Holistische Analyse eines Tageshoroskops zur Bestimmung der Textsorte Horoskop


Seminararbeit, 2006

73 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsübersicht

Vorwort

1. Geschichte der Astrologie und das Horoskop heute – Astrologie und Horoskop als Tradition
1.1 Die Ausrichtung des Lebens nach den Sternen
1.1.1 Verschiedene Ursprünge
1.1.2 Die Hoffnung, den Gang des Schicksals verstehen zu können
1.1.3 Monumente
1.1.4 Das Mittelalter
1.2 Wissenschaftliche Autorität
1.2.1 Vortäuschung der Wissenschaftlichkeit
1.2.2 Transparenz und Pseudoevidenz
1.3 Funktionelle Legitimität
1.3.1 Das Medium und die Platzierung des Horoskops
1.3.2 Textfunktion und Erwartungshaltung des Lesers
1.3.3 Vertrag zwischen Autor und Leser

2. Der Rezipient bestimmt das Maβ an voraussagender Obligation
2.1 Propositionale Vagheit
2.1.1 Verteilung der Einzelillokutionen
2.1.2 Mehrfach- und Gleichzeitigkeitshandlungen
2.2 Thematische Vagheit und Handlungsmuster
2.2.1 Rahmenthema und Themenbereiche
2.2.2 Themenbereichsbestimmte Äuβerungen
2.2.3 Themenbereichsunbestimmte Äuβerungen
2.2.4 Themenentfaltung und Illokutionsstruktur
2.3 Vagheit in der Referenz
2.3.1 Modalverben
2.3.2 Phraseologismen als Teil eines gesellschaftlich allgemeingültigen Wertesystems
2.3.3 Tempora und lexikalische Zeitausdrücke
2.3.4 Personen- und Sachverhaltsbezeichnungen

3. Nähesprachlichkeit bzw. Illusion eines Dialogs
3.1 Anonymität
3.2 Explizite und implizite Direktadressierung
3.3 Modalpartikel und Modalisatoren
3.4 Satzarten und Interpunktion

Analyseergebnisse

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Das Horoskop, wie wir es heute in den unterschiedlichsten Ausführungen in der Presselandschaft finden, ist das Resultat der Entwicklung eines Glaubens aus der indo-europäischen Kultur, die mehr als siebentausend Jahre zurückblickt. Es folgt der Idee des Kosmos und dass der Mensch mit ihm verbunden ist, dass daraus eine wechselseitige Beziehung entsteht und der Mensch so vom Verlauf und der Konstellation der Sterne abhängig ist, durch die ein Göttliches das Schicksal und die Zukunft Einzelner offenbart. Dieser Glaube findet sich unter anderem in der griechischen Philosophie, den Mazedoniern, Babyloniern und Ägyptern wieder. Erst durch das Christentum bekam die Interpretation der Sterne eine andere Auslegung.

In der heutigen Zeit des wissenschaftlichen Fortschritts hat das Horoskop stark an Gewichtung eingebüβt, und das nicht nur auf der literarischen Ebene. Dennoch erfährt es seit Ende des Zweiten Weltkrieges eine ungeahnte Renaissance, so dass wir kaum noch ein Massenmedium finden, ob in Zeitschriften, Funk und Fernsehen, in dem es nicht seinen unbestreitbaren Platz innehat. Es ist ein sich immer stärker entwickelndes Interesse an dieser Textsorte, die erklären lässt, dass das Horoskop in unserer marktwirtschaftlich orientierten Welt von Angebot und Nachfrage Bestand hat. Damit gehört es zu den Schlüsselelementen in der Presse und wird von zahlreichen Kunden beinahe aller Altersstufen gelesen.

In der vorliegenden Hausarbeit geht es um eine textlinguistische Analyse unter folgenden Fragestellungen: Auf welche Weise erfüllt das Horoskop seine voraussagende und dann im zweiten Schritt Rat gebende Funktion? Warum werden beide täglich von unserer Gesellschaft legitimiert? Wie kann sich das Horoskop trotz seines massenmedialen Charakters dennoch an Einzelne adressieren?

