Das Jugendalter ist eine Phase, in der die Bearbeitung vielfältiger Übergänge und Entwicklungsaufgaben sowie die Herausbildung eines kongruenten Selbstkonzeptes erforderlich ist. Bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes kommt als zusätzlicher, non-normativer Stressor der Umgang mit einer chronischen Krankheit hinzu, die im Alltag ständig präsent ist und zu Einschränkungen in zahlreichen Bereichen des Alltags führt. In empirischen Studien wurde festgestellt, dass diabetische Adoleszente im Vergleich zu gesunden Altersgenossen Retardierungen bei der Bewältigung typischer Entwicklungsaufgaben aufwiesen. Zur Untersuchung dieser Fragen wurden 35 gesunde und 37 an Diabetes mellitus erkrankte Jugendliche zwischen 11 und 18 Jahren mit dem Thematischen Apperzeptionstest konfrontiert. Dieses projektive Verfahren wurde benutzt, weil es wenig durchschaubar ist und individuelle Persönlichkeitsdaten erhebt. In der vorliegenden Untersuchung wurden die TAT-Protokolle der Probanden hinsichtlich Selbstkonzept, Entwicklungsaufgaben und Konflikten anhand eines dafür entworfenen formal-inhaltlichen Kategoriensystem analysiert. Diese Daten wurden zum Alter, Geschlecht, Gesundheitsstatus und zur Güte der Stoffwechseleinstellung bei diabetischen Jugendlichen in Beziehung gesetzt. Neben Altersunterschieden bezogen auf die Tönung des Selbstkonzeptes wurden Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Jugendlichen gefunden. Männliche und weibliche Jugendliche haben ein deutlich verschiedenes Selbstkonzept: Mädchen beschreiben sich negativer, während die männlichen Jugendlichen über eher positive Anteile des Selbstkonzepts berichteten. Ein weiterer geschlechtsspezifischer Befund ist die höhere Relevanz zwischenmenschlicher Themen für weibliche Probanden, während männliche Jugendliche sich eher mit leistungsthematischen Aspekten befassen. An Diabetes mellitus erkrankte Jugendliche unterscheiden sich von der gesunden Kontrollgruppe in wesentlichen und entwicklungsrelevanten Variablen. Sie zeigten Behinderungen in jugendtypischen Entwicklungsaufgaben ( wie Ablösung von den Eltern, Aufbau enger Freundschaftsbeziehungen ) und weisen mehr intrapsychische Konflikte auf, während höhere Werte bei den interpsychischen Konflikten ausschließlich bei gesunden Jugendlichen gefunden wurden. Außerdem konnte diabetischen Jugendlichen ein vermehrtes Abwehrverhalten gegenüber der Enthüllung ihrer Persönlichkeit nachgewiesen werden.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorie
2.1. Zur Definition von Lebensphasen
2.2. Jugendalter
2.2.1. Frühe Entwicklungstheorien der Adoleszenz
2.2.2. Neuere Entwicklungstheorien der Adoleszenz
2.2.3. Zusammenfassung
2.3. Entwicklungsaufgaben
2.3.1. Identitätsentwicklung in der Adoleszenz
2.3.2. Das Selbstkonzept im Jugendalter
2.3.3. Kritische Lebensereignisse im Jugendalter
2.3.4. Zusammenfassung Anforderungen in der Adoleszenz
2.4. Chronische Krankheit als non-normative Entwicklungsaufgabe
2.4.1. Diabetes mellitus; Prävalenz, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten
2.4.2. Wechselbeziehungen zwischen Diabetes mellitus und Entwicklungsaufgaben
2.4.3. Zusammenfassung Diabetes mellitus als non-normative Entwicklungsaufgabe
3. Hypothesen
3.1. Entwicklungspsychologische Fragestellung
3.1.1. Geschlechtsunterschiede
3.1.2. Altersunterschiede
3.2. Gesundheitspsychologische Fragestellungen
3.2.1. Gesundheitsstatus
3.2.2. Stoffwechselgüte
4. Methodik
4.1. Stichprobenbeschreibung und Gruppenbildung
4.1.1. Unabhängige Variablen
4.2. Der Thematische Apperzeptionstest (TAT)
