Entwicklungszusammenarbeit als interkulturelles Kommunikationsproblem


Magisterarbeit, 2003

131 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Sprache
1.1. Regeln der Sprachspiele
1.2. Horizont der Realität
1.3. Konstruktion sozialer Realität

2. Kommunikation
2.1. Miteinander Sprechen
2.2. Kommunikative Rationalität
2.3. Ausschlussmechanismen des Diskurses
2.4. Exkurs: Wissenschaftliche Wahrheit

3. Kultur
3.1. Genese der Kultur
3.2. Kontakt der Kulturen
3.3. Kultur als Symbolprozess

4. Interkulturelle Kommunikation
4.1. Bedingungen und Auswirkungen
4.2. Das Fremde und das Eigene?
4.3. Verstehen anderer Kulturen

5. Entwicklung
5.1. Sozialer Wandel
5.2. Ideologisierte Wahrnehmung
5.3. Antrieb des Fortschritts?

6. Entwicklungszusammenarbeit
6.1. Globale Strukturpolitik?
6.2. Modernisierung
6.3. Zivilgesellschaft und Partizipation

7. Modelle
7.1. Emanzipatorischer Dialog?
7.2. Kommunikative Rahmensetzung
7.3. Interkulturelles Handeln

8. Grenzen
8.1. Dependenzen
8.2. Intendierte Asymmetrien
8.3. System und Kommunikation

Fazit

Anhang

Bibliographie

Einleitung

Das Problem der interkulturellen Kommunikation steht nicht erst seit einer – als global erkannten – Bedrohung und der Prophezeiung vom Kampf der Kulturen im Mittelpunkt des Interesses. In einer sich vernetzenden Welt und mit der viel beschworenen Globalisierung scheinen seit längerem schon neue und vielfältige Handlungsunsicherheiten bei den Akteuren zu entstehen. Während sich die Vernetzung rasant verstärkt, sind innerhalb dieser gegensätzliche Tendenzen zu erkennen. Die Weltgesellschaft offenbart sich immer mehr in Widersprüchen, die sich scheinbar gegenseitig bedingen: In der Individualisierung und der Vereinheitlichung der Lebensstile, in der wirtschaftlichen Differenzierung und Homogenisierung, im Freihandel und Protektionismus, in der Inklusion vieler und der Ausgrenzung anderer. In dieser komplexen, schwer zu fassenden Situation sind handlungsanleitende Übersichten und Analysen gefragt. Aber bei den aktuellen Prozessen handelt es sich um vielfältige, sich überschneidende und verändernde Vorgänge (zum Kulturkontakt: vgl. Rudolph 1964). Es gibt nicht nur einen, einzig zum Ziel führenden Entwicklungsweg, nur eine quasi vorgezeichnete, heilsversprechende Einbahnstraße in die Zukunft. Uniforme Entwicklung erscheint unwahrscheinlich (zur Kritik der Modernisierungstheorie: vgl. Therborn 1998).

Anstatt also monokausale Modelle und unilineare Entwicklungspfade zu suchen, geht es darum, Zusammenhänge zu ergründen. Ziel ist, die Entwicklungszusammenarbeit als Kommunikationsproblem darzustellen, ohne der facettenreicher Vielfalt den Überblick zu opfern. Um die Entwicklungszusammenarbeit[1] darstellen und die Problematik der Fragestellung diskutieren zu können, werden Kommunikation und Entwicklung, deren jeweilige Voraussetzungen, Grundlagen und Kontexte, getrennt untersucht werden. Diese Diskussion ist nötig, denn in der Entwicklungspolitik wird „eine wenig ausdifferenzierte Diskursmentalität ...“ beklagt oder die Tatsache kritisiert, „... wie gering der wissenschaftliche Ertrag ist und wie wenig substantielle Arbeiten ... verfügbar sind“ (Engel; Kappel 2003, S. 6).

Das zu untersuchende Feld wird dabei durch das Herangehen sozialwissenschaftlich eingegrenzt: Es ist zu klären, wie Entwicklungszusammenarbeit als interkulturelle Kommunikation und damit als kulturelles Phänomen zu verstehen ist. Nachdem dementsprechend erstens Kommunikation und ihre hier spezifische Voraussetzung – ihre interkulturelle Dimension – analysiert wurden, kann zweitens Entwicklungszusammenarbeit an sich erörtert werden. Erst dann kann sie als Kommunikationsproblem diskutiert, können Modelle entwickelt und Grenzen aufgezeigt werden.

Die bisherigen Forschungen zum ersten, also dem interkulturellen Gesichtspunkt – etwa von Geert Hofstede[2] und Edward Hall[3] – zeigen, dass die Problematik bereits vielfältig diskutiert wird. Meist sind es Pädagogen oder Wirtschaftswissenschaftler, die das Thema ihren praktischen Zielen gemäß angehen. Das heißt, sie versuchen handlungsanweisende Formeln und Verfahren zu entwickeln, die Orientierung in komplexen interkulturellen Situationen bieten können. Da im Folgenden weder Formeln noch Muster erstellt werden, wird auf die wirtschaftlich-interkulturelle Kommunikationsforschung nicht näher eingegangen. Anstatt etwa Wertvorstellungen der Belegschaft in denselben Unternehmen mit unterschiedlichen Standorten zu untersuchen und so auf die kulturellen Hintergründe dieser Werte zu stoßen, wie Hofstede, soll eine höhere, allgemeinere Ebene betrachtet werden.

Dies erscheint notwendig, da die pragmatisch ausgerichtete Forschung sich mit ihrem induktiven Vorgehen wichtigen Gesichtspunkten verschließt: Selbst der Grundlagenforschung ist schon die Richtung vorgegeben, da sie zu verwertbaren Ergebnissen kommen soll. Sie schließt, wie noch zu zeigen ist, deshalb entscheidende Aspekte aus oder gibt ihnen zu wenig Gewicht. So hat sich die wirtschaftlich-interkulturelle Forschung bisher nicht darum bemüht einen interkulturellen Umgang zu beschreiben, der ein tieferes Verständnis schafft:[4] Mit den handlungsanleitenden Erkenntnissen können Kontaktsituationen zwar gestaltet werden; aber die Situationsumstände müssen dabei nicht notwendigerweise thematisiert werden. Das Ziel, einen reibungslosen wirtschaftlich-rationalen Umgang miteinander zu erreichen, legt der Kommunikation Fesseln an. Denn ob es zu einer weiteren Entfremdung der Partner oder zu einer jeweils stärkeren Abgrenzung des Eigenen vom Fremden kommt, wird nicht zum Thema, solange keine Störung auftritt. Wie sonst ist – nach Jahren wirtschaftlich-interkulturellen Dialogs – zu erklären, wie schnell nach dem 11. September mancherorts jegliches Verständnis für den Anderen abhanden geht, einer Ablehnung weicht und die kulturellen Unterschiede als unüberwindbar hingestellt werden? Ohne damit die wirtschaftlich-pragmatischen Forschungsparadigmen in Frage stellen zu wollen, ist es notwendig, die Formelhaftigkeit ihrer Ergebnisse zu vermeiden und die Bedeutung der interkulturellen Analyse und der Möglichkeit des Verstehens hervorzuheben. Damit bewegt man sich auf einer theoretischen Ebene, die zwar philosophische und sozialpsychologische Betrachtungen erfordert, vor allem aber ureigene Fragen der Ethnologie berührt.

Denn Entwicklungszusammenarbeit ist als Austausch zwischen verschiedenen Kulturen per se interkulturell. Ebenso wie es die Ethnologie ist: Diese wird im Allgemeinen als Wissenschaft verstanden, „die sich mit Sozialstruktur und Kultur der [primitiven] Gesellschaften beschäftigt“ (Duden). Ihr kommt die Aufgabe zu, einem bestimmten kulturellen Horizont einen anderen zu interpretieren und dadurch verständlich zu machen. Dabei ist es die eigentliche Aufgabe des Ethnologen, nicht in (kulturellen) Modellen gefangen zu sein, sondern sie transzendental zu überblicken: Um zu interkulturell gültigen Aussagen kommen zu können „... muss [es] ihm dabei gelingen, die Vorstellungen, die (nur) für seine Kultur spezifisch sind, abzulegen oder wenigstens als solche zu erkennen“ (Renner 1980, S. 55).

Bezüglich des zweiten (s.o.), entwicklungspolitischen Gesichtspunkts soll gezeigt werden, dass der erforderliche Rahmen nicht diskutiert wird, jedenfalls nicht weit genug. Es scheint, als ob man die Hinweise zwar wahrnimmt, ihnen aber nicht konsequent zu folgen gewillt ist (zum Vergleich zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Klemp 2000). So lange es innerhalb derselben, zumindest aber hinreichend ähnlicher Erfahrungshorizonte und Erkenntniszusammenhänge geschieht, ist dies auch nicht notwendig. Sobald aber außerhalb jener Zusammenhänge agiert wird und das Ausmaß der Kommunikationsvoraussetzungen nicht sicher ist, ist der Rahmen dafür zu thematisieren. Auf individueller wie auf institutioneller Ebene muss, das folgt daraus, umfassender und tief greifender sowohl das Verständnis als auch dessen Voraussetzungen an sich hinterfragt werden. Denn offensichtlich gehören Missverständnisse, Asymmetrien und Abhängigkeiten zwischen den Partnern zur Kommunikationsproblematik (s. Kabou 1993). Um Entwicklungszusammenarbeit als Kommunikationsproblem zu verstehen, ist zu klären: Was ist Entwicklung? Kann sie etwa wie häufig mit Modernisierung gleichgesetzt werden? Neben den Verständnisfragen sind auch die strukturellen Voraussetzungen zu untersuchen: Wieso entwickeln wir (die Industrieländer) andere (die so genannten Dritte-Welt-Länder[5] )? Wie steht es mit den Grenzen der Entwicklungszusammenarbeit und des Wachstums?

Theoretisch ist zu klären: Worin besteht die Krise der Denkmodelle, also das oft heraufbeschworene Ende der großen Theorien? Wenn die Vorhersagen der Sozialwissenschaften nicht zutreffend waren und sind, liegt es an unzulänglich feinen empirischen Erfassungsmethoden, oder sind Wirkungen und Effekte des Zusammenarbeitsprozesses nicht gänzlich vorher bestimmbar? Müssten dann nicht die Zielvorstellungen revidiert und Wirkungen breiter untersucht werden? Ist es sinnvoll, mit entwicklungspolitischen Konzepten wie Partizipation und Akzeptanz (Ownership) die Zielsetzung auf eine breitere und nachhaltigere Basis zu stellen, die eine alternative Erfassung und Bewertung erfordert? Wie lassen sich politische Begriffe wie Zivilgesellschaft und globale Strukturpolitik konkret in den Zusammenhang der umzusetzenden Entwicklungsmaßnahmen einordnen? Dahinter stehen vor allem folgende Grundfragen: Was ist der Motor der Entwicklung? Was ist Fortschritt? Sind diese Fragen mit Bezug auf Kultur, auf das Fremde, das Eigene zu erklären?