Seine astronomische Grundlage verleiht ihm durch die so genannte „Autorität der Sterne“ eine gewisse wissenschaftliche Basis, die dem „gläubigen“ Leser ermöglicht, die Frage nach der voraussagenden Obligation oder, simpel ausgedrückt, nach dem Wahrheitskern, unbeantwortet im Raum stehen zu lassen. Die Frage nach der Wissenschaftlichkeit und der Herkunft des Horoskops wird allerdings gestellt werden müssen, und gestellt, um zu verstehen, auf welchen Fundamenten diese Textsorte erstellt wird und in welcher Hinsicht sich eine Beziehung zwischen Autor und Leser erkennen lässt und wie diese funktioniert. Da die Genauigkeit der Voraussagen angezweifelt werden darf und muss, stellt sich die Frage, auf welchen Prinzipien die Legitimität des Horoskops beruht. Dies wird den ersten Teil dieser Arbeit bilden. Wir befassen uns zunächst mit der Herkunft und der Entwicklung des Horoskops, stellen anschlieβend seine Wissenschaftlichkeit in Frage und werden im Rahmen der Legitimität eine Art Vertrag zwischen Autor und Leser herausarbeiten.

Im zweiten Teil wird durch eine linguistische Analyse insbesondere der Sprechakte untersucht, welche Funktion die Einzeltexte übernehmen und was auf welche Art und Weise thematisiert wird. Dabei geht es besonders um das Spannungsverhältnis zwischen Eindeutigkeit und einer Vagheit, die es dem Horoskop erlaubt, mit der Behandlung von Themenbereichen wie „Liebe/ Partnerschaft“ oder „Beruf/ Karriere“ in die individuelle Privatsphäre des Rezipienten einzudringen und in gleichem Maβe die massenmediale Distanz zu wahren sowie die entscheidende Voraussetzung der voraussagenden Verpflichtung zu erfüllen. Dabei wird gezeigt, dass sich das Horoskop aus mehreren Ebenen zusammensetzt, die eine individuelle Bedeutungszuordnung ermöglichen. Dieses und andere, bereits weiter oben angedeutete Spannungsverhältnisse sollen auch durch eine semantische wie lexikalische Analyse gelöst werden.

Schlieβlich wird gezeigt, inwiefern die referenzielle Vagheit sowie stilistische und grammatische Gestaltungsmuster dafür verantwortlich sind, dass es zur Herausbildung einer Nähesprachlichkeit kommt. Hierbei steht die Analyse eines illusorischen Dialogs zwischen Autor und Leser im Vordergrund. Sie wird zeigen, dass die vielfach beschriebene einseitig gerichtete Kommunikation bei genauerer Untersuchung gar nicht mehr so einseitig ist.

1. Geschichte der Astrologie und das Horoskop heute – Astrologie und Horoskop als Tradition

In diesem ersten Abschnitt beschäftigen wir uns mit den Ursprüngen der Astrologie, die schließlich zur Erstellung der ersten Horoskope dienten. Diese Horoskope sind allerdings nicht mit den massenorientierten Horoskopen zu vergleichen. Vielmehr handelte es sich um einen Prozess des Verstehens, den Versuch himmlische Beobachtungen und irdische Begebenheiten in Einklang zu bringen. Anschlieβend wird die Frage nach der tatsächlichen Wissenschaftlichkeit gestellt, deren Illusion einen Vertrag zwischen Textproduzent und Rezipient entstehen lässt.

1.1 Die Ausrichtung des Lebens nach den Sternen

1.1.1 Verschiedene Ursprünge

Fast jedes alte Volk besaß ein großes Interesse an Himmelsbeobachtungen, aus denen die Wissenschaft der Astrologie (astros-griech. Stern, logos-die Lehre von) entstand. Daraus liegt der Schluss nahe, dass es nicht nur einen Ursprung gibt, sondern, dass jede Kultur aufgrund eigener Traditionen ihre Wissenschaft entwickelte, wie Robert Hand in seinem Aufsatz[1] schreibt. Er zeigt auf, dass es durch Eroberungszüge, die mit der Vermischung von kulturellen Einflüssen, Weiterentwicklung der Mathematik sowie durch Sprachentwicklung lediglich zur Kombination und Verfeinerung der Techniken kam.