4.2.1. Theoretischer Hintergrund
4.2.2. Auswahl der Testmaterialien
4.2.3. Die verschiedenen Auswertungsansätze des TAT
4.3. Die modifizierte Version des Bonner Auswertungssystems
4.3.1. Operationalisierung der Variable „Selbstkonzept“
4.3.1.1. Kodierung der Bezeichnung der handelnden Figuren
4.3.1.2. Kodierung der Eigenschaften / Gefühle der Figuren
4.3.2. Operationalisierung der Variable „Entwicklungsaufgaben“
4.3.3. Operationalisierung der Variable „Konflikte“
4.3.4. Operationalisierung der Variable „Abwehr“
4.4. Durchführung
4.4.1. Die Instruktion des TAT
4.4.2. Bildung des Kategoriensystems
4.4.3. Beurteilerübereinstimmung
4.5. Aufbereitung der qualitativen Daten für die statistische Auswertung
5. Ergebnisse
5.1. Entwicklungspsychologische Fragestellung
5.1.1. Entwicklungsaufgaben
5.1.2. Selbstkonzept
5.1.3. Konflikte
5.2. Gesundheitspsychologische Fragestellung
5.2.1. Entwicklungsaufgaben
5.2.2. Selbstkonzept
5.2.3. Konflikte
6. Diskussion
6.1. Interpretation der Ergebnisse
6.1.1. Entwicklungspsychologische Fragestellung
6.1.2. Gesundheitspsychologische Fragestellung
6.2. Methodische Kritik
6.3. Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht das projizierte Selbstbild von gesunden und an Diabetes mellitus erkrankten Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 18 Jahren mittels des Thematischen Apperzeptionstests (TAT). Das primäre Ziel ist es, Unterschiede im Selbstkonzept, in der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben sowie in der Konfliktwahrnehmung in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht, Gesundheitsstatus und Stoffwechselgüte zu identifizieren.
- Analyse der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
- Untersuchung geschlechtsspezifischer Differenzen im Selbstkonzept
- Einfluss einer chronischen Erkrankung (Typ-1-Diabetes) auf die psychosoziale Entwicklung
- Vergleich von gesunden und diabetischen Jugendlichen hinsichtlich intra- und interpsychischer Konflikte
- Anwendung und methodische Validierung eines modifizierten Bonner Auswertungssystems für den TAT
Auszug aus dem Buch
2.3.3. Kritische Lebensereignisse im Jugendalter
Wie schon erwähnt, wird die Adoleszenz sowohl im Alltagsverständnis als auch in der Wissenschaft als ein Übergang zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter angesehen, in dem eine kontinuierliche Fokussierung und Bearbeitung von Entwicklungsaufgaben ansteht (vgl. Coleman, 1990 ). Obwohl der menschliche Lebenslauf viele solcher Übergänge enthält (z.B. Einschulung, Berufsausbildung, Heirat, Berentung), in denen das Individuum vor charakteristischen Entwicklungsaufgaben steht, kommt der Adoleszenz doch eine besondere Bedeutung zu: Es werden psychische Umstrukturierungen vorgenommen, Entscheidungen gefällt und Handlungen ausgeführt, deren Ergebnisse profund und langandauernd sein können und die bis ins Erwachsenenalter hineinreichen.
Interessant sind in diesem Zusammenhang die Unterschiede zwischen hoch und niedrig belastenden „Ereignissen“ im Umgang mit den anstehenden Entwicklungsaufgaben sowie deren Auswirkungen auf die altersgemäße Bewältigung neuer Lebensaufgaben. So kommt es nach Hamburg (1992) gerade in dieser Phase im Gegensatz zu anderen Altersgruppen zu einer Erhöhung der Morbiditätsrate. Hierzu werden unter anderem Gesundheitsprobleme, depressive Verstimmungen, Aggression, antisoziales Verhalten usw. gezählt. Wegen des in der Realität sehr uneinheitlichen Bildes der Entwicklung im Jugendalter wäre aber eine einfache Unterscheidung in gute und schlecht Anpassung nicht angemessen.
