Mit dem endgültigen Kollaps der kommunistischen Systeme Anfang der 1990er Jahre in den südosteuropäischen Ländern, sofern sie sozialistisch geprägt waren, setzten im generellen parallel dazu ablaufende ökonomische, politische und gesellschaftliche Transformationsprozesse ein, die die Umgestaltung der staatlichen, politischen und wirtschaftlichen Institutionen von zentralisierter Planwirtschaft hin zu funktionierender Marktwirtschaft, von einparteien-diktatorischen Systemen hin zu parlamentarischer Demokratie, aber auch von ständischen zu bürokratischen Strukturen und von ländlichen zu städtischen Gesellschaften zum Ziel hatten. Die Europäische Union stellt in ihren alljährlichen Regelmäßigen Berichten über die Fortschritte Bulgariens auf dem Weg zum Beitritt fest, dass Bulgarien den rechtlichen Rahmen zur Korruptionsbekämpfung kontinuierlich verbessert. Jedoch werden in jedem Bericht die stockenden Justizreformen, als grundlegendes Hindernis bei der Durchführung der Rechtsnormen angesehen und darauf verwiesen, dass Korruption nach wie vor ein ernsthaftes Problem darstellt. Aufgrund dieser Feststellung und in Anbetracht der Befürchtung, „dass die EU mit der Erweiterung nach Osten das Problem Korruption in nicht unerheblichem Umfang importiert“ (d.h. auch den Störfaktor für Wirtschaftswachstum), ist es dringend geboten nicht nur auf die bestehenden Fakten zu verweisen, sondern vielmehr die Genesis von Korruption zu analysieren. Eine solche Analyse soll dazu beitragen, anhand der Entstehungsgeschichte dieses negativen Phänomens, die Wurzeln dieser Problematik zu fixieren, zu analysieren und zu beheben. Weiterhin sollen die Ursachen für Korruption in ehemaligen Transitionsländern verdeutlicht werden, um die aktuellen Korruptionsdebatten auf die effektive und konstruktive Bekämpfung dieses Phänomens umzulenken.
In Anbetracht des voraussichtlichen EU-Beitritts Bulgariens im Jahr 2007, die immer noch hohe Korruption dort (und der Beanstandung dieses Problems durch die EU) und den negativen Effekten von Korruption auf das Wirtschaftswachstum, wird es die Aufgabe dieser Seminararbeit sein, anhand von Variablen eine mögliche Kausalität von Demokratisierung und Korruption politikwissenschaftlich zu analysieren und konkreter, sich auf die Fragestellung zu konzentrieren: In welchem Zusammenhang stehen institutionelle Transition und Korruption in der staatlichen Administration in Bulgarien?
Inhaltsverzeichnis
I. Vorwort
II. Einleitung und Fragestellung
III. Wirtschaftswachstum
1. Neoklassische Wachstumstheorie
2. Institutionen und Wirtschaftswachstum
3. Politik und Wirtschaftswachstum
IV. Institutionen
1. Definition
2. Postkommunistische Institutionalisierung und konsolidierte Demokratie
V. Korruption
1. Definitionsansatz
2. Herangehensweise und Thematisierung
3. Funktionsweise
3.1. Mechanismen von politischer Korruption
3.2. Zur institutionellen Korruption
4. Gründe für Korruption – allgemein
VI. Politische Prozesse, Administration und Korruption
VII. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den kausalen Zusammenhang zwischen institutioneller Transformation und Korruption in der staatlichen Administration Bulgariens während der Systemwechselperiode von 1989 bis 1993, um die Wurzeln dieses wachstumshemmenden Phänomens zu analysieren.
- Analyse der neoklassischen Wachstumstheorie und der Bedeutung von Institutionen
- Untersuchung der Rolle politischer Systeme und Demokratien für das Wirtschaftswachstum
- Definition und Operationalisierung von Korruption im Kontext der staatlichen Verwaltung
- Darstellung von Korruptionsmechanismen und institutionellen Einflussfaktoren
- Beurteilung des institutionellen Vakuums in Bulgarien während der Transformationsphase
Auszug aus dem Buch
1. Definitionsansatz
In der Wissenschaft ist eine allseits akzeptierte Definition von Korruption nicht gegeben. Die Präzisierung von Korruption lediglich anhand von monokausalen Begriffserklärungen, seien diese sozialpolitisch, juristisch, soziologisch, psychoanalytisch, anthropologisch, moralisch oder anders begründet, ist ungenügend. Es ist bei der genauen und für eine wissenschaftliche Analyse relevante Definition dieses Phänomens zu berücksichtigen, dass Korruption in ihrer Substanz dehnbar ist und angesichts des Kontexts der hier untersuchten Fragestellung konkretisiert werden muss.
Das Phänomen wird in dieser Seminararbeit im weitesten Sinne, wie folgt definiert behandelt: Korruption ist die Käuflichkeit von Parlamentariern, Beamten und Angestellten in der staatlichen Administration, Richtern u.a. in aktiver und/oder passiver (primär im Sinne von Klientelismus und Nepotismus) auf illegaler Weise und unter Verstoß von öffentlichen Normen. Weiterhin – der Missbrauch eines politischen Mandats zur Erlangung eines Vorteils für sich oder für einen Dritten, mit Eintritt oder in Erwartung eines Schadens oder Nachteils für die Allgemeinheit, unter Geheimhaltung und/oder Vertuschung der Machenschaften, in der Bedeutung von black corruption.30
Angesichts der unterschiedlichen Erklärungsansätze für Korruption sowie des Volumens von Korruption und aufgrund der Reduktion und Spezifizierung des zu analysierenden Phänomens auf die staatliche Administration, muss Korruption im engeren Sinne konkretisiert und untersucht werden. Dabei muss vordergründig die Herangehensweise an Korruption erläutert werden. Und weiterhin – Welchen Mechanismen bedient sich, wie „funktioniert“, Korruption? Welche Gründe für Korruption gibt es im Allgemeinen? In welchem Zusammenhang stehen politische Prozesse, Administration und Korruption?
Zusammenfassung der Kapitel
I. Vorwort: Dieses Kapitel erläutert die theoretische Relevanz von politischer Regulierung und institutioneller Qualität für das Wirtschaftswachstum sowie die Notwendigkeit einer Korruptionsanalyse.
II. Einleitung und Fragestellung: Hier wird der Transformationsprozess Bulgariens nach 1990 thematisiert und das Ziel formuliert, die Ursachen und die Entstehungsgeschichte von Korruption in der staatlichen Administration zu untersuchen.
III. Wirtschaftswachstum: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die neoklassische Wachstumstheorie sowie die enge theoretische Verknüpfung von Institutionen, Politik und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.
IV. Institutionen: Es wird definiert, was Institutionen als Spielregeln einer Gesellschaft leisten und wie sich das institutionelle Vakuum in der bulgarischen Transformationsphase auswirkte.
V. Korruption: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte Definition von Korruption, beleuchtet ihre Funktionsmechanismen und untersucht sowohl persönliche als auch strukturelle Gründe für ihr Auftreten.
VI. Politische Prozesse, Administration und Korruption: Hier wird die Korrelation zwischen der Neudefinierung des Staatsapparates, administrativen Kontrolldefiziten und der Privatisierung öffentlicher Ressourcen analysiert.
VII. Schlussbetrachtungen: Die Arbeit fasst zusammen, dass Korruption in Bulgarien das sichtbare Produkt frugaler Institutionen während des Systemwechsels ist und fordert eine gezielte institutionelle Stabilisierung.
Schlüsselwörter
Korruption, Transformation, Bulgarien, Wirtschaftswachstum, Institutionen, Systemwechsel, Demokratietheorie, Administration, politische Prozesse, Klientelismus, Institutionelles Vakuum, Rechtsstaatlichkeit, Staatsapparat, Transition, Verwaltungsreform
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Ursachen und die Entstehung von Korruption innerhalb der staatlichen Administration in Bulgarien während der frühen Transformationsperiode (1989–1993).
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Arbeit behandelt die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftswachstum, institutionellem Wandel, dem Aufbau demokratischer Strukturen und dem Phänomen der politischen Korruption.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, in welchem Zusammenhang die institutionelle Transition in Bulgarien mit dem Auftreten von Korruption in der staatlichen Verwaltung steht.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Einzelfallstudie Bulgariens und nutzt eine kritisch-analytische Auswertung von Sekundärquellen, da empirische Erhebungen für den Zeitraum nicht verfügbar sind.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen (Wachstumstheorie, Institutionen) und die inhaltliche Analyse von Korruptionsmechanismen, administrativen Prozessen und deren Auswirkungen auf die Transformationsgesellschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Transformation, Korruption, Institutionen, Systemwechsel, Administration und Rechtsstaatlichkeit.
Warum wird das bulgarische Beispiel als "institutionelles Vakuum" bezeichnet?
Das Dokument beschreibt damit die Phase zwischen dem Kollaps der kommunistischen Ordnung und der Etablierung neuer, funktionierender demokratischer Spielregeln, in der keine verbindlichen Normen die Machtverhältnisse kontrollierten.
Wie bewertet der Autor den Einfluss der EU auf die Korruptionsbekämpfung?
Der Autor weist darauf hin, dass externe Vorgaben der EU oft umgangen werden, wenn die internen Strukturen und der politische Wille zur wirksamen Korruptionsbekämpfung fehlen.
- Quote paper
- Ljubomir Milev (Author), 2006, Wirtschaftspolitische Maßnahmen während der Transformationsperiode - Genesis und Analyse eines konkreten Einflussfaktors im Kontext von Wirtschaftswachstum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64701