Obwohl das Wort „Horoskop“ aus dem Griechischen („Ich beobachte, was aufsteigt“) kommt, und die Namensgebung mit dem Umstand verbunden ist, dass die Griechen dem Aszendenten, also dem Sternzeichen, dass bei der Geburt eines Menschen am Horizont steht, eine besondere Bedeutung beimaßen, stammen nach Van der Waerden[2] die ersten astronomischen Schriften in Mesopotamien, was etwa dem Gebiet des heutigen Iraks entspricht, aus altbabylonischer Zeit (R. Hand, S.4). Diese sind auf etwa 2300 v.Chr. zu datieren und werden Omina genannt, da die sich die Aussagen auf konkrete Sternenkonstellationen beziehen und so als Omen gedeutet werden. Hier ist ein Beispiel dieser frühen Schriften aufgeführt (R. Hand, S.4).

„Wenn Venus im Osten im Monat Airu erscheint und die Großen und die kleinen Zwillinge sie umgeben, alle viere, und sie ist dunkel, dann wird das Königreich von Elam krank werden und nicht am Leben bleiben.“

Vor 3000 Jahren entwickelten die Babylonier die Keilschrift. Mit ihr konnte zum ersten Mal eine Art Kalender auf Tontafeln festgehalten werden. Der Kalender erleichterte es ihnen, den richtigen Zeitpunkt für die Aussaat oder die Jagd zu bestimmen.

Sie erfanden 700 v.Chr. den 360° Tierkreis, welcher rund 100 Jahre später in zwölf gleichgroße Abschnitte, die nach dem Sternzeichen benannt wurden, die sie am meisten ausfüllten, unterteilt wurde.

Robert Hand glaubt, dass der Ursprung der horoskopischen Astrologie, also der konkreten Deutung zukünftiger Ereignisse, die aus den Himmelsbeobachtungen gewonnen wurden (im Unterschied zur bisherigen Astrologie, die lediglich versuchte, einen Zusammenhang zwischen Irdischem und Sternenkonstellationen zu beschreiben, siehe 1.1.2.), in Ägypten liegt. Zwar verfügten die Ägypter noch nicht über eine ausreichende Mathematik wie die Mesopotamier, die es ihnen erlaubt hätte, derart komplizierte Berechnungen durchzuführen (R. Hand, S.6), sie empfanden allerdings ein starkes Bedürfnis, irdische Angelegenheiten mit dem Himmel in Einklang zu bringen. Dazu kommt das historische Ereignis der Eroberung Persiens und Ägyptens durch den Mazedonier „Alexander der Große“. Die Kulturen vermischten sich, die Perser wurden begeisterte Anhänger der Astrologie, was das Vordringen astrologischer Vorstellungen nach Ägypten beförderte.

Die Herrschaft Alexanders bewirkte einen Sprachwandel, so dass man im Jahre 1 n.Chr. in Ägypten sowie in allen eroberten Gebieten griechisch sprach. Das erleichterte selbstverständlich die Kommunikation, so, dass die astrologische Lehre, die nun auch über die notwenige Mathematik verfügte, bis nach Indien vordrang. Die Hindus nahmen diese Einflüsse nicht nur passiv auf, sondern sie modifizierten, verbesserten sie und kombinierten sie mit ihrer eigenen Tradition.

In Folge weiterer Eroberungen, z.B. durch den Einfall der Araber sowie der Eroberungszüge der Römer kam es zur Isolierung der astrologischen Traditionen und damit zu separaten Entwicklungen, die schließlich auf christliche Traditionen ihren Einfluss ausübten (R. Hand, S. 12)

1.1.2 Die Hoffnung, den Gang des Schicksals verstehen zu können

Die Motivationen, den Himmel nach Omina abzusuchen, waren vielfältig. Aus ihnen geschlussfolgerte Weissagen, stellten jedoch nur den zweiten Schritt dar, der zwar schon immer in Erscheinung trat, so berichtet Diogenes Laertius, dass mittels des Horoskops der Tod von Sokrates vorausgesagt wurde, die erste Motivation war jedoch die Hoffnung, durch die Beobachtung des Himmels irdische Ereignisse und, damit verbunden, den Gang des Schicksals verstehen zu können (R. Hand, S. 11).

