Mein durch viele Gespräche gewonnenes Verständnis für die Auswirkungen des sexuellen Mißbrauches (und derdamit einhergehenden Gewalterfahrungen) sowie auch das Gefühl eigener Hilflosigkeit angesichts schwerer Phasen im Leben dieser Frauen weckten mein Interesse. So versuchte ich mich diesem Thema einerseits wissenschaftlich zu nähern und andererseits unter verschiedensten therapeutischen Herangehensweisen „die Richtige“ zu finden.
Ohne hier das Resümee dieser Arbeit vorwegzunehmen, möchte ich gleich einräumen, daß mich die Komplexität der traumatischen Erfahrungen und ihrer unterschiedlichsten persönlichen Auswirkungen davon überzeugt haben, daß es die „richtige und hilfreiche“ Therapie für betroffene Frauen nicht gibt, wohl aber unterschiedliche Herangehensweisen zu verschiedenen Phasen des „Heilungsweges“. Ich möchte versuchen, die Auswirkungen von sexuellen Gewalterfahrungen in der Kindheit nicht unter der Begriffsdefinition „psychopathologische Symptombildungen oder Persönlichkeitsstörungen“ zu beleuchten, sondern mich maßgeblich dem Thema unter der Definition von Herman „Narben der Gewalt“ und von Wirtz (und Shengold)„Seelenmord“ nähern.
Mir erscheint eine Herangehensweise an die widersprüchlichen, stets auch paradoxen Folgen des Traumas unter diesem Aspekt als eine Verdichtung dessen, was für die Betroffenen sowohl innerpsychisch wie auch in ihrem Beziehungsverhalten erlebt wird. Nach einem kurzen Überblick über die Geschichte der Traumaforschung und dem heutigen Diskussionsstand in der wissenschaftlichen Forschung wird in dieser Arbeit unter Punkt 2 zunächst der Begriff „Trauma“ aus verschiedenen Sichtweisen dargestellt und definiert.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
1. Geschichte der Traumaforschung
2. Unterschiedliche Sichtweisen von Trauma
2.1 Trauma aus psychoanalytischer Sicht
2.1.1 Das psychoökonomische Modell
2.1.2 Das hermeneutisch-objektbeziehungstheoretische Modell
2.2 Trauma als Verlaufsmodell aus psychotraumatologischer Sicht
2.3 Trauma aus Psychophysiologischer Sicht Fazit
3. Posttraumatische Belastungsstörungen durch sexuelle Gewalterfahrung in der Kindheit
3.1 Merkmale und Symptome
3.1.1 Übererregung
3.1.2 Intrusion (flash backs) vs. Verleugnung/Vermeidung
3.1.3 Konstriktion
3.1.4 Wiedererleben
3.2 Psychodynamische Auswirkungen in der Kindheit
3.2.1 Das Modell von Finkelhor
3.2.2 Das Modell von Herman
3.2.3 Auswirkungen auf den Körper
3.2.4 Verlust an Selbstregulation
3.3 Psychodynamische Auswirkungen im Erwachsenenalter
3.3.1 Beziehungsfähigkeit
3.3.2 Körperwahrnehmung und Sexualität
3.3.3 Mutter sein
3.4 Diagnostische Kriterien
3.4.1 „Basales psychotraumatisches Belastungssyndrom“ Definition nach G. Fischer/P. Riedesser
3.4.2 Differentialdiagnose und Überschneidungen mit anderen Störungsbildern
4. Die Dialektik des Traumas und seine Bedeutung für die Therapie
4.1 Das Problem der Gegenübertragungsphänomene (Primitive Idealisierung, Projektive Idealisierung Introjektion und Spaltung, Identifikation mit dem Aggressor)
4.2 Die Therapie als Erfahrung einer „tragenden“ Beziehung
4.3 Phasen der Heilung
5. Darstellung unterschiedlicher therapeutischer Herangehensweisen
5.1 Selbsthilfegruppen
5.1.1 Anonyme Selbsthilfegruppen
5.1.2 Angeleitete Selbsthilfegruppen
5.2 Psychoanalytische Behandlung
5.2.1 Einzeltherapie
5.2.2 Gruppentherapie
5.3 Traumazentrierte Psychotherapie nach Sachse/Reddemann
5.3.1 Stabilisierungsphase
5.3.2 Traumaexpositionsphase
5.3.3 Die Re-Stabilisierungsphase – Trauer und Neuorientierung
6. Resümee und Ausblick
Zielsetzung und Themen
Diese Diplomarbeit untersucht die psychodynamischen Auswirkungen sexueller Gewalterfahrungen in der Kindheit sowie verschiedene therapeutische Ansätze zu deren Behandlung. Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für die komplexen Folgen dieser Traumatisierungen zu entwickeln und einen ganzheitlichen, schulenübergreifenden Therapieansatz zu beleuchten, der den individuellen Heilungsweg betroffener Frauen unterstützt.
- Psychodynamische Auswirkungen von sexuellem Kindesmissbrauch.
- Vergleich verschiedener Traumamodelle (psychoanalytisch, psychotraumatologisch, psychophysiologisch).