Um diese Fragestellungen zu erörtern, werden zunächst die Voraussetzungen der Kommunikation betrachtet. Es werden in einem ethnologisch-theoretischen Teil die Grundlagen der Phänomene Sprache, Kultur und interkultureller Prozesse dargestellt, um dann anhand dieser Erkenntnisse in der anderen Hälfte der Arbeit die entwicklungspolitischen, soziologisch-ökonomisch fundierten Konzepte zu analysieren: Überlegungen zur Sprachanalyse (Kapitel 1.), zu Kommunikationsmodellen (Kapitel 2.), zum Phänomen Kultur (Kapitel 3.) und zu daraus resultierenden Modellen (Kapitel 4.) werden angestellt. Dabei ist es entscheidend, diese Analyse von der begrifflichen Ebene bis hin zu der angesprochenen, davon beeinflussten Umsetzung zu erstrecken. Im Einzelnen heißt dies, dass Entwicklung als Diskurs dargestellt und Modernisierung als Wert angesprochen wird. Theoretisch ist nachgewiesen, dass im Konzept der Modernisierung Demokratisierung nicht notwendig enthalten ist (Joas 1990). Auf der Ebene des Bewusstseins der Akteure, im politischen Diskurs und in den Entwicklungszielen ist dieser Aspekt aber impliziert. Als Teil der Entwicklungszusammenarbeit, die exemplarisch herausgestellt werden soll, wird deswegen der Zusammenhang von Modernisierung und Demokratisierung im Konzept der Zivilgesellschaft untersucht, das beide Werte zu verbinden sucht.

Warum werden gerade diese Konzepte hervorgehoben und analysiert? Weil die These erhärtet werden soll, dass der Begriff Entwicklung, wie er global von den Geberländern vertreten und den Empfängerländern wiederholt wird, Modernisierung impliziert. Weil die Verbindung von Begriffen mit Werten politisch und de facto die Entwicklungszusammenarbeit bestimmen. Weil z.B. Zivilgesellschaft als Versuch gesehen werden kann, auf Mängel des theoretischen Fundaments der Modernisierung zu reagieren, ohne es in Frage zu stellen. Vor allem aber, weil zivilgesellschaftliche Entwicklung kommunikative Momente einschließt und eine Bewusstseinsänderung fordert. So kann auf der Ebene der beobachtbaren Partizipation die wirkliche Umsetzung des kommunikativen Handelns beobachtet werden. So können theoretischer Anspruch und empirische Beobachtung verglichen werden und Schwierigkeiten der Umsetzung auf Mängel in der Theorieebene zurückgeführt werden. Und so kann die Makro- mit der Mikroebene verbunden werden.

Wie erwähnt, ist zu klären, ob Probleme der Entwicklungszusammenarbeit auch auf Schwierigkeiten der interkulturellen Kommunikation zurückzuführen sind. Entwicklungszusammenarbeit schließt notwendigerweise den interkulturellen Aspekt mit ein, als Zusammenwirken von Partnern der ersten und der Dritten Welt. Implizit wird allerdings davon ausgegangen, dass Entwicklungsweg und -ziel an sich nicht in Frage gestellt werden und auch nicht gemeinsam festgelegt werden müssen. Dieser Auffassung stehen empirische Feldstudien entgegen: Dort hat sich „Eine fehlende Übereinstimmung zwischen deutscher und einheimischer Seite in der Zielausrichtung und Ausgestaltung des Vorhabens ... als zentrales Moment für geringen Projekterfolg herausgestellt“ (Caspari 2003, S. 11). Aber nicht nur bei einzelnen Vorhaben, auch für entwicklungspolitische Ansätze an sich sind kommunikative Schwierigkeiten relevant und zu berücksichtigen. Trotzdem wird dem kommunikativen Moment zu wenig Beachtung geschenkt. Bei der theoretischen Betrachtung der Entwicklungsmodelle erkennt man, schon nach einem oberflächlichen Überblick, dass Begriffen wie Modernisierung, Partizipation, etc. eine bestimmte Ideologie des sozialen Wandels zugrunde liegt, die als unausgesprochene, nicht diskutierte Prämisse den Dialog behindert.

Es kann dargestellt werden, dass sowohl Entwicklungs- wie auch Kommunikationsmuster in die jeweiligen Kulturen eingebettet sind. Deswegen muss ein kultureller Hintergrund aus einer entwicklungspolitischen Perspektive nicht nur berücksichtigt werden, sondern jene notwendigerweise bestimmen. Die ethnologische Herangehensweise ist ein elementarer Bestandteil der Entwicklungszusammenarbeit, um die eigenen und fremden Momente analysieren und kommunizieren zu können. Nur in der Ethnologie wird von den interkulturellen Momenten ausgegangen, um Zusammenhänge zu untersuchen. Trotz dieser Tatsache wurde es mancherorts bisher aber nicht als Aufgabe der Ethnologie verstanden, Ziele, Methoden und Ansätze der Entwicklungszusammenarbeit zu definieren. Vielmehr bestimm(t)en vor allem die Soziologie, speziell die Entwicklungssoziologie, und die Wirtschaftswissenschaften die entwicklungspolitische Diskussion.

Nach der Erörterung der Kommunikation müssen deswegen Entwicklung (Kapitel 5.) und Entwicklungszusammenarbeit (Kapitel 6.) auf den theoretischen Rahmen hin untersucht und abgegrenzt werden. So können dann Modelle der interkulturellen Kommunikation neu diskutiert werden: Freires Ur-Modell von Partizipation und die selbstbestimmte, idealtypisch machtfreie Kommunikation zur Reintegration der verselbstständigten Systeme unter die Handlungsimperative gegebener Lebenswelten nach Habermas. Dementsprechend kann außerdem – aufbauend auf einem veränderten Begriff von Kommunikation, Entwicklung, interkultureller Kommunikation und Entwicklungszusammenarbeit – interkulturelles Handeln als Prozess verstanden werden (Kapitel 7.). Diesen Betrachtungen folgt die Darstellung der Grenzen der vorausgegangenen Fragen: Dass Asymmetrien durchaus intendiert und strukturelle Dependenzen funktionell sind, dass Systemzwänge somit dem kommunikativen Erfolg eventuell nicht nur theoretisch entgegenstehen – diese im Kommunikationsprozess beobachtbaren Gegebenheiten werden ebenfalls dargestellt (Kapitel 8.).

Alle bisher angesprochenen Punkte sind als solche Teile der sozialwissenschaftlichen Forschungspraxis. Hier kommt es darauf an, sie als Ganzes darzustellen. Es geht um die Auseinandersetzung mit dem Prozesscharakter als Untersuchungsgegenstand. Um sich nicht in den verzweigten Einzelproblemen zu verlieren, müssen die Teile als Ganzheit betrachtet werden. Das ist nur durch eine prozesshafte Betrachtung der Fragestellung möglich. Es geht nicht um eine grundlegende Diskussion der Praxis der Entwicklungszusammenarbeit, ihrer Grundlagen oder Instrumente. Genauso wenig kann zusammengefasst werden, was ganze Fachbereiche über Sprache, Kommunikation, Kultur und interkulturellen Austausch zu sagen haben. Es kann sich hier nur um Stückwerk handeln. Es geht ausschließlich darum, aus der Analyse eine andere Sicht zu gewinnen. Alle anderen Aspekte werden unter diesem Gesichtspunkt untersucht, geordnet und gedeutet. Die verwendeten Methoden sind hermeneutisch und dialektisch und zielen darauf, den Forschungs- und Darstellungszusammenhang kritisch zu reflektieren.[6] So wird die Analyse selbst theoretisch und praktisch zu einer als Prozess zu verstehenden Denkbewegung, die sich mit dem Problem und den Voraussetzungen befasst. Bei der Diskussion werden dabei verschiedene Ebenen berücksichtig: Die Theoriebildung wird wissenschaftstheoretisch untersucht, um ihre Probleme darzustellen und eventuelle blinde Flecken zu erkennen. So wird es möglich, das Problem Wahrnehmung, also Datenerhebung und -verarbeitung, und die Wirkung für die Ergebnisse zu thematisieren. Andererseits müssen die Phänomene Entwicklung und Kommunikation praxisorientiert reflektiert und dargestellt werden. Denn: „Besonders die Ausblendung von Machtbeziehungen und geopolitischen Konstellationen birgt die Gefahr einer interkulturellen Forschung und Ausbildung im (und für den) Elfenbeinturm“ (Demorgon 1996, S. 77).

Zusammengefasst kann also gesagt werden, dass auf die interkulturelle Stellung Bezug genommen werden muss, um Entwicklungszusammenarbeit als Kommunikationsproblem erfassen zu können. Die vorliegende Arbeit ist der Versuch, die ethnologische Perspektive mit der soziologisch-ökonomischen[7] zu verbinden. Dabei soll letztere erstens mit Hilfe einer ethnologischen Diskursanalyse untersucht werden und zweitens diese Methoden in die soziologisch-ökonomischen erstellten Ansätze eingearbeitet werden. So können die bisher verfolgten Methoden als Praxis berücksichtigt, deren Erhalt vorausgesetzt und sie um die ethnologische Dimension erweitert werden. Dadurch werden die interkulturellen Momente stärker berücksichtigt. Dabei ist entscheidend, dass diese Reflektion auf allen Ebenen geschieht: Nachzuweisen ist, dass die besondere interkulturelle Situation, in der sich die Entwicklungsarbeit befindet, nicht nur bei den Maßnahmen, sondern auch vom Ansatz her, also der Herangehensweise, Beachtung geschenkt werden muss. Schwierigkeiten können nur erkannt und verändert werden, wenn die vorausgesetzten, nicht hinterfragten kulturellen Hintergründe thematisiert werden.

