Begriff und Funktion der Schweigespirale im Prozeß öffentlicher Meinungsbildung


Hausarbeit, 2000

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

GLIEDERUNG

1. Einleitung

2. Öffentliche Meinung und Meinungsklima

3. Isolationsfurcht

4. Rede- und Schweigetendenz

5. Massenmedien und Schweigespirale

6. Resümee

1. Einleitung

Besteht ein Zusammenhang zwischen öffentlicher Meinung und dem Verhalten des Individuums in der Gesellschaft?

Ausgehend von dieser Annahme entwickelte Elisabeth Noelle-Neumann die „Theorie der Schweigespirale“, welche erstmals im Jahre 1980 veröffentlicht wurde. Die Theorie wird gestützt durch demoskopische Untersuchungen, diverse Tests und philosophische Grundgedanken.

Die Autorin promovierte 1940 in den USA über amerikanische Meinungsforschung. Im Jahre 1947 gründete sie zusammen mit ihrem damaligen Mann das erste deutsche Meinungsforschungsinstituts in Allensbach. Im besonderen Blickpunkt waren stets Erhebungen zu den Bundestagswahlen in der Bundesrepublik Deutschland.

Sie publizierte mehrerer Werke über Demoskopie und Themen aus Bereichen der Öffentlichkeit.1 Durch ihre langjährige Arbeit in der Demoskopie und in der Politik als Beraterin der CDU, stieß sie auf Ungereimtheiten bei der Bildung diverser öffentlicher Meinungsprozesse, wie z.B. den Wahlvorgang zur Bundestagswahl im Jahre 1965.2

Für Elisabeth Noelle-Neumann stellte sich dadurch die Frage, warum während einer Wahlkampfphase plötzliche Meinungsumschwünge in der Bevölkerung auftreten und ob politische Meinungsäußerungen einen Einfluß auf den Wahlausgang haben könnten.

Letztendlich soll die Frage, welche Rolle die öffentliche Meinung und das Meinungsklima für das Verhalten des Individuums beim Prozeß öffentlicher Meinungsbildung spielt, in dieser Arbeit im Vordergrund stehen.

Zur Darstellung des Begriffes und der Funktion gehe ich im folgenden zuerst auf die öffentliche Meinung und das Meinungsklima ein und erläutere, warum das Individuum auf diese Phänomene so empfindlich reagiert.

Im weiteren Verlauf wird beschrieben, wie eine Schweigespirale entsteht und warum die Massenmedien eine große Rolle dabei spielen können.

Aufgrund des Umfanges dieser Hausarbeit, habe ich auf die Darstellung des Phänomens „Pluralistic Ignorance“ verzichtet.

2. Öffentliche Meinung und Meinungsklima

Wenn man von einem harmonischen Gesellschaftsbild ausgeht, stellen Kontroversen einen bedeutenden Störfaktor dar, weil sie die Gemeinschaft und das damit verbundene grundsätzliche Bedürfnis nach Nähe und Harmonie zu den Mitmenschen gefährden. Das setzt aber eine gewisse Art von Konformität voraus, damit ein Konsens über die Befolgung oder Übernahme von Normen, Gewohnheiten, Verhaltensmustern und Meinungen vorliegt.

Die Theorie der Schweigespirale geht davon aus, daß die Gesellschaft vom Konsensus abweichende Individuen mit Isolation oder einer Art Ausschluß bedroht, und daß weiterhin der Mensch eine meist unbewußte, wahrscheinlich genetisch verankerte Isolationsfurcht verspürt.3

Eine entscheidende Orientierungseinheit zur Wahrnehmung des gesellschaftlichen Konsens bildet „Öffentliche Meinung“. Diese „soziale Haut“4 hält das soziale System der Gesellschaft zusammen und wird weiterhin als Sinnesorgan gedeutet, mit dem der einzelne Umwelteinflüsse, wie z.B. Meinungsklima oder Betriebsklima wahrnehmen kann. Öffentlichkeit könnte als „Bewußtseinszustand“5 verstanden werden, der eine Urteilsinstanz für den Einzelnen im Bezug auf sein Ansehen und Wirken in der Gesellschaft darstellt.

Öffentlichkeit kann aber auch als Bedrohung erfahren werden, sofern man den eigenen Standpunkt als Abweichung von der Mehrheit sieht. In dem Fall könnte das Individuum dazu neigen, sich unter Umständen der Mehrheitsmeinung anzuschließen.6

Öffentliche Meinung entsteht daher aus der Interaktion zwischen dem Individuum und seiner Umwelt, und der Mensch beobachtet seine Umwelt und das darin vorherrschende Meinungsklima, um sich daran orientieren zu können.

