Gesellschaft ist die Basis jeglicher Überlegung und Erforschung wissenschaftlicher Soziologie. Nach Esser kann das Analyseobjekt ,,Gesellschaft" als der allgemeinste Gegenstand soziologischer Erforschung vermerkt werden, wobei die ,,...typisierende ... Beschreibung von Gesellschaften" einer der wichtigsten Aufgaben der Soziologie darstellt.1
So verwundert es auch nicht, dass der Versuch einer Antwort auf die von Armin Pongs rhetorisch gestellte Frage ,,In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?", in einer retrospektiven Betrachtung einen bunten Strauß ,,typisierender Gesellschaften" hervorzaubert. Die Vielfältigkeit der bereits vorhandenen Theorien zeigt, dass es auf diese Frage nicht die eine Antwort geben kann. Je nachdem, mit welcher Absicht, mit welcher Fragestellung, zu welcher Zeit und aus welchem Blickwinkel Gesellschaft beobachtet wird, fällt die Antwort so oder so aus, kommt die Analyse zu Gesellschaftstypen wie Risikogesellschaft, Wissensgesellschaft, Arbeitsgesellschaft und der gleichen mehr.2 Es liegt ,,schlicht und einfach im Wesen von Gesellschaft...",so Pongs weiter, ,,daß sie sich nicht kategorisieren und eingrenzen läßt, dass sie ... sich ständig bewegt und wandelt."3 Um es mit Luhmanns Worten zu sagen: ,,Wir können nur sicher sein, dass wir nicht sicher sein können, ob irgendetwas von dem, was wir als vergangen erinnern, in der Zukunft so bleiben wird wie es war."4
So oder ähnlich müssen die Überlegungen sein, die man anstellt, wenn man das von Jean Fourastié entwickelte Konzept einer Dienstleistungsgesellschaft heute liest.
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1 Vgl. Esser (1996), S. 326.
2 Vgl. Pongs (1999), S. 17.
3 Pongs (1999), S.281.
4 Luhmann, zitiert nach Pongs (1999), S. 15.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG: DIE AKTUALITÄT DER VERGANGENHEIT
2. THEORETISCHE ANSÄTZE ZUR DIENSTLEISTUNGSGESELLSCHAFT
2.1 JEAN FOURASTIE
2.2 DANIELL BELL
2.3 ALAN GARTNER UND FRANK RIESSMAN
2.4 WILLIAM J. BAUMOL
2.5 JONATHAN GERSHUNY
2.6 GEGENÜBERSTELLUNG UND BEWERTUNG
2.7 ZWISCHENRESÜMEE
3. DER WEG IN DIE DIENSTLEISTUNGSGESELLSCHAFT
3.1 ENTWICKLUNG DER FRAUENROLLE UND FRAUENBESCHÄFTIGUNG IN DEUTSCHLAND
3.2 URSACHEN DER STAGNATION
3.3 AUSWIRKUNGEN KONSERVATIVER FRAUEN- UND ARBEITSMARKTPOLITIK
3.4 ÄNDERUNG FORSCHUNGSSTRATEGISCHER FRAGESTELLUNG
3.5 DIE ÜBERQUERUNG DES RUBIKON
3.6 RESÜMEE
4. STELLUNGNAHME
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, warum Deutschland trotz des prognostizierten Strukturwandels zur Dienstleistungsgesellschaft in einer Stagnation verharrt und weiterhin an industriellen Modellen festhält. Dabei wird insbesondere der Zusammenhang zwischen der traditionellen Frauenrolle, politischer Konservativität und der ausbleibenden Tertiarisierung des Arbeitsmarktes analysiert.
- Theoretische Fundierung der Dienstleistungsgesellschaft (Fourastié, Bell, Baumol, Gershuny)
- Analyse der Rolle der Frau auf dem deutschen Arbeitsmarkt im historischen Kontext
- Untersuchung der Ursachen für die Stagnation des Strukturwandels
- Vergleich mit europäischen Modellen (Beispiel Niederlande)
- Kritische Stellungnahme zur aktuellen sozialpolitischen Ausrichtung
Auszug aus dem Buch
2.4 William J. Baumol
Zwar nimmt auch er Bezug auf ein sozialwissenschaftliches Verständnis von Dienstleistungsentwicklung. Jedoch steht in seiner Argumentation die These von der „Kostenkrankheit“ der Dienstleistungen im Vordergrund. Diese besagt im wesentlichen folgendes: Vergleicht man die Entwicklung im Bereich der Güterproduktion (progressiver Bereich) und im Bereich der Dienstleistungen (nichtprogressiver Bereich), dann sind alle Kosten, bis auf die der Arbeit zunächst unwichtig. Geht man nun von der Voraussetzung aus, dass die Löhne in beiden Bereichen etwa gleich hoch sind, obwohl die Entfaltung ihrer Produktivität unterschiedlich ist und des weiteren davon, dass sich auch die Lohnerhöhungen beider Bereiche jeweils an den der Produktivitätszuwächse in der Güterproduktion orientieren, folgt daraus, dass die Produkte aus dem Dienstleistungsbereich immer teurer werden, ohne das damit gleichzeitig eine Erhöhung der Produktivität verbunden wäre. Infolge dessen werden sie aber vom Markt verschwinden, weil sie zu teuer werden und sich damit auf Dauer nicht mehr rentieren.
