In den Film- und Medienwissenschaften hat sich noch kein einheitliches Verfahren zur Analyse vor Film- und Fernsehbeiträgen durchgesetzt. Diese Arbeit zeigt einen praktikablen Weg zur Analyse eines Fernsehbeitrags anhand eines Beispiels. Die Untersuchung des im ARD-Magazin „Panorama“ gesendeten Beitrags „Nazi-Zentrale unterwandert Kleinstadt“ macht deutlich, dass eine Analyse mit Hilfe von wissenschaftlichen Instrumenten wichtige Erkenntnisse über einen Film liefern kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Fragestellung
2. Journalistische Aussage
3. Bildsprache
3.1. Einstellungsgrößen
3.2. Perspektiven
3.3. Bildkomposition
3.4. Bilddramaturgie
4. Filmsprache
4.1. Einstellungslängen und Schnittrhythmus
4.2. Kamera- und Objektbewegung
5. Bild-Ton-Verhältnis
5.1. Geräusche
5.2. Musik
5.3. Sprache
5.4. Bild-Text-Verhältnis
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den „Panorama“-Fernsehbeitrag „Nazi-Zentrale – NPD unterwandert Kleinstadt“ hinsichtlich seiner gestalterischen Mittel und journalistischen Strategien. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, wie die Autoren das Thema der NPD-Infiltration in Lübtheen visuell und auditiv aufbereiten, um bestimmte Rezeptionsweisen zu motivieren und ihre journalistische Botschaft zu vermitteln.
- Analyse der journalistischen Botschaft und Dramaturgie
- Untersuchung der Bildsprache (Einstellungsgrößen, Perspektiven, Bildkomposition)
- Bewertung der Filmsprache (Schnittrhythmus und Kamerabewegungen)
- Analyse des Bild-Ton-Verhältnisses und der Spracheinsatzes
- Überprüfung der Wirksamkeit gestalterischer Mittel zur Positionierung der Autoren
Auszug aus dem Buch
3.2. Perspektiven
Die Perspektive macht den Standpunkt der Kamera gegenüber dem Geschehen deutlich. Die Kameraperspektive und damit der Blick auf abgebildete Dinge und Personen kann horizontal und vertikal differieren. Auf der vertikalen Ebene wird in der Regel zwischen Obersicht (Vogelperspektive), Normalsicht und Untersicht (Froschperspektive) unterschieden. Zum Teil gibt es in der Fachliteratur noch genauere Ausdifferenzierungen.
Im Beitrag zu den NPD-Zuzüglern in Lübtheen befindet sich die Kamera in den meisten Einstellungen auf Augenhöhe des Objekts, sozusagen auf der Normalachse. Es gibt einige Abweichungen nach oben oder unten. Ober- und Untersicht eignen sich, um eine bestimmte psychologische Bedeutung zu vermitteln. So kann beispielsweise eine sehr niedrige Kameraposition Macht und Stärke suggerieren und umgekehrt ein erhöhter Kamerastandpunkt Unterlegenheit und Schwäche der gezeigten Person nahe legen. Im „Panorama“-Beitrag sind die Abweichungen von der Normalachse meistens so geringfügig, dass damit wohl kaum eine psychologische Bedeutung transportiert werden soll bzw. tatsächlich transportiert wird.
Wenn eine starke Obersicht gegeben ist, dient sie meist der Orientierung. Sie präsentiert den Zuschauern den Handlungsort. Das gilt etwa bei der Einstellung, die eine sitzende Menschenmenge in einem Versammlungsraum von einen erhöhtem Standpunkt aus zeigt. Bei einer anderen Einstellung sieht man spielende Kinder aus der Obersicht. Gefilmt wurde aus Augenhöhe eines Erwachsenen. Das könnte damit zusammenhängen, dass der Zuschauer wahrscheinlich selbst ein Erwachsener ist und er sich mit dieser Haltung identifiziert.
