Die folgende Ausarbeitung soll einen Überblick darüber schaffen, was sich an der Familiensituation bis heute verändert hat.
Wichtig ist zunächst, sich darüber ein Bild zu machen, was man heute unter dem Begriff Familie versteht. Betrachtet man nämlich die heutige Vielzahl der Formen des Zusammenlebens oder die Unübersichtlichkeit von Verwandtschaftsbeziehungen in Adoptiv-, Stief- oder Inseminationsfamilien (Paare, deren Nachwuchs mit einer Samen- oder Eispende künstlich gezeugt wurde) ist gar nicht mehr so eindeutig zu erkennen, wer alles zur Familie gehört. Um die Begriffsklärung zu vervollständigen, habe ich einen groben geschichtlichen Überblick beigefügt.
Im Anschluss daran beschreibe ich drei geschichtliche Phasen, in denen Zerfall beziehungsweise Veränderung der Familie unter Soziologen besonders diskutiert wurde. Meinen Schwerpunkt lege ich dabei auf die heutige Zeit. Verschiedene Ansätze liefern unterschiedliche Erklärungen über den Wandel der Familie. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Alle sprechen von einem Bedeutungswandel. Der oft prognostizierte Zerfall der Familie wird in keiner der Untersuchungen bestätigt. Im Gegenteil: Vor allem Nave-Herz (1989) aber auch andere Soziologen betonen, dass die Familie in der heutigen Gesellschaft noch immer von großer Bedeutung ist und von den meisten Menschen früher oder später angestrebt wird - auch wenn die Anforderungen des Arbeitsmarktes, die finanzielle Belastung durch Kinder und das immer schwieriger werdende Aufeinanderabstimmen zweier Biographien, Lebensträume und -ziele eher gegen Familiengründung sprechen. Neben wenigen traditionell gebliebenen Eigenschaften hat sich bezüglich Struktur und Bedeutung der Familie viel verändert, was hauptsächlich mit gesellschaftlichem Wandel zusammenhängt. Das „ganze Haus“ beispielsweise hätte in der heutigen Zeit wenig bestand. Die Rolle der Frau und die Arbeitsteilung im Haus haben sich gewandelt, Generationen leben nicht mehr unter einem Dach zusammen. Die heutigen Arten des Zusammenlebens haben vorher noch nie in dieser Form existiert.
Inhaltsübersicht
1. Einleitung
2. Die Familie
2.1 Definition
2.2 kurzer geschichtlicher Überblick
3. Soziologische Thesen über den „Zerfall der Familie“
3.1 Der Staat als Ursache für den „Zerfall der Familie“
3.2 Die Gesellschaft fordert den „Zerfall der Familie“
3.3 Durch Modernisierungsprozesse verliert Familie an Bedeutung
4. Theoretische Erklärungsansätze des familialen Wandels im Zuge der Zweiten Modernisierung
4.1 Der Prozess der Deinstitutionalisierung
4.2 Die Theorie der sozialen Differenzierung
4.3 Die Pluralisierungsthese
4.4 Die Individualisierungstheorie
5. Veränderung und Kontinuität in der Familie
5.1 innerfamiliäre Strukturen
5.2 materielle und immaterielle Unterstützung
5.3 Die neue Rolle der Frau
5.4 Bedeutungswandel der Ehe
5.5 Geburtenrückgang
5.6 weniger Eheschließungen, höhere Scheidungsquote
6. Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht den soziologischen Diskurs über die These des „Zerfalls der Familie“ und analysiert den tatsächlichen Wandel sowie die bestehende Kontinuität familialer Lebensformen in der modernen Gesellschaft. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob sich die Familie tatsächlich auflöst oder lediglich eine neue, an die heutige Zeit angepasste Gestalt annimmt.
- Historische Einordnung des Familienbegriffs und dessen Wandel.
- Kritische Auseinandersetzung mit soziologischen Zerfallsthesen.
- Vorstellung zentraler Erklärungsmodelle zur Zweiten Modernisierung.
- Analyse aktueller Trends wie Individualisierung und Pluralisierung von Lebensformen.
- Untersuchung der Bedeutung von Ehe und Kinderwunsch trotz gesellschaftlichen Wandels.
Auszug aus dem Buch
4.1 Der Prozess der Deinstitutionalisierung
Der Hauptvertreter dieser These, Hartmann Tyrell (1988), meint damit den Wandel und nicht etwa den Wegfall der Familie als Institution. Sinn und Zweck der Familie habe sich in eine neue Richtung entwickelt. Beispiele des Deinstitutionalisierungsprozesses sind (vgl. Tyrell 1988, S. 148-156):
1. Die Legitimierung anderer Lebensformen neben der Ehe, womit die Monopolstellung der Familie als einzig richtige, anerkannte Form des Zusammenlebens nicht mehr existiert.
