Modernisierungsprozesse und Nationalismusgenese in Osteuropa im 19. Jahrhundert - Interdisziplinäre Fallanalyse anhand ausgewählter Beispiele: Dalmatien und Galizien


Seminararbeit, 2006

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Zur Nationalismustheorie
1. Nationalismus
2. Modernisierung
3. Typologie

III. Dalmatien und Galizien im 19. Jahrhundert
1. Dalmatien
1.1. Politisch-gesellschaftliche Entwicklungen
1.2. Ökonomisch-industrielle Entwicklungen
2. Galizien
2.1. Politisch-gesellschaftliche Entwicklungen
2.2. Ökonomisch-industrielle Entwicklungen

IV. Schlussbemerkungen

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Mit dem endgültigen Kollaps der kommunistischen Systeme in den osteuropäischen Ländern Anfang der 1990er Jahre, setzten im generellen parallel dazu ablaufende ökonomische, politische und gesellschaftliche Transformationsprozesse ein, die die Umgestaltung der staatlichen und wirtschaftlichen Institutionen und die Wiederherstellung der nationalen Souveränität zum Ziel hatten. Die nationale Emanzipation dieser Länder ließ „die Frage nach historischen Vorbildern für eine Neuordnung gegebener nationaler Einheiten und die Platzierung im europäischen Raum“[1] aufkommen. Obgleich der politischen und wirtschaftlichen Integration eines Großteils der postkommunistischen Länder in die Strukturen der Europäischen Union und der euro-atlantischen Partnerschaft, zeigt sich trotz dieser Tatsache eine Verschärfung der nationalistischen Tendenzen in einigen dieser Länder.[2] Daher ist es für die Objektivierung dieser Gegebenheiten unabdingbar, die Genese und die Anfangszyklen solcher gegenwärtigen Entwicklungen historisch zu präzisieren und zu untersuchen. Aufgrund des eingeschränkten Umfangs dieser Arbeit kann Genanntes nur auf konkrete Einflussfaktoren beschränkt und territorial/ zeitlich begrenzt werden.

Der Terminus des Nationalismus ist aufgrund der historischen Erfahrungen (aus dem Nationalsozialismus) im alltäglichen Sprachgebrauch negativ besetzt und somit ist auch seine objektive Bewertung, abstrahierend von moralischen Wertungen, nicht möglich. Fälschlicherweise wird Nationalismus mit Nationalsozialismus assoziiert und mit Chauvinismus oder den ethno- und xenophoben Exzessen des Dritten Reichs gleichgesetzt, wobei die Formen des Nationalismus, beispielsweise im Sinne von Risorgimento[3], außer Acht gelassen werden. In der Wissenschaft ist die Präzisierung und Analyse dieses Phänomens lediglich anhand von monokausalen Begriffserklärungen, seien diese sozialpolitisch, historisch, ökonomisch, soziologisch, kulturell, anthropologisch, moralisch oder anders begründet, ungenügend und es bedarf daher einer interdisziplinären Betrachtungs- und Bewertungsweise. Der Schwierigkeit einer monokausalen Definition und Analyse steht eine geografisch und zeitlich differierende Mannigfaltigkeit an Fallbeispielen gegenüber, wobei Ansätze, Erkenntnisse und Theorien der Nationalismusforschung, welche die westeuropäischen Nationsbildungsprozesse erforschen und erklären, nicht a priori auf Osteuropa transmittiert werden können.[4]

