bewältigen schwierige Aufgaben und Hindernisse.
- Sportler lernen mit Mannschaftsmitgliedern zu kooperieren.
- Sportler müssen lernen, mit Sieg oder Niederlage umzugehen.

[11] Intellektuelle, physische, praktische, künstlerische und soziale

[12] Kinder- und Elternturnen ab 2 Jahren mit Integrativen und sozialen Charakter

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Sport und Selbstkonzept im Kindesalter
Hochschule
Evangelische Hochschule für Kirchenmusik Halle - Saale
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
49
Katalognummer
V63782
ISBN (eBook)
9783638567411
ISBN (Buch)
9783638710329
Dateigröße
759 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Selbstkonzept, Kindesalter
Arbeit zitieren
Thomas Letzian (Autor), 2006, Sport und Selbstkonzept im Kindesalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63782

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