Laut Heidegger existiert eine hohe Dichtung, deren, sie über jede gewöhnliche Literatur weit hinaushebende, Eigenschaft es ist, Werte und Inhalte zu transportieren, die hinter der bloßen Sprachaussage einen Schatz der Weisheit verbergen. Diese höchstzubewertende Literatur vermag zu helfen, das Wesen des Seins vermittelbar zu machen; zwischen den Worten teilt sie das Unsagbare mit. Den Sprachgeist der Literatur zu erwecken, die Texte gleichsam zur Sprache zu bringen, das ist Heideggers Anliegen. Als Beispiel für diese Art Vorgehen kann sein Aufsatz „Johann Peter Hebel – Der Hausfreund“ aus dem Jahre 1957 genannt werden. Hier bringt der Philosoph den Lesern einen Dichter näher, der seiner, ihm von Heidegger zugesprochenen Bedeutung nach, heutzutage kaum noch angemessen gelesen wird. Heidegger ergründet, wo und wie Hebels Werk das Wesen des Seienden offenbart, die Wahrheit über das Seiende mitteilt. Dies geschieht, indem er Hebel in einer literarischen Rolle vorführt: als dichterischen Hausfreund. Die vorliegende Arbeit soll die zentralen Themen des Heideggerschen Essays über Hebel erhellen. Dabei soll dargestellt werden wie Heidegger die Seins-Frage mit dem Hausfreund-Komplex verbindet. Gerade in Hebels dichterischer Demut liegt seine leuchtende Kraft, das erkennt Heidegger. Eben weil Hebels Werk in volkstümlich-bauernhafter Manier daherkommt, entdeckt Heidegger die in ihm ruhende Nähe zur Wahrheit. Mit Hebel erkennt Heidegger schließlich: „Sprache ist Sein“.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Der Hausfreund
1. Seine dichterische Gebärde
2. Hausfreund und Mond
3. Wohnen im Haus, das die Welt ist
4. Der Schein dichterischen Sagens
5. Das Licht
6. Der Dichter
7. Die Sprache
8. Mundartdichtung
9. Exkurs: Platons Ideenlehre
10. Die Vermittlerfunktion des Hausfreundes
II. Die Abwesenheit des Hausfreundes
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Martin Heideggers Interpretation von Johann Peter Hebel, insbesondere dessen Rolle als „dichterischer Hausfreund“, um aufzuzeigen, wie Heidegger die Seins-Frage mit Hebels Literatur verknüpft. Ziel ist es zu ergründen, inwiefern der Dichter als Vermittler zwischen technisierter Welt und ursprünglicher Natur fungieren kann, um ein „wohnenswertes“ Leben zu ermöglichen.
- Heideggers Philosophie des „Seins“ und des „Seienden“
- Johann Peter Hebels Rolle als Vermittler (Hausfreund)
- Die Funktion der Sprache und Dichtung als Spiegel des Seins
- Das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Welterklärung und ursprünglichem Wohnen
- Die Problematik der Seinsvergessenheit in der Moderne
Auszug aus dem Buch
3. Wohnen im Haus, das die Welt ist
Die eigentliche Dimension der Freundschaft des Hausfreundes ist als geradezu bedingungslos und allumfassend einzuschätzen, denn „dem Haus, das die Welt ist, ist der Hausfreund der Freund“. Das Haus aber, welches die Welt ist, wird von den Menschen der Erde bewohnt, wobei wohnen die Reise des menschlichen Lebens meint,
„Denken wir uns das Zeitwort wohnen weit und wesentlich genug, dann nennt es uns die Weise, nach der die Menschen auf der Erde unter dem Himmel die Wanderung von der Geburt bis in den Tod vollbringen“,
und in seiner Qualität durchaus nicht gleichbleibend gewährleistet wird:
“Heute stellen wir die Häuser gar zu leicht und oft aus einer Not als eine Anordnung von Räumen vor, worin der Alltag des menschlichen Lebens verläuft. Das Haus wird fast zu einem bloßen Behälter für das Wohnen.“
Das menschliche Wohnen, im Haus, welches die Welt ist, soll wohnens-wert sein, es darf nicht zu bloßem hausen in Wohnbehältern verkommen. Dies wird erst durch die Anwesenheit des wohlwollenden Begleiters gewährleistet; erst der Hausfreund macht das Wohnen wohnenswert.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die grundlegende Seins-Frage der Philosophie und führt Heideggers Ansatz ein, Literatur als Offenbarungsweg für das Wesen des Seins zu nutzen.