Die Aufgabe dieser Hausarbeit wird es sein, die Nationalismusgenese im osteuropäischen Raum im Laufe des 19. Jahrhunderts einem konkreten Phänomen, nämlich dem Modernisierungsprozess, gegenüberzustellen, wobei ein Zusammenhang zwischen beiden unterstellt wird, und in Grundzügen zu analysieren. Hierbei wird unter Modernisierung sowohl politisch-gesellschaftliche, als auch ökonomisch-industrielle verstanden werden[5], welche als Voraussetzungen für Nationalismus betrachtet werden. Ferner wird Nationalismus im weitesten Sinne als Integrationsideologie, die eine bestimmte soziale Großgruppe, mit seinen Sammlungs-, Orientierungs- und Identifikationsbedürfnissen, und die Nation als zentralen Bezugspunkt eines Ideensystems definiert behandelt werden. Bei dem hier implementierten Kausalnexus gilt es zu klären, ob eine Gleichzeitigkeit dieser zwei Modernisierungsprozesse gegeben sein muss, um Nationalismus zu generieren oder dafür zunächst lediglich einer der beiden Reformgänge „ausreicht“. Oder konkreter: Ist der politisch-gesellschaftliche oder der ökonomisch-industrielle Modernisierungsprozess (oder deren paralleler Verlauf) primäre Voraussetzung für die Genese von Nationalismus im 19. Jahrhundert in Osteuropa? Zugleich stellt sich auch die Frage nach territorialen Spezifika der Nationalismusentwicklung. Kann eine südslawische/ südosteuropäische von einer ostmitteleuropäischen Nationalismusgenese im 19. Jahrhundert separiert betrachtet werden? Und falls ja: Welche Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten bestehen zwischen Nationalismusgenese südslawischer/ südosteuropäischer und ostmitteleuropäischer „Prägung“?

Die Hypothese, auf die diese Arbeit gründet, ist, dass der politisch-gesellschaftliche Modernisierungsprozess, an dem sich ein ökonomisch-industrieller anschließt (und nicht umgekehrt), primäre Grundlage für die Entstehung respektive Entwicklung von Nationalismus (und die daraus resultierenden nationalistischen Bewegungen und die Nation-Building-Prozesse) ist und es im Generellen, aus Sicht der politischen und ökonomischen Entwicklungsetappen, kaum territoriale Spezifika der Nationalismusgenese in Südost- und Ostmitteleuropa erkennbar sind.

Im Vordergrund dieser Arbeit stehen modernisierungstheoretisch Ansätze, die Nationalismus als Bestandteil des allgemeinen Transformationsprozesses europäischer Gesellschaften seit dem Ende des 18. Jahrhunderts deuten.

Um Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Nationalismusgenese/ Nation-Building zu exzerpieren und historische Besonderheiten zu verdeutlichen, wird bei der Deskription und der Untersuchung in dieser Hausarbeit auf zwei Fallbeispiele zurückgegriffen werden: Kroatien und Polen, und konkreter - Dalmatien und Galizien.[6] Dabei ist die zu untersuchende Zeitperiode, im Groben, auf das 19. Jahrhundert eingegrenzt.

Im Folgenden wird zunächst eine theoretische Basis zur Betrachtung und Untersuchung von Nationalismus gegeben werden, um dann in den darauf folgenden Kapiteln einen Überblick der politisch-gesellschaftlichen und ökonomisch-industriellen Entwicklungsetappen Dalmatiens und Galiziens knapp zu skizzieren. Im Schlussteil werden dann die w.o. gestellten Fragen beantwortet und diskutiert und, in Bezug auf die theoretischen und deskriptiven Grundlagen, die definierte Hypothese untersucht werden.

II. Zur Nationalismustheorie

In der Wissenschaft wird grundsätzlich zwischen älterer und neuerer Nationalismusforschung unterschieden. Während die ältere Forschung ihren Fokus auf die Prozesse der Nationsbildung und die Organisationsgeschichte von Nationalbewegungen fixiert, so hinterfragt die neuere, die Genese von Nationalismus und den Konstruktionscharakter von Nationen.[7] Hierbei wird ein erheblicher Mangel der älteren Forschung deutlich. Diese setzt nämlich das Phänomen Nationalismus und das, in welcher Form auch immer strukturierte, Konstrukt – Nation - voraus. Demgegenüber steht die neuere Nationalismusforschung, welche dieses Phänomen/ das Konstrukt vor dem Hintergrund eines allgemeinen Modernisierungsprozesses, aus dessen Verlauf erst Nationalismus und Nation als vorläufiges „Endprodukt“ entsteht. Demzufolge können die einzelnen Entwicklungsetappen (Modernisierungsdruck – Nationalismus – Nation) als eine Kausalkette verstanden werden, bei der die grundlegende These ist, dass Nationalismus und mit ihm die Nation, Produkt politisch-gesellschaftlicher Modernisierung sind. „Insgesamt ist Nationsbildung ein Teilaspekt gesellschaftlicher Modernisierung, wie es etwa auch sozioökonomische, rechtliche und staatliche Entwicklung sind“[8].

In diesem Kapitel wird Nationalismus konkretisiert und dessen Strukturelemente dargestellt werden. Augrund der Vielzahl theoretischer Ansätze in der Nationalismusforschung, wird im Folgenden der modernisierungstheoretische Ansatz im Vordergrund stehen und Nationalismus typologisiert werden.

[...]


[1] Schattkowsky, Ralph: Nationalismus in Ostmitteleuropa. Tendenzen und Aufgaben der Forschung. In: Schttkowsky, Ralph/ Müller, Michael G. (Hrsgg.): Identitätenwandel und nationale Mobilisierung in Regionen ethnischer Diversität. Ein regionaler Vergleich zwischen Westpreußen und Galizien am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, Marburg 2004, S. 1-27, hier S. 1.

[2] Vgl. dazu Präsidentschaft/ Regierung Kaczynski in Polen

[3] In seiner Funktion dient der Risorgimento-Nationalismus der politischen Emanzipation größerer gesellschaftlicher Gruppen, die einen souveränen Nationalstaat zum Ziel haben.

[4] In Osteuropa verläuft, wie im Weiteren deutlich werden wird, die Genese und Konstruktion der Nation nicht im oder am Staat und in territorial nicht eindeutig fixierten Grenzräumen mit ethnischer Divergenz und territorialer Oberherrschaft.

[5] Auf kultur- und sozialhistorische Aspekte des Modernisierungsprozesses wird lediglich am Rande und im Kontext des oben Genannten eingegangen werden.

[6] Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, ist die Analyseebene auf diese zwei kroatische bzw. polnische Siedlungsbereiche beschränkt und beansprucht auch daher keine Generalisierung der Forschungsergebnisse und deren Übertragung auf Kroatien und Polen „als Ganzes“. Soweit es der Kontext dieser Arbeit zulässt, wird Kroatien-Slawonien, die Militärgrenze, der Osten Kongresspolens, Russisch-Polens u.a. in die Untersuchungen miteinbezogen werden.

[7] Vgl. dazu: Schattkowsky, Ralph: Nationalismus in Ostmitteleuropa. Tendenzen und Aufgaben der Forschung. In: Schttkowsky, Ralph/ Müller, Michael G. (Hrsgg.): Identitätenwandel und nationale Mobilisierung in Regionen ethnischer Diversität. Ein regionaler Vergleich zwischen Westpreußen und Galizien am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, Marburg 2004, S. 1-27, hier S. 3ff.

[8] Clewing, Werner: Staatlichkeit und nationale Identitätsbildung, München 2001, S. 15

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Modernisierungsprozesse und Nationalismusgenese in Osteuropa im 19. Jahrhundert - Interdisziplinäre Fallanalyse anhand ausgewählter Beispiele: Dalmatien und Galizien
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Polen und Kroatien - Nationalbewegungen im Vergleich
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V64695
ISBN (eBook)
9783638574433
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Modernisierungsprozesse, Nationalismusgenese, Osteuropa, Jahrhundert, Interdisziplinäre, Fallanalyse, Beispiele, Dalmatien, Galizien, Proseminar
Arbeit zitieren
Ljubomir Milev (Autor), 2006, Modernisierungsprozesse und Nationalismusgenese in Osteuropa im 19. Jahrhundert - Interdisziplinäre Fallanalyse anhand ausgewählter Beispiele: Dalmatien und Galizien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64695

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