Blumenproduktion in Kolumbien - Ein Fall von Wirtschaftssklaverei?


Seminararbeit, 2006

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALT

Einleitung

1.0. Die Bedeutung des Blumenhandels auf dem Weltmarkt

2.0. Wirtschaftssklaverei- Definition eines neuen Begriffs

3.0. Die Blumenindustrie in Kolumbien
3.1 Entstehung und Entwicklung
3.2. Bedeutung der Blumenindustrie für die Wirtschaft Kolumbiens
3.3. Die Arbeitsbedingungen der Blumenarbeiterinnen
3.4. Soziale und ökonomische Folgen der Arbeitssituation
3.5. Die Praktiken der Arbeitgeber in der Blumenindustrie
3.6. Die Gegenbewegung formiert sich

4.0 Kolumbiens Weg aus der Krise
4.1. Lösungsansätze der kolumbianischen Politik
4.2. Lösungsansätze der Abnahmeländer

Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis:

Einleitung

An den Kassen der großen Discounter-Läden stehen eimerweise Blumenbunde für 1-2 Euro pro Stück. Jeder, der Erfahrungen in einer Gärtnerei gemacht hat, fragt sich, wie diese Preise zustande kommen. In den letzten Jahren hat die Presse verstärkt auf die Entwicklung auf dem internationalen Blumenmarkt aufmerksam gemacht. Es sind nicht mehr nur die Niederlande, die das große Blumengeschäft machen. Es sind Anbieter aus Drittländern, die ihre Produktion in Europa zu Niedrigstpreisen anbieten. Dabei sind Praktiken und Arbeitsbedingungen laut geworden, die sich an der Grenze europäischer Gesetze bewegen oder diese brechen. Gewerkschaften und die Uno sind auf den Plan getreten, um hier Einhalt zu gebieten. Die Frage, die sich stellt ist, ob es sich bei den beschriebenen Praktiken um Wirtschaftssklaverei handelt. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf Kolumbien, den Pionier unter den Ländern der Blumenproduktion.

Das Wachstum der Blumenindustrie, die Arbeitsbedingungen und ihre Organisation werden ebenso untersucht werden wie die Reaktion der Betroffenen, ihre Ziele und die möglichen Lösungsansätze, die die verschiedenen Interessenvertreter präferieren. Am Schluss werden die Verhältnisse an der Definition von Wirtschaftssklaverei gemessen und bewertet.

1.0. Die Bedeutung des Blumenhandels auf dem Weltmarkt

Die Schnittblume hat sich zum industriellen Massenartikel entwickelt. 50% des Umsatzes eines deutschen Blumenfachgeschäftes macht der Erlös aus Schnittblumen aus1. Anlässe wie Valentinstag, Ostern und Geburtstagsfeste tragen zum florierenden Blumenmarkt bei.

Besonders in Deutschland werden die Gelegenheiten zum Blumenschenken wahrgenommen. Mit einem Verbrauch an Schnittblumen im Wert von 3,4 Mrd. € pro Jahr wird es zum wichtigsten Blumenverbraucherland der Welt.2

Der Bedarf kann allein durch die einheimische Produktion nicht gedeckt werden. Hier liegt die Chance für so genannte „Drittländer“, die Nachfrage nach Schnittblumen ausreichend zu befriedigen. Inzwischen stammt nur noch jede dritte Schnittblume aus deutschem Anbau3. Tendenz steigend: Die EU berichtet in ihrem Report zur Landwirtschaft (2000) von einem zunehmenden Wettbewerb mit der EU auf Grund der sinkenden Einfuhrpreise. Diese entstehen einerseits durch die steigenden Ölpreise und andererseits durch die zollfreie Einfuhr auf Grund der Präferenzen für Mittel- und Lateinamerika. Demnach stieg die Belieferung durch Drittländer zwischen 1990 und 1999 um 97%.4

Aktuelle Zahlen über Liefermengen in Tonnen der Drittländer nach Deutschland und ihren Anteil an den Gesamtimporten in der Schnittblumenindustrie in Prozent sind vom Verband des Deutschen Blumen- Groß- und Importhandels erfasst worden5:

Zu erkennen ist, dass es sich bei den Ländern mit größtem Direktimportanteil weitgehend um Entwicklungsländer in Afrika, Lateinamerika und Asien handelt. Dem klassischen Blumenlieferanten Niederlande haben sie den Rang abgelaufen.