I. Der Hausfreund: Dieses Kapitel etabliert Hebel als „Hausfreund“, der durch seine dichterische Gebärde und die Mond-Metapher als Begleiter und Erheller der menschlichen Welt fungiert.
1. Seine dichterische Gebärde: Analyse des „Schatzkästleins“ als Werk, das durch die dichterische Haltung des Autors die Wahrheit über das Seiende vermittelt.
2. Hausfreund und Mond: Untersuchung der Mond-Metapher als Bild für den Dichter, der durch sanften Widerschein die Nacht der Menschenwelt erhellt.
3. Wohnen im Haus, das die Welt ist: Erörterung der Differenz zwischen bloßem „Hausen“ in Wohnbehältern und dem existentiellen „Wohnen“ auf der Erde.
4. Der Schein dichterischen Sagens: Beschreibung der Leistung des Dichters, das menschliche Dahinleben durch sein Werk in ein echtes Wohnen zu verwandeln.
5. Das Licht: Vergleich der Lichtquellen: Während die Sonne für das Sein steht, spiegelt der Dichter dieses Licht als milden Widerschein wider.
6. Der Dichter: Verallgemeinerung der Hebelschen Rolle auf den Dichter als Typus, der die Welt in ein Sagen versammelt und zum Staunen anregt.
7. Die Sprache: Analyse von Sprache als Seins-Medium, das weit über eine bloße Kommunikationsfunktion hinausgeht.
8. Mundartdichtung: Würdigung von Hebels Dialektgebrauch als Zugang zum Wesen des Seienden, das dem Menschen näher liegt als artifizielle Schriftsprache.
9. Exkurs: Platons Ideenlehre: Einordnung der Ideenlehre als Modell zur Begreifbarkeit des Seienden im Vergleich zu Heideggers Ansatz.
10. Die Vermittlerfunktion des Hausfreundes: Zusammenführung von wissenschaftlicher Berechenbarkeit und natürlichem Sein durch die Brückenfunktion des Hausfreundes.
II. Die Abwesenheit des Hausfreundes: Kritische Bilanz über den Verlust der Seinsbindung durch technologische Übermacht und die Instrumentalisierung von Sprache in der Moderne.
Schlüsselwörter
Heidegger, Johann Peter Hebel, Sein, Seinsvergessenheit, Dichtung, Hausfreund, Sprache, Wohnen, Mundart, Weltgebäude, Metaphysik, Wahrheit, Natürlichkeit, Technikgläubigkeit, Existenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Martin Heideggers Interpretation von Johann Peter Hebel als „Hausfreund“ und untersucht die philosophische Verbindung zwischen dessen Dichtung und Heideggers Seins-Theorie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Wesen des Seins, die Funktion von Sprache und Dichtung, das menschliche „Wohnen“ in der Welt sowie das Spannungsverhältnis zwischen technischer Welterklärung und natürlichem Dasein.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie Heidegger Hebels literarisches Werk nutzt, um die Seins-Frage zu erhellen und eine Antwort auf die Gefahren einer zunehmend seinsvergessenen, technisierten Moderne zu formulieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Textanalyse, die auf Heideggers Spätwerk-Schriften und Hebels literarischen Texten basiert, um eine philosophische Hermeneutik der Literatur zu leisten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Rolle des „Hausfreundes“ als Vermittler, die Bedeutung der Sprache, die Funktion der Mundartdichtung und das Verhältnis von Platonischen Ideen zu Heideggers Verständnis des Wohnens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind vor allem Seinsvergessenheit, Dichtung, Hausfreund, Sprache und die existenzielle Bedeutung des Wohnens auf dieser Erde.
Warum ist die Sprache des Dialekts laut Heidegger so wichtig?
Die Mundart gilt als „ursprünglicher“ und naturnäher, da sie nicht den Abstraktionen und der Instrumentalisierung unterliegt, denen hochartifizielle Schrift- oder Fachsprachen im technischen Zeitalter verfallen.
Was bedeutet das „Fehlen des Hausfreundes“ im Fazit?
Es symbolisiert den Verlust jener vermittelnden, dichterischen Instanz in der Moderne, die das Gleichgewicht zwischen technischer Weltbeherrschung und einem menschlich-natürlichen Wohnen wahren könnte.
Welche Bedeutung hat das Mond-Bild für Hebels dichterische Rolle?
Der Mond dient als Metapher für den Dichter: Er spendet kein eigenes, grelles Licht, sondern reflektiert das „Sein“ (die Sonne) in einer milden Form, die das Leben der Menschen erhellt, ohne sie zu blenden.
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- Guido Böhm (Author), 2001, Zu Martin Heideggers "Hebel – der Hausfreund" oder: Das verbauerte Universum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64808