Es kann dabei nicht darum gehen, die einzelnen Kulturen darzustellen oder ein Raster zu entwerfen, nach dem sie schematisch eingeordnet werden können. Es sollen auch keine Vergleiche – in der Art von Cross-Cultural-Studies – zwischen den einzelnen Kulturen gezogen werden. Obwohl die Arbeit eine rein theoretische ist, richtet sie sich vor allem auf die Praxis: Aus der Perspektive der ausführenden Akteure kritisiert Kabou, dass in dem für sie beobachtbaren afrikanischen Zusammenhang keine lokale Verantwortung für Entwicklung übernommen wird: „Die Afrikaner ... [meinen noch], dass sich andere als sie selbst um ihre Entwicklung kümmern müssen“ (Kabou 1991, S. 95). Es würde kein Unternehmergeist ausgebildet, und es sei keine Risikobereitschaft zu entdecken. „Schwarzafrika [betrachtet] die Entwicklung seines Kontinentes nicht als seine eigene Aufgabe“ (a.a.O., S. 130). Diese Worte belegen, wie die modernen Konzepte der Entwicklungspolitik das gesetzte Ziel[8] verfehlen:

Letztendlich kann nur jedes Entwicklungsland für sich selbst ein Entwicklungsziel bestimmen, das dem spezifischen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Umfeld entspricht. Denn Ziele der Entwicklung und des damit verbundenen gesellschaftlichen und kulturellen Wandels können nicht von außen vorgegeben werden. Entwicklung kann nur durch die Entfaltung der schöpferischen Kräfte der Menschen in den Entwicklungsländern erfolgen (BMZ: Journalisten-Handbuch Entwicklungspolitik 1996, Bonn, S. 12).

1. Sprache

Mit folgenden sprachanalytischen Betrachtungen sollen Fragen dazu erörtert werden, wie sprachliche Äußerungen entstehen, wie sie artikuliert und verstanden werden, welche Funktion Sprache bezüglich der sozialen Realität hat. So kann u.a. geprüft werden, ob man von denselben Dingen spricht und sich nur – etwa wegen Übersetzungsschwierigkeiten – nicht versteht oder zwar akustisch verständlich, aber mit einem anderen Verständnis von den Dingen aneinander vorbei redet.

Die Sozialwissenschaften sehen die Sprache als Instrument, mit dem das Individuum im Sozialisationsprozess Wissen und Werte der Kultur erwirbt. „Sprache ist ein System von Zeichen, und Regeln über die Verbindung von Zeichen, das dem Menschen zur Verständigung dient“ (Schäfers 1995 S. 340ff.). Die Sprachwissenschaften definieren ihr Objekt als System aus Zeichen, das erstens überindividuell und zweitens als Kompetenz Voraussetzung für Sprechen ist (vgl. ebenda). Psychologen beschäftigten sich vor allem mit der Frage, ob Sprechen dem Denken vorausgeht oder umgekehrt, ob beide Momente unabhängig voneinander sind (Zimbardo1988, S. 334ff.). Inzwischen nehmen sie eine Wechselwirkung zwischen beidem und den Momenten Umwelt und Kultur an, eingeschränkt durch sprachliche Grenzen. Diese Grenzen wurden u.a. von Chomsky untersucht, der nach Zimbardo Sprache als komplexes, abstraktes System versteht, das von Regeln beherrscht wird und auf angeborenen Fähigkeiten und linguistischer Kompetenz beruht.

Die Sprachphilosophie weist auf die Dialektik der Eingebundenheit des Bewusstseins in Sprache und der Sprache im sozialen Kontext hin. Wittgenstein spricht davon, dass die Sprache – als Vehikel – Gedanken bedingt und in einem Zusammenhang eingebettet ist, also von Situationen, Gepflogenheiten und Institutionen beeinflusst wird. Bevor die Möglichkeit des Verstehens analysiert werden kann, müssen Wechselwirkungen und andere Bedingungen untersucht werden. Denn die Sprache, mit der wir wahrnehmen, kategorisieren und klassifizieren, ist ein zentrales Instrument der kulturellen Organisation (s. Kapitel 3.), eine Basis der Kommunikation (s. Kapitel 2.) und deswegen zu gegenseitigem Verstehen unerlässlich.

1.1. Regeln der Sprachspiele

Sprache setzt sich aus Lauten zusammen, die Bedeutungen tragen und in bestimmtem Kontext einen Sinn ausdrücken. Die Linguistik unterscheidet demzufolge zwischen Phonemen (kleinsten bedeutungsunterscheidenden Einheiten) und Morphemen (kleinsten bedeutungstragenden Gestalteinheiten). Die Grammatik bestimmt die Form, in der Sprache Aussagen treffen kann. Wichtig ist, dass der Kontext den Sinn bestimmt.[9] Aussagen bedeuten vor allen Dingen etwas. Sie davon losgelöst zu untersuchen scheint wenig sinnvoll.

Ein bestimmter Hintergrund ist zum Verständnis nötig. Den eventuellen Interpretationen sind immer schon Annahmen, über die reine Wortbedeutung hinaus, vorausgesetzt. So ist der Zusammenhang von „schneiden“ in: „den Rasen schneiden“ und „die Haare schneiden“ ein völlig anderer. Daraus ergibt sich erst die Möglichkeit, Witze wie „Du bist wohl unter den Rasenmäher gekommen!“ zu reißen. Das weitere Verständnis ist automatisch durch „Rasen“ und „Haare“ bestimmt und damit Werkzeuge und Handlung festgelegt. Es bedarf neben der „wörtlichen“ Bedeutung eines Hintergrundwissens (Background). Diese unterschätzte Unschärfe, darauf weist Searle (1995, S. 130) hin, gibt es bei allen Sätzen. Selbst Aussagen müssen immer im Zusammenhang gesehen werden. Denn für sich betrachtete logisch, grammatikalisch korrekte Aussagen können nichtsdestotrotz blanker Unsinn sein (Austin 1975, S. 2ff.): „Der (heutige) König von Frankreich hat eine Glatze“, wäre ein Beispiel für eine solche korrekte, aber unsinnige Aussage (denn es gibt keinen König).

Geräusche, Laute, bedeutungstragende und -unterscheidende Einheiten der Sprache plus nonverbale Sprache wie Gesten, Mimik etc. – sie alle sollen nicht für sich, sondern als zu Aussagen zusammengefügte Einheiten in einen Sinnzusammenhang gestellt werden. So werden viele Aspekte ausgeblendet,[10] kann aber der Schwerpunkt auf den Inhalt, die Situation und damit den Sprechakt gelenkt werden. Seit Mauthner und Saussure, den Gründervätern Sprachphilosophie, ist es selbstverständlich, Sprache und ihre Bestandteile nicht losgelöst und unabhängig von Sprecher und Sprechakt zu betrachten, sondern in der Beziehung zum Menschen und der Wirklichkeit. Austin und Searle wiesen später auf den ebenso selbstverständlich scheinenden Umstand hin, dass Sprechhandlungen etwas bewirken sollen und es tatsächlich bewirken (Theorie der Sprechakte). Damit ist aber noch nichts über die Stellung der Sprache in und zur Realität, bei der Wahrnehmung, und des damit verbundenen Denkens gesagt. Wohl wenige andere haben diese Fragen so beschäftigt wie Wittgenstein:

Rechtmäßiger Gebrauch des Wortes ‚Sprache’? Es bedeutet entweder die Erfahrungstatsache, dass Menschen reden (auf gleicher Stufe mit der, dass Hunde bellen), oder es bedeutet: festgesetztes System der Verständigung (Wittgenstein 2000, S. 56).

System der Verständigung klingt zunächst einmal wenig kompliziert. Doch die Schwierigkeiten beginnen schon bei festgesetzt: Wer setzt es fest? Wie? Und vor allem von welchem Standpunkt aus? Denn immer wieder weist Sprache auf sich selbst zurück: „Kann man denn etwas Anderes als einen Satz verstehen? Oder: Ist es nicht erst ein Satz, wenn man es versteht. Also: Kann man Etwas anders, als a l s S a t z verstehen?“ (a.a.O., S. 15). Scheinbar erweist es sich, dass man vor einem selbstrefentiellen System steht: „Gesprochenes kann man nur durch Sprache erklären, darum kann man die Sprache (in diesem Sinne) nicht erklären“ (a.a.O., S. 16). Denn: „‘Die Beziehung/Verbindung/zwischen Sprache und Wirklichkeit’ ist durch die Worterklärungen hergestellt/gemacht/, welche wieder zur Sprachlehre gehören“ (a.a.O., S. 134). So bleibt die Sprache „in sich geschlossen, autonom“.

Nachdem nun also die Komplexität angedeutet wurde, können Versuche unternommen werden, diese zu entknoten. Allerdings – und darum wurden diese Sätze den Überlegungen vorangestellt – nur in dem zitierten Rahmen. Sprache kann nicht von außen bewertet und untersucht werden, Wittgenstein wies dies mit seinen Sprachspielen nach. Die Regeln – und damit alle Erkenntnisse – sind nur innerhalb derselben zu rechtfertigen. Für vorliegende Fragen ist dies aber nicht nötig. Die Tatsache anzuerkennen genügt. Denn interessant sind diese Überlegungen, vor allem in Bezug auf die Wahrnehmung: „... die Sprache selbst ist das Vehikel des Denkens“ (Wittgenstein 1963, Band 1, § 329). Die Handlung des Sprechens muss mit Denken, Wahrnehmen, Interaktion und der Konstruktion einer sozialen Realität zusammen betrachtet werden.

Searle weist darauf hin, dass Wittgensteins Spätwerk von diesem zentralen Problem bestimmt war. Er benennt denselben Sachverhalt – den Chomsky die Universalgrammatik und Bourdieu den Habitus nannte, der seiner Meinung nach auch Anlass Nietzsches zentraler Verwunderung war (die Erkenntnis: es muss nicht so sein) – mit Background (Searle 1995, S. 128ff.). Dieser Hintergrund besteht aus Fähigkeiten, die keinen intentionalen Phänomenen zugeordnet werden können, sondern erst beabsichtigte Funktionsstadien kausal ermöglichen. Und zwar in dem Sinne, dass a) linguistische Interpretation und b) Interpretation der Wahrnehmung möglich wird; dass c) der Background das Bewusstsein strukturiert; und d) die langfristigen Erfahrungssequenzen so formt, dass sie narrative Formen/Kategorien annehmen; schließlich e) jeder einen, durch seine Überzeugungen und Wünsche, vorstrukturierten Erfahrungsraum hat; für den wiederum der Background f) seine Erwartungshaltung bzw. g) seine Bereitschaft sich so und so zu verhalten/zu reagieren, bestimmt (a.a.O., S. 128ff.):[11]

Aus anthropologischer Sicht ist die ‚Entlastungsfunktion’ der Sprache zentral (H. Plessner). Die Sprache reduziert die Komplexität der Umwelt zu einer kulturellen Welt. E. Sapir und sein Schüler Benjamin Lee Whorf formulierten die These, die als das ‚linguistische Relativitätsprinzip’ bekannt wurde. Sie besagt, dass die Sprache mit der ihr zugrunde liegenden Struktur als ein Typisierungsprozess die Wahrnehmung und das Bewusstsein so strukturiert, dass die sprachlichen Bedeutungsfelder, je nach Kultur, unterschiedlich Wirklichkeiten hervorrufen. Daraus kann abgeleitet werden, dass das Sprechen ein Prozess der Konstruktion von Wirklichkeit ist, der das Handeln beeinflusst und als soziale Handlung gesehen werden muss (Schäfers 1995, S. 340).

