Grausamkeit im Märchen


Hausarbeit, 2003

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Problematisierung der Methode

2. Hauptteil
2.1 Die dargestellte Grausamkeit
2.2 Hinrichtungen
2.3 Erklärungsmodelle
2.3.1 Strukturelle Bedingtheit und epische Gesetze
2.3.2 Rechtsgeschichte und kulturhistorische Relativität von Grausamkeit

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang: Quellenbelege und Anmerkungen

1 Einleitung

„In keiner anderen Erzählgattung wird so viel geköpft, zerhackt, gehängt, verbrannt oder ertränkt wie im Märchen.“

(Enzyklopädie des Märchens[i])

Scheinbar ungeniert bedient sich das Märchen einer großen Zahl verschiedenster Darstellungen von Grausamkeit und Gewalt. Selbst in der letzten, stark überarbeiteten Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm fände sich eine erschreckende Zusammenstellung von Grausamkeiten. Anscheinend aber seien zahlreiche Züge von Grausamkeit nicht aus der Sammlung der KHM genommen worden, weil sie wesentlich zum Grundbestand der Erzählungstypen gehörten[ii]. Dafür spricht, dass die Darstellung von Grausamkeit durchaus nicht auf die Erzählungen der Brüder Grimm beschränkt ist:

Antti Aarne veröffentlichte 1910 ein „Verzeichnis von Märchentypen“, welches Stith Thompson 1961 erweiterte. Es entstand ein literarisch-volkskundlicher Märchentypenkatalog, welcher die in zahllosen Varianten weltumlaufenden Erzählungen auf gewisse Grundtypen zurückführt[iii].

Innerhalb dieses Typenkataloges lassen sich zudem verschiedene Motive von Grausamkeit auffinden, wie z. B. Brudertötung, Einmauern, Kannibalismus oder Kindstötung.

Röhrich untersuchte anhand einzelner zentraler Beispiele, wie vielseitig grausame Motive hinsichtlich ihrer kulturhistorischen und psychologischen Beziehung sind[iv]. Er unterscheidet 11 Motive von Grausamkeit, und auch hier finden sich Motive von Frauenmord, Menschenopfern, Kannibalismus, Zerstückelung, oder Motive von der Sitte des Hinrichtens und grausamer Strafen.

In dieser Arbeit soll anhand konkreter Beispiele aufgezeigt werden, wie Grausamkeit im Märchen auftritt und wie dieses Auftreten interpretiert werden kann.

1.1 Problematisierung der Methode

Innerhalb der Märchenforschung lassen sich drei grundsätzliche Betrachtungsweisen unterscheiden:

Die didaktische Märchenforschung untersucht unter soziologischen und psychoanalytischen Aspekten die pädagogische Funktion und die Vertretbarkeit dargestellter Grausamkeit. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob die „Darstellung von Gewalt zur Nachahmung reize […] oder eher vorhandene Aggressionen ableite […].“ (EM, 104).

Die volkskundliche Märchenforschung konzentriert sich neben psychologischen auf kulturhistorische und rechtsgeschichtliche Aspekte; hier steht vor allem die Frage nach dem Wirklichkeitsbezug der Grausamkeit im Vordergrund, „da jedes Volksmärchen noch irgendwie mit der Wirklichkeit verbunden“ und phantastisch und realistisch zugleich sei. Diese Mischung mache einen wichtigen Teil seines Wesens aus[v].

Der literaturwissenschaftliche Ansatz schließlich untersucht das Märchen auf seine formalen und inhaltlichen Charakteristika. Er konzentriert sich auf dessen strukturelle Bedingtheit und erzählerischen Besonderheiten, denn „den Literaturwissenschaftler interessiert das Märchen nicht als Geschichtsquelle, sondern als Erzählung.“ Dazu seien Wesen und Funktion dieser Erzählungsform zu erfassen[vi]. Der Aspekt Grausamkeit wird hier demnach als Phänomen innerhalb der Gattung Märchen betrachtet.

Den Aspekt eines Phänomens scheinen sowohl Märchendidaktik als auch Volkskunde auszuklammern:

Die Didaktik interessiert sich vorwiegend für Grausamkeit im Märchen hinsichtlich ihrer Wirkung auf die psychische Entwicklung des Kindes innerhalb bestimmter Sozialisationsprozesse. Sie betrachtet das Phänomen nur als mögliche Ursache. Die Volkskunde dagegen stellt historische Rechtshandhabung und kulturelles Brauchtum in den Mittelpunkt ihres Interesses, so dass die im Märchen untersuchte Grausamkeit der Gefahr unterliegt, lediglich als Nachweis historischer Begebenheiten zu dienen.