Das ging mit dem Glauben einher, die Gebilde am Himmel seien Götter. So waren die Mesopotamier beispielsweise überzeugt, dass die Sterne und Planeten in irgendeinem Zusammenhang mit den Göttern standen bzw. selbst Götter waren. So war der Planet Venus, welcher die Gottheit Ishtar verkörperte einer ihrer wichtigsten Götter (R. Hand, S. 4). Diese konnten nach ihrem Glauben alles auf der Erde beeinflussen. Sie stellten aber auch fest, dass die Gottheiten sich nach Mustern bewegten, die sich nach Ablauf einer bestimmten Zeit wiederholten, die man somit auch aufzeichnen konnte. Und genau diese wiederkehrenden Muster half ihnen bei der Hoffnung, den Gang des Schicksals verstehen zu können, um in einem zweiten Schritt, die Muster in irdische Zusammenhänge einzufügen und schließlich Aussagen über zukünftige Ereignisse zu machen. So stellten sie z.B. den Zusammenhang zwischen Sonnenstand und Jahreszeit oder den Mondphasen und dem Regelzyklus der Frau fest (R. Hand, S. 11).

Die Ägypter hatten ähnliche Vorstellungen. Hierbei soll nur ein Beispiel kurz erwähnt werden. So identifizierten sie die Konstellation des Orion als typisches Wintersternbild mit Osiris, einem toten Gott, der die Unterwelt beherrschte.

1.1.3 Monumente

Die Ägypter konzentrierten sich allerdings weniger auf die Planetenbewegungen sondern vielmehr auf die Sternkonstellationen. Sie waren Meister darin, Gebäude, Tempel und insbesondere die Pyramiden in Größe und Anordnung auf die Fixsterne auszurichten. So entspricht die Dreieranordnung der Chäopspyramide derer der Gürtelsterne des Orion. Das hängt selbstverständlich mit der Vorstellung zusammen, dass die Pharaonen lebende Götter gewesen seien, die nach ihrem Tode ihren angestammten Platz einnehmen sollten.

Auch die Babylonier erschufen Bauwerke, die zum Studium des Himmels gedient haben sollen. 2000 v.Chr. gab es in ihrem Königreich Türme, die bis zu einhundert Meter hoch gewesen sein sollen. Der sogenannte Turm von Babel ist selbst in unsere christliche Mythologie eingegangen (R. Hand, S. 12).

Das Steinmonument Stonehenge stellt ein weiteres Bauwerk dar. Über seine Funktion sind sich die Wissenschaftler nicht ganz einig, am Wahrscheinlichsten ist jedoch, dass seine Ausrichtung mit dem Sonnenstand in Verbindung steht.

Für die alten Kulturen lässt sich zusammenfassend sagen, dass sie schon frühzeitig den Himmel absuchten, um bestimmte wiederkehrende Muster zu erkennen, welche sie mit Gottheiten identifizierten. Priester waren mit der Aufgabe betraut, aus den Mustern Aussagen über die künftige Ereignisse zu machen, die das Königreich betreffen könnten. Des Weiteren konzentrierte sich die Horoskopastrologie auf die politischen Führer, deren Zukunft durch das Geburtshoroskop bestimmt werden sollte.

1.1.4 Das Mittelalter

Im Mittelalter war die Astrologie nahezu über die ganze Welt verteilt. Gestützt wurde dieser Umstand auch über die Anordnung der Welt nach christlichem Glauben, nach dem die Sterne an eine Kristallschale fixiert seien, welche die Erde umspannt, um so Hinweise für die Zukunft zu hinterlassen. So wurden Kometen als Boten des Unheils angesehen, im engen Zusammenhang mit der Pest.

Mit der Erfindung des Fernrohrs 1610 durch Galileo Galilei wurde das Weltbild nicht in Frage gestellt, jedoch geriet die Astrologie in die Kritik der Wissenschaften, so dass dieser Studiengang in ganz Europa nach und nach gestrichen wurde. Erst Ende des 19, Jahrhunderts erlebte das Horoskop eine Art Renaissance durch den Theosophen Alan Leo.

1.2 Wissenschaftliche Autorität

Das Horoskop so wie wir es heute, das heißt als massenmediale Textsorte, in der Presselandschaft finden, ist relativ jung. Während in England bereits 1930 die ersten Horoskope in Zeitschriften abgedruckt werden, gibt es in Deutschland das erste Horoskop in der April-Ausgabe des „Stern“ 1950[3]. Dieses massenmediale Horoskop ist bestimmten externen und internen Zwängen auferlegt. Zu diesen gehört sein ambivalenter Bezug zur Wissenschaft als etablierte Quelle der Erkenntnis.

