Tradition oder Innovation? Die Liebeskonzeptionen in den Liebesliedern von Georg Forsters Frischen Teutschen Liedlein


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
I.I Themenüberblick
I.II Fragestellung und Vorgehensweise

II. Liebeskonzeptionen der höfischen Liebe
II.I. Innennormen
II.II. Außennormen

III. Liebeskonzeptionen in Georg Forsters Frischen Teutschen Liedlein

IV. Resümee

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

I.I Themenüberblick

Zwischen 1539 und 1556 erschien in Nürnberg eine der bedeutendsten deutschen Liedsammlungen des Mittelalters: Georg Forsters Frische teutsche Liedlein in 5 Bänden.[1] Besonders der erste Band erfreute sich bei Forsters Zeitgenossen großer Beliebtheit.[2] Einer der Gründe mag die Themenvielfalt der Sammlung gewesen sein (380 Stücke): Die Frischen teutschen Liedlein beinhalten Liebeslieder, didaktische Lieder, Balladen, Trinklieder, Martinslieder, Quodlibets und auch einige politische Lieder.[3]

Das Liebeslied ist in der Sammlung am häufigsten (180 Stücke) und in vielen verschiedenen Varianten vertreten (Werbungslieder, Liebesdialoge, Liebesversicherungen, Abschiedsklagen, Preislieder, Liebesdialoge, Frauenlieder, Klafferschelten, Absagelieder, Rollenlieder und vieles mehr).[4] Der zahlenmäßige Anteil der Liebeslieder an der Sammlung dürfte ihre Bedeutung für die Frischen teutschen Liedlein bereits deutlich gemacht haben.

I.II Fragestellung und Vorgehensweise

Die vorliegende Arbeit wird sich mit den Liebesliedern in Georg Forsters Frischen teutschen Liedlein befassen und untersuchen, inwiefern die Liebeslieder der Forsterschen Sammlung auf Konzeptionen der höfischen Liebe zurückgreifen oder ob sich die Verfasser von den bisher populären minne -Konzeptionen abwandten, um neue Wege in der Liebesdarstellung zu beschreiten.

Im Folgenden wird zunächst zu klären sein, ob überhaupt von einer einheitlichen höfischen Liebeskonzeption gesprochen werden kann und wenn ja, welche Charakteristika eben diese kennzeichnen und somit von anderen Liebesformen – wie z.B. der göttlichen Liebe (cupiditas) – abgrenzen.

Im Anschluss wird die vorliegende Arbeit die Liebeskonzeptionen / die Liebeskonzeption bei Georg Forster analysieren um abschließend im Resümee Aussagen über den traditionellen oder innovativen Charakter der auftretenden Liebeskonzepte zu treffen.

II. Liebeskonzeptionen der höfischen Liebe

Der Gedanke, dass es verschieden Arten von Liebe gibt, ist vermutlich so alt wie die Liebe selbst. Schon im Mittelalter wurden unterschiedliche Liebesformen als existent vorausgesetzt. Uneinigkeit herrschte hingegen bezüglich der Anzahl der Liebesformen; die differenziertesten Traktate kennen bis zu vier verschiedene Kategorien. Unterschieden wurden göttliche, eheliche, Freundes- und Verwandtschaftsliebe.[5] Doch wo kann die höfische Liebe eingeordnet werden?

Wer sich heute mit dem Thema <höfische Liebe> befasst, wird sich zwei kritische Fragen stellen müssen: 1. Gibt es die <höfische Liebe> überhaupt? […] 2. Gibt es die <höfische Liebe> oder nicht vielmehr viele verschiedene Liebeskonzeptionen, die man unzulässigerweise unter dem Terminus <höfische Liebe> subsumiert? […][6]

SCHNELL weist darauf hin, dass nicht von einer klar abgrenzbaren höfischen Liebestheorie gesprochen werden kann, sondern dass

„das literarische Phänomen <höfische Liebe> eher als Diskurs über die rechte, wahre Liebe dann als Reproduktion einer stets vorausgesetzten festumrissenen Liebeskonvention zu begreifen“ ist.[7]

Wenn die Forschung heute auch nicht mehr an einen starren, die gesamte höfische Literatur durchziehenden höfischen Minnekodex glaubt, so scheint dennoch – wenn auch nur als Idealvorstellung – ein einheitliches höfisches Liebeskonzept existiert zu haben, d.h., dass in der höfischen Literatur verschiedene Handlungsabläufe, Liebesnormen und –werte allgemein anerkannt und verwendet wurden. Dennoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass jeder einzelne Dichter auch außerhalb dieser gängigen Konzeptionen individuelle Liebesauffassungen entwickeln konnte.

So ist das Merkmal der Prozesshaftigkeit der höfischen Liebe immanent, da sich der Ich-Erzähler fast immer zwischen Hoffnung (z.B. Andeutung einer Zusage der Geliebten) und Enttäuschung (Verweigerung, neue Sehnsucht) bewegt.[8] Die höfische Liebe ist nicht statisch, vielmehr ist sie in ihrem Verlauf als ständiges Auf und Ab zu begreifen. Dass sich diese typischen Abläufe in den meisten Minnegesängen finden lassen, spricht wiederum für eine einheitliche Liebeskonzeption.

