Aimé Césaires Begriff der Négritude erfuhr unterschiedliche Deutungen – so sah Jean-Paul Sartre die Négritude in seinem berühmten Vorwort Orphée noir als einen racisme antiraciste.
Doch wie stellte Césaire den Begriff der Négritude in seinem Werk Cahier d’un retour au pays natal ursprünglich dar? Wie definierte er ihn und welche Eigenschaften spricht er ihm zu? Kann man die Négritude wirklich als einen racisme antiraciste auslegen?
Mithilfe der einzelnen Passagen, in denen Césaire in seinem Cahier das Wort Négritude benutzt und näher erläutert, werde ich versuchen herauszufinden, wie er diesen Begriff versteht und was er damit verbindet. Anschließend stelle ich seinen Begriff der Négritude den Kritiken gegenüber, die ihm entgegengebracht werden, und werde abschließend erörtern, ob die herangetragene Kritik wirklich tragbar ist.
Die erste Nennung der Négritude erfolgt durch Césaire in seinem Cahier in Verbindung mit Haiti und dem dortigen Sklavenaufstand unter Führung von Toussaint Louverture. Dieser Nennung geht eine Beschreibung der Missstände auf Césaires Heimatinsel Martinique voraus, die „eine Abrechnung des Autors mit dem Klischee der glücklichen Antillen und ihrer sorglosen Menschen“ ist.
So rechnet er in den Anfangszeilen des Cahiers mit den Hütern der weltlichen und geistigen Ordnung ab:
Va-t-en, lui disais-je, gueule de flic, gueule de vache, va-t-en je déteste les larbins de l’ordre et les hannetons de l’espérance. Va-t-en mauvais gris-gris, punaise de moinillon.
Césaire kritisiert darin die koloniale Situation, die für ihn in besonderem Maße durch den Polizisten („gueule de flic“) und den Priester („moinillon“) repräsentiert wird:
La police et l’église sont pour Césaire le contraire de la liberté d’expression, et, au delà de l’écriture, de la liberté du peuple. Ils sont la représentation du pouvoir de la société coloniale – le premier s’occupe de la répression physique et le deuxième de la répression spirituelle – qui domine la société colonisée.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die erste Nennung der Négritude im Cahier
3. Haiti und Toussaint Louverture als Vorbilder
4. Die Szene in der Straßenbahn
5. Die Definition der Négritude durch Césaire
6. Die vieille négritude und die neue Generation
7. Kritik an der Négritude und der Vorwurf des Rassismus
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der Négritude in Aimé Césaires Werk „Cahier d’un retour au pays natal“. Ziel ist es, die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs für den Autor herauszuarbeiten, die Auseinandersetzung mit der kolonialen Realität zu analysieren und kritische Stimmen, insbesondere den Vorwurf eines „racisme antiraciste“, zu prüfen.
- Analyse des Begriffs der Négritude im Kontext kolonialer Unterdrückung.
- Untersuchung der Bedeutung von Haiti und Toussaint Louverture für den Befreiungsprozess.
- Reflexion über Identität, Selbstakzeptanz und den Widerstand gegen Assimilation.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Rassismusvorwurf gegenüber der Négritude-Bewegung.
- Erörterung der Entwicklung von der „vieille négritude“ hin zu einem dynamischen Identitätsbegriff.
Auszug aus dem Buch
Die Szene in der Straßenbahn
Un soir dans un tramway en face de moi, un nègre. C’était un nègre grand comme un pongo qui essayait de se faire tout petit sur un banc de tramway. Il essayait d’abandonner sur ce banc crasseux de tramway ses jambes gigantesques et ses mains tremblantes de boxeur affamé. Et tout l’avait laissé, le laissait. Son nez qui semblait une péninsule en dérade et sa négritude même qui se décolorait sous l’action d’une inlassable mégie. Et le mégissier était la Misère.
[…] Et l’ensemble faisait parfaitement un nègre hideux, un nègre grognon, un nègre mélancolique, un nègre affalé, ses mains réunies en prière sur un bâton noueux. Un nègre enseveli dans une vieille veste élimée. Un nègre comique et laid et des femmes derrière moi ricanaient en le regardant.
Il était COMIQUE ET LAID, COMIQUE ET LAID pour sûr. J’arborai un grand sourire complice… Ma lâcheté retrouvée!
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas und der Forschungsfrage bezüglich der Definition der Négritude bei Césaire.
2. Die erste Nennung der Négritude im Cahier: Analyse der ersten begrifflichen Verwendung in Verbindung mit der Kritik an den Missständen auf Martinique.
3. Haiti und Toussaint Louverture als Vorbilder: Betrachtung von Haiti als Symbol für kollektive Selbstbehauptung und Widerstand gegen die Kolonialmacht.
4. Die Szene in der Straßenbahn: Untersuchung der zentralen Identitätskrise des Erzählers und der Konfrontation mit dem eigenen internalisierten Rassismus.
5. Die Definition der Négritude durch Césaire: Erörterung der aktiven, prozesshaften Natur der Négritude als Mittel zur Selbstfindung.
6. Die vieille négritude und die neue Generation: Kontrastierung der alten Unterwürfigkeit mit der neuen, entschiedenen Haltung der jungen Generation.
7. Kritik an der Négritude und der Vorwurf des Rassismus: Auseinandersetzung mit den Vorwürfen, insbesondere Sartres These des „racisme antiraciste“.
8. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Négritude als dynamischer Prozess zwischen Identitätsfindung und kulturellem Austausch.
Schlüsselwörter
Négritude, Aimé Césaire, Cahier d’un retour au pays natal, Antillen, Kolonialismus, Identität, Widerstand, Assimilation, Haiti, Toussaint Louverture, Rassismus, kulturelle Interaktion, Selbstakzeptanz, Literatur, Antikolonialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Begriff der Négritude, wie ihn Aimé Césaire in seinem bedeutenden Werk „Cahier d’un retour au pays natal“ verwendet und konzipiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Kritik an der kolonialen Unterdrückung, die Suche nach schwarzer Identität, der Widerstand gegen kulturelle Assimilation und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Erbe.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Césaire durch die Négritude einen Prozess der Selbstakzeptanz einleitet und diese gegen den Vorwurf des Rassismus als notwendiges Mittel der Befreiung verteidigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse zentraler Textpassagen des „Cahier“ sowie den Diskurs mit theoretischer Sekundärliteratur zur Interpretation des Konzepts.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die textnahe Analyse der Négritude-Nennungen, die Bedeutung historischer Figuren wie Toussaint Louverture und die kritische Reflexion des Identitätsbegriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Négritude, Identität, Widerstand, Antikolonialismus, Selbstakzeptanz und kultureller Austausch.
Welche Rolle spielt die Szene in der Straßenbahn für das Argument?
Diese Szene markiert den Wendepunkt der Selbstreflexion, in der der Erzähler seine eigene Mittäterschaft an der Abwertung des Schwarzseins erkennt und somit den Weg zur echten Selbstakzeptanz ebnet.
Wie entgegnet Césaire dem Rassismusvorwurf?
Césaire betont, dass sein Kampf nicht aus Hass auf andere Rassen entspringt, sondern als notwendige Verteidigung gegen die Entmenschlichung und als Schritt zur Gleichberechtigung aller Menschen dient.
- Arbeit zitieren
- Andreas Kirchmann (Autor:in), 2006, Der Begriff der Négritude in Aimé Césaires Cahier d'un retour au pays natal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63965