1.2.1 Vortäuschung der Wissenschaftlichkeit

Dass das Horoskop eine Art Tochterwissenschaft der Astronomie ist, die sich mit der Beobachtung der Gestirne sowie der Beziehung der Gestirne untereinander im System beschäftigt, ist weiter oben bereits ausreichend dargestellt worden. Wie sieht es aber wirklich mit der Wissenschaftlichkeit des Horoskops aus?

Seine Beziehung zur Astronomie beschränkt sich auf Bruchstücke. Wie Stefani-Meyer[4] schildert, handelt es sich lediglich um Entlehnungen, die einen zeitlich-räumlichen Charakter über die Position und den Lauf der Himmelskörper aufweisen. Das Horoskop befasst sich nicht mit der Wissenschaftlichkeit des Systems wie die Astronomie, die Ergebnisse werden schlichtweg übernommen und das System wird vorausgesetzt (Morgenroth, S. 345). Da sowohl System als auch Ergebnisse auf Wissenschaftlichkeit basieren, bilden sie die unantastbare Basis der ansonsten hypothetischen Aussagen des Horoskops. Durch die Referenz auf astronomische Realitäten wie der Bezug auf die Elemente des Tierkreises, welcher auf der Ekliptik (die Bahn der Sonne am Himmel) liegt, sowie den Zodiak (Anfangs- und Enddaten des Tierkreiszeichens), wird eine Wissenschaftlichkeit vorgetäuscht, welche durch die sprachliche Kohäsion als äußeres Merkmal (siehe 1.3.3.) nahezu überzeugend fungiert. Diese Wissenschaftlichkeit wird jedoch schnell durch die Platzierung des Horoskops im Medium (siehe 1.3.1.), welche im Gegensatz zur Wissenschaftlichkeit steht, als Illusion enttarnt.

Aufrechterhalten wird die vorgetäuschte Wissenschaftlichkeit dann auf der Textebene. Mit konkretem Bezug auf Sterne und Planeten werden inhaltlich Voraussagen getroffen. Daran kann mehr oder weniger die Seriosität eines Horoskops erkannt werden. In unserem konkreten Textbeispiel kommt dieser Bezug nur ein Mal und dort auch nur eher vage vor:

Die Sterne sind mal wieder auf ihrer Seite. (Skorpion)

Des Weiteren schlägt sich eine gewisse Wissenschaftlichkeit im Stil nieder, welcher die Ich-Form vermeidet, sowie in der Zeit-Deixis, die Ähnlichkeiten mit der Konfigurierung in wissenschaftlichen Texten aufweist (Stefani-Meyer, S. 345).

1.2.2 Transparenz und Pseudoevidenz

Das Aufeinandertreffen der Referenzen auf die Astronomie mit den kreisförmigen Planetenbewegungen als eine Art erster Ebene und auf den Zodiak bzw. den ebenfalls kreisförmigen Tierkreis als zweite Ebene bewirkt eine gewisse Verwischung der Grenzen zwischen den beiden Ebenen. Die Frage nach der Kompatibilität der beiden Systeme wird gar nicht erst gestellt, sie wird lediglich vorausgesetzt. Dieses Phänomen schafft eine scheinbare Durchschaubarkeit, also Transparenz, man hat so den Eindruck, der Logik des Horoskops folgen zu können, was eine Pseudo-Evidenz bewirkt. Es hat aber eher einen instrumentellen Wert, da so ermöglicht wird, aus den unantastbaren astronomischen Daten, direkt, wie bei unserem Horoskop[5], zur leserzentrierten Interpretation zu springen (Stefani-Meyer, S. 345).

1.3 Funktionelle Legitimität

Trotz der Schaffung der Illusion einer Wissenschaftlichkeit, welche eigentlich sofort als Illusion enttarnt werden kann, wird das Horoskop täglich von unserer Gesellschaft legitimiert. Im Folgenden sollen Hypothesen aufgestellt werden, die diesen Umstand begründen.

1.3.1. Das Medium und die Platzierung des Horoskops.

Das Horoskop ist der Sonnabend-Ausgabe der Berliner Zeitung[6] vom 19. November 2005 entnommen. Die Berliner Zeitung erscheint sechs Mal in der Woche und hat täglich 446.000 Leser. Sie ist damit Berlins größte Abonnementszeitung[7]. Die Themen der Artikel sowie der Stil sind nicht elitär. Sie richtet sich dem zur Folge an keinen speziellen Adressatenkreis. Das stellt bereits einen wichtigen Punkt für eine gewisse Erwartungshaltung dem Horoskop gegenüber dar.