Europa kann die günstigen Bedingungen der oben gelisteten Länder nicht bieten. Ausschlaggebend für die Produktionsverlagerung sind v.a. das Klima, fruchtbarer Boden und günstige Arbeitskräfte (abgesehen von Australien und USA). Während in Europa Anbaugebiete von ca. 12 ha anzutreffen sind, finden sich in Drittländern Plantagen mit bis zu 60 ha Größe6. Weltweit stellen sie Arbeitsplätze für rund 150.000 Menschen.7

Betreiber der Plantagen sind vorrangig europäische Großbesitzer oder international agierende Konzerne, wie z.B. das US-Unternehmen „Dole“. Ihm gehört in Kolumbien ein Fünftel aller Rosenplantagen.8 Sie schlagen den größten Profit aus dem Verkauf beispielsweise einer kolumbianischen Rose: Dem Herkunftsland verbleiben 13,4 Pfennig bei einem Endpreis von 1,50 DM9. Das entspricht einem Anteil von knapp 9%.

Aber nicht nur Blumenhändler und Plantagenbesitzer profitieren vom Blumenhandel. Auch die Chemieindustrie verdient durch die Lieferung von Pestiziden an Drittländer kräftig mit.

Üblicherweise werden die im Herkunftsland geschnittenen Blumen mit so genannten „Kühlcarriers“ nach Europa gebracht. Der Flughafen Schipol in Amsterdam ist Annahmeplatz für 80 % der Liefermengen aus Drittländern. Von dort aus werden die Blumen nach ganz Europa geflogen.10 Die „Zwischenlandung“ sorgt dafür, dass nicht mehr nachvollziehbar ist, woher die Blumen stammen - aus den Niederlanden oder aus einem armen Drittland.11

2.0. Wirtschaftssklaverei- Definition eines neuen Begriffs

Der Begriff „Wirtschaftssklaverei“ ist neu und hat in die gängigen Lexika noch keinen Eingang gefunden.

„Wirtschaft“, zitiert nach dem dtv-Lexikon ist „der Inbegriff aller Einrichtungen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. [...]“.12 Dass eine Blumenplantage dazu dient, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, ist nicht auf den ersten Blick nachvollziehbar. So ist die Blume kein Gut und keine Leistung, die für körperliche Grundbedürfnisse, Sicherheit und Selbstverwirklichung des Menschen unabdingbar ist. Sie stünde in der Maslow’schen Bedürfnispyramide ganz oben, denn erst wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind, sind Leute bereit für „Luxusgüter“, wie z.B. Blumen, um ihre sozialen Beziehungen zu fördern. So dient beispielsweise das Einkommen durch eine Beschäftigung in der Blumenindustrie zur Befriedigung der Grundbedürfnisse in einer Gesellschaft beizutragen, die auf Tauschverhältnissen beruht. D.h. Arbeit gegen Bezahlung und Kauf - nicht ausschließlich Produktion von Grundnahrungsmitteln zum eigenen Verzehr.

Zum Begriff „Sklaverei“ wird gesagt, er sei „der Zustand unbedingter Knechtschaft, der einen Menschen zum Eigentum eines anderen macht [...]“.13 Sklavenhaltung ist jedoch laut Art.4 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte14 verboten: „Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden; Sklaverei und Sklavenhandel sind in allen Formen verboten“.15

Demnach ist „Wirtschaftssklaverei“ ein Begriff, der zeitgemäß einzuordnen ist. Kevin Bales16 hat den Begriff in seinem Buch „Die neue Sklaverei“ aufgegriffen und folgende Definition geliefert: Es gibt heute Formen der „neuen Sklaverei“, die durch zwei Faktoren entstanden sind: Durch das Anwachsen der Weltbevölkerung und durch den sozialen und wirtschaftlichen Wandel. Die dabei entstandene Schere zwischen Arm und Reich ist Voraussetzung für das moderne Sklavenverhältnis. Armut, Wehrlosigkeit und Leichtgläubigkeit machen Entwicklungsländer verwundbar und somit empfänglich für wirtschaftliche Ausbeutung.17

Auch Kolumbiens Blumenarbeiterinnen fallen unter diese Kategorie. Sie sind der reichen Seite ausgeliefert. Es geht zwar nicht, wie im alten Sklavenverhältnis um „Eigentum“ von Menschen, aber um die Verfügbarkeit der ausbeutbaren billigen Arbeitskraft - in Kolumbien überwiegend von Frauen. Sie bilden die überwiegende Mehrheit, sind im Überschuss vorhanden und fallen so unter Kevin Bales Definition von Sklavenhaltung.18