Entscheidend zum Verständnis der Konzeption der höfischen Liebe ist die Unterscheidung in Innen- und Außennormen. Unter den Innenormen subsumieren sich die Prinzipien und Konzepte zur Erreichung einer Idealvorstellung von Liebe. Die Außennormen hingegen betreffen sowohl Handlungsraum als auch Publikum des Minnesangs: die höfische Gesellschaft.[9] Innen- und Außennormen bedingen und erklären sich gegenseitig.

II.I. Innennormen

Besonders deutlich tritt das Konzept der höfischen Liebe in den Idealvorstellungen der Liebe im Minnegesang der hohen Minne hervor. Kernmerkmal der höfischen Liebe ist dabei die Exklusivität der Liebesbeziehung. Wahre Liebe zeigt sich in der Fixierung auf einen einzigen Partner und macht Liebesbeziehungen zu anderen Frauen zum Tabu.[10] Die Ausschließlichkeit einer Liebesbeziehung kann – bei unerfüllter Liebe – bis zum Liebeswahnsinn mit Krankheitssymptomen führen, weil der Liebende trotz Ablehnung seiner Geliebten seine Fixierung auf sie nicht ablegen kann. Ursache für die Ablehnung können z.B. standesbedingte Umstände sein. Dieses Konzept ist besonders häufig aufzufinden: Ein Ritter verliebt sich in eine adlige und / oder verheiratete Dame.[11]

Aus diesem Grund beinhalten die Liebeskonzepte der idealen höfischen Liebe das Prinzip der mäze (= Maß).[12] Zum Maß gehören neben der Mäßigung der Affekte (z.B. sexuelles Verlangen) auch durch Vernunft bestimmtes Handeln und feine, kultivierte Rede.[13]

Eine Folge der Ausschließlichkeit der Liebesbeziehung ist ein weiteres wichtiges Kennzeichen höfischer Liebe: die staete (= Festigkeit, Beständigkeit, Dauer).[14] Die Beständigkeit wird durch das Festhalten an einem Liebespartner gewährleistet, während staete als menschliche Tugend das Fixieren auf einen Partner erst ermöglicht. Dennoch finden sich sowohl in der höfischen Literatur als auch in den Frischen teutschen Liedlein immer wieder Klagen über sprunghafte Liebespartner. Dieser Umstand verdeutlicht, wie sehr die höfischen Liebeskonzeptionen als Idealbild oder auch literarische Utopien zu verstehen sind.[15]

[...]


[1] Marriage, Elizabeth (Hrsg.): Georg Forster Frische teutsche Liedlein in fünf Teilen. Abdruck nach den ersten Ausgaben 1539, 1540, 1549, 1556 mit den Abweichungen der späteren Drucke. Halle a.d.S.: Niemeyer 1903.

[2] Kraus, Erwin: Die weltlich gedruckten Notenliederbücher von Erhard Öglin (1512) bis zu Georg Forsters fünftem Liederbuch (1556). Eine textvergleichende Studie und eine Wortschatzuntersuchung des Forsterschen Liederbuchs. Frankfurt am Main: Lang 1980. S. 87.

[3] Brunner, Horst: Die Liebeslieder in Georg Forsters Frischen Teutschen Liedlein (1539-1556). In: Hübner, Gerd: Deutsche Liebeslyrik im 15. und 16. Jahrhundert. Amsterdam, New York: Rodopi 2005. S. 222.

[4] Ebd. S. 222.

[5] Schnell, Rüdiger: Causa amoris. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. S. 63-64.

[6] Ebd. S. 79.

[7] Schnell, Rüdiger: Die höfische Liebe als höfischer Diskurs über die Liebe. In: Fleckenstein, Josef: Curialitas. Studien zu Grundfragen der höfisch-ritterlichen Kultur. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1990. S. 237.

[8] Brunner, Horst: Tradition und Innovation im Bereich der Liedtypen um 1400. Beschreibung und Versuch der Erklärung. In: Textsorten und literarische Gattungen. Dokumentation des Germanistentages Hamburg 1979. Berlin: Erich Schmidt 1983. S. 394.

[9] Ebd. S. 394.

[10] Schnell, Rüdiger: Die höfische Liebe als höfischer Diskurs über die Liebe. S. 239.

[11] Schnell, Rüdiger: Causa amoris. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. S. 98.

[12] Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 2. Nachdruck der 3. Auflage von 1885. Stuttgart: Hirzel 1992. S. 162.

[13] Schnell, Rüdiger: Die höfische Liebe als höfischer Diskurs über die Liebe. S. 263.

[14] Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. S. 245.

[15] Schnell, Rüdiger: Die höfische Liebe als höfischer Diskurs über die Liebe. S. 246.

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Details

Titel
Tradition oder Innovation? Die Liebeskonzeptionen in den Liebesliedern von Georg Forsters Frischen Teutschen Liedlein
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V64018
ISBN (eBook)
9783638569286
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tradition, Innovation, Liebeskonzeptionen, Liebesliedern, Georg, Forsters, Frischen, Teutschen, Liedlein
Arbeit zitieren
Kira Stiehr (Autor), 2006, Tradition oder Innovation? Die Liebeskonzeptionen in den Liebesliedern von Georg Forsters Frischen Teutschen Liedlein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64018

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