Im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen die Religion die Antworten gab oder der Staat Handlungsvorgaben machte, müsse moralisches Verhalten heute in jeder Situation neu definiert werden. Moralisches Verhalten (in jeder Situation) neu zu definieren, scheint auch der Berufs- und Wirtschaftspädagoge Prof. Dr. Klaus Beck zu versuchen, wenn er im Kontext der „Revision der kaufmännischen Moralerziehung“ von der „Betriebsmoral“ spricht. Seine Empfehlungen zur kaufmännischen Moralerziehung werden von Jürgen Zabeck aufs Schärfste kritisiert und verurteilt, so dass es im Rahmen zahlreicher Veröffentlichungen zu einer heftigen Diskussion kommt.
Dieser Streit soll Ausgangspunkt dieser Arbeit sein und stellt gleichzeitig eine Art Kompass dar, mit dessen Hilfe durch das unendlich groß erscheinende Meer der Wirtschaftsethik und Wirtschaftspädagogik navigiert werden soll. Beide Standpunkte werden dargestellt, zuvor soll aber auf die Argumentationsgrundlagen (Immanuel Kant, Adam Smith, der Utilitarismus) beider Kontrahenten eingegangen werden, um deren Argumente (besser) verstehen und bewerten zu können.
Beck definiert Moral aus „Sicht der neoklassischen ökonomischen Theorie als ein knappes Gut, das durch Konsumverzicht gebildet wird, um dauerhafte Erträge abzuwerfen“ . Beck ist der Meinung, dass universalistische Ethikansichten (siehe Zabeck) in Zeiten der Globalisierung und moderner pluralistischer Großgesellschaften nicht mehr zweckmäßig, son-dern realitätsfern seien und rechtfertigt damit „die wirksameren Binnenmoralen“ . Im Ge-gensatz zur universalistischen Morallehre sieht er keinen Konflikt darin, wenn Kaufleute sich im Beruf moralisch anders verhalten als im Privatleben.
Zabeck ist der Ansicht, dass Becks „als eine Bereichsmoral konstituierende Betriebsmoral“ den einzelnen streng darauf verpflichte, „seine Handlungen dem betrieblichen Vorteilsstreben zu subsumieren“ und verurteilt Becks Überlegungen zur kaufmännischen Moralerziehung. Zabeck vertritt eine universalistische und philosophisch begründete Morallehre.
Im Rahmen seiner Argumentation stellt Zabeck der Theorie Lawrence Kohlbergs das „Stufenkonzept ethischer Begründungen und Entscheidungen“ des Philosophen Hermann Krings entgegen, um darzustellen, welchen „ethischen Ansprüchen Handlungsbegründungen genügen müssen“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1 Motivation
1.2 Problemstellung
1.2.1 Klaus Becks Binnenmoral
1.2.2 Jürgen Zabecks universalistische Morallehre
1.2.3 Präzisierung der Fragestellung und Aufbau der Arbeit
2. Einführung in die Begriffe der Ethik
2.1 Ethik
2.2 Moral
2.3 Formen der Ethik
2.4 Sozialethik, Individualethik & Individualismus, Institutionenethik und Institutionenökonomik
2.5 Wirtschaftsethik
2.6 Werte, Normen, Wertethik & Pluralismus der Werte
3. Die Entwicklung des Wirtschaftsdenkens seit der Antike
3.1 Wirtschaftsdenken im Zeitalter der Antike
3.2 Wirtschaftsdenken im Mittelalter
3.3 Wirtschaftsdenken seit der Neuzeit
3.4 Die Entstehung und Weiterentwicklung der Nationalökonomie – Die klassische Phase
3.5 Die Entsoziologisierung der ökonomischen Theorie – Die neoklassische Phase
3.6 Vorläufer der ethisch-praktischen Revision bisheriger Wirtschaftstheorie
4. Moralphilosophische Denkrichtungen – Die Argumentationsgrundlagen Becks und Zabecks
4.1 Die transzendentale Ethik Immanuel Kants
4.2 Adam Smith über Mensch, Wirtschaft, Ethik, Politik und Erziehung
4.3 Utilitaristisches Gedankengut