Die Einstellungen aus der Untersicht dürften aufgrund örtlicher Gegebenheiten aus dieser Perspektive gedreht worden seien. So wird das Dachgesims des Gutshauses, das ein NPD-Mitglied gekauft hat, in Großaufnahme von unten gezeigt. Das Filmen aus der Normalsicht hätte das Betreten eines gleich hohen Raumes in einem gegenüberliegenden Wohnhaus oder eine Hebebühne erfordert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Fragestellung: Einleitung in das Thema der NPD-Infiltration in Lübtheen sowie Darlegung der Zielsetzung und der medienwissenschaftlichen Herangehensweise der Analyse.
2. Journalistische Aussage: Untersuchung der journalistischen Botschaft des Beitrags, der als Warnung vor der Strategie der NPD fungiert, sich unauffällig in der lokalen Bevölkerung zu etablieren.
3. Bildsprache: Analyse der visuellen Gestaltungselemente, insbesondere der Einstellungsgrößen, Perspektiven, Bildkomposition und Bilddramaturgie unter Anwendung medienwissenschaftlicher Kriterien.
4. Filmsprache: Untersuchung der zeitlichen Dimensionen des Films, wie Schnittrhythmus und Einstellungsdauer, sowie der Einsatz von Kamera- und Objektbewegungen.
5. Bild-Ton-Verhältnis: Analyse des Zusammenspiels von Ton (Geräusche, Musik, Sprache) und Bild sowie der spezifischen Bild-Text-Beziehungen zur Informationsvermittlung.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, wie der Beitrag gestalterische Mittel nutzt, um eine ablehnende Haltung gegenüber der NPD zu motivieren, und kritische Würdigung der handwerklichen Umsetzung.
Schlüsselwörter
Fernsehanalyse, Journalismus, Panorama, NPD, Lübtheen, Bildsprache, Filmsprache, Einstellungsgrößen, Bilddramaturgie, Kamerabewegung, Bild-Ton-Verhältnis, mediale Positionierung, politische Kommunikation, Dokumentation, Medienwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert einen siebenminütigen „Panorama“-Fernsehbeitrag über die Ansiedlung von NPD-Mitgliedern in der mecklenburgischen Kleinstadt Lübtheen und deren Strategien zur sozialen Akzeptanz.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die mediale Vermittlung journalistischer Botschaften, die gestalterische Qualität der Fernsehanalyse sowie die psychologische Wirkung von Kamera- und Schnittführung in politischen Beiträgen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es herauszuarbeiten, mit welchen filmischen Mitteln die Autoren die schwierige Thematik aufbereiten und inwiefern sie durch die Gestaltung eine bestimmte Zuschauerhaltung motivieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf Veröffentlichungen aus der Publizistik-, Kommunikations- und Filmwissenschaft, um den Beitrag anhand klassischer Regeln der Fernsehanalyse methodisch zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der journalistischen Botschaft, der Bildsprache (z. B. Perspektiven, Komposition), der Filmsprache (z. B. Schnittrhythmus) und der komplexen Beziehung zwischen Bild und Ton.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Fernsehanalyse, Bildsprache, politische Kommunikation, Journalismus und die spezifische Fallstudie der NPD-Strategien in Lübtheen.
Wie bewertet die Autorin den Einsatz von Schwenks und Zooms?
Die Autorin kritisiert den teilweise unüberlegten und zu häufigen Einsatz dieser Bewegungsarten im Beitrag, da diese oft keine narrative Funktion erfüllen und den Zuschauer irritieren können.
Welche Rolle spielt die „subjektive Kamera“ in der Analyse?
Die subjektive Kamera wird als ein zentrales Gestaltungsmittel identifiziert, das durch die Identifikation mit der Perspektive der Bürgermeisterin die Parteilichkeit des Zuschauers zugunsten der NPD-Gegner beeinflussen soll.
Welche Bedeutung kommt dem Glockenläuten am Ende des Beitrags zu?
Das Glockenläuten wird als dramaturgisch bewusst eingesetzter Bedeutungsträger interpretiert, der die Gefahr der NPD-Infiltration verdeutlicht und den Beitrag mit einem beunruhigenden Ausblick abschließt.
- Quote paper
- Janine Wergin (Author), 2006, Analyse des Fernsehbeitrags "Nazi-Zentrale unterwandert Kleinstadt" aus dem ARD-Magazin "Panorama", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64283