Oralität und Literalität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

29 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Orale Kulturen

III. Entwicklungsgeschichte der Schrift
III. 1.) Ursprünge externer Informationsspeicherung
III. 1. 2.) Definitionen
III. 2.) Piktographische Schriftsysteme
III. 3.) Phonetische Schriftsysteme

IV. Platos Schriftkritik im „Phaidros“
IV. 1.) Kritikpunkte
IV. 2.) Erläuterungen

V. Die Bedeutung von Schrift

VI. Die Schrift im Wandel der Zeiten
VI. 1.) Der Gutenberg-Druck
VI. 2.) Digitalisierung von Schrift
VI. 3.) Das elektronische Zeitalter
VI. 3. 1.) E-Mail

VII. Schluss

VIII. Literatur

I. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit geht es um Oralität und Literalität.

Ich möchte damit beginnen, orale Kulturen und ihre Kennzeichen und Techniken zu beschreiben. Ich werde in diesem Kapitel immer wieder auf die Forschungsarbeiten von Eric Havelock und Jack Goody Bezug nehmen.

Danach beschäftige ich mich mit der Entwicklungsgeschichte der Schrift beginnend mit den Ursprüngen der externen Informationsspeicherung. In der Folge behandele ich dann die Entwicklung von piktographischen Schriftsystemen über die Anfänge phonetischer Schriftsysteme bis zur Einführung des griechischen Alphabets und den Folgen der sich ausbreitenden Alphabetisierung.

Ferner untersuche ich Platos „Phaidros“, wo sich der griechische Philosoph mit der Frage nach Nutzen und Risiko, Sinn und Unsinn von Schrift auseinandersetzt.

Danach möchte ich mich mit der allgemeinen Bedeutung der Schrift beschäftigen.

Anschließend betrachte ich die Schrift im Wandel der Zeiten beginnend mit der Erfindung des Gutenberg-Drucks und seinen gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen, außerdem die Digitalisierung von Schrift, das elektronische Zeitalter und die Besonderheiten der E-Mail. In diesem Themenkomplex werde ich mich verstärkt auf die Arbeiten des Medientheoretikers Marshall McLuhan beziehen.

Im Schlussteil meiner Arbeit möchte ich kurz die Problematik von Analphabetismus und seine unterschiedlichen Ausprägungen ansprechen.

II. Orale Kulturen

Sowohl Eric Havelock als auch Jack Goody haben sich in ihrer Forschung mit der Entstehung und Beschaffenheit oraler Kulturen befasst. Bei beiden Autoren findet man ähnliche Aussagen über die mentalen Strukturen oralen Denkens und das grundsätzliche Wesen oraler Gesellschaften.

Das wichtigste Merkmal einer oralen Kultur ist, dass in der Vergangenheit liegende Ereignisse und Geschichten mündlich von Generation zu Generation überliefert werden.

Es wird jedoch stets nur das Wissen, das im gesellschaftlichen Kontext aktuell benötigt wird, weitergegeben; d.h. die mündliche Überlieferung erfolgt selektiv.

Dies hat zur Folge, dass Informationen, die längere Zeit oder gar über Generationen hinweg nicht ‚gebraucht’ werden, irgendwann in Vergessenheit geraten und so auch nicht mehr abrufbar sind. In oralen Kulturen ist stets nur das Wissen vorhanden, das auch in der Gegenwart von Bedeutung ist.

Ebenso verhält es sich mit der Überlieferung historischer Begebenheiten. Auch diese sind immer nur insofern von Bedeutung, als sie sich auf die Gegenwart beziehen. Orale Gesellschaften haben im Gegensatz zu literalen Kulturen nicht die Möglichkeit, ihr Wissen für den Fall, dass es irgendwann wieder benötigt werden könnte, zu archivieren. Es findet also keine Wissenskumulation statt.

Der Beruf oder die Aufgabe des Dichters/des Geschichtenerzählers ist in einer oralen Kultur von immenser Bedeutung. Er speichert in seinem Gedächtnis das verbindliche Wissen seines Volkes; er verwaltet es, organisiert es und gibt es nach eigenem Gutdünken an andere weiter. Er kann jedoch als Träger und Garant des kulturellen Gedächtnisses nicht hinterfragt werden; seine Vermittlung von Wissen und Information erfolgt höchst subjektiv und selektiv, außerdem sehr bildhaft und emotional.

„Seine Inszenierungen dienten der Vergewisserung eines Weltbildes. Eine kritische, analytische und individuelle Reflektion von übermittelten Informationen fand nicht statt.“[1]

Es stellt sich natürlich die Frage, ob orale Gesellschaften überhaupt zu dieser Art von Reflektion fähig sind.