Die Einflüsse durch eine sich mehr abrupt als kontinuierlich verändernde Lebenswelt wird durch das Konzept der (kritischen) Lebensereignisse zusammengefasst. Unter kritischen Lebensereignissen versteht man „solche im Leben einer Person auftretende Ereignisse, die durch Veränderungen der Lebenssituation der Person gekennzeichnet sind und die mit entsprechenden Anpassungsleistungen durch die Person beantwortet werden müsse“ (Filipp, 1981, S. 23). In der klinischen Psychologie und Sozialepidemiologie hat sich hierzu ein Forschungszweig entwickelt, die Lebensereignisforschung („Life Event“ – Forschung). Die klinisch-psychologische Fragestellung, ob und in welcher Weise belastende Lebensereignisse zur Entstehung von psychischen Störungen beitragen, regte zu der Überlegung an, ob die mit den Ereignissen verbundenen persönlichen Krisen bei erfolgreicher Bewältigung nicht auch die Persönlichkeitsentwicklung fördern können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Adoleszenz als Entwicklungsphase und die zusätzliche Belastung durch chronische Erkrankungen ein, wobei das Ziel der Studie dargelegt wird.
2. Theorie: Dieses Kapitel erläutert den theoretischen Hintergrund zu Lebensphasen, Entwicklungsaufgaben und den spezifischen Auswirkungen des Diabetes mellitus im Jugendalter.
3. Hypothesen: Hier werden basierend auf den theoretischen Grundlagen die zu überprüfenden Annahmen zur psychischen Entwicklung und zum Selbstbild aufgestellt.
4. Methodik: Es wird das methodische Vorgehen beschrieben, insbesondere die Stichprobe, der Thematische Apperzeptionstest (TAT) und das modifizierte Bonner Auswertungssystem.
5. Ergebnisse: In diesem Kapitel werden die Daten aus den statistischen Auswertungen präsentiert und die Hypothesen auf ihre Bestätigung oder Widerlegung hin geprüft.
6. Diskussion: Das abschließende Kapitel interpretiert die erzielten Ergebnisse im Kontext der Theorie und kritisiert die angewandte Methode, bevor ein Ausblick auf zukünftige Forschung gegeben wird.
Schlüsselwörter
Adoleszenz, Entwicklungsaufgaben, Selbstkonzept, Diabetes mellitus, Thematischer Apperzeptionstest, TAT, Identitätsentwicklung, psychische Gesundheit, Krankheitsbewältigung, Konflikte, Stoffwechselgüte, Jugendalter, Abwehrverhalten, psychosoziale Entwicklung, empirische Studie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das projizierte Selbstbild von gesunden und diabetischen Jugendlichen. Sie erforscht, wie Jugendliche ihre Entwicklung meistern und inwieweit eine chronische Krankheit wie Diabetes mellitus diesen Prozess beeinflusst.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Identitätsbildung im Jugendalter, die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, das Selbstkonzept sowie der Umgang mit intra- und interpsychischen Konflikten bei gleichzeitigem Vorliegen einer chronischen Erkrankung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob diabetische Jugendliche im Vergleich zu gesunden Altersgenossen Abweichungen im Entwicklungsverlauf zeigen und wie sich ihre Stoffwechseleinstellung auf ihre psychische Situation und ihr Selbstbild auswirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird der Thematische Apperzeptionstest (TAT) eingesetzt, der durch ein modifiziertes Bonner Auswertungssystem inhaltsanalytisch ausgewertet wurde, um narrative Daten quantitativ messbar zu machen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine ausführliche Theoriearbeit zu Adoleszenz und Diabetes, die Herleitung von Hypothesen, die methodische Beschreibung der Stichprobe und Testauswertung sowie die detaillierte Darstellung und Diskussion der empirischen Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wesentlichen Begriffe sind Adoleszenz, Selbstkonzept, Diabetes mellitus, Entwicklungsaufgaben und der projektive TAT-Test.
Wie unterscheidet sich die Belastung bei gut und schlecht eingestellten Diabetikern?
Die Studie deutet darauf hin, dass die Stoffwechselgüte mit der Art der Konfliktwahrnehmung und dem Selbstbild korreliert, wobei schlecht eingestellte Jugendliche tendenziell spezifische Abwehrmechanismen in ihren Narrativen zeigen.
Welche Rolle spielt das Abwehrverhalten in den Ergebnissen?
Diabetische Jugendliche tendieren dazu, sich in den Erzählungen als „auffallend normal“ darzustellen, was auf eine mangelnde Enthüllungsbereitschaft oder ein Vermeidungsverhalten hinsichtlich krankheitsbezogener Themen hindeutet.
- Quote paper
- Christina Bitzen (Author), 2002, Das projizierte Selbstbild gesunder und diabetischer Jugendliche - eine inhaltsanalytische Auswertung projektiver Narrative, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6428