Warum also Sprache vor jeder Möglichkeit zur Kommunikation (mehr noch zwischen Kulturen) verstanden werden muss, wird nun klar: Nicht nur, dass sie durch die Sozialisation die „Wissens- und Wertbestände einer Kultur“ (ebenda) vermittelt und reproduziert, sie schafft die Realität selbst. Wenn es verschiedene Wirklichkeiten geben kann, die auf unterschiedliche Arten der Wahrnehmung basieren, stehen die Versuche zu verstehen und zu kommunizieren zuallererst vor dem Problem, dieses linguistische Relativitätsprinzip mit einzubeziehen. Nicht nur die kulturellen Hintergründe, sondern die kulturellen Wirklichkeiten sind unterschiedlich. Sprache bestimmt nicht nur den Rahmen jeder Interaktion – sie ist Mittel und Grund derselben zugleich.

1.2. Horizont der Realität

Dieses Verhältnis des Einzelnen zur Sprache macht es unmöglich, Aussagen von außen darüber zu machen. Das Wesen der Sprache kann nur in der Sprachbewegung selbst angedeutet werden. Heidegger bemühte sich darum, in der Untersuchung der Sprache aufzuzeigen, wo dieselbe sprachlos bleiben muss, wo Dinge nicht durch Worte gesagt werden können.[12] Indem er Grenzen der Sprache aufzeigt, entwirft er die Umrisse des Nicht-Sagbaren, nicht sprachlich zu Vermittelnden. Er weist damit auf den Umstand hin, dass vieles im Verborgenen bleibt und auch dem Verständnis nicht zugänglich ist. Indem nur über Aussagen gesprochen wird, entsteht der Eindruck, Aussagen beschrieben die Wirklichkeit. Stattdessen müssen die Grenzen aufgezeigt werden, damit deutlich wird, wie die Wirklichkeit eigentlich verborgen ist und ein Ausschnitt als absolut gesetzt wird. Indem man nicht über den Rahmen der Erkenntnis spricht, wird Wissen vorgetäuscht, wo die eigentliche Aufgabe im Aufzeigen von Unwissen läge.

„Wir sprechen die Sprache. Wie anders können wir der Sprache näher sein als durch Sprechen? Dennoch ist unser Verhältnis zu Sprache unbestimmt, sprachlos, beinahe dunkel“ (Heidegger 1985, S. 150). Nur, wenn die Sprache nicht mehr ausreicht, wenn Worte fehlen, etwas nicht zur Sprache gebracht werden kann, macht sie sich selbst zum Gegenstand. Ansonsten ist es gerade das Merkmal, „... dass im alltäglichen Sprechen die Sprache selber sich nicht zur Sprache bringt ...“, das den Gebrauch ermöglicht (a.a.O., S. 151). Nur in der Erfahrung kann sich deshalb die Sprache ergründen. Als Beispiel zieht Heidegger ein Gedicht heran, dass die Schwierigkeit eines Dichters zeigt, dem die Worte fehlen, wodurch das Erfahrbare ungesagt und damit nicht zugänglich bleibt.

Entscheidend ist nun, dass das außerhalb der Sprache Stehende nicht i s t, nicht existiert. Diese Idee dürfte der (Natur-)Wissenschaft entgegenstehen, dabei vor allem der modernen Technik, „... die am wenigsten bereit sein dürfte, den Gedanken anzuerkennen, das Wort verschaffe den Dingen ihr Sein. Nicht Worte, sondern Taten zählen [für die Technik] ...“. Dennoch: „Das Wort verschafft dem Ding erst das Sein“ (a.a.O., S. 154f.). Es geht also um das Verhältnis vom Wort zum Ding, womit mit Ding alles und nicht notwendig ein materielles Objekt bezeichnet ist. Die Beziehung zwischen den Dingen und ihren Repräsentationen ist scheinbar mehr als eine abbildende:

Dieses Verhältnis ist aber nicht die Beziehung zwischen dem Ding auf der einen und dem Wort auf der anderen Seite. Das Wort selber ist das Verhältnis, das jeweils in sich das Ding so einbehält, dass es ein Ding »ist« (a.a.O., S. 159).

Die Sprache, das Wort steht also vor dem Sein. Das „ist“ bezeichnet in diesem Sinne den Prozess, mit dem etwas denkbar und sprachlich fassbar wird. Allerdings ist auch diese Beziehung wieder eine nicht beschreibbare, denn etwas wird nicht durch die Sprache – gleich einer Methode oder einem Verfahren – zum Sein gebracht, sondern in diesem Prozess widerspiegelt sich – besser gesagt i s t dieser Prozess – das Verhältnis des Menschen zur Wirklichkeit. Sagen kommt von „sagan“: zeigen (a.a.O., S. 188). In der Sprache zeigt sich die Welt, Sprache ist das Verhältnis, in dem der Sprechende zu den Dingen steht. Wie die Psychologie (Krech, Crutchfield 1992, Band 2, S. 69ff./Band 4, S. 13ff.) zeigt, lernen Menschen im Laufe ihrer Entwicklung, Wahrnehmungen zu strukturieren und so auf die Umwelt zu reagieren bzw. sich in Bezug auf diese zu verhalten. Das heißt, in Prozessen der mentalen Repräsentation werden Informationen zu Kognitionen verarbeitet (Zimbardo 1988, S. 304ff.). Wenn man also nicht davon ausgeht, dass die Realität gänzlich erfahrbar und beschreibbar ist, sondern dass Erkenntnis und Wahrnehmung den Zugang dazu vorstrukturieren und bestimmen, bedeutet dies auch, dass immer nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit zugänglich ist.

Deswegen spricht Heidegger auch von entbergen, frei-geben. Seiner Idee von Philosophie nach ist es die Hauptaufgabe derselben, Grenzen des Erkennens und Wissens auszuloten. Für ihn ist die Welt eine bestimmte Art des Verstehens, und der Möglichkeit sich darauf einzulassen. Mit dem Beispiel Zeugzusammenhang verweist er auf die Bewandtnis der Dinge zu etwas da zu sein, in einem Zusammenhang erkannt, als Zweck aufgefasst zu werden (z.B. einen Hammer zum hämmern). Dabei ist es der Gebrauch, der den Zusammenhang darstellt. Nicht im theoretischen Erkennen, sondern im Umgang wird ein Zeug vertraut, d.h. aufgefasst, benutzt und ursächlich in die Welt gestellt. In diesem Sinne müssen auch Zeichen verstanden werden. Sie verweisen auf einen Gebrauchszusammenhang, in dem sie erkannt werden. Nach Heideggers Meinung fallen den Bedeutungen Worte zu und werden nicht umgekehrt (nachträglich) benannt. Die Sprache ist eine Auslegung der Verständlichkeit, sie liegt ihr zugrunde. Das menschliche Dasein ist immer ein begrenztes in-der-Welt-sein wie er es nennt. Das heißt, die Erkenntnismöglichkeit des Menschen kann mit einer Lichtung verglichen werden, in die er tritt und in der er Erscheinungen wahrnimmt und –anhand der sprachlichen Wahrnehmung – ordnet und erkennt.[13] Anschaulich ist dieser Vergleich, weil er zeigt, wie die Existenz nicht die Lichtung ist, sondern der Mensch in dieser existiert, sie selbst aber weiter gefasst ist. Interessant ist er auch, weil es zeigt, dass der Mensch mit diesem Hineintreten existiert; dass die Sprache, Auslegen und Verstehen nicht vom menschlichen Dasein getrennt werden können, sondern im Gegenteil sich bedingen und entsprechen.

1.3. Konstruktion sozialer Realität

Ein ausländischer Gast in einem französischen Lokal. Er bestellt, wird bedient. Eine Szene, die, so belanglos sie scheint, doch ganze Bücher mit ihrer Analyse füllt.[14] Searle genügt die Tatsache, dass man ein Bier zu einem festen Preis so fern der Heimat bestellen und bekommen kann: „An innocent scene, but its metaphysical complexity is truly staggering ... (Searle 1995, S. 3), um festzustellen, dass es sich um ein Problem handelt, das »selbst Kant« den Atem verschlagen hätte.

Die Szene, die beschrieben wird, ist deswegen besonders gut geeignet die Komplexität der Situation darzustellen, weil sie allen bekannt ist und eben nicht kompliziert erscheint. Hier kann man deutlich zeigen, was sonst nur auffällt, wenn es nicht funktioniert: was alles vorausgesetzt wird. Searle sieht eine „huge, invisible ontology“(ebenda) in dieser Szene: Der Gast wird vom Kellner bedient (letzterer ist angestellt, die Bar angemeldet, der Ausschank gestattet, Steuern werden gezahlt etc.); als Reisepassinhaber ist der Besucher zum Aufenthalt in Frankreich ermächtigt (wenn derartige Abmachungen mit dem Ursprungsland bestehen etc.); Preistafeln gelten, auch wenn man sie nicht eingesehen hat, und man hat diesen Preis zu zahlen usw. Von all dem gehen die Beteiligten aus, ohne sich darüber im Klaren zu sein. Und reagieren meist eher verstört, wenn ihnen (wie z.B. bei Garfinkels Experimenten aufgezeigt) mit nicht situationsgerechtem Verhalten der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das liegt daran, dass die soziale Realität einen genau so hohen Stellenwert und verbindlichen Charakter für soziale Akteure hat, wie etwa die physische. Searle unterscheidet zwischen erstens ontologisch (Dasein/Seinsgrund) objektiven und subjektiven Fakten: diese existieren unabhängig von ihrer Wahrnehmung; und zweitens epistemologisch (erkenntnistheoretischen) subjektiven und objektiven Gegebenheiten, die abhängig von der Erkenntnis existieren. Ein Beispiel: Körper haben sich in Atome und diese in Kerne usw. aufgelöst. Obwohl also die Erscheinungsform heute völlig anders ist, blieb die Sache an sich gleich; auch wenn als Betrachter der Zugang zum Dasein eben nur über die Erkenntnis möglich ist. Falls sich die ontologisch subjektive Erkenntnis ändert, schließt das nicht automatisch die objektive Beschaffenheit mit ein. Diese bleibt davon unberührt – aber eben auch nicht erkennbar oder überhaupt zugänglich.[15]

Ein Beispiel: Das Herz wurde als Sitz der Seele und des Lebens betrachtet. Die moderne Wissenschaft erkennt die Funktion des Herzens darin, Blut zu pumpen und so Leben zu ermöglichen. Diese Teleologie ist aber subjektive Erkenntnis, von der Prämisse ausgehend, die Funktion von Organismen sei, Leben zu reproduzieren und zu erhalten. Wenn laut schlagende Herzen die Bedeutung hätten, Gott zu preisen und unser Lebenszweck darin bestünde, ihn zu preisen, dann wäre das lauter schlagende Herz das bessere. Oder noch absurder: „If we valued death and extinction above all, then we would say that the function of cancer is to speed death” (a.a.O., S. 15). Damit ist schon die Frage der Funktionszuschreibung angesprochen, eine „Sinngebung“, betont Searle, die eine spezifisch erkenntnistheoretische ist.[16] So wird der Stein zum Papierbeschwerer, ein Stück Metall zu einem Schraubenzieher. Diese Eigenschaften sind den Objekten eigen, aber von Wahrnehmung und Benutzung abhängig. Entscheidend ist: „ ... seeming to be F is prior to being F, because – properly understood – seeming to be F is a necessary condition of being F” (a.a.O., S. 13).