2. Die Ehe steht heute nicht mehr als Notwendigkeit im Lebensplan von Jugendlichen, sie gilt nur noch selten als Sinn des Lebens. Alleinstehend zu bleiben wird heute nicht mehr als persönliches Scheitern angesehen.
3. Das Moralverständnis bezüglich Ehe- Sexual- und Familienmoral ist offener geworden, durch Verachtung und Gerede waren diese früher moralisch gesichert. Scheidung, Sex vor der Ehe und vieles mehr wir heute akzeptiert.
4. Die ursprüngliche Aufeinanderfolge der einzelnen Elemente Liebe, Ehe, Wohnung, Sex und Kind bauen nicht mehr zwingend aufeinander auf, heute sind sie in verschiedenster Weise untereinander kombinierbar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung gibt einen Überblick über den Bedeutungswandel der Familie und stellt die Zielsetzung der Arbeit dar, die Zerfallsthese soziologisch zu hinterfragen.
2. Die Familie: Dieses Kapitel definiert den Familienbegriff und bietet einen geschichtlichen Abriss von der vorindustriellen Zeit bis zur modernen Kleinfamilie der 50er und 60er Jahre.
3. Soziologische Thesen über den „Zerfall der Familie“: Hier werden drei historische Argumentationslinien analysiert, die den Staat, die gesellschaftliche Entwicklung oder Modernisierungsprozesse als Ursachen für den vermeintlichen Zerfall betrachten.
4. Theoretische Erklärungsansätze des familialen Wandels im Zuge der Zweiten Modernisierung: Dieses Kapitel stellt zentrale Theorien wie Deinstitutionalisierung, soziale Differenzierung, Pluralisierung und Individualisierung vor, um den familialen Wandel zu erklären.
5. Veränderung und Kontinuität in der Familie: Es erfolgt eine detaillierte Analyse der strukturellen Veränderungen in Partnerschaft, Rollenverteilung, Kinderwunsch und Scheidungsverhalten bei gleichzeitiger Wahrung grundlegender familiärer Solidarität.
6. Ausblick: Der Ausblick resümiert, dass die Familie trotz zunehmender Vielfalt der Lebensformen als Leitbild bestehen bleibt, sich jedoch durch die Anforderungen der modernen Welt stetig wandelt.
Schlüsselwörter
Familie, Bedeutungswandel, Zerfall der Familie, Zweite Modernisierung, Deinstitutionalisierung, Individualisierung, Pluralisierung, Ehe, Lebensformen, soziale Differenzierung, Rollenverständnis, gesellschaftlicher Wandel, Geschlechterrollen, Partnerschaft, Kontinuität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der soziologischen Diskussion rund um die „Zerfallsthese“ der Familie und untersucht, wie sich Familienstrukturen im Kontext gesellschaftlicher Modernisierung verändert haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Feldern gehören die Definition der Familie, der historische Wandel des Familienbegriffs sowie die Auswirkungen von Modernisierung, Individualisierung und Pluralisierung auf das Zusammenleben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den oft prognostizierten „Zerfall der Familie“ zu hinterfragen und aufzuzeigen, dass sich die Familie zwar in ihrer Gestalt wandelt, aber als soziales Leitbild und für die individuelle Entwicklung weiterhin von hoher Relevanz bleibt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse soziologischer Fachliteratur, insbesondere unter Bezugnahme auf Vertreter wie Nave-Herz, Tyrell und Beck/Beck-Gernsheim.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung soziologischer Thesen über den familialen Wandel und eine detaillierte Betrachtung konkreter Bereiche wie innerfamiliäre Strukturen, die Rolle der Frau, Eheschließung und Geburtenentwicklung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie Deinstitutionalisierung, Individualisierung, Pluralisierung von Lebensformen und die Unterscheidung zwischen dem Wandel der Struktur und der Kontinuität der familiären Bedeutung.
Wie verändert sich laut Autorin die Rolle der Frau innerhalb der Familie?
Die Autorin hebt hervor, dass die Emanzipation der Frau und die Individualisierung weiblicher Lebensläufe dazu führen, dass Frauen höhere Anforderungen an Partnerschaften stellen und nicht mehr aus ökonomischer Notwendigkeit an der Ehe festhalten.
Warum bleiben laut Arbeit trotz gesellschaftlichem Wandel Ehe und Familie wichtig?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass in einer zunehmend komplexen und technisierten Welt der Partner als wichtigste Quelle für Stabilität, Halt, Verständnis und persönliches Wohlbefinden gesucht wird.
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- Anne-Sofie Held (Author), 2003, Identitätskonstruktionen der Gegenwart - Die These vom Ende der Familie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64448