Das entnommene Horoskop wurde in die Rubrik „Fernsehen“ eingefügt, welche zu einem Beilagenteil gehört, der mit „Zum Herausnehmen“ betitelt wurde. Es nimmt einen relativ großzügigen Platz ein, welcher etwa einem Viertel der Seite entspricht. Der Komplex „Tageshoroskop“ steht direkt unter einem politischen Artikel, welcher wiederum unter einem Interview mit Dieter Thomas Heck steht.

Dem Tageshoroskop ist eine Werbeanzeige beigefügt, die dafür wirbt, dass 60 „staatl. geprüfte Dipl. Astrologen“ dem Kunden am Telefon live die Zukunft voraussagen. Der Bezug auf die Diplom-Astrologen als Akademiker unterstreicht noch einmal die vorgetäuschte Wissenschaftlichkeit, die sich in einer gewissen Erwartungshaltung des Lesers widerspiegelt.

1.3.2 Textfunktion und Erwartungshaltung des Lesers

Wenn der Leser das Horoskop liest, liefern ihm lokale Titelkomplexe und die Platzierung des Horoskops erste Orientierungen. In unserem Beispiel können wir uns der Rubrik, die in den Bereich der Unterhaltung fällt, eine Meinung vorab bilden. Bei uns wird eine gewisse Erwartungshaltung hervorgerufen. Wir erkennen, dass auch unser Horoskop eher unterhaltene Funktion besitzt, die nicht zwangsläufig mit unserer Erwartungshaltung, die durch unser Weltwissen hervorgerufen wird, in Konflikt gerät. Allein wenn wir den Titelkomplex „Tageshoroskop“ lesen, wird bei uns ein Schema wachgerufen, welches der Textsorte Horoskop die Textillokution ZUKÜNFTIGES ANHAND VON STERNENKONSTELLATIONEN VORHERSAGEN gibt. So hinterfragen wir die Autorität des Horoskops nicht und füllen die Hohlform Horoskop mit unseren individuellen Vorstellungen auf. Heinemann[8] sagt, dass die Kommunikationsteilnehmer über ein intuitives Alltagswissen über Textsorten verfügen, die als Muster des sprachlichen Handelns verinnerlicht wurden. Dieses intuitive Alltagswissen wird in Verbindung mit der Erwartungshaltung über die Textfunktion ZUKÜNFTIGES ANHAND VON STERNENKONSTELLATIONEN VORHERSAGEN aktiviert: Beide Erwartungshaltungen steuern beim Lesen den Dekodierungsprozess. Wie werden aber im zweiten Abschnitt prüfen, ob diese Textillokution wirklich vorherrschend ist oder ob es eine andere dominante Textillokution gibt.

Wir wollen versuchen, der Textsorte „Horoskop“ eine Textfunktion zuzuweisen. Eine eindeutige Zuordnung erweist sich allerdings als schwierig, da das Horoskop Elemente aufweist, die es in jede der fünf Textfunktionen einordnen lassen. Wie werden aus diesem Grund hierarchisch vorgehen, vom gröβten Anteil an der Funktion zum kleinsten.

- Das Horoskop besitzt insbesondere eine Informationsfunktion. Der Textproduzent möchte dem Rezipient möglichst viel Wissen und Informationen vermitteln, die seine Zukunft betreffen.
- Es weist ebenfalls die Appellfunktion auf, denn der Textproduzent möchte den Rezipienten dazu bewegen, gegenüber den Information, die die Zukunft betreffen, eine bestimmte Haltung einzunehmen oder eine bestimmte Handlung zu vollziehen. Dem Rezipienten wird so die Möglichkeit gegeben, Einfluss auf künftige Ereignisse zu nehmen.
- Wir finden auβerdem die Obligationsfunktion, da der Autor sich dem Rezipienten gegenüber verpflichtet, auf dessen Erwartungshaltung zu reagieren.
- Die Kontaktfunktion ist dadurch gegeben, dass der Textproduzent etwas für die personale Beziehung zum Rezipienten tut, um eben auf die entsprechenden, hier sozialen, Erwartungshaltungen der Rezipienten zu reagieren. Das wird allerdings im Abschnitt 3. genau untersucht werden.
- Zu guter Letzt weist das Horoskop eine Deklarationsfunktion auf, bei dem der Textautor, begründet durch die Autorität der Sterne, dem Leser zu verstehen gibt, dass er durch die Informationen, welche die Zukunft des Rezipienten betreffen, eine neue Realität schafft.