Durch den sozialen Druck des Meinungsklimas wird eine Art Verhaltenskontrolle ausgeübt. Meinungsklima entspricht den Vorstellungen des Einzelnen, welche Ansichten und Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit gebilligt oder abgelehnt werden.7 Die Verhaltenskontrolle kann sich auf Bereiche der Traditionen, Sitten sowie Normen und Werte auswirken.

Die Schweigespirale ist eine Erscheinungsform der öffentlichen Meinung. Sie stellt jenen Prozeß dar, in dem sich neue öffentliche Meinungen herausbilden oder die Umwandlung einer alten stattfindet.8

Dieses für das Individuum scheinbar nun so wichtige Meinungsklima wird durch das sogenannte „quasi-statische Organ“9 wahrgenommen, welches man als Bindeglied zwischen der individuellen und kollektiven Sphäre des Menschen bezeichnen könnte.

Diese Wahrnehmungsfähigkeit gibt dem Individuum die Möglichkeit, „Kraft, Dringlich-keitsanspruch, Entwicklungsrichtung und Verwirklichungschancen“10 eines bestimmten in der Öffentlichkeit vorherrschenden Themas abschätzen zu können.

Dadurch weiß das Individuum, wann und wie es sich in der Öffentlichkeit äußern sollte, ohne Sanktionen fürchten zu müssen, und es kann nun, je nach Sachlage, sich für die öffentliche Äußerung entscheiden oder gegebenenfalls schweigen.11

Das vorherrschende Meinungsklima kann auf zwei Arten wahrgenommen werden. Zum einen durch direkte Wahrnehmung im unmittelbaren Umfeld12 (z.B. in Bezugsgruppen, am Arbeitsplatz oder Stammtisch) sowie zum anderen durch die indirekte Wahrnehmung der Massenmedien. Indirekt in dem Fall, weil das Individuum nur konsumiert und kein wechselseitiger Kommunikationsprozeß stattfindet.

Es wurde nun dargestellt, daß öffentliche Meinung und Meinungsklima eine große Rolle für das Verhalten des Individuums in der Gesellschaft spielen. Warum nun der Mensch nach Ansicht der Autorin seine Umwelt ständig beobachtet um wahrnehmen zu können, welches Meinungsklima zu bestimmten Themen vorliegt, wird im folgenden beschrieben.

[...]


1 ap, Noelle-Neumann denkt nicht an Ruhestand, <http:/mainz-online.de/old/96/12/18/ topnews/ Noelle.html>

2 Das vorherrschende Meinungsklima lag vor der Wahl zugunsten der CDU/CSU-Fraktion, unabhängig von der Wahlabsicht des einzelnen Wählers. Dieses Meinungsklima hat scheinbar einen Teil der Bevölkerung im „last minute swing“ dazu bewogen, sich für die scheinbaren Sieger zu entscheiden.

3 Vgl. Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentliche Meinung, Die Entdeckung der Schweigespirale, Frankfurt/M., Berlin, erweitere Auflage 1991, S. 298

4 Noelle-Neumann, E., a.a.O., S. 89-90

5 Ebenda, S. 90

6 Noelle-Neumann, E./Wilke, J. (Hrsg.): Öffentlichkeit als Bedrohung, Freiburg/München. 1977, S. 12

7 Vgl. Noelle-Neumann, E./Schulz, W./Wilke, J.(Hrsg.): Wirkung der Massenmedien, in: Fischer Lexikon, Publizistik Massenkommunikation, Frankfurt am Main, 1989, S. 383

8 Vgl. Jöhr, W.A.: Elisabeth Noelles Schweigespirale aus der Sicht eines Nationalökonomen, in: Baier, H./Kepplinger, H.M./Reumann, K. (Hrsg.): Öffentliche Meinung und sozialer Wandel, Public Opinion and Social Change, Opladen, 1981, S. 15

9 Noelle-Neumann, E., a.a.O., S. 164

10 Noelle-Neumann, E./Wilke, J. (Hrsg.), a.a.O., S. 172

11 Vgl. Noelle-Neumann, E., a.a.O., S. 323

12 Vgl. Noelle-Neumann, E., a.a.O., S. 224

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Begriff und Funktion der Schweigespirale im Prozeß öffentlicher Meinungsbildung
Hochschule
Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik (ehem. Hochschule für Wirtschaft und Politik)  (Sozialwissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V6392
ISBN (eBook)
9783638139731
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schweigespirale
Arbeit zitieren
Dagmar Rissler (Autor), 2000, Begriff und Funktion der Schweigespirale im Prozeß öffentlicher Meinungsbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6392

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