Wichtig ist diese Unterscheidung deswegen, weil alle sozialen Institutionen etc. demselben Mechanismus unterliegen: „We learn to perceive and use cars, bathtubs, houses, money, restaurants and schools without reflecting on their special ontology … They seem as natural to us as stones and water and trees.” (a.a.O., S. 4). Die etwas abstrakt wirkende philosophische Diskussion ist nötig, um sich dem Verständnis der Kommunikationspraxis zu nähern. Man kann sich auch auf die reine Beobachtung konzentrieren, ohne sich um die Bedeutung für die Akteure zu kümmern (s. Kapitel 2). Versteht man aber die Realität durch Sprechakte entworfen, muss man die Basisoperation der Sinngebung in einem bestimmten Kontext berücksichtigen. Denn selbst, wenn man durch bloße Beobachtung Mechanismen und Regeln isolieren und beschreiben kann, haben sich die Vorstufe zu diesen und die diachronische (historische) Entwicklung dadurch noch nicht offenbart. Ob das Verhalten Regel gesteuert oder den Regeln, ohne deren Kenntnis, entsprechend angepasst verläuft, ist entscheidend. Das Problem ist, dass auch im letzteren Fall ein von außen perfekt regelgerechtes Verhalten zu beobachten ist. Ob die Regeln wissentlich (in deren Kenntnis) befolgt werden oder ohne dass sie dem Akteur klar sind oder er sie u n b e w u ß t anwendet, kann aus der Beobachtung dabei nicht erschlossen werden.

Es besteht eine Wechselwirkung zwischen kausalen und funktionalen Regeln (Searle 1995, S. 145). Als Beispiel lassen sich Spiele anführen. Diese werden meist nicht erst erklärt und dann gespielt, sondern werden durch Erfahrung (mit der Hand den Fußball im Strafraum abzuwehren bedeutet Strafstoss) verinnerlicht. Das heißt, dem Spieler ist es vielleicht auf Nachfrage möglich die Regeln aufzuschreiben, notwendig ist es aber nicht für ihn, um das Spiel zu beherrschen. Vielmehr werden den Objekten Bedeutungen zugeschrieben. So hat z.B. ein Tor zu erzielen eine über eine Regel hinausgehende Relevanz. Selbst wenn ein Beobachter die Regeln exakt erfasst, bleibt jene letztere und damit der eigentliche Sinn des Spiels unerschlossen.

Die Grundfunktion, die Kultur ausmacht, ist die Fähigkeit des Menschen Symbole zu benutzen und Bedeutungen festzulegen (s. Kapitel 3.). X steht für Y in C, kürzt es Searle auf eine Formel ab (a.a.O., S. 28ff.). Beispiele sind Buchstaben, die für etwas stehen; die Sprache, in der Wörter die Realität abbilden. Und aus dieser Fähigkeit entsteht die soziale Realität:

The biological capacity to make something symbolise – or mean, or express – something beyond itself is the basic capacity that underlies not only language but all other forms of institutional reality as well (a.a.O., S. 228).

Das linguistische Element – also das „steht für” in der Formel – ist konstitutiv für die Wirklichkeit, es schafft sie erst: Geld, Titel, Besitz, Recht – all diese Fakten bauen auf der öffentlichen Anerkennung auf und kommen erst durch sie zustande. Das heißt ontologisch gesehen werden die Tatschen geschaffen durch: die soziale, spezifisch kulturelle Kapazität zu symbolisieren (a.a.O., S. 74). Das Individuum wächst von Kindesalter an mit diesen sozialen und institutionellen Realitäten auf und lernt sich darin zurechtzufinden, auch wenn das eigentlich existentielle Moment, der reale Bezug, längst vergangen ist. So verlief die Evolution des Geldes von der Anerkennung von Depotscheinen (im Mittelalter), zum Zahlungsverkehr mit reellem Gegenwert, zu Papiergeld mit teilweiser Deckung, bis zu einem rein ideellen Wert. Searle bringt das Beispiel der Dollarnoten, auf denen heute noch dem Inhaber versichert wird, er erhalte den Gegenwert dieser Banknote jederzeit bei der Nationalbank. Allerdings könnte dieser Wert wieder nur in denselben Dollarnoten ausgezahlt werden.

Die Funktionen und Institutionen können also losgelöst sowohl von Ursachen wie auch Intentionen – sozusagen frei schwebend – über dem Verständnis und Bewusstsein der sie reproduzierenden Akteure existieren und sich entwickeln.[17] Allerdings nur solange, wie sie innerhalb des sozial anerkannten und linguistisch verarbeiteten Konsenses etwas symbolisieren, für etwas stehen. Soziale Fakten existieren ausschließlich in Abhängigkeit von der Einstellung der sozialen Akteure: Wenn sie es (X) unter bestimmten Umständen (C) für etwas halten (Y), dann ist (X=) Geld, Titel, Recht, etc. eben ein Zahlungsmittel, eine Berechtigung zum Kauf, etc. (=Y). Wird dieser neue Status fortdauernd garantiert und richten sich an ihn konstante Erwartungen, die eine Neuverhandlung oder -bestimmung unnötig machen, muss das physikalische Objekt nicht anwesend sein (a.a.O., S. 82f.). Die sozialen Fakten beziehen sich systematisch zueinander und können sich (scheinbar) auf sich selbst beziehen (so kann der Status Y auf einer höheren Ebene als Fakt X gelten) (a.a.O., S. 32). Aber die sozialen Akte stehen den Prozessen, die gemeinsame Sinngebung den Institutionen vor. Durch eine kollektive Absicht werden physische Objekte in einem evolutionären Prozess – auch ohne bewusstes Wissen der Akteure – zu neuen institutionellen Fakten.[18] Und zu diesen Fakten gehört auch die Sprache (wohlgemerkt para-/non-/und verbale Sprache – eben Verständigung über die Symbolzuschreibung generell) selbst. Sie steht damit in einer zentralen Position als ursächlicher Grund und Teil des sozialen Prozesses. Sprache ist sozusagen der Tatsache, die zustande kommt, wenn dem bloßen Fakt (X) eine Bedeutung zugeschrieben wird. Ohne den Ausdruck Tor könnte man sich das Ereignis auch ausgedrückt durch ein Feuerwerk, aufgerissene Augen, „Oooooooohhhh“ - Schreie oder das Fest danach vorstellen. Weil dies dann die Platzhalter, die Symbole wären, die einem Fakt einen neuen Status zuschreiben.[19]

2. Kommunikation

Schlägt man die Bedeutung von Kommunikation in Duden, Lexika und Handbüchern nach, kommt man zu folgenden Ergebnissen: „lat. Mitteilung, Verständigung“; „... 1. Verständigung untereinander, Umgang, Verkehr. 2. Verbindung, Zusammenhang“ (Duden). Die lateinische Wurzel lässt sich zurückführen auf „com, comunis“. Dabei bedeutet „com“: „zusammen, gemeinsam, zugleich, mit“ und „comunis“ heißt „mit anderen zusammen dienstbar sein“. Die Grundform „communico“ wird übersetzt mit: „... 1. a) gemeinsam machen, vereinigen ...; b) teilen ...; c) besprechen mit, mitteilen ...; d) geben, gewähren ...; 2. a) verkehren mit ...; b) jd. eine Mitteilung machen, sich besprechen mit ...“ und „Communicatio“ schließlich bedeutet „Mitteilung“.

In vier von sieben sozialwissenschaftlichen Handwörterbüchern wird man unter dem Stichwort gar nicht fündig. In den anderen wird Kommunikation als Informationsverarbeitung und Weitergabe von Mitteilungen an Adressaten definiert. Man unterscheidet sie dabei erstens systemtheoretisch als einzig genuin soziale Operation,[20] zweitens informationstheoretisch als Austausch zwischen Sender und Empfänger und drittens philosophisch, nach Wittgenstein, als intersubjektive Verständigung. Zu letzterer kommt es, indem sozial eingespielte Regeln korrekt befolgt werden; dabei wird der Erfolg der Verständigungsabsicht nur durch die Kommunikationspartner, durch die Dimension Verstehen – Nichtverstehen, bestimmt.

Man kann Kommunikation aber auch erweitert als Herstellung einer Verbindung zwischen zwei Objekten, auf biologischer, technischer, psychischer und sozialer Ebene, nach dem Schema Sender – Codes/Signale – Empfänger auffassen. Manche Wissenschaftler sehen in der Frage nach dem Inhalt bzw. dem Ziel der Kommunikation und der Auffassung, es handle sich um eine soziale Handlung schon einen irrtümlichen Ansatz. Die Menschheit, als vor allem vokal kommunizierende Spezies, argumentiere so aus einem anthropozentrischen und ethnozentrischen Bild heraus: „It is both naive and ethnocentric to define communication in terms based upon the self-view of talked-oriented societies.”[21] Diese behavioristische Sicht weist erstens eigentlich nur auf die besondere Doppelfunktion (s.o.) von Sprache hin und kann sich ihr zweitens auch nicht (wirklich) entziehen. Trotzdem ruft sie zur Aufmerksamkeit gegenüber nicht-sprachlicher Kommunikation auf, die nicht unberücksichtigt bleiben darf. Davon abgesehen muss, wie schon diskutiert, die Innenperspektive der Kommunizierenden nicht mit den Funktionen übereinstimmen, kann sich die Ursache von der Wirkung trennen und können sich so geschaffene Systeme über die Kommunikationsträger hinweg reproduzieren. Die Frage, inwieweit diese Verselbstständigung kontrolliert werden kann, wie die Wechselbeziehung funktioniert und wie unabhängige Systeme und Teilsysteme über Medien kommunizieren, muss noch beantwortet werden (s. Kapitel 8.).

