Was ist eigentlich problematisch am demographischen Wandel?


Seminararbeit, 2006
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Trends der Bevölkerungsentwicklung

2 Die Thematisierung des demographischen Wandels als politisches Problem

3 Die (verkannte) gesellschaftliche Bedeutung der Familie

4 Auswirkungen des demographischen Wandels auf Sozialstaat, Markt und Familie
4.1 Kulturelle Dimensionen der Bevölkerungsentwicklung
4.2 Strukturelle Dimensionen der Bevölkerungsentwicklung
4.2.1 Asymmetrien im Erwerbsleben
4.2.2 Asymmetrien zwischen den Generationen
4.2.3 Asymmetrien in den Geschlechterverhältnissen
4.2.4 Asymmetrien zwischen Eltern und Kinderlosen
4.3 Implikationen

Schlusswort

Quellenverzeichnis

Einleitung

Der demographische Wandel erfreut sich momentan in der Publizistik einer ausgesprochen hohen Aktualität. Mit Metaphern wie der »Vergreisung der Gesellschaft« oder dem »Land ohne Leute« werden Krisenszenarien der gesellschaftlichen Entwicklung an die Öffentlichkeit herangetragen, die in der wissenschaftlichen Debatte häufig einer leidenschaftslosen und nüchternen Analyse weichen müssen. Auch in der Politik finden neuerdings häufiger Argumente Eingang, die sich auf die Bevölkerungsentwicklung berufen. Der demographische Wandel nimmt auf alle gesellschaftlichen Teilbereiche Einfluss, was den öffentlichen Diskurs aber auch Expertendebatten so schwierig macht.

Diese Arbeit soll den Versuch unternehmen darzulegen, worin die eigentliche Problematik der Bevölkerungsentwicklung, für die Bundesrepublik Deutschland, besteht.

Die Arbeit soll dabei die Argumente von Wissenschaftlern und Experten aufgreifen und verarbeiten, die zum Thema, im Rahmen einer Vortragsreihe am Institut für Soziologie und Demografie der Universität Rostock, in Zusammenarbeit mit der Heinrich Böll-Stiftung, Gastvorträge hielten.

Das erste Kapitel liefert anhand einiger Daten einen kurzen Überblick über die Bevölkerungsentwicklung und zeigt ihre vermeintliche Wirkungsrichtung an.

Das zweite Kapitel wird einige Ansätze nennen, die eine Erklärungskraft für die relativ späte gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Bevölkerungsentwicklung haben.

Im dritten Kapitel soll ein Bewusstsein geschaffen werden, für die Relevanz der Familie als kleinste gesellschaftliche Einheit, soll auf Leistungen hingewiesen werden, die in der meist ökonomisch dominierten Perspektive zu kurz kommen oder gar übersehen werden. Dieses Kapitel bildet ein wichtiges Fundament für die folgenden Kapitel.

Kapitel vier widmet sich etwas umfangreicher den Folgen der Bevölkerungsentwicklung für die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Zunächst werden im ersten Unterteil die kulturellen Dimensionen des demographischen Wandels skizziert. Der zweite Unterteil soll strukturelle Dimensionen aufzeigen.

Letzterer soll in verschiedenen Teilkapiteln auf die vorhandenen Ungleichgewichte in der Arbeitswelt, zwischen jungen und alten Menschen, in den Geschlechterverhältnissen und zwischen Kinderlosen und Eltern, aufmerksam machen.

Ein dritter Unterteil des vierten Kapitels wird die Grundaussagen der Vorträge, bezüglich der Problematik des demographischen Wandels, noch einmal kurz zusammenfassen und einen Bezug zur gegenwärtig verfolgten Politik herstellen um zu zeigen, inwieweit das Wissen und die Argumentation der Experten berücksichtigt wird.

Das Schlusswort wird die Vorträge noch einmal auf eine einzelne Aussage reduzieren und einige abschließende Gedanken beifügen.

Grundlage und wesentliche Referenzgruppe der Arbeit ist, wie schon angemerkt, die Vortragsreihe: Bevölkerung, Geschlecht und Politik, der Demographische Wandel als „Problem“, in Zusammenarbeit der Heinrich Böll-Stiftung und der Universität Rostock. Als Basisliteratur diente außerdem eine erst kürzlich erschienene Publikation von Xaver Kaufmann. Des Weiteren fand auch statistisches Datenmaterial Eingang in die Arbeit. Genauere Angaben sind dem Quellenverzeichnis zu entnehmen.