5. Beck und Zabeck zur kaufmännischen Moralerziehung
5.1 Ein Überblick
5.2 Klaus Beck zur Moralerziehung (1996-2002)
5.2.1 Grundlegung, Motive und Skizzierung der Revision der Berufserziehung
5.2.2 Klaus Beck zur Betriebs- und Berufsmoral
5.2.3 Klaus Beck zur Theorie der moralischen Urteilsbildung – Lawrence Kohlbergs Stufenmodell
5.2.3.1 Aufbau der Stufentheorie Lawrence Kohlbergs
5.2.3.2 Anwendung und Kritik der Kohlbergtheorie – Ergebnisse und Schlussfolgerungen Becks Forschungsprojekts
5.2.4 Pädagogische Implikationen und didaktische Folgeproblem
5.3 Jürgen Zabeck zur Moralerziehung – Kritik an Klaus Becks Revision der Berufserziehung
5.3.1 Grundlegung, Motive und Skizzierung Zabecks Kritik
5.3.2 Zur Problematik des Beckschen Moralbegriffs und der Ethik
5.3.3 Zabeck zur Stufentheorie Lawrence Kohlbergs
5.3.4 Perspektiven einer kaufmännischen Moralerziehung jenseits des ethischen Partialismus
5.3.4.1 Das Stufenkonzept Hermann Krings
5.3.4.1 Pädagogische Implikationen
5.4 Klaus Beck zur Moralerziehung (seit 2002)
6. Versuch einer Synthese und deren pädagogische Implikationen
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit befasst sich mit der spannungsvollen Beziehung zwischen Wirtschaftsethik und Wirtschaftspädagogik. Das Hauptziel besteht darin, die theoretischen Ansätze der Kontrahenten Klaus Beck und Jürgen Zabeck kritisch zu analysieren, deren Argumentationsgrundlagen aufzuarbeiten und eine Synthese zu formulieren, die pädagogische Implikationen für die kaufmännische Moralerziehung liefert.
- Grundlagen der Wirtschaftsethik und moralphilosophische Denkrichtungen (Kant, Smith, Utilitarismus).
- Kritische Analyse von Klaus Becks Konzept der Betriebsmoral und Moralerziehung.
- Rekonstruktion der Kritik Jürgen Zabecks an Klaus Becks Ansätzen.
- Diskussion moralischer Urteilsbildung anhand des Stufenmodells von Lawrence Kohlberg im beruflichen Kontext.
- Erarbeitung eines Synthesemodells für die pädagogische Praxis unter Berücksichtigung verschiedener ethischer Begründungsebenen.
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Klaus Becks Binnenmoral
Beck definiert Moral aus „Sicht der neoklassischen ökonomischen Theorie als ein knappes Gut, das durch Konsumverzicht gebildet wird, um dauerhafte Erträge abzuwerfen“14. Beck ist der Meinung, dass universalistische Ethikansichten (siehe Zabeck) in Zeiten der Globalisierung und moderner pluralistischer Großgesellschaften nicht mehr zweckmäßig, sondern realitätsfern seien und rechtfertigt damit „die wirksameren Binnenmoralen“15. Im Gegensatz zur universalistischen Morallehre sieht er keinen Konflikt darin, wenn Kaufleute sich im Beruf moralisch anders verhalten als im Privatleben. Die Individuen erfüllen somit Rollennormen, die nicht von allen immer und überall erfüllt werden, sondern erfüllen lediglich Rollen bestimmter Personengruppen in bestimmten Situationsklassen. Im Unterschied zur Binnenmoral würde eine universalistische Moral die Individuen überfordern, da es nicht mehr möglich sei, jede relevante Entscheidung im Hinblick auf deren Bedeutung für die Gesamtgesellschaft zu treffen.16 Im Kontext seiner Argumentation und im Hinblick auf die Moraldidaktik verwendet Beck die Theorie Lawrence Kohlbergs zur Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel motiviert die Relevanz der Wirtschaftsethik in einer pluralistischen Gesellschaft und erläutert die Problemstellung im Kontext des Streits zwischen Beck und Zabeck.