Die „reiche Seite“ wird repräsentiert durch die Einrichtungen, die Profit aus der Situation in Armutsländern schlagen. Sie errichten Tochtergesellschaften in Entwicklungsländern und nutzen so billige Arbeitskräfte aus, um ihre Rendite zu verbessern.19 In Kolumbien sind auf dieser Seite die Großgrundbesitzer zu finden und die international agierenden Konzerne.20

3.0. Die Blumenindustrie in Kolumbien

3.1 Entstehung und Entwicklung

Kolumbien war Pionier der Blumenproduktion. In den sechziger Jahren entstanden die ersten Blumenplantagen rund um Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. Optimale klimatische Bedingungen und preiswertes Land begünstigten diesen Standort und lockten ausländische Investoren an. 1967 wurde die erste Export-orientierte Blumenplantage von dem Amerikaner Howard Wells in der Sabana de Bogotà in Kolumbien gegründet.

Das Anbaugebiet kolumbianischer Blumenfarmen umfasst heute eine Fläche von ca. 4000 ha, wobei der Großteil um die Sabana de Bogotà angesiedelt ist. Das Klima des ewigen Frühlings spielte für den Ausbau der Blumenproduktion eine entscheidende Rolle, weil auf den Bau von teuren Gewächshäusern verzichtet werden konnte. Die einfache Plastiküberdachung, die unter diesen klimatischen Bedingungen ausreicht, trägt erheblich zur Kostenreduzierung bei.

In den Siebziger Jahren erkannte auch der Staat das enorme ökonomische Potenzial der Blumenindustrie. Um Staatsschulden abzubauen und Arbeitsplätze zu schaffen, förderte er das Wachstum dieses Industriezweigs durch günstige Kredite und Steuererleichterungen.21 Dies schlug sich in einem immensen Wachstum nieder: Kolumbiens Einnahmen aus der Blumenindustrie stiegen von 387,1 Mio.US$ im Jahr 1991 auf 550 Mio. im Jahr 1997.

3.2. Bedeutung der Blumenindustrie für die Wirtschaft Kolumbiens

Heute beschäftigt die Blumenindustrie Kolumbiens 75.000 Arbeiter/innen. 5000 ha Plantagenfläche wurden bisher angelegt.22 Kolumbien ist mit einem Weltanteil von 14,1% (1996) größter Blumenexporteur der Welt.

[...]


1 Vgl. Launer, Zum Beispiel Blumen, S. 11

2 Vgl. Verband des Deutschen Blumen- Groß- und Importhandels, Marktinfos

3 Vgl. Launer, Zum Beispiel Blumen, S. 11

4 Vgl. Komission der Europäischen Gemeinschaften, Die Lage der Landwirtschaft in der Europäischen Union, S.90f.

5 Vgl Verband des Deutschen Blumen- Groß- und Importhandels, Direktimportstatistiken, Gesamtimporte nach Deutschland

6 Vgl. Launer, Zum Beispiel Blumen, S.36

7 Vgl. Schmidt-Häuer, Rosen für die reiche Welt, S.2

8 Vgl. Schmidt-Häuer, Rosen für die reiche Welt, S.2

9 Vgl. Launer, Zum Beispiel Blumen, S.19

10 Vgl. Schmidt-Häuer, Rosen für die reiche Welt, S.2

11 Vgl. Dritte Welt Information, Vorsicht Blütenträume, S.3

12 dtv-Lexikon, Band 20, S.165

13 dtv-Lexikon, Band 17, S.90

14 Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) am 10.Dez.1948 genehmigt und verkündet

15 Kuschnerus/Wegner, Zum Beispiel Menschenrechte, S.60

16 Prof. f. Soziologie: University of Surrey, England u. Mitglied im Komitee von Anti-Slavery International

17 Vgl. Bales, Die neue Sklaverei, S.21f.

18 Vgl. Bales, Die neue Sklaverei, S.11

19 Vgl. Bales, Die neue Sklaverei, S.18

20.Vgl. Dritte Welt Information, Vorsicht Blütenträume, S.3f.

21 Vgl. Launer, Zum Beispiel Blumen, S.35f.

22 Vgl. Weblog Menschenrechte, Kolumbianische Blumenindustrie: Frauen wehren sich gegen Ausbeutung

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Blumenproduktion in Kolumbien - Ein Fall von Wirtschaftssklaverei?
Hochschule
Hochschule Reutlingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V64559
ISBN (eBook)
9783638573436
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Blumenproduktion, Kolumbien, Fall, Wirtschaftssklaverei
Arbeit zitieren
Jenny Sperling (Autor), 2006, Blumenproduktion in Kolumbien - Ein Fall von Wirtschaftssklaverei?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64559

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Blumenproduktion in Kolumbien - Ein Fall von Wirtschaftssklaverei?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden