Die Reise zum Ende der Welt - In Christoph Ransmayers 'Die letzte Welt'


Hausarbeit, 2003

20 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Keinem bleibt seine Gestalt

2. Das Ende der Welt
2.1 Ein Römer in Tomi
2.2 Das Buch
2.3 Die Flucht aus Trachila
2.4 Die Schuppenfrau und der Dichter
2.5 Die Suche nach Naso und den Metamorphosen
2.6 Der Untergang der Welt
2.7 Cottas Verwandlung
2.8 „Das Leben ahmt immer nur das Buch nach“

3. Der postmoderne Aspekt

4. Bibliographie
4.1 Quellen
4.2 Forschungsliteratur

1. Keinem bleibt seine Gestalt

Christoph Ransmayrs 1988 erschienener Roman Die letzte Welt entführt den gewillten Leser in andere Zeiten, in andere Welten – zum Ende der Welt. Der Leser begibt sich zusammen mit dem Protagonisten Cotta auf eine Reise nach Tomi, immer auf der Suche nach dem römischen Dichter Naso und dessen Hauptwerk, den Metamorphosen.

Von den Verflechtungen zwischen Realität und Literatur bemerkt Cotta lange Zeit nichts; der Leser wird jedoch durch das dem Roman angefügte Ovidischen Repertoire von Ransmayr selbst darauf gestoßen, dass der junge Römer die Metamorphosen längst gefunden hat: Die Bewohner Tomis entspringen den Geschichten Nasos und auch die Geschehnisse der Stadt scheinen den Phantasien des Dichters zu entstammen.

Cotta ist es, der als eine Art Detektiv in der Letzten Welt die Handlung voran treibt. Seine Su­che nach dem Verbannten und den Metamorphosen stellt die Rahmenhandlung dar, durch die “die Episoden und Erzählstränge zusammengehalten”[1] werden.

Die Verwandlung des Römers während seines Aufenthaltes in Tomi soll im folgenden näher untersucht werden.

Außerdem ist natürlich der gesuchte Dichter Naso eine zentrale Figur in Ransmayrs Roman, auch wenn er bis zum Ende niemals auftaucht; von ihm wird nur durch Rückblenden und Er­innerungen oder “in Form einer trügerischen Halluzination”[2] berichtet.

Durch das Verschwinden des Dichters tritt er endgültig hinter sein Werk, das Gerücht um sei­nen Tod scheint ihn schließlich unsterblich zu machen.

Die Metamorphosen werden in der Letzten Welt nicht mehr von ihrem ursprünglichen Autor sondern von den Bewohnern Tomis weitergegeben. Dies ist ein Indiz dafür, dass Ransmayr in seinem Roman den Tod des Autors als postmodernes Kennzeichen aufnimmt und soll im Folgenden ebenfalls näher betrachtet werden.

Das Werk wird hier anstelle des Autors von den Rezipienten erzählt und von deren eigenen Phantasien und und Vorstellungen weiter entwickelt. Damit ist der Text kein starres Objekt mehr, sondern unterliegt selbst ständig dem Wandel – er wird zum Mythos.

2. Das Ende der Welt

2.1 Ein Römer in Tomi

„Siebzehn Tage [muss] Cotta an Bord der Trivia überstehen“[3] bevor er in Tomi ankommt. „Tomi, das Kaff. Tomi, das Irgendwo.“[4] Der junge Römer Cotta hat sich auf die beschwer­liche Reise von Rom nach Tomi gemacht, eine Stadt, in der die Natur keinen Widerstand findet und sich allmählich allem bemächtigt.

Cottas primitive Unterkunft macht die Lebensumstände in der Stadt deutlich. Von seiner Ankunft nimmt in Tomi kaum jemand Notiz; er gilt in den ersten Wochen als der Fremde aus Rom.[5]

Der Leser erfährt am Anfang des Romans nur, dass Cotta nach Naso sucht, die Gründe hierfür bleiben allerdings zunächst im Verborgenen, wodurch beim Leser eine gewisse Neugier aufge­baut wird.