2. Einführung in die Begriffe der Ethik: Hier werden zentrale ethische Begriffe wie Moral, Ethik, Metaethik sowie verschiedene Formen und Bereiche der angewandten Ethik definiert und voneinander abgegrenzt.
3. Die Entwicklung des Wirtschaftsdenkens seit der Antike: Das Kapitel gibt einen historischen Überblick über das Wirtschaftsdenken von der Antike bis zur neoklassischen Phase und bereitet den theoretischen Boden für die moderne Diskussion.
4. Moralphilosophische Denkrichtungen – Die Argumentationsgrundlagen Becks und Zabecks: Dieses Kapitel vertieft die philosophischen Positionen von Immanuel Kant, Adam Smith und dem Utilitarismus, die als Basis für die Kontroverse zwischen Beck und Zabeck dienen.
5. Beck und Zabeck zur kaufmännischen Moralerziehung: Der Hauptteil analysiert detailliert die Konzepte von Klaus Beck und Jürgen Zabeck, ihre Debatte zur Moralerziehung, die Rolle des homo oeconomicus und die Anwendung des Stufenmodells von Kohlberg.
6. Versuch einer Synthese und deren pädagogische Implikationen: Der Verfasser führt die Positionen zusammen und leitet pädagogische Schlussfolgerungen für die kaufmännische Berufserziehung ab.
7. Schlussbetrachtung: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Möglichkeiten einer Synthese zwischen den gegensätzlichen Ansätzen von Beck und Zabeck.
Schlüsselwörter
Wirtschaftsethik, Wirtschaftspädagogik, Klaus Beck, Jürgen Zabeck, Moral, Berufsmoral, Betriebsmoral, Moralerziehung, Lawrence Kohlberg, Immanuel Kant, Adam Smith, Utilitarismus, homo oeconomicus, moralische Urteilsfähigkeit, Sozialethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaftsethik und Wirtschaftspädagogik und analysiert den fachlichen Diskurs zwischen den Kontrahenten Klaus Beck und Jürgen Zabeck über eine angemessene kaufmännische Moralerziehung.
Welche Themenfelder sind zentral?
Zentrale Themen sind die theoretische Fundierung moralischen Handelns in der Wirtschaft, die Frage nach Bereichsethiken versus universalistischer Moral sowie die pädagogische Umsetzung dieser Konzepte in der beruflichen Bildung.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt danach, wie ökonomisches Handeln und ethische Normen in Einklang gebracht werden können und welche Rolle dabei die pädagogische Moralerziehung spielt, insbesondere im Hinblick auf den Streit zwischen den Positionen von Beck und Zabeck.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematische Literaturanalyse und eine philosophisch-pädagogische Diskursrekonstruktion, die historische und aktuelle Quellen kritisch vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse des Wirtschaftsdenkens, eine Darstellung der philosophischen Grundlagen (Kant, Smith, Utilitarismus) sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit der spezifischen Kontroverse zwischen Beck und Zabeck zur kaufmännischen Moralerziehung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen zählen Wirtschaftsethik, Moralerziehung, Betriebsmoral, Berufsmoral, das Stufenmodell von Kohlberg und die Konzepte der Handlungs- und Urteilskompetenz im Beruf.
Welche spezifische Rolle spielt der „homo oeconomicus“ in der Diskussion?
Der „homo oeconomicus“ wird als „Protagonist der Betriebsmoral“ kritisch diskutiert; Zabeck sieht in ihm eine realitätsferne „Kopfgeburt“, während Beck ihn im Kontext systemischer Anforderungen an wirtschaftliches Handeln betrachtet.
Wie bewertet der Autor den Kompromiss zwischen Beck und Zabeck?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Positionen zwar gegensätzlich wirken, sich aber in der Praxis bei der Förderung moralischer Urteilsfähigkeit ergänzen können und eine Synthese, insbesondere unter Einbeziehung von Zabecks Forderungen und Ansätzen wie denen von Hermann Krings, vielversprechend für die Didaktik ist.
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- Andreas Hinz (Author), 2006, Wirtschaftsethik und Wirtschaftspädagogik - Eine systematische Aufarbeitung historischer und aktueller Diskurse über eine spannungsvolle Beziehung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64668