Das Denken oraler Kulturen steht grundsätzlich in direktem Handlungszusammenhang, d.h. es besteht keine kritische Distanz zwischen Denken und Handeln, es mangelt an Objektivität. In diesem Zusammenhang thematisiert Havelock auch die Tatsache, „[...] dass der Mensch in der oralen Kultur kein Ich, keine Seele, kein Selbst kennt. Er erfährt sich nicht als autonomes Ich („personality“), das in der Lage ist, sich zu erinnern, zu denken oder eigene Standpunkte einzunehmen“[2]

Havelocks Formulierung kann durchaus als äußerst drastisch bezeichnet werden, spricht er doch einem aus einer oralen Kultur stammenden Menschen jegliche Fähigkeit ab, sich als Individuum zu empfinden und zu verhalten. Die logische Konsequenz seiner Aussage wäre, dass erst die Verschriftlichung den Menschen zum denkenden und zur Selbstreflexion fähigen Wesen werden ließ.

Doch die Fähigkeit zu denken, zu reflektieren, das Vorhandensein gewisser Moralvorstellungen (die simple Unterscheidung von Gut und Böse) – nur das unterscheidet den Menschen seit Anbeginn der Zeit vom Tier. In weltweit allen religiösen Traditionen wird dem Menschen diese Sonderstellung auf Grund des Vorhandenseins eines göttlichen Kerns beigemessen.

Da in den meisten oralen Kulturen nicht das uns vertraute Kausalprinzip, sondern das Prinzip Deus ex Machina gilt (alles wird auf die Entscheidungen der Götter zurückgeführt), sieht sich Havelock in seiner Meinung bestätigt, dass der Mensch in einer schriftlosen Gesellschaft der Mühe enthoben ist, über komplexe Sachverhalte wie das Ursache-Wirkungsprinzip nachzudenken. Auf Grund des fehlenden Abstraktionsvermögens spricht Havelock einer illiteralen Gesellschaft auch die Fähigkeit zum technischen Fortschritt ab.

Im Gegensatz zu Havelock beurteilt Jack Goody die Ausprägungen einer oralen Kultur eher positiv. Was sozial von Bedeutung ist, wird erinnert, der Rest vergessen (strukturelle Amnesie); die Gesellschaft kann sich deshalb auch auf Grund fehlender Chronologien und Aufzeichnungen, anhand derer Veränderungen auszumachen wären, nicht in Widersprüche zu ihrer Vergangenheit verwickeln. Er betont die Bedeutung der Sprache als wichtigstes Medium eines „[...] Prozesses sozialer Verdauung und Ausscheidung.“[3]

An dieser Stelle ist auch auf die Forschungen von Walter J. Ong unter Bezugnahme auf A. R. Lurija zu verweisen.

„Eine sich von der (Um)welt distanzierende Welt- und Lebensauffassung ist nicht denkbar ohne das ihr entsprechende Medium des kommunikativen Austauschs.“[4]

Ong nimmt an, dass orale Kulturen einfach keine Notwendigkeit darin sehen, sich mit geometrischen Figuren oder formallogischen Denkprozessen zu beschäftigen.

Es bedurfte jedoch auch bestimmter Techniken, um überhaupt fähig zu sein, derartige Gedächtnisleistungen zu vollbringen und solche Datenmengen zu erinnern.

In diesem Zusammenhang sprechen wir von oralen Mnemotechniken. Eine beliebte Methode, um gerade besonders umfangreiche Informationsmengen erinnern und entsprechend wiedergeben zu können, war die mündliche Dichtung, zugeschnitten aus metrischen Formeln wie beispielsweise dem Hexameter. Zwei der bekanntesten Beispiele aus dieser Tradition sind die Odyssee und die Ilias.

Wenn die Sprache durch einen bestimmten Rhythmus geleitet wird, ist sie für das Gedächtnis einfacher wiederholbar. Hinzukommt, dass die Erzähler ihren Vortrag häufig mit Musik oder choreographierten Bewegungen (Tanz) begleiteten.

Hier zeigt sich eine interessante Parallele zu einer unter Schauspielern weit verbreiteten Methode große Textmengen auswendig zu lernen: lernt der Schauspieler den Text in einer Ruhephase wie z.Bsp. im Sitzen oder Liegen, ist es sehr wahrscheinlich, dass er in einer szenischen Probe auf der Bühne nicht in der Lage sein wird, das Gelernte abzurufen. Lernt er den Text jedoch in der Bewegung (beispielsweise beim Gehen), wird der gelernte Text sozusagen automatisiert; er ‚geht in den Körper’. D.h. der Schauspieler wird nun, da der zu memorierende Text losgelöst vom Körper abrufbar ist, in der Lage sein, Text und jedwede Aktion auf der Bühne homogen zu verbinden.