2.1. Miteinander Sprechen

Zunächst sollen die Probleme des alltäglichen Sprechens untersucht werden. Kommunikation wird als eine soziale Interaktion zwischen Menschen auf non-, para- und verbaler Ebene, die subjektiv gemeinten Sinn einer Handlung verständlich machen soll, analysiert: also als ein Dialog, der zur Verständigung beiträgt. Dies scheint, obwohl alltäglich, nicht immer einfach zu sein. Sowohl die Verständigung und das Verständnis innerhalb, die Umstände und das Zustandekommen außerhalb, wie auch die Inhalte und vor allem deren Umsetzung nach der Kommunikation können jeweils zu einem misslungenen Dialog führen. Dazu heißt es in einem sozialwissenschaftlichem Handbuch:

Verständnisverzögerungen bzw. Probleme in der ‚postkommunikativen’ Phase, also nach vollzogener Informationsübermittlung können durch Redundanz (multiple Absicherung gegen Informationsverluste), Rückfragen bzw. Wahrnehmung der kontextuellen Umstände, Kontinuität des Austauschs oder auch durch raffinierte hermeneutische Verfahren neutralisiert werden.[22]

Damit ist man aber eigentlich schon in der Phase nach der Kommunikation. Trotzdem ist dieser Eintrag interessant, weil er Informationsübermittlung und Verständnis koppelt. Beides gehört zu Kommunikation. Aussagen bewirken etwas, bzw. zielen darauf ab, wie schon sprachphilosophisch nachgewiesen wurde. Kommunikation muss vor allem bezüglich dieser Beziehung analysiert werden. Der Sprecher muss zunächst den Anderen als Angesprochenen – und überhaupt – wahrnehmen. Zudem muss er den Anderen des Anderen, also sich selbst als Sprecher, der verstanden werden will, sehen können. Das heißt, indem die generalisierte Erwartungshaltung vom Sprecher internalisiert wird, besteht eine Reziprozität.

Ein etwas weniger theoretisches Modell wurde von Schulz von Thun entworfen. Das vierseitige Nachrichtenmodell gliedert die Nachrichteninhalte bzw. -aspekte in Sachinhalt, Appell, Beziehung und Selbstoffenbarung ein.[23] Der Sachinhalt ist die allgemein in den Mittelpunkt gerückte Mitteilung. Der Appell (Perlokution bei Austin) richtet sich an den Empfänger der Aussage, d.h. steht für den Aspekt der etwas bewirken will. Auch die Beziehung, in der der Empfänger gegenüber dem Sprecher steht, ist in der Mitteilung präsent. Mit Selbstoffenbarung schließlich bezeichnet Schulz von Thun den Aspekt der Selbstdarstellung und Selbstenthüllung von Seiten des Sprechers. Diese vier Aspekte der Kommunikation werden vom Empfänger immer wahrgenommen und müssen nicht mit der Intention des Senders übereinstimmen (Schulz von Thun 1997, S. 31ff.)

Bemerkt zum Beispiel die besorgte Mutter zum Sohn: „Kommst du spät heim, heut’ Nacht?“, könnte sie außer der Frage nach Information (Sachinhalt) gemeint haben: „Bleib nicht so lange!“ (Appell). „Du bist mein Liebling und ich möchte dich im Haus wissen!“ (Beziehung). „Ich mach’ mir Sorgen!“ (Selbstoffenbarung). Antwortet der Sohn darauf: „Ich habe deine Bevormundung satt!“, spricht er die Beziehungsebene an. „Mach dir keine Sorgen Mutter, ich pass’ schon auf mich auf“, würde auf die Selbstoffenbarungsebene Bezug nehmen. Welchen Inhalt er dabei aus der Nachricht heraushört – so wird schon an diesem Beispiel klar – ist dabei von so vielen Faktoren (Situation, Kontext, Mimik, Lautstärke, etc.) abhängig, dass die Möglichkeiten aufzulisten Seiten füllen würden. Der kommunikationsfähige Sender muss ideal alle Botschaften, die er auf den verschiedenen Ebenen vermittelt, gleichermaßen im Auge behalten. Denn keine der vier Seiten kann von den anderen isoliert werden. Eine rein sachliche Nachricht z.B. schließt die Beziehungs-/Gefühls-/Appellebene nicht aus. Sie führt zu Kommunikationsstörungen, da diese vom Sender ignoriert, vom Empfänger aber trotzdem wahrgenommen werden. Mit welchem Ohr die Nachricht aufgenommen wird, d.h. auf welche Nachrichtenebene letzterer wiederum anspricht, ist nicht vorher bestimmbar. Vielmehr müssen alle Seiten der Kommunikation von beiden Gesprächspartnern jeweils berücksichtigt werden, um Störungen zu vermeiden. Schulz von Thun kommt vom Idealtyp eines solchen vollständigen Dialoges aus zu folgenden Schlüssen:

Der Sprecher muss sich in die Rolle des anderen versetzen, d.h. nicht-wertend einfühlen können. Er muss im Bewusstsein der vier Kanäle und im Wissen um die freie Auswahl des Nachrichtenempfängers zwischen diesen, also dessen Deutungsspielraum, kommunizieren. Das Selbstkonzept des Senders und das Bild desselben beim Empfänger, sowie korrelierte bzw. gekoppelte Botschaften stellen dabei Störquellen dar, die nur mit Hilfe einer Metakommunikation beseitigt werden können. Dabei ist „... die innere Klarheit die wesentliche Voraussetzung für die zwischenmenschliche Kommunikation ...“ (a.a.O., S. 74). Nicht die Verpackung, also rhetorisches Geschick, sondern Klarheit und Stimmigkeit sind eine notwendige Bedingung für eine gelungene Kommunikation. Die sich rein auf der rhetorischen Ebene vollziehende, sozusagen nebeneinander statt miteinander laufende Form des Dialoges, bezeichnet Schulz von Thun als Mechanisierung. Selbst wenn diese oberflächlich gesehen funktioniert, werden dabei nur die, auf anderer Ebene ausgetragen, Konflikte ausgeblendet, „das Unausgesprochene belastet die Kommunikation“ (a.a.O., S. 78) somit weiterhin. Deswegen ist es wichtig Konflikte anzusprechen. Nur so kann eine mechanische Kodierung vermieden werden.

Um die jeweiligen Standpunkte in den Dialog über die Kommunikation (Metakommunikation) mit einzubringen, muss am Individuum, am Subjekt Ich angesetzt werden. Indem beide selbst bestimmt sind, können Sender bzw. Empfänger in einer idealen Kommunikationssituation jeweils die Verantwortung für Nachricht bzw. Empfang/Reaktion übernehmen. Dabei bleibt das Verständigungsproblem zwischen beiden bestehen. Der Prozess hat eine zu berücksichtigende Eigendynamik. Das Ergebnis des Dialoges ist sozusagen mehr als die Summe seiner Teile (a.a.O., S. 88). Eine Beziehung zwischen Sender und Empfänger ist immer kreisförmig, Reaktion, Ursachen und Folgen wirken wieder auf den Dialog zurück. Des Weiteren bestimmen bei einem Dialog: die Frage, inwieweit ein ideales Miteinander gesucht wird, der institutionelle Rahmen, der diesen Versuch einzwängt, und die Missverständnisse in den vier Kanälen jeweils die Erfolgschancen. Aber nicht nur das, auch Machtverhältnisse, Konkurrenzsituation, kulturelle Leitbilder, persönliche Interessen und unausgesprochene bzw. unbewusste Ziele bestimmen den Rahmen der Kommunikationssituation und erschweren eine Verständigung.

Selbstverständlich ist auch eine Funktionalisierung der Kenntnisse um das Nachrichtenviereck, den Rahmen und die Beziehungsebenen des Dialoges möglich, um ihn entsprechend den jeweils individuell selbst gesetzten Zielen zu leiten (anstatt einen gleichberechtigten Dialog zu führen). Aus mehreren Gründen wird die Funktionalisierung dennoch als problematisch angesehen. Da die – unveränderte oder neu geschaffene – Rahmensituation nicht einverständlich und in einem Konsens für beide Seiten geklärt wurde, bleiben Probleme bestehen, verstärken sich oder werden erst geschaffen. Die Selbsterfahrung des Sprechers (immerhin bestimmen sich dadurch zwei der vier Nachrichtenebenen) sollte schon deshalb vor eingeübten Verhaltensweisen stehen, da immer die Gefahr besteht, dass letztere durchschaut werden (a.a.O., S. 167). Die Sprache, in der man kommuniziert, trägt immer schon eine Etikettierung in sich. Neben der Selbsterfahrung trägt sie zudem zum Selbstkonzept des Empfängers bei. Er zieht die Schlussfolgerung, „so einer bin ich also!“ und schafft sich so seine sich selbst bestätigende Erfahrungswelt. Die, wenn sie nicht zur Sprache gebracht wird, wiederum einem Verständnis entgegenstehen kann.

Allerdings spricht Schulz von Thun auch davon, dass ein Dialog nicht völlig offen sein kann. Vielmehr ist selektive Authentizität notwendig, die wiederum innere und äußere Klarheit voraussetzt. Das bedeutet mit anderen Worten, die Botschaft muss stimmig und klar vermittelt werden:

»Stimmigkeit« heißt: in Übereinstimmung mit der Wahrheit der Gesamtsituation, zu der neben meiner inneren Verfassung und meiner Zielsetzung auch der Charakter der Beziehung (auch: Rollen-Beziehung), die innere Verfassung des Empfängers und die Forderungen der Lage gehören (a.a.O., S. 121).

Ist der Appell offen und die Sprache zwischen den Kommunikationsteilnehmern reversibel, d.h. umkehrbar in dem Sinne, dass Sprecher und Empfänger in jeweils derselben Weise miteinander reden können, ist ein echter Dialog möglich. Eine offene Information vorausgesetzt, kann der Empfänger dann mit Eigenverantwortung und Freiheit der Entscheidung reagieren.

2.2. Kommunikative Rationalität

Der Erfolg einer Kommunikation hängt schon auf der Mikroebene von komplexen Fähigkeiten der Teilnehmer ab. In welcher Weise laufen aber diese Verständigungen ab? Es sei an Searle erinnert:

…for language the states are imposed on types of sounds and marks; and though the functions of language are numerous, the primary functions are those of representing the world in the various speech act modes (Searle 1995, S. 83).

Die Wirklichkeit über die sich verständigt werden soll, ist also eine kommunizierte, in der Kommunikation [re]-produzierte. Welche Regeln gelten innerhalb dieses kommunikativ geschaffenen Erfahrungszusammenhanges – der Lebenswelt, um diesen Begriff einzuführen – für die Verständigung? Welche Mechanismen regeln sie intern für die Teilnehmer, wie können dadurch Suprastrukturen (Systeme) entstehen, und wie beziehen sich diese aufeinander bzw. zurück?

Vor allem Habermas bemüht sich diese Fragen zu beantworten. Er führt Kommunikation als Bindeglied zwischen System und Lebenswelt ein. Das heißt, er geht auf die Entstehung und Funktion beider ein und versucht nachzuweisen, dass sie sich kommunikativ aufeinander beziehen können. Seine Theorie des kommunikativen Handelns ist der Versuch, die Paradoxien der Moderne, in der sich neben der kommunikativ strukturierten Lebenswelt Handlungssysteme verselbstständigen[24], darzustellen. Entscheidend ist dabei das Nebeneinander von formal organisierten Systemen und kommunikativen Prozessen. Es steht die Frage im Vordergrund, wie beides wieder zueinander finden bzw. in den gesellschaftlichen Konsens eingeholt werden kann. Habermas geht davon aus, dass die verselbstständigten Handlungssysteme einem verkürzten Rationalitätsbegriff geschuldet sind – es fehlt der kommunikative Aspekt der Rationalität: Handlungstypen, die Kriterien kommunikativ-rationalen Verhaltens entbehren, entkoppeln die Systeme von den Lebenswelten. Beide können demnach nur verbunden werden, wenn der kommunikative Aspekt wieder eingeholt wird.

Anhand des kommunikativen Handelns konzipiert Habermas (ähnlich Durkheims kollektiven Repräsentationen und Meads symbolisch vermittelten Interaktionen) die Gesellschaft als Lebenswelt von Angehörigen einer sozialen Gruppe. So kann die soziale Ordnung handlungstheoretisch erklärt werden. Die funktionale Analyse von Handlungszusammenhängen muss eben nicht notwendigerweise auf den Nachweis selbstgesteuerter Systeme hinauslaufen. Die Lebenswelt als kontextbildender Hintergrund von Verständigungsprozessen und das kommunikative Handeln als Medium lässt sich sowohl in Bezug auf die symbolische wie auch die materielle Reproduktion analysieren (etwa im Gegensatz zu Parsons eingeschränktem Handlungsbegriff, der diese Einsicht verwehrt). Habermas fordert, „Gesellschaften als systematisch stabilisierte Handlungszusammenhänge sozial integrierter Gruppen zu begreifen“ (Habermas 1999/II, S. 301). Er unterscheidet dabei zwischen zwei Mechanismen der Integrierung: erstens der an Handlungsorientierungen ansetzenden sozialen Integration, die durch eine Abstimmung der Handlungsorientierungen der Aktore koordiniert sind; zweitens differenziert er Mechanismen einer systemischen, durch die erstere hindurch greifende, Integration, die durch eine funktionale Vernetzung von Handlungsfolgen koordiniert ist. Dabei sind erstere dem beteiligten Aktor präsent und zweitere latent, weil diese über seinen Orientierungshorizont hinaus reichen.

Auch Parsons versteht subjektiv anerkannte Normen als notwendige Voraussetzung für eine Handlungskoordination mehrerer Aktoren. Wie Durkheim sieht er in einem ultimativen Wertesystem die Verkörperung gesellschaftlicher Normen, die andererseits wiederum in den Motiven der handelnden Subjekte verankert sind. Wie er unterscheidet Parsons auch zwischen moralischen und kausalen (äußeren) Zwang. Diese Unterscheidung hält er deswegen für bahnbrechend, da sie erkennen lässt, dass der äußere Zwang (durch Sanktionen) weniger verbindlich in Bezug auf institutionalisierte Normen ist, als der moralische. Wenn der Aktor die Motive von innen her durchdringt und sich zu Eigen macht, kommt der Zwang nicht von außen als solcher auf ihn zu. Damit wird ein Doppelcharakter der Freiheit, durch persönliche Anerkennung der Bindung an überpersönliche Normen, aufgezeigt. Das heißt, die Entsprechung der institutionalisierten mit den internalisierten Normen. Ordnungen als reiner Kompromiss von Interessenlagen, ohne normative Kraft, führen demzufolge zu anomen (kulturell/sozial mangelhaft integrierten) Zuständen. Genau so, wie der Wertekonsens zu den Interessenlagen komplementär ist, so muss auch die Orientierung an der legitimen Ordnung, diejenige an den persönlichen Interessen nicht ausschließen. Parsons übersieht aber, dass die Werte in einem kulturell geteilten Wertesystem intersubjektiv entstehen. Mit dem beschriebenen normativistischen Ordnungsbegriff verschließt er sich der Verbindung des Ordnungs- mit dem Handlungssystem durch den Begriff der sozialen Interaktion (Habermas 1999/II, S. 310ff.).

Bei Habermas dient hingegen die teleologische (zielgerichtete) Zwecktätigkeit als Leitfaden der Analyse des sozialen Handelns. So können die Handlungsorientierungen eines Aktors in einer Handlungssituation analysiert werden. Bei der Zwecksetzung der Handlung spielen neben den kognitiven Fähigkeiten die normativ orientierten Entscheidungen (der Zweck ist dabei der künftige Zustand, der vom Aktor herbeigeführt werden möchte), also die normativen Standards, eine Rolle. Die Situation (d.h. Mittel und Bedingungen) wird aus der Perspektive des Handelnden selbst interpretiert und der Beurteilung einer dritten Person zugänglich gemacht.[25] Die Untersuchung der Lebenswelt, also der Sinnzusammenhänge, in denen die Aktore handeln, zeigt deren Rationalitätskriterien auf. Es können Handlungstypen verschiedener Rationalitätsgrade isoliert werden. So umfasst der subjektive Sinn von Handlungen – von traditionell, affektuell, wertrational bis zweckrational in zunehmendem Maße – Bezüge zu Mittel, Zweck, Wert und Folgen derselben (Habermas 1999/II S. 381). Dem sich daraus ableitendem instrumentellen, normengeleiteten und strategischen Handeln fügt Habermas das kommunikative Handeln hinzu. „Im kommunikativen Handeln verfolgen die Beteiligten ihre Pläne auf der Grundlage einer gemeinsamen Situationsdefinition einvernehmlich“ (a.a.O., S. 193). Dadurch rücken gemeinsames Einverständnis und Konsenserzielung in den Mittelpunkt und sind rationelle Ziele. Die Kriterien einer Situationsbewältigung sind somit teleologisch der Erfolg der Handlung und kommunikativ der über den Akt der Verständigung erreichte Konsens.

2.3. Ausschlussmechanismen des Diskurses

Dieser idealistischen Möglichkeit einer herrschaftsfreien Kommunikation stehen skeptischere Auffassungen über die internen Zwänge eines Dialogs gegenüber. So geht Foucault davon aus, dass nicht alle Regionen des Diskurses gleichermaßen offen sind. Er identifiziert verschiedene Prozeduren der Ausschließung: Das Verbot zeigt sich entweder im Tabu des Gegenstandes, also der nicht gegebenen Möglichkeit alles zu sagen; oder im Ritual der Umstände, also dem Umstand nicht bei jeder Gelegenheit über etwas sprechen zu können; oder schließlich in dem bevorzugenden oder ausschließenden Recht des sprechenden Subjektes, also die Chance von jedem/über jeden reden zu können. Als zweite Prozedur der Ausschließung nennt er die Grenzziehung zwischen Vernunft und Wahnsinn. Der Diskurs des Wahnsinnigen wird verworfen und auch im Falle einer Anhörung ist diese immer institutionalisiert (Nervenheilanstalt, Klinik, Beziehung Arzt zu Patient). Als dritten Mechanismus führt er den Gegensatz zwischen wahr und falsch an. Dieser wird in einem Netzwerk von Institutionen gesichert, das eine bestimmte Wahrheit aufzwingt und sie gegenüber Kritik und Bedrohung absichert (Foucault 1997, S. 10ff.).

Dabei gibt es interne und externe Prozeduren der Kontrolle bzw. der Einschränkung des Diskurses: Die internen sind Klassifikations-, Anordnungs- und Verteilungsprinzipien. So dient die Form des Kommentars dazu, den Zufall des Diskurses in Schranken zu weisen, indem er so immer zum Diskurs über Gesagtes wird. Auch die Funktion des Autors impliziert einen Wahrheitsindex. Indem das Prinzip der Urheberschaft gilt, kann Rechenschaft über Einheit, und ein innerer Zusammenhang des Textes verlangt und eingefordert werden (a.a.O., S. 22). Andererseits sorgt z.B. die Organisation der Disziplinen im anonymen System der Wissenschaft für die Unmöglichkeit eines offenen Diskurses. Merkmale wie ein bestimmter Bereich von Gegenständen, ein anerkanntes Bündel von Methoden, Regeln und Definitionen, Techniken und Instrumenten und ein Korpus, von als wahr angesehenen Sätzen, schränken die wissenschaftsinterne Kommunikation ein. Denn auf den Merkmalen aufbauend wird eine notwendige Kohärenz innerhalb dieses Systems gefordert. Deswegen müssen Sätze sich auf die definierte Gegenstandsebene entsprechend dem jeweiligen Wissenstand beziehen. Das heißt wahre und falsche Aussagen müssen sich in diesem System bewegen; sich jenseits dieser Grenzen befindliches Wissen wird gar nicht wahrgenommen. Außerhalb der Gegenstandsebene bleiben Erkenntnisse – wenn sie den Bedingungen der Zeit nicht entsprechen, definierter Praxis nicht entsprechen – fremd und unzugänglich.

[...]


[1] Unter Entwicklungszusammenarbeit soll als vorläufige Definition jede Form der Kooperation gelten (technischer, finanzieller oder personeller Art), die sich zum Ziel gesetzt hat, die Situation in unterentwickelten Ländern wirtschaftlich, politisch und sozial nachhaltig zu verbessern. Ausdrücklich wird damit nicht zwischen Entwicklungszusammenarbeit und -politik unterschieden. Für weitere Begriffsklärungen im folgenden Text muss zunächst Geduld aufgebracht werden: Die Definitionen werden im Verlauf der Arbeit entwickelt. Das Ergebnis ist erst am Ende stimmig nachvollziehbar.

[2] Hofstede, G. (1984): Culture’s consequences – international differences in work-related values, Beverly Hills.

[3] Hall, E.T., & Hall, M.R. (1990): Understanding cultural differences, Yarmouth.