Auf dem Weg zu Nasos Zufluchtsort Trachila stößt Cotta schon auf erste Anzeichen der Metamorphosen. Vor seinen Füßen liegt plötzlich ein versteinerter Hund, wenig später entdeckt er Stoffähnchen, von denen auf einem die Worte „Keinem bleibt seine Gestalt“[6] geschrieben stehen. Der Leser wird später noch erfahren, dass dieser Ausspruch von Naso stammt und für Cotta eine wichtige Bedeutung hat. Zugleich wird damit dem Leser [...] das Leitmotiv des Romans – der Wandel - an die Hand gegeben“.[7]

Cotta erreicht in Trachila das Haus Nasos und trifft dort auf dessen Knecht Pythagoras, den er zunächst für den Gesuchten hält und sich schon am Ziel seiner Suche wähnt. Es wird nicht das einzige mal sein, dass der Römer solchen Sinnestäuschungen unterliegt. „Ransmayr steigert so immer wieder die Spannung, indem er Cotta scheinbar Naso aufspüren lässt“,[8] es stellt sich aber jedes mal schnell heraus, dass es sich stattdessen um einen Bewohner Tomis (S.16f.; S.94ff.;S.238ff) handelt.

Der Knecht erweist sich als ungeeignet, um Cotta nähere Informationen zu liefern, denn in sei­ne „Welt schien kein Weg zu führen.“[9] Pythagoras wüstem Gerede hält der Römer entgegen,

indem er von sich selbst und Naso erzählt. Hier wird der Gegensatz zwischen der römischen Vernunft, die den Suchenden beherrscht und dem Chaos Tomis deutlich. Cotta will Pythagoras Worten „die Ordnung und die Vernunft einer vertrauten Welt entgegensetzen“.[10] Es ist eine Art Schutz, die er sich vor dem bedrohlichen Unbekannten schafft.

Zu einer ersten Annäherung an Pythagoras kommt es, als dieser Cotta fragt, was er in Trachila wolle, woraufhin der Römer ihm antwortet: „Das Buch.“[11] Durch die Wiederholung dieser Worte wird die Bedeutung des Gesuchten hervorgehoben. Es handelt sich um das Hauptwerk des Dichters, um die Metamorphosen.

2.2 Das Buch

Zu Cottas Zeit waren die Verwandlungen als „Nasos Projekt“[12] bekannt, welches ein „rätselhaftes und unerschöpfliches Thema [...] in den literarischen Zirkeln Roms oder im Feuilleton der großen Blätter“[13] darstellte. Ebenso wird hier erklärt, dass Naso zweifellos be­rühmt war zu dieser Zeit, doch er hatte „bloß in intellektuellen Kreisen Ansehen genossen.“[14] Der Dichter träumte von Stadien mit hunderttausenden von Zuhörern, so wie es der Imperator gewohnt war. Im Hinblick auf diesen Wunsch scheinen die weiteren Vorkommnisse in Nasos Leben fast schon als Ironie des Schicksals, da gerade eine Rede des Dichters in einem solchen Stadion zu seiner Verbannung führt.

Neben seiner Ruhmbegier und seinem Ehrgeiz bleiben weitere Motivationen und Gefühle Nasos offen; er gewinnt keine eindeutigen Konturen.[15] Dadurch tritt er in den Hintergrund und alle Aufmerksamkeit wird seinem Werk gewidmet, was wiederum auf den so genannten Tod des Autors hindeutet.

Von Pythagoras wird Cotta zu fünfzehn Steinplatten geführt, die mit Worten Nasos beschriftet sind. Sie sind jedoch zudem von unzähligen Schnecken bedeckt. Die Schrift, durch die der Dichter seinen Namen unzerstörbar machen will wird so doch von der Natur überwuchert und unleserlich gemacht.

Die Platten tragen eine Nachricht von Naso, die von Ransmayr fast wörtlich aus dem Nach­wort der Metamorphosen von Ovid entnommen wurde:

Ich habe ein Werk vollendet/ Das dem Feuer standhalten wird/ Und dem Eisen/ Selbst dem Zorn Gottes und/ der allesvernichtenden Zeit/ Wann immer er will/ mag nun der Tod/ Der nur meinen Leib/ Gewalt hat/ mein Leben beenden/ Aber durch dieses Werk/ Werde ich fortdauern und mich/ hoch über die Sterne emporschwingen/ und mein Name/ wird unzerstörbar sein[16]