Ong beschäftigt sich besonders mit dem Prinzip der Redundanz in oralen Gesellschaften. Das Wiederholt-werden-müssen, um erinnert zu bleiben, birgt seiner Meinung nach stark traditionalistische bzw. konservative Tendenzen. Das erinnerte Wissen ist kostbar und nur mühsam und mit großem Aufwand zu erlernen; die geistige Arbeit ist reine Erinnerungsarbeit, das Bewahren und Aufbereiten von Wissen für die kommende Generation. Auf Grund der daraus resultierenden Auslastung der geistigen Kapazitäten, steht man intellektuellen Experimenten eher skeptisch gegenüber. Die Frage des direkten Nutzens ist vordergründig. Das Denken steht in absolut direktem Lebens- und Handlungszusammenhang (operatives Denken).

III. Entwicklungsgeschichte der Schrift

III. 1.) Ursprünge externer Informationsspeicherung

Bildliche Darstellungen von Ereignissen sind wahrscheinlich die älteste Form der Schrift und reichen bis zu 35.000 Jahre zurück; auf dieses Alter werden steinzeitliche Höhlenzeichnungen geschätzt. Ein weiterer Vorläufer der Schrift ist, der auf allen fünf Kontinenten verbreitet gewesene, meist aus Knochen bestehende Kerbstock. Durch eingeritzte Zeichen vermerkten Jäger so ihre erlegte Beutemenge und Hirten die Größe ihrer Herden.

Doch nach sprachwissenschaftlichen Kriterien ist Schrift erst als „[...]die Wiedergabe des Gesprochenen in Form von Zeichen, welche bildhaften oder abstrakten Charakter haben können“[5] zu definieren.

Die Schriftforschung unterscheidet zwischen piktographischen, ideogrammatischen Schriften und Silbenschriften, bzw. deren Mischformen.

III. 1. 2.) Definitionen

Piktogramme

Ein Piktogramm (von lat.: pictum = gemalt, Bild; griech.: gráphein = schreiben) ist ein einzelnes Bildsymbol, das eine Information durch vereinfachte grafische Darstellung vermittelt.

Bsp.: Das Bild eines Baumes repräsentiert das Wort für den Baum.

Logogramme

Piktogramme waren und sind die Vorläufer verschiedener Schriften und haben sich später zu Logogrammen weiterentwickelt, z. Bsp. die Schriftzeichen der japanischen, der chinesischen Sprache oder auch der hieroglyphischen Schrift (eine Bilderzeichenschrift und die älteste geschriebene Form von antiker ägyptischer Sprache).

Ein Logogramm (von griechisch lógos - Wort, gráphein - schreiben auch: Wortzeichen) ist ein einzelnes schriftliches Zeichen, das ein Wort bzw. eine bedeutungstragende Worteinheit darstellt und dem ein oder mehrere definierte Lautkomplexe (phonemische Komplexe) zugeordnet sind.

Ein Logogramm kann ein Piktogramm (eine grafische Vereinfachung, ein Bildsymbol) oder ein Ideogramm (eine Zusammensetzung von Bildsymbolen bzw. von Symbolen ohne Bildcharakter) sein oder eine Zusammensetzung aus Pikto - oder Ideogramm mit einem oder mehreren Phonogrammen. Hierfür ist die japanische Schrift ein gutes Beispiel, in der ein Logogramm aus einem Kanji und einem oder einigen Zeichen der Silbenschrift bestehen kann.

[...]


[1] Daniela Kloock/Angela Spahr: Medientheorien. Eine Einführung. 2. Aufl. München 2000. S. 244

[2] Ebd.

[3] Ebd. S. 244

[4] Ebd. S. 247

[5] Vgl. Volkmar Fritz in: Gerhard Müller: Theologische Realenzyklopädie. Band 30. Berlin 1998. S. 434

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Oralität und Literalität
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Sprachwissenschaft: Vom Leib zum Buch
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
29
Katalognummer
V64160
ISBN (eBook)
9783638570442
ISBN (Buch)
9783638669757
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Oralität, Literalität, Sprachwissenschaft, Leib, Buch
Arbeit zitieren
Sybille Kleinschmitt (Autor), 2005, Oralität und Literalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64160

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