1.3.3 Vertrag zwischen Autor uns Leser

Hinter jedem Horoskop steckt ein Autor, ein Umstand, der beim Leser gern in Vergessenheit gerät, da er das Horoskop als direkt an seine Person gerichtet empfindet. Beide, Leser und Autor, gehen dabei eine Art Vertrag ein.

Der Adressat hegt bestimmte Erwartungen[9]. Er möchte wissen, wie seine Chancen stehen, sein Schicksal zu beeinflussen (Stefani-Meyer, S.343). Das stellt im Prinzip die Grundfrage dar. Der zweite Punkt ist das Einschreiten des Autors durch das Medium Horoskop in die Privatsphäre des Rezipienten, der die Beantwortung der Grundfrage und damit den Einbruch in die Privatsphäre autorisiert. Und zum Dritten möchte der Rezipient nichts Unangenehmes über sich und seine Zukunft erfahren. Entsprechende Voraussagen müssen demzufolge durch andere Illokutionen wie Komplimente abgeschwächt werden.

Der Autor wiederum orientiert sich an den Bedürfnissen seiner Leserschaft. Er versucht Prognosen aufzustellen, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Er muss dies tun, da die Kommunikation zwischen Autor und Rezipient als Einwegkommunikation beschrieben wird. Beide stehen sich anonym gegenüber. Ihr Verhältnis ist asymmetrisch, das heißt, der Autor muss sein Horoskop an eine unbekannte Masse richten, der Adressat sieht sich aber einem unbekannten Individuum gegenüber. Zusätzlich muss der Autor bedenken, dass sein Adressatenkreis heterogen ist und er es mit unterschiedlichen Horoskoplesern zu tun hat. Er muss den „gläubigen“ Lesern Rechnung tragen, genau wie den „ungläubigen“. Des Weiteren muss er bei der Erstellung des Horoskops einkalkulieren, dass einige Leser auch das Horoskops des Partners oder von Freunden und Bekannten lesen. Das bedeutet, der Textproduzent befindet sich in der Obligation, sprachlich so zu arbeiten, dass möglichst alle Bedürfnisfelder abgedeckt werden. Wie das geschieht, ist in den Abschnitten zwei und drei dargestellt. Es handelt sich also um ein marktwirtschaftliches Phänomen von Angebot und Nachfrage.

Die Beziehung Autor-Adressat kann aber zusätzlich wie folgt beschrieben werden: Der Autor spricht durch das Medium Horoskop als eine Art Instanz, die Zugang zum Wissen hat. Die Stellung des Adressaten ist durch seine Laienhaftigkeit gekennzeichnet und durch seine Nachfrage, die er durch den Kauf zum Ausdruck bringt (Stefani-Meyer, S. 347).

Vorgreifend soll aber schon gesagt sein, dass der Autor eine Hohlform zur Realisierung funktionsfähiger Aussagen liefert, dass heißt Aussagen, die den Vorstellungen beider Kommunikationspartnern entsprechen. Dies und der Umstand, dass, wie oben bereits gesagt, eine Verständigung zwischen den Kommunikationspartnern ausgeschlossen ist und dass das Unklarheiten über Ziele und Wirkungen zur Folge hat, verlangt eine erhebliche Eigenleistung vom Rezipienten, welcher bereit ist, diese aufzubringen und die geschaffenen Leerstellen und Vagheiten mit seinen Vorstellungen aufzufüllen (Bachmann-Stein, S. 83). Darin besteht der Vertrag von Autor und Rezipient.