1 Trends der Bevölkerungsentwicklung

Während die Weltbevölkerung bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts gewachsen ist, ist das einundzwanzigste Jahrhundert bereits von Schrumpfungsprozessen gekennzeichnet. Zwar wächst die Weltbevölkerung insgesamt weiter, dies tut sie aber viel langsamer als in der Vergangenheit. Auch von demografischer Alterung sind heute nahezu alle Gesellschaften betroffen, auch in Entwicklungsländern, weil weltweit die Fruchtbarkeitsraten sinken. Die modernen Gesellschaften (dazu zählen heute auch die Transformationsländer des ehem. Ostblocks) sind jedoch in einzigartiger Weise von demographischen Veränderungen betroffen. Ihre Geburtenraten zählen zu den niedrigsten weltweit, gleichzeitig sinken die Mortalitätsraten aufgrund der steigenden Lebenserwartung von Männern und Frauen. Kurz: die Bevölkerungen aller modernen Gesellschaften schrumpfen.

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man zunächst der Annahme erliegen, eine schrumpfende Bevölkerung bedeute die Zunahme des individuellen Wohlstands weil sich das Volkseinkommen auf weniger Köpfe verteile und der Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt unter günstigeren Bedingungen für nachwachsende Generationen ausgetragen werden kann. Mit Nichten! Die Geburtenraten haben sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast halbiert, die Lebenserwartung dagegen seit Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts mehr als verdoppelt (bpb 2004: 17). Im Jahr 2050 wird die Zahl der über 60-jährigen drei Mal so hoch sein wie die der unter 20-jährigen (Abb. I) (ebd. 22). Bereits heute ist über die Hälfte aller Menschen in der Bundesrepublik Deutschland älter als vierzig Jahre (Goldmann). Der Fortgang dieser Entwicklung führt zu der Schlussfolgerung dass unter gegebenen Bedingungen der Versorgungsaufwand für die über 60 Jährigen und Älteren „pro Kopf eines Menschen in der Altersgruppe 20 bis unter 60 um mehr als das Doppelte gesteigert werden müsste“ (bpb 2004: 22). Kurzfristig wird das Arbeitsangebot steigen, mehr ältere Arbeitnehmer werden sich anbieten, langfristig wird es jedoch an qualifiziertem und innovativem Rekrutierungspotential fehlen. Als eine besondere Krise ist bereits die steigende Nachfrage nach stationärer und ambulanter Krankenpflege sowie ausreichender medizinischer Versorgung absehbar, die einem rasch schwindenden Fachkräftepersonal gegenübersteht (Goldmann)[1]. Ein Bevölkerungsrückgang beeinträchtigt das Wirtschaftswachstum, wirtschaftliche Stagnation führt vor dem Hintergrund sich verschiebender Generationenverhältnisse zu lohn- und sozialpolitischen Verteilungskonflikten (vgl. Kaufmann 2005: 61). Der demographische Wandel ist inzwischen nicht mehr von der Hand zu weisen, er erzeugt Handlungsdruck, stellt aber keine Ressourcen bereit. Aus rein liberaler Perspektive ist der demografische Wandel dann unproblematisch, wenn das zu erwartende Wegbrechen der Nachfrage durch einen höheren Grad technologischen Fortschritts kompensiert werden kann. Die Marktkräfte finden die jeweils optimale Lösung. Diese Perspektive vernachlässigt aber wohlfahrtspolitische und sozioökonomische Gesichtspunkte, derer Einbeziehung sich die Politik nicht länger verschließen kann. Die alternden Gesellschaften aller Wohlfahrtsstaaten müssen sich die Frage stellen, an wen sie ihre Ansprüche richten wenn große Teile aus der Erwerbstätigkeit austreten und die staatlichen Umverteilungssysteme nicht auf die Leistungen nachwachsender Generationen zurückgreifen können. Das solide Fundament der Nachfrage, ginge den auf Wachstum ausgerichteten Gesellschaften langfristig verloren, in dessen Folge Investitionsschwächen und Wirtschaftskrise zu steigender Arbeitslosigkeit führen, argumentiert Kaufmann (2005: 65ff). Das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und nicht mehr Erwerbstätigen erfährt eine Asymmetrie, die auch die Erfüllung öffentlicher Aufgaben nicht mehr gewährleisten kann.

Abbildung I

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: bpb; Informationen zur politischen Bildung; 2004

2 Die Thematisierung des demographischen Wandels als politisches Problem

Abnehmende Fertilitätsraten, Geburtenrückgang und gesellschaftliche Alterung waren in der Vergangenheit nie derart rege diskutiert worden wie es heute der Fall ist. Erst seit 2004 erlebt die Demografie einen Boom in der deutschen Publizistik (Hummel). Doch warum wurde die Bevölkerungsentwicklung, angesichts der heute hitzig geführten Debatten und der Katastrophendarstellungen in den Medien, von der Politik nicht früher erkannt und aufgegriffen? Der Bevölkerungsrückgang wurde in der Vergangenheit fast vollständig verdrängt.

