Intertextualität in Voltaires Zadig


Seminararbeit, 2006

17 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Intertextualität

3. Intertextualität in Zadig
3.1 Zadig als morgenländische Erzählung und philosophischer Roman
3.2 Weitere Beispiele intertextueller Bezüge in Zadig

4. Résumé

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit über Zadig, Voltaires erste philosophische Erzählung, hat nicht zum Ziel, eine inhaltliche Zusammenfassung und Interpretation zu bieten oder Beispiele von Kritik, die Voltaire unter dem Deckmantel der Ironie an seiner Zeit übte, aufzuzeigen. Auch die Gattungsproblematik wird nur sehr kurz angesprochen. Vielmehr habe ich mich, angeregt durch Fußnoten einer Ausgabe der Classiques Larousse von 1939, der Aufgabe gestellt, jene Textstellen herauszufiltern, an denen deutlich wird, dass ein literarisches Werk niemals losgelöst von seiner Zeit, vorangegangenen Geschehnissen und auch Werken anderer Autoren gelesen werden kann. Wären angefangen mit Gallands Übersetzung von Tausendundeiner Nacht 1704 nicht die orientalischen Erzählungen in Europa in Mode gekommen, hätte sicher auch Voltaire eine andere Form gewählt, um sich mitzuteilen. Gerade die Mischung von vertrauter Verpackung und gewagten Inhalten, ähnlichen Anekdoten mit veränderten Details macht Zadig so besonders und sicherte seinen Erfolg. An vielerlei Stellen begegnen wir Bekanntem, erinnern uns bestimmte Namen an andere, oder finden wir Verweise auf schon da gewesenes. Diese Ähnlichkeiten müssen nicht immer vom Autor so gewollt gewesen sein und sie müssen genauso wenig von jedem Leser erkannt werden, dennoch ist es interessant nach ihnen zu suchen und so ein bisschen mehr in die Zeit einzutauchen, in der Zadig entstand.

Um dem Finden von Verweisen und Bezügen zu anderen Texten, Äußerungen oder Geschehnissen einen theoretischen Rahmen zu geben, soll zunächst der Begriff der Intertextualität geklärt werden. Dieser wurde zwar im Rahmen eines Seminars zu postmodernen Romanen eingeführt[1], kann aber ohne weiteres auch auf ein Werk aus dem 18. Jahrhundert angewendet werden. Als Quelle dienten Aufzeichnungen aus besagtem Seminar und literaturtheoretische Standardwerke wie Metzlers Lexikon der Literatur- und Kulturtheorie. Das dritte Kapitel bezieht sich schließlich konkret auf intertextuelle Bezüge in Zadig. Hier geht es zum Einen um die Tatsache, dass Zadig schon durch das gewählte Genre der morgenländischen Erzählung mit seinen spezifischen Themen und Strukturmerkmalen auf andere Texte eben derselben Gattung verweist. Zum Anderen lassen sich jede Menge Beispiele von Intertextualität innerhalb des Textes finden, etwa bei der Namensgebung bestimmter Figuren oder einzelnen Anekdoten und Abenteuern. Manche Bezüge sind recht offensichtlich und auch aus heutiger Sicht noch als solche zu erkennen, bei anderen dienten

mir einige der zahlreichen Fußnoten Roger Petits in der schon erwähnten Larousse Ausgabe von 1939 als Hilfe bzw. Ansatzpunkt. Wenn möglich, versuchte ich diese Anmerkungen durch Zuhilfenahme der entsprechenden Primärliteratur auszuweiten, die jeweiligen Geschichten miteinander zu vergleichen und Parallelen bzw. Unterschiede aufzuzeigen.

2. Intertextualität

Bevor eine Reihe von Beispielen intertextueller Bezüge in Zadig aufgezeigt wird, soll zunächst der Begriff Intertextualität, der als solcher erst in der Moderne und Postmoderne auftaucht, geklärt werden.

Intertextualität basiert auf der Auffassung Michail Bachtins[2] der Dialogizität[3] von Texten und meint den Bezug zwischen verschiedenen Texten. Nach Bachtin ist jede sprachliche Äußerung immer ein kommunikativer, dynamischer Prozess, der als Sprechakt auf den anderen oder andere gerichtet ist und zur Gegenrede auffordert. Alle Äußerungen sind also nicht monologisch auf sich selbst verweisend zu lesen, sondern als dialogisch in Bezug auf frühere Texte oder Äußerungen, auch wenn diese anders gebraucht oder anders gemeint wurden. Von uns benutzte Wörter sind von Spuren geprägt, die vorherige Nutzer mit ihren jeweiligen Absichten in ihnen hinterlassen haben.[4] Somit ergeben sich vielstimmig dialogische Beziehungen zwischen den Texten.