Hier wird das Selbstbewusstsein des Dichters sichtbar; er will mit seinem Werk selbst dem Zorn Gottes widerstehen und durch seine Worte Unsterblichkeit erlangen. Doch die Tatsache, dass gerade diese Worte von einfachen Schnecken unleserlich gemacht werden deutet auf die Vergänglichkeit jeder schriftlichen Fixierung hin. Nicht nur die Steinmale weisen darauf hin: Das Manuskript der Metamorphosen wurde verbrannt, „Arachnes Teppiche [auf denen das Buch der Vögel eingewoben ist] verschimmeln und die Schrift auf den Stoffetzen ist verwischt“.[17]

In einem erneuten Blick in die Vergangenheit beschreibt Ransmayr die Metamorphosen, deren Namen er erst im Verlauf der Erläuterung zum ersten Mal nennt. Nasos ungewöhnliche Art, wie er damals aus seinem Werk vor Publikum gelesen hat, steht im Vordergrund. Er ist dabei meist zu tiefst gebückt und trägt „ohne Gesten und Pathos und so leise vor, dass die Zuhörer zu höchster Aufmerksamkeit gezwungen“[18] sind. Ohne ein weiteres Wort verschwindet der Dichter nach der Lesung: „Es war, als hätte er [...] alles, was er zu sagen und zu schreiben im­stande war, in das Reich seiner Dichtung verlegt.“[19] An dieser Stelle kommt der Tod des Autors ins Spiel. Der Autor tritt vollkommen hinter sein Werk zurück, er wird zugunsten der Schrift unterdrückt.[20] In seinen Lesungen ist Naso praktisch überflüssig, weil auch jeder andere seine Texte vorlesen könnte.

Da Nasos Werk von ihm scheinbar vollkommen zusammenhanglos vorgetragen wird, sorgt es bei seinem Publikum für große Verwirrung. Dass dies nur dem Willen des Dichters entspricht, ist kaum zu bestreiten wenn man sein Verhalten bei den Lesungen und seine Verschlossenheit gegenüber Fragen bezüglich seines Werks betrachtet. Naso will gerade durch die Verwirrung bei dem Publikum größere Bekanntheit erreichen und rückt deshalb seine Metamorphosen in den Vordergrund. In Bezug auf Barthes kann man hier sagen, dass die Erklärung eines Wer­kes nicht mehr bei seinem Urheber gesucht werden soll; der Autor ist nicht länger der Schlüs­sel zu seinen Schriften;[21] der Leser muss sich sein eigenes Bild, seine eigene Interpretation schaffen.

[...]


[1] Epple, Thomas: Oldenbourg Interpretationen Bd. 59. München: Oldenbourg Verlag GmbH 1992. S.29.

[2] Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr. Hrsg. von Uwe Wittstock. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH 1997. S.96.

[3] Ransmayr, Christoph: Die letzte Welt. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1991. S.8.

[4] Ebd. S.9.

[5] Ebd. S.9.

[6] Ebd. S.15.

[7] Fitz, Angela: Wir blicken in ein ersonnenes Sehen. Wirklichkeits- und Selbstkonstruktion in zeitgenössischen Romanen. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag 1998. S.305.

[8] Epple, T.: 1992 S.19.

[9] Ransmayr, C.: 1991 S.17.

[10] Ebd. S.17f.

[11] Ransmayr, C.: 1991 S.44.

[12] Ebd. S.44.

[13] Ebd. S.44.

[14] de Groot, Cegienas: Neophilologus. An international journal of modern and mediaeval language and literature. Seventy-fifth Volume 1991. S.254.

[15] Vgl. Epple, T.: 1992 S.25.

[16] Ransmayr, C.: 1991 S.51.

[17] Fitz, A.: 1998 S.240.

[18] Ransmayr, C.: 1991 S.52.

[19] Ebd. S.53.

[20] Vgl. Text zur Theorie der Autorschaft. Hrsg. von Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2000 S.187.

[21] Vgl. Text zur Theorie der Autorschaft: 2000 S. 186.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Reise zum Ende der Welt - In Christoph Ransmayers 'Die letzte Welt'
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Roman der Postmoderne
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V64731
ISBN (eBook)
9783638574730
ISBN (Buch)
9783638596480
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reise, Ende, Welt, Christoph, Ransmayers, Welt, Roman, Postmoderne
Arbeit zitieren
Berit Marchetti (Autor), 2003, Die Reise zum Ende der Welt - In Christoph Ransmayers 'Die letzte Welt', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64731

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