[4] Es gibt Institute und Schulen, die sich mit dem Problem der Ausbildung internationaler Geschäftsreisender beschäftigen und eine Unzahl von Literatur zu Themen wie „Doing business with the Japanese/Koreans/etc.“ (Für eine repräsentative Auswahl zu diesen praktischen Belangen: s. u.a. Intercultural & International References der School of Communications, University of Hawaii: http://www2.hawaii.edu/~fontaine.) Aber neben dem Bedarf ist – wie die erwähnte Unsicherheit zeigt – kein tiefgehender Wandel der Verständigungskompetenz der Akteure zu erkennen: Selbst wenn der kommunikative Austausch auf bestimmten Ebenen funktioniert (wirtschaftliche Globalisierung), scheitert er auf anderen (Globalisierungsängste/Kampf der Kulturen).

[5] Der Begriff wird – wie andere, eigentlich inkorrekte Bezeichnungen – im Folgenden nicht in Anführungszeichen gesetzt; denn die Untersuchung des Verständnisses und der Verwendung gemeinhin üblicher, aber oft schwammiger Termini ist ein Teil der Analyse.

[6] Die Absicht des folgenden Textes ist es, sich durch die Denkbewegung zurück zu Vorausgesetztem neue Perspektiven über schon Bekanntes zu verschaffen; aufmerksam zu machen auf Zusammenhänge und nicht Hinterfragtes; und in diesem Prozess individuelles Verständnis in einem bewegten Denken zu suchen. Ebenso wie die analysierten Probleme muss dabei das Problem des Analysierens selbst im Zusammenhang gesehen werden. Zur Diskussion der Voraussetzungen und Begleitumstände, zum unerlässlichen Verständnis, in welchem Rahmen sich die Überlegungen bewegen, auf welche Probleme der an Zeit und Umfeld gebundenen Debatte sie sich beziehen – schließlich, auf welche wissenschaftlich und erkenntnistheoretische Hintergründe sie sich stützen und aus welchen sie erwachsen sind: dafür wird auf den Exkurs 2.4. und die umfangreiche Bibliographie verwiesen.

[7] Die Unterscheidung zwischen einer ethnologischen und einer soziologischen-ökonomischen Perspektive stellt eine grobe Vereinfachung dar: Zwar ist die Soziologie eine moderne Wissenschaft, die in ihrer Geschichte das Hauptaugenmerk auf die Industriegesellschaften richtete; Aber damit sind weder Entwicklungsgesellschaften, noch Kultur oder Anthropologie als Untersuchungsgegenstände ausgeschlossen – nach Meinung einiger Soziologen sind sie sogar die eigentlichen Schwerpunkte der Disziplin (Schulz 1997, S. 11ff.). Auch in der allgemein gehaltenen Definition von Soziologie als: „Wissenschaft, die sich mit dem Ursprung, der Entwicklung u. der Struktur der menschlichen Gesellschaft befasst“ (Duden) zeigt sich, dass die soziologische Perspektive nicht auf die Industriegesellschaften beschränkt ist. Mit soziologisch-ökonomischer Perspektive ist die Situation gemeint, in der ein ökonomisches Primat die Entwicklungsdebatte dominierte und von Zusammenhängen der Industrieländer verallgemeinert wurde. Dieses Stadium ist historisch – und theoretisch überwunden (Schulz 1997, S. 11).

[8] „Ziel [der Entwicklungspolitik] ist die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Menschen in den Entwicklungsländern und die Entfaltung ihrer schöpferischen Tätigkeit“ (Grundlinien der Entwicklungspolitik der Bundesregierung, beschlossen durch das Bundeskabinett im März 1986).

[9] Mit der Unterscheidung zwischen Lauten, Lauteinheiten, usw. gelang in der Linguistik der entscheidende Durchbruch. Mit Hilfe des Phonem-Konzeptes konnte eine endlose Erfassungsarbeit, die zur vollständigen Abbildung aller Sprachen nötig gewesen wäre, reduziert und sinnvoll vereinheitlicht werden und die Konzentration auf Behavioral Units erfolgen (Renner 1980, S. 78ff.).

[10] Vgl. Austin 1975, Renner 1980, Searle 1995.

[11] Beispiele hierzu: a) Mehrdeutigkeit von „schneiden“; b) etwas wird wahrgenommen als: ... (Glas, Stuhl, etc.); c) Fähigkeit, die Realität unter Kategorien wahrzunehmen; d) Erwartungshaltungen wie sich etwas (Autos im Verkehr, Beziehungen, Biografie) verhält, interagiert und zukünftig entwickeln wird; e) Briefmarkensammler sehen Feinheiten bei Briefen, die andere nicht wahrnehmen; f) Beim Skifahren werden andere Skifahrer, und beim Autofahren andere Fahrzeuge erwartet. Falls der jeweils umgekehrte Fall einträte, wäre man unvorbereitet darauf gewesen; g) Über bestimmte Witze lachen, in einer bestimmten Lautstärke reden.

[12] Heideggers Texte sind in ihrer Denkbewegung, der Kreisbewegung zurück zum Bekannten, nun neu Verstandenen, eigentlich nicht zusammenfassbar. Deswegen lesen sich die meisten Sekundärtexte, selbst in Philosophielexika, wie Zitatsammlungen. Die hier nur angedeutete Analyse der Voraussetzungen des Seins und der menschlichen Existenz ist zum Verständnis entscheidend, kann aber nur ansatzweise wiedergegeben werden.

[13] Sozialwissenschaftlich ausgedrückt ist es die Wahrnehmung, die zwischen der Umwelt und dem Individuum, zwischen dem Sein und dem Bewusstsein vermittelt. Durch die menschliche Wahrnehmung, die auf Relativität und Selektivität fußt, gefiltert gelangt das Sein über die Sinnesorgane in das Bewusstsein. Das heißt die Wahrnehmung „... führt zu einer Vielzahl von möglichen ‚Wirklichkeiten’“ (Schäfers 1995, S. 338). Aber dadurch wird es dem Individuum gleichzeitig auch möglich Orientierung und Verhaltenssicherheit zu erlangen.

[14] Eco hält es für faszinierend, wie ein Italiener sich in Paris zurechtfinden kann. Dieser entdeckt in einem Cafe das Telephon (obwohl es nicht am selben Ort wie in Italien ist, neben der Theke, sondern im Keller vor dem WC – und ganz anders funktioniert) und kann sich ärztlich behandeln lassen. Alles, indem er eine Fülle von Zeichen fortlaufend interpretiert und anwendet: Er deutet Zeichen des Körpers als Krankheitsbild, findet, obwohl er keinen Arzt kennt, diesen in einem komplexen Telefonverzeichnis und zeigt, kein französisch sprechend, die Schmerzen mit Gesten an. (Eco, Umberto (1977): Zeichen – Einführung in einen Begriff und seine Geschichte, Frankfurt/Main).

[15] Es ist nicht möglich, die ontologisch objektive Welt philosophisch wasserfest zu beweisen. Für das normale Verständnis ist sie aber Bedingung. External Realism (ont.obj.), als unabhängig von dem jeweiligen Wissen um seine Beschaffenheit und als Grund der Erkenntnis, kann nicht als (philosophisch) wahr nachgewiesen werden. Zum öffentlich verständlichen Sprachgebrauch wird und ist sie aber vorausgesetzt (Searle 1995, S. 194).

[16] Searle weist darauf hin, dass diese Überlegung auch von Seiten der Biologie kommt: So zeigt sich in der Evolution, dass die Funktion nicht vorhergegeben ist. Ein Überlebensvorteil tritt durch die bessere Anpassung an diese auf. Also erst mit dem Überleben wird die, vorher nicht abzusehende, Funktion zugeschrieben: Der Vogel, in seiner den Umweltbedingungen angepassten Form, hat sich nicht den Bedürfnissen in der Luft besonders gut angepasst, sondern eine beliebige, nicht zielgerichtete Varianz stellte sich als angepasster als andere heraus.

[17] Entscheidend ist dabei, dass der interne, auf Mikroebene gesetzte Zweck/die Funktion, ontologisch primär ist.

[18] „... three essential features of linguistic symbols: they symbolise something beyond themselves, they do so by convention, and they are public” (Searle 1995, S. 66).

[19] Das funktioniert, so lange der Konsens hält, Status und Funktion zugeschrieben bzw. anerkannt werden: „The status exists only if people believe it exists, and the reasons function only if people accept them as reasons” (Searle 1995, S. 69).

[20] Systeme werden informationell gekoppelt, es erfolgt eine dreifache Selektion: (I) Informationen sollen verständlich sein, (II) Mitteilung den Empfänger erreichen und dieser annahmebereit sein um (III) ein Verstehen zu ermöglichen (Fuchs-Heinritz, Werner, et. al. (Hg.) (1994): Lexikon zur Soziologie, Opladen).

[21] David, L.; Sills, E. (Hg.) (1972): International Encyclopaedia of Social Sciences, New York, S. 25.

[22] Endruweit, G.; Trommsdorf, G. (Hg.) (1989): Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart.

[23] Es ist wichtig für die folgenden Absätze zu beachten, dass es sich um eine psychologische Betrachtung handelt: Hier wird die nicht auf Verständigung ausgerichtete Kommunikation, als – in der Erforschung, in der Therapie und durch die Praxis – zu behandelndes, zu vermeidendes und ursächlich zu erklärendes Problem gesehen.

[24] Der Begriff entspricht den institutionalisierten Funktionen Searles, die, auch von den ursprünglichen Intentionen losgelöst, weiter existieren: vgl. Kapitel 1.3.

[25] Um nicht beim voluntaristichen Handlungsbegriff des einsamen Aktors stecken zu bleiben, muss dieser Ansatz weiterverfolgt werden. Wird die „... Analyse auf die Grundeinheit des Handelns ...“ beschränkt, „... lässt sich der Begriff der normativen Handlungsorientierung nicht aufklären“ (Habermas 1999/II, S. 308). Das heißt, der Zugang zu einer kommunikativen Handlungstheorie kann nur über die Klärung der Intersubjektivität erfolgen.

Ende der Leseprobe aus 131 Seiten

Details

Titel
Entwicklungszusammenarbeit als interkulturelles Kommunikationsproblem
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
131
Katalognummer
V64405
ISBN (eBook)
9783638572323
ISBN (Buch)
9783638736633
Dateigröße
2237 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Studie zum interkulturellen Hintergrund aktueller Entwicklungszusammenarbeit. Stichworte: Kulturtheorie - Kommunikationsprozesse - Sprache - Verstehen anderer Kulturen - sozialer Wandel - Modernisierung - Dependenzen
Schlagworte
Entwicklungszusammenarbeit, Kommunikationsproblem
Arbeit zitieren
Markus Rudolf (Autor), 2003, Entwicklungszusammenarbeit als interkulturelles Kommunikationsproblem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64405

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