Zum einen steht die deutsche Gesellschaft zur politischen Steuerung im Rahmen einer »Bevölkerungspolitik« in einem zutiefst ambivalenten Verhältnis. Da der Bevölkerungsbegriff einen stark territorialen Bezug hat, steht er in enger Verbindung zum Nationalismus als identitätsstiftenden Faktor (vgl. Hobsbawm 1990 / Anderson 1988). Die Delegitimierung des Nationalismus in der BRD nach dem Nationalsozialismus, stellt daher einen wichtigen Grund für den Unwillen der deutschen Politik dar, sich mit Bevölkerungsfragen auseinanderzusetzen. Zum zweiten verhält sich das Phänomen schrumpfender Gesellschaften in einem ideologischen Widerspruch zum liberal-kapitalistischen Kultur- und Wirtschaftssystem, dass seit jeher auf Wachstum ausgerichtet ist. Letztlich entfalten sich demographische Entwicklungen äußerst langsam und sprengen Wahlperioden und Regierungszeiten. Da die demografische Entwicklung auch keine dramatischen Momente erzeugt, ist der politische Handlungsdruck nicht sonderlich groß (Kaufmann 2005: 34). Es ist schlicht weg dem Machterhalt nicht gerade dienlich ein langfristiges Problem wie Schrumpfung auf die politische Agenda zu setzen. Politiker haben den demographischen Wandel als Problem lange einfach ignoriert, weil ihm scheinbar durch politische Maßnahmen nicht beizukommen ist. Sinkende Geburtenraten waren in der politischen Wahrnehmung offenbar ein biologisches Problem.

Um das Problem sinkender Geburtenraten zum Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit werden zu lassen, läuft man schnell Gefahr einen nationalistischen Kontext zu erzeugen. So beklagt z.B. Butterwegge, dass sich politische Kräfte und Massenmedien zunehmend rechter Rhetorik bedienen, wenn sie öffentlich vom „Bestand des deutschen Volkes“ oder von „aktiver, nationaler Bevölkerungspolitik“ sprechen. Tatsächlich ist gerade im Zusammenhang zwischen Bevölkerungsrückgang und dem Zuwanderungsthema, der demographische Wandel geeignet um nationalistische Tendenzen zu stärken, Überfremdungsängste in der Bevölkerung zu schüren und damit Stimmungen für die Erlangung politischer Macht auszunutzen. Christoph Butterwegge, von der Universität Köln, glaubt darin eine besorgniserregende Annäherung der gesellschaftlichen Mitte an den rechten Rand zu erkennen (vgl. b 2005: 17).

Franz-Xaver Kaufmann macht aber deutlich, dass eine bevölkerungsrelevante Politik nicht grundsätzlich als illegitim gelten kann (2005: 56). Sie sollte sich auf die Beeinflussung von „Gelegenheiten und Anreizstrukturen“ (ebd. 57) beschränken. Letztlich ist jede Form der Bevölkerungspolitik repressiver Art, angefangen bei Geburtenkontrollen bis hin zur Beeinflussung von Zu- und Abwanderung. Daher ist auch die Intention einer politischen Förderung des Geburtenanstiegs grundsätzlich fragwürdig. Da sich bzgl. der Bevölkerungsentwicklung aber nationale Unterschiede auftun, weist einiges darauf hin, dass die Geburtenentwicklung ein Bereich ist, welcher der politischen Einflussnahme grundsätzlich zugänglich ist und nicht als Naturgegebenheit hingenommen werden muss.

Wie bis hierher deutlich gemacht bietet die Thematisierung des demographischen Wandels einige Anknüpfungspunkte zur Ideologisierung der Bevölkerungsentwicklung. Die öffentliche Wahrnehmung von Bevölkerungsentwicklung war lange von einer biologistischen Perspektive geprägt und wegen ideologischer Vorbehalte (und Vorbelastungen) in der Vergangenheit ignoriert worden. Dieses Problem ist wahrscheinlich bis heute nicht vollständig überwunden.

[...]


[1] Monika Goldmann zeigt anhand von statistischen Kennzahlen, dass insbesondere Pflegekräfte, trotz entsprechender Qualifikation, überdurchschnittlich früh aus ihrem Beruf aussteigen (2005).

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Was ist eigentlich problematisch am demographischen Wandel?
Hochschule
Universität Rostock
Veranstaltung
Seminar: „Wandel der Geschlechterverhältnisse als Ursache und Konsequenz des Demographischen Wandels“
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V64229
ISBN (eBook)
9783638571012
ISBN (Buch)
9783638669832
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Erklärung des demographischen Wandels und seiner Folgen für Politik und Wirtschaft, bedarf einer Zusammenführung der verschiedenen Aspekte. Diese Hausarbeit fasst die wichtigsten Aspekte und Entwicklungen zusammen.
Schlagworte
Wandel, Seminar, Geschlechterverhältnisse, Ursache, Konsequenz, Demographischen, Wandels“
Arbeit zitieren
Bachelor Patrice Jaeger (Autor), 2006, Was ist eigentlich problematisch am demographischen Wandel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64229

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