2. Der Rezipient bestimmt das Maß an voraussagender Obligation

In diesem Abschnitt wird das Maβ an voraussagender Obligation untersucht. Es soll gezeigt werden, dass lediglich der Anschein einer Voraussage zukünftiger Ereignisse erzeugt wird. Hierbei wollen wir zunächst die Propositionen und deren Illokutionen der zwölf Einzelhoroskope untersuchen, anschlieβend widmen wir uns dem thematischen Aufbau und schlieβlich soll gezeigt werden, dass ebenfalls das sprachliche Niveau dazu dient, eine wage Aussagen zu schaffen, die der Rezipient im Prozess der Decodierung als Muster nimmt, um die Vagheit mit Vorstellungen seiner Erwartungen entsprechend aufzufüllen.

2.1 Propositionale Vagheit

Nachfolgend sind alle 57 Propositionen entsprechend der zwölf Einzelhoroskope aufgeführt, die uns in der anschlieβenden Untersuchung immer als Ausgangspunkt dienen werden. Zu jeder Proposition ist nach der Sprechakttheorie eine Illokution aufgeführt, die dann in die entsprechende Sprechaktklasse eingeordnet wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.1. Verteilung der Einzelillokutionen

Zunächst einmal fällt bei der Betrachtung der Einzelhoroskope sofort auf, dass der Textproduzent jedem Einzelhoroskop ungefähr die gleiche Anzahl an Propositionen zuweist. Das ist nicht einfach nur mit der Begründung des Platzes zu erklären, sondern dieser Umstand ist mit einer gewissen Entlastungsfunktion verbunden, da der Autor jedem Sternzeichen (und damit jedem Rezipienten) die gleiche Wichtigkeit zuordnet. Dem Rezipienten wird damit gezeigt, dass er (direkt angesprochen) in gleichem Maβe behandelt wird[10].

[...]


[1] Vgl. Robert Hand (1996): Die Geschichte der Astrologie – Eine andere Sichtweise, in: The Record of the early Sages in Ancient Greek; deutsche Übersetzung: Frank Isfort.

[2] Vgl. Van der Waerden, B. L. (1963): Science Awaking. Egyptian, Babylonian and Greek Mathematics, New York.

[3] Vgl. Andrea Bachmann-Stein (2004): Horoskope in der Presse. Ein Modell für holistische Textsortenanalyse und seine Anwendung, in: Barbara Sandig (Hrsg.): Arbeiten zu Diskurs und Stil, Frankfurt/Main.

[4] Vgl. Georgette Stefani-Meyer (2000): Das Horoskop. Ein wissenschaftlicher Diskurs der Anpassung?, in: K. Morgenroth: Hermetik und Manipulation in den Fachsprachen, Tübingen.

[5] Da genaue Referenzen auf Planetenbewegungen und Sternkonstellationen wie zum Beispiel bei Horoskopzeitschriften, die sich gänzlich und äußerst genau auf ausgewertete astronomische Daten stützen, in unserem Horoskop, welches lediglich eine Minimalform darstellt, fehlen (es wird nur auf das Tierkreiszeichen mit seinem Zodiak referiert), werden die Konstatierungs- und die Deutungsebene übersprungen und es wird sofort ausgehend vom Zodiak auf die Ebene des Extrapolierens, also die Ebene der Prognosen im besten Fall (siehe 2.1.1.), übergegangen.

[6] www.berliner-zeitung.de

[7] htt://www.berlinonline.de/berliner-verlag/berliner_zeitung/.html/index.html

[8] Vgl. Wolfgang Heinemann (2000):Textsorte-Textmuster-Texttyp. in: Brinker/Antos u.a. (Hrsg.): Text- und Gesprächslinguistik, Berlin.

[9] Im Unterschied zur Erwartungshaltung, wie sie in 1.3.2. beschrieben wurde.

[10] Das ist ein Punkt, mit dem Nähesprachlichkeit suggeriert wird, Vgl. Abschnitt 3

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Holistische Analyse eines Tageshoroskops zur Bestimmung der Textsorte Horoskop
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Sprachwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache)
Veranstaltung
Linguistische Textanalyse
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
73
Katalognummer
V63968
ISBN (eBook)
9783638568937
Dateigröße
1329 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Holistische, Analyse, Tageshoroskops, Bestimmung, Textsorte, Horoskop, Linguistische, Textanalyse
Arbeit zitieren
Malte Schulz (Autor), 2006, Holistische Analyse eines Tageshoroskops zur Bestimmung der Textsorte Horoskop, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/63968

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Holistische Analyse eines Tageshoroskops zur Bestimmung der Textsorte Horoskop



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden