Mit dem endgültigen Kollaps der kommunistischen Systeme in den osteuropäischen Ländern Anfang der 1990er Jahre, setzten im generellen parallel dazu ablaufende ökonomische, politische und gesellschaftliche Transformationsprozesse ein, die die Umgestaltung der staatlichen und wirtschaftlichen Institutionen und die Wiederherstellung der nationalen Souveränität zum Ziel hatten. Die nationale Emanzipation dieser Länder ließ „die Frage nach historischen Vorbildern für eine Neuordnung gegebener nationaler Einheiten und die Platzierung im europäischen Raum“ 1 aufkommen. Obgleich der politischen und wirtschaftlichen Integration eines Großteils der postkommunistischen Länder in die Strukturen der Europäischen Union und der euro-atlantischen Partnerschaft, zeigt sich trotz dieser Tatsache eine Verschärfung der nationalistischen Tendenzen in einigen dieser Länder. 2 Daher ist es für die Objektivierung dieser Gegebenheiten unabdingbar, die Genese und die Anfangszyklen solcher gegenwärtigen Entwicklungen historisch zu präzisieren und zu untersuchen. Aufgrund des eingeschränkten Umfangs dieser Arbeit kann Genanntes nur auf konkrete Einflussfaktoren beschränkt und territorial/ zeitlich begrenzt werden. Der Terminus des Nationalismus ist aufgrund der historischen Erfahrungen (aus dem Nationalsozialismus) im alltäglichen Sprachgebrauch negativ besetzt und somit ist auch seine objektive Bewertung, abstrahierend von moralischen Wertungen, nicht möglich. Fälschlicherweise wird Nationalismus mit Nationalsozialismus assoziiert und mit Chauvinismus oder den ethno- und xenophoben Exzessen des Dritten Reichs gleichgesetzt, wobei die Formen des Nationalismus, beispielsweise im Sinne von Risorgimento 3 , außer Acht gelassen werden. In der Wissenschaft ist die Präzisierung und Analyse dieses Phänomens lediglich anhand von monokausalen Begriffserklärungen, seien diese sozialpolitisch, historisch, ökonomisch, soziologisch, kulturell, anthropologisch, moralisch oder anders begründet, ungenügend und es bedarf daher einer interdisziplinären Betrachtungs- und Bewertungsweise. Der Schwierigkeit gesellschaftlicher Gruppen, die einen souveränen Nationalstaat zum Ziel haben. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Zur Nationalismustheorie
1. Nationalismus
2. Modernisierung
3. Typologie
III. Dalmatien und Galizien im 19. Jahrhundert
1. Dalmatien
1.1. Politisch-gesellschaftliche Entwicklungen
1.2. Ökonomisch-industrielle Entwicklungen
2. Galizien
2.1. Politisch-gesellschaftliche Entwicklungen
2.2. Ökonomisch-industrielle Entwicklungen
IV. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Genese des Nationalismus im 19. Jahrhundert im osteuropäischen Raum durch eine vergleichende Fallanalyse von Dalmatien und Galizien. Dabei wird der Hypothese nachgegangen, ob politisch-gesellschaftliche Modernisierungsprozesse als primäre Grundlage für die Entstehung von Nationalismus fungieren und ökonomisch-industrielle Entwicklungen lediglich nachgelagerte oder begleitende Faktoren darstellen.
- Vergleich von Nationalismusgenese und Modernisierungsprozessen
- Untersuchung von Dalmatien als Fallbeispiel
- Analyse von Galizien als Fallbeispiel
- Rolle der Elite bei der Entstehung nationaler Identität
- Kritische Reflexion der theoretischen Konzepte der Nationalismusforschung
Auszug aus dem Buch
1. Nationalismus
Wie bereits in der Einleitung dargelegt, ist der Terminus des Nationalismus (zumindest im deutschen Sprachgebrauch) in seinem semantischen Gehalt negativ belegt. Neben einer wertfreien wissenschaftlichen Definition besteht also auch eine im allgemeinen Sprachgebrauch anders assoziierte Konkretisierung dieses Phänomens.
Der Begriff des Nationalismus bezeichnet im Allgemeinen „das Ideensystem, die Doktrin, das Weltbild, das der Schaffung, Mobilisierung und Integration eines größeren Solidarverbandes (Nation genannt), vor allem aber der Legitimation neuzeitlicher politischer Herrschaft dient“. Da ein Ideensystem einer Trägerschicht bedarf, kann festgestellt werden, dass jede nationalistische Bewegung, welche die jeweilige Ideologie verbreitet und die Massen mobilisiert, eine politische Bewegung ist. Demnach zielt der Nationalismus, in Anbetracht der gegebenen Definition und der festgestellten Kausalkette, auf eine politische Legitimierung der Nation ab.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, definiert das Ziel der Arbeit, den Nationalismus im Kontext von Modernisierungsprozessen im Osteuropa des 19. Jahrhunderts zu analysieren, und stellt die Forschungsfrage sowie die Hypothese vor.
II. Zur Nationalismustheorie: Dieses Kapitel liefert eine theoretische Grundlage, indem es die Begriffe Nationalismus und Modernisierung definiert, eine Typologie des Nationalismus vorstellt und die Phasen seiner Entwicklung nach Miroslav Hroch erläutert.
III. Dalmatien und Galizien im 19. Jahrhundert: Das Hauptkapitel skizziert die politisch-gesellschaftlichen sowie ökonomisch-industriellen Entwicklungen der beiden Fallbeispiele Dalmatien und Galizien, um deren spezifische Wege zur Nationalismusgenese zu verdeutlichen.
IV. Schlussbemerkungen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt die Hypothese hinsichtlich der Priorität politisch-gesellschaftlicher Modernisierung vor ökonomischer und unterstreicht die Rolle der adeligen Eliten als Trägerschicht.
Schlüsselwörter
Nationalismus, Modernisierung, Osteuropa, Dalmatien, Galizien, Nationsbildung, 19. Jahrhundert, Identität, politische Emanzipation, Transformation, Risorgimento, Massenbewegung, Eliten, Nationalbewegung, Habsburgermonarchie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Zusammenhänge zwischen Modernisierungsprozessen und der Entstehung von Nationalismus in Osteuropa während des 19. Jahrhunderts am Beispiel von Dalmatien und Galizien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit behandelt die Wechselwirkung zwischen politisch-gesellschaftlicher Modernisierung, ökonomisch-industriellen Entwicklungen und der Entstehung nationaler Bewegungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten, ob politisch-gesellschaftliche Modernisierung die notwendige Grundvoraussetzung für Nationalismus bildet, und dies anhand konkreter Fallbeispiele zu überprüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine interdisziplinäre Fallanalyse, die modernisierungstheoretische Ansätze der Nationalismusforschung auf die spezifischen historischen Entwicklungen in Dalmatien und Galizien anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen des Nationalismus und der Modernisierung geklärt, bevor die politischen und ökonomischen Verhältnisse in Dalmatien und Galizien historisch untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Nationalismus, Modernisierung, Nationsbildung, Dalmatien, Galizien, politische Emanzipation und das 19. Jahrhundert.
Warum wurde Dalmatien als Fallbeispiel gewählt?
Dalmatien dient als Fallbeispiel, um die spezifischen Bedingungen der Nationalismusgenese im Kontext der habsburgischen Randgebiete und des Einflusses des Illyrismus zu untersuchen.
Welche Rolle spielt die ökonomische Situation für die Entstehung von Nationalismus laut der Arbeit?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass ökonomische Modernisierung keine zwingende Voraussetzung für die Entstehung von Nationalismus war, da die Bewegung primär politisch motiviert war und von Eliten getragen wurde.
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- Ljubomir Milev (Author), 2006, Modernisierungsprozesse und Nationalismusgenese in Osteuropa im 19. Jahrhundert - Interdisziplinäre Fallanalyse anhand ausgewählter Beispiele: Dalmatien und Galizien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64695