Die bulgarische Kulturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva führte den Begriff 1969 als Sammelbezeichnung für die Wechsel- und Referenzbeziehungen eines konkreten literarischen Textes zu einer Vielzahl anderer, auch außerliterarischer Texte, Textstrukturen und allgemeiner semiotischer Codes ein.[5] Diese Bezüge können explizit durch Zitate, Motti, Titel etc. deutlich gemacht werden oder auch implizit durch die Wahl einer bestimmten Gattung oder bestimmter Muster, durch Verweise, Remiszenzen, Montagen, Formeln o. ä.

Explizite und durchaus seit Jahrhunderten bekannte Formen der Intertextualität sind u. a. Parodie, Pastiche[6], Plagiat, Imitation, Persiflage, Übersetzung oder Nachahmung. Auch die Wahl der Titel oder bestimmter Namen von Figuren im Roman ist nicht immer zufällig, sondern kann sich an schon da gewesenes anlehnen, wie z.B. die in Zadig im Widmungsbrief

angesprochene Sheraa an Sheherazade aus 1001 Nacht erinnern soll oder die in Folge der wohl berühmtesten orientalischen Geschichte entstandenen „Mille et une heures“ oder „Mille et un quarts d´heure“ eindeutig auf ihre Inspirationsquelle verweisen. So ist Intertextualität kein Phänomen, das erst im 20. Jahrhundert auftauchte, vielmehr wurde es als typisches Vertextungsverfahren und Merkmal postmoderner Romane vermehrt diskutiert[7]. Generell lässt sich sagen, dass es ohne intertextuelle Bezüge gar keine Gattungtheorie gäbe, da ein bestimmter Text ja erst dann in ein vorhandenes Paradigma eingeordnet wird, wenn er Merkmale besitzt, die einem anderen Text aus diesem Paradigma entsprechen.

[...]


[1] Proseminar „Die Konstituierung von Subjekt und Identität in Texten lateinamerikanischer Autorinnen

von Dr. Claudia Gatzemeier (WS 05/06), Universität Leipzig

[2] Michail Michailovic Bachtin lebte von 1895-1975

[3] Vgl. Nünning, Ansgar (2004:115f) und Wilpert (2001:167)

[4] www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv (07.02.06)

[5] Wilpert (2001: 379)

[6] Pastiche (ital. Pasticcio: Pastete, undurchsichtige Affäre) meint die Nachahmung des Stils eines Autors,

einer Stilrichtung oder Gattung oder auch nur des Stil eines bestimmten Textes. Ein Individualstil wird

also vermieden, entweder unabsichtlich aus Mangel an eigenem Persönlichkeitsbewusstsein, in

betrügerischer Absicht als Fälschung oder Plagiat, oder absichtlich als ironische Stilübung. Im

Gegensatz zur Parodie dient die Ironie hier jedoch nicht vordergründig der Abgrenzung zum Original. Vgl. Nünning (2004: 513) und Wilpert (2001: 596)

[7] S. Aufzeichnungen zu den Merkmalen postmoderner Romane aus dem Proseminar „Die Konstituierung

von Subjekt und Identität in Texten lateinamerikanischer Autorinnen von Dr. Claudia Gatzemeier (WS

05/06)

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Intertextualität in Voltaires Zadig
Hochschule
Universität Leipzig  (Romanistik)
Veranstaltung
Proseminar Literaturwissenschaft: Die Philosophen der Aufklärung - Voltaire, Diderot, Rousseau
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V64148
ISBN (eBook)
9783638570336
ISBN (Buch)
9783638901246
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Le but de ce ménage était montrer des exemples d´intertextualité dans Zadig. Intertextualité, 'l'ensemble des allusions à d'autres textes déjà écrits, aux motifs culturels déjà développés par d'autres écrivains' est une notion postmoderne mais on le peut appliquer à un œuvre du 18ème siècle sans problème. On en trouve beaucoup dans Zadig, par exemple le simple fait qu'il est nommé 'histoire orientale' et qu'il porte des traits charactéristiques concer
Schlagworte
Intertextualität, Voltaires, Zadig, Proseminar, Literaturwissenschaft, Philosophen, Aufklärung, Voltaire, Diderot, Rousseau
Arbeit zitieren
Nadine Seidel (Autor), 2006, Intertextualität in Voltaires Zadig, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64148

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