- Die Dialektik des Traumas und die therapeutische Beziehung.
- Integration verschiedener therapeutischer Ansätze: Selbsthilfegruppen, Psychoanalyse und traumazentrierte Psychotherapie.
- Bedeutung der sozialen Dimension und der Selbstheilungskräfte bei der Traumaverarbeitung.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Intrusion
Intrusionen sind für Traumatisierte sich plötzlich aufdrängende Erinnerungen, in denen das ursprüngliche Ereignis mit aller emotionaler Gewalt wiederkehrt und sie es so erleben, als ob es gerade geschähe. Angestoßen durch meist visuelle Abläufe (alte Filme von traumatischen Erfahrungen) oder oft auch akustische, olfaktorische oder kinästhetisch-sensorische Erinnerungsfragmente befinden sich die Menschen urplötzlich in dissoziativen Zuständen, den „flash backs“ von Depersonalisation und Derealisation, sie stehen sozusagen neben sich.
Über die Besonderheiten der traumatischen Erinnerungen führt Herman aus (1993, S. 59):
„Anders als die gewöhnlichen Erinnerungen von erwachsenen Menschen sind sie nicht als verbale, lineare Erzählung gespeichert, die Teil einer fortlaufenden Lebensgeschichte wird ... Verbale, zusammenhängende Erzählungen fehlen bei traumatischen Erinnerungen; statt dessen sind sie in Form intensiver Gefühle und deutlicher Bilder gespeichert.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Autorin erläutert ihren persönlichen Zugang zur Thematik durch ihre langjährige Tätigkeit in einer Frauengruppe und legt den Fokus der Arbeit auf sexuelle Gewalterfahrungen in der Kindheit.
Geschichte der Traumaforschung: Dieser Abschnitt gibt einen historischen Überblick, von den Anfängen der Psychotraumatologie bis hin zur heutigen Bedeutung von Dissoziation und Bindungsbeziehungen.
Unterschiedliche Sichtweisen von Trauma: Verschiedene wissenschaftliche Modelle (psychoanalytisch, psychotraumatologisch und psychophysiologisch) werden vorgestellt und definiert.
Posttraumatische Belastungsstörungen durch sexuelle Gewalterfahrung in der Kindheit: Das Kapitel detailliert die psychodynamischen Auswirkungen in Kindheit und Erwachsenenalter sowie die diagnostische Einordnung.
Die Dialektik des Traumas und seine Bedeutung für die Therapie: Es wird die Ambivalenz zwischen Verleugnung und Mitteilung sowie die Bedeutung von Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen untersucht.
Darstellung unterschiedlicher therapeutischer Herangehensweisen: Ein schulenübergreifender Blick auf Selbsthilfegruppen, Psychoanalyse und traumazentrierte Psychotherapie, inklusive ihrer spezifischen Phasen.
Resümee und Ausblick: Die Autorin fasst ihre Erkenntnisse zusammen und plädiert für einen ganzheitlichen Ansatz, der die Selbstheilungskräfte der Betroffenen in den Mittelpunkt rückt.
Schlüsselwörter
Posttraumatische Belastungsstörung, sexueller Kindesmissbrauch, Trauma, Dissoziation, Psychodynamik, therapeutische Beziehung, Gegenübertragung, Traumatherapie, Stabilisierung, Traumaexposition, Selbstheilungskräfte, Heilung, Identifikation mit dem Aggressor, Intrusion, Konstriktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die psychischen Folgen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit und analysiert verschiedene therapeutische Herangehensweisen für betroffene Frauen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Traumaforschung, die psychodynamische Dynamik von Missbrauch, die Komplexität der therapeutischen Beziehung und der Heilungsprozess.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Komplexität traumatischer Erfahrungen zu verstehen und einen ganzheitlichen Ansatz zu finden, der sowohl psychoanalytische Erkenntnisse als auch traumaorientierte Techniken integriert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender psychoanalytischer und psychotraumatologischer Theorien sowie der Auswertung klinischer Konzepte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Symptomatik (z.B. Intrusionen, Konstriktion), die entwicklungspsychologischen Folgen und die verschiedenen Therapieformen wie Selbsthilfegruppen und traumazentrierte Psychotherapie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Trauma, PTBS, Dissoziation, therapeutische Beziehung und Selbstheilungskräfte definieren.
Welche Rolle spielt die „Spaltung“ bei traumatisierten Menschen?
Die Spaltung dient als notwendiger Abwehrmechanismus, um das Ich vor überflutenden Ängsten und Schmerzen zu schützen, indem widersprüchliche Selbst- und Objektbilder getrennt gehalten werden.
Wie unterscheidet sich die „traumazentrierte Psychotherapie“ von der klassischen Psychoanalyse?
Sie betont stärker die Selbstheilungskräfte, setzt auf Techniken wie Imagination zur Stabilisierung und lehnt die bewusste Herbeiführung einer dramatischen Retraumatisierung in der Übertragung ab.
- Quote paper
- Doris Franke-Lowin (Author), 2002, Posttraumatische Belastungsstörungen durch sexuelle Gewalterfahrungen in der Kindheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64136