So behauptet z. B. Panzer, der Hauptwert solch „phantastisch törichter Geschichten“ bestehe darin, Bruchstücke der „Weltanschauung urtümlicher Menschheit“ aufzubewahren: „Was auf den ersten Blick eine lächerliche Erfindung schien, wird in solcher Beleuchtung zu einer ernsthaften Geschichtsquelle.“ (F. Panzer, Berlin 1926, Abschnitt 37; zit. n. Lüthi, 76)

Eine solch einseitige Betrachtungsweise scheint aber fragwürdig, da Motive von Grausamkeit zwar durchaus aus urtümlichem Denken erwachsen sein mögen, doch stellt sich auch die Frage, ob der Gattung Märchen anstelle bloßer Geschichtsschreibung nicht auch der Status volkskundlicher Dichtung eingeräumt werden muss. So besteht Röhrichs Verdienst darin, dass er neben dem Realitätsbezug des Märchens auch dessen epische Besonderheiten erkannte.

Betrachtet man Literaturwissenschaft als Disziplin, die in Bezug zu Wirklichkeit und Gesellschaft sowie zu deren Wert- und Tradierungssystemen steht, so scheint hier eine interdisziplinäre Vorgehensweise angebracht, die volkskundliche und literaturwissenschaftliche Aspekte miteinander verbindet. Die pädagogische Betrachtungsweise wird hier ausgeschlossen.

2 Hauptteil

2.1 Die dargestellte Grausamkeit

„Da rief sie einen Jäger, und sprach ,bring das Kind hinaus in den Wald, ich wills nicht mehr vor meinen Augen sehen. Dort sollst dus töten, und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.’“[vii] (Sneewittchen[viii], KHM 53)

Nach Mallet gehört das Märchen vom Sneewittchen zu den schlimmsten Mord- und Totschlaggeschichten der Grimmschen Märchen. Auf keine andere Heldin würden so viele Mordanschläge ausgeübt. Die ihm zugedachten Todesarten gingen von Erdolchen über Erwürgen bis zum Vergiften[ix]:

„[…] aber die Alte schnürte geschwind, und schnürte so fest, daß dem Sneewittchen der Atem verging, und es für tot hinfiel.“[x]

„[…] aber kaum hatte sie den Kamm in die Haare gesteckt, als das Gift darin wirkte, und das Mädchen ohne Besinnung niederfiel.“[xi]

„Kaum aber hatte es einen Bissen davon im Mund, so fiel es tot zur Erde nieder.“[xii]

Folgende Züge des Sneewittchen-Märchens der Grimmschen Fassung sind hinsichtlich ihrer Varianten interessant: Der Auftrag des Jägers, Sneewittchen im Wald zu erstechen, die Anschläge der eifersüchtigen Stiefmutter mittels Schnürriemen, Kamm und Apfel sowie die Vereitlung der ersten beiden Anschläge durch die Zwerge, welche Sneewittchen aus Ehrfurcht vor ihrer Schönheit bei sich aufnahmen. So zeigt eine andere Erzählung folgende Abweichung: Im Wald in einer Höhle wohnten sieben Zwerge, die töteten jedes Mädchen, das sich ihnen nahe. Das wisse die Königin [Stiefmutter, K.P.], und weil sie Sneewittchen nicht geradezu ermorden wolle, hoffe sie es dadurch loszuwerden, dass sie es hinaus vor die Höhle führe und zu ihm sage: „Geh da hinein und wart, bis ich wieder komme!“ Dann gehe sie fort, Sneewittchen aber getrost in die Höhle. Die Zwerge kämen und wollten es anfangs töten; weil es aber so schön sei, ließen sie es leben und sagten, es sollte ihnen dafür den Haushalt führen[xiii].

[...]


[i] S. 98; im folgenden als EM abgekürzt

[ii] vgl. Röhrich, S. 124

[iii] vgl. Lüthi, S. 110

[iv] vgl. Röhrich, S. 126

[v] vgl. Röhrich, S. 3

[vi] vgl. Lüthi, S. 76 f.

[vii] Grimms Märchen S. 236 f.

[viii] In der Grimmschen Fassung von 1837 nicht Schnee-, sondern Sneewittchen; ebenso bei allen zitierten Texten.

[ix] vgl. Mallet, S. 165

[x] Grimms Märchen S. 240

[xi] Grimms Märchen S. 241

[xii] Grimms Märchen S. 242

[xiii] vgl. Schneewittchen AT 709

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Grausamkeit im Märchen
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V63888
ISBN (eBook)
9783638568258
ISBN (Buch)
9783638598927
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grausamkeit, Märchen
Arbeit zitieren
Kerstin Prinz (Autor), 2003, Grausamkeit im Märchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63888

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