„Wenn die Produktivität im einen Sektor kumulativ im Vergleich zur Produktivitätsentwicklung des anderen zunimmt, dann müssen die relativen Kosten im nichtprogressiven Sektor unvermeidlich zunehmen, und diese Kosten werden kumulativ und ohne Grenzen steigen.“
Aber noch eine andere Folge ist möglich. Würde der nichtprogressive Bereich dennoch weiterhin durch Angebot und Nachfrage am Markt verbleiben, so würde dadurch ein immer größerer Anteil der Gesamtarbeit in Bereich des Dienstleistungssektors gebunden und damit die Zunahme des Wachstums der Gesamtwirtschaft gebremst.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: DIE AKTUALITÄT DER VERGANGENHEIT: Die Einleitung beleuchtet den Begriff Gesellschaft und führt in die Thematik der Dienstleistungsgesellschaft ein, wobei das Konzept von Jean Fourastié als Ausgangspunkt dient.
2. THEORETISCHE ANSÄTZE ZUR DIENSTLEISTUNGSGESELLSCHAFT: Dieses Kapitel stellt verschiedene klassische Theorien zur Dienstleistungsgesellschaft gegenüber, von den optimistischen Ansichten Fourastiés und Bells bis hin zu den skeptischen Analysen von Baumol und Gershuny.
3. DER WEG IN DIE DIENSTLEISTUNGSGESELLSCHAFT: Das Hauptkapitel fokussiert auf die deutsche Entwicklung, analysiert die Rolle der Frau als entscheidenden Faktor für den Strukturwandel und diskutiert Ursachen für die beobachtete Stagnation.
4. STELLUNGNAHME: Die Verfasserin kritisiert das Festhalten an veralteten industriellen Strukturen und plädiert für eine Veränderung der forschungsstrategischen Fragestellung sowie eine stärkere Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt.
Schlüsselwörter
Dienstleistungsgesellschaft, Strukturwandel, Frauenrolle, Arbeitsmarkt, Industrie, Tertiarisierung, Kostenkrankheit, Erwerbstätigkeit, Wohlfahrtsarbeit, Sozialstaat, Stagnation, Geschlechterverhältnis, Deutschland, Beschäftigungsentwicklung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, warum Deutschland trotz eines theoretisch zu erwartenden Übergangs zur Dienstleistungsgesellschaft weiterhin in industriellen Traditionen verharrt und keine signifikante Tertiarisierung des Arbeitsmarktes vollzieht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen soziologische Theorien zur Dienstleistungsgesellschaft, die Untersuchung der Frauenbeschäftigung sowie die kritische Reflexion deutscher Sozial- und Arbeitsmarktpolitik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen der konservativen Rolle der Frau in Deutschland und der Stagnation des Strukturwandels zur Dienstleistungsgesellschaft aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf Literaturanalyse, einem Vergleich soziologischer Modelle und der Auswertung nationaler sowie internationaler Statistiken basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der detaillierten Entwicklung der Frauenrolle, den ökonomischen Hemmnissen des deutschen Sozialstaates und den negativen Auswirkungen konservativer Politiken auf die Arbeitslosenquote.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Dienstleistungsgesellschaft, Strukturwandel, Frauenrolle, Arbeitsmarkt, Tertiarisierung, Kostenkrankheit und soziale Ungleichheit.
Warum wird das Beispiel der Niederlande angeführt?
Die Niederlande dienen als positives Gegenbeispiel, um zu verdeutlichen, wie durch gezielte politische Maßnahmen und eine Aufwertung der Frauenerwerbsarbeit eine erfolgreiche Tertiarisierung bei gleichzeitiger Senkung der Arbeitslosigkeit gelingen kann.
Was bedeutet die "Kostenkrankheit" nach Baumol?
Baumol beschreibt damit den Prozess, bei dem Dienstleistungen im Vergleich zu Industrieprodukten stetig teurer werden, da sie keine vergleichbaren Produktivitätssteigerungen durch technischen Fortschritt erzielen, was deren ökonomische Rentabilität langfristig gefährdet.
- Quote paper
- Sabine Scholz (Author), 2002, Die Sackgasse der Dienstleistungsentwicklung - oder warum Deutschland noch immer an der Schwelle des Übergangs von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft verharrt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6381