Die folgende Abhandlung über den Tod in Venedig von Thomas Mann beschäftigt sich mit dem interdisziplinären Verhältnis von Literatur und Soziologie und soll als Aufforderung zur Ausweitung des Dialogs dieser beiden Disziplinen verstanden werden.
Zur Analyse des Textes werden die Begrifflichkeiten zur Figur als Gegenstand der Erzähltextanalyse Kahrmann, Reiss, Schluchters und ergänzend die Definitionen Petersons zur Erzähleranalyse und zu den Darstellungsweisen herangezogen.
Dabei soll weder biographisch noch historisch verfahren werden, sondern es soll, was sicherlich gerade bei der Beschäftigung mit Thomas Manns Tod in Venedig ungewöhnlich anmuten mag, der Autor und sein biographischer und historischer Hintergrund nahezu vollständig ausgeklammert werden. Zwar sollte bewusst sein, dass dieses keineswegs eine unfruchtbare Vorgehensweise darstellt und schon häufig mit guten Ergebnissen durchgeführt wurde. Jedoch kann mit dem hier vorgestellten Ansatz eine andere Annäherung an den und eine neue Lesart des Textes entdeckt werden, die eine andere Perspektive auf den Text eröffnet und somit vielleicht ein weiterer Schritt in der Emanzipation des Textes von seinem Autor leisten kann. Schütz Theorie der Strukturen der Lebenswelt dient dabei als Anregung und Ausgangspunkt für die Konzeption einer zeichentheoretischen und rezeptionsästhetischen Literaturtheorie.
Zunächst erfolgt eine Gegenüberstellung der beiden Disziplinen der Soziologie und Literaturwissenschaft, deren Ergebnis die Notwendigkeit der Übertragung soziologischer in literaturwissenschaftliche Kategorien zur adäquaten literarischen Analyse darstellt. Im Folgenden werden die Methodik und die Thesen der Theorie Schütz’ erläutert und diese innerhalb der soziologischen Theorie näher eingeordnet. Hierbei stellen sich vor allem die Aspekte der unterschiedlichen Rezeptionskategorien des Bewusstseins, die Annahme der Intersubjektivität in der Alltagswirklichkeit und die Definition des Schütz’schen Zeichenbegriffs als brauchbar für die literaturwissenschaftliche Übertragung heraus. Anschließend werden einzelne Begriffe der Schütz’schen Theorie unter Zuhilfenahme des Modells von Kahrmann literaturwissenschaftlich problematisiert. Hierbei gelangt man zu dem Ergebnis, dass die natürliche Einstellung auf der Ebene des realen Lesers zu finden ist und dass durch bestimmte Darstellungsweisen und die sprachliche Gestaltung andere Rezeptionskategorien des Bewusstseins dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Methodologische Vorüberlegungen
2.1 Die Strukturen der Lebenswelt von Schütz
2.2 Konzeption des literaturwissenschaftlichen Ansatzes
2.2.1 Darstellung von Rezeptionskategorien des Bewusstseins durch Darstellungsweisen und sprachliche Mittel sowie Irritationen des realen Lesers
2.2.2 Verweis von Zeichen auf Zeichenfelder
3 Anwendung auf den Tod in Venedig
3.1 Bewusstseinssprünge
3.2 Unheimliche Begegnungen
3.3 Gefangen in den Zeichenfeldern
4 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das interdisziplinäre Verhältnis von Literaturwissenschaft und Soziologie, indem sie Alfred Schütz’ Theorie der Strukturen der Lebenswelt auf Thomas Manns Erzählung Tod in Venedig anwendet, um neue Lesarten der Textkonzeption und der Leserirritation zu erschließen.
- Übertragung soziologischer Kategorien in eine literaturwissenschaftliche Analyse
- Analyse der Rezeptionskategorien des Bewusstseins durch sprachliche Gestaltung
- Untersuchung von Zeichenfeldern und deren Wirkung auf den realen Leser
- Interpretation der Erzählung als System entfunktionalisierter Zeichen
- Deutung der Begegnungen mit unheimlichen Figuren als Irritationsmoment
Auszug aus dem Buch
3.1 Bewusstseinssprünge
Im Folgenden soll der Wechsel der Darstellung verschiedener Bewusstseinszustände an einzelnen exemplarischen Passagen des Textes nachvollzogen und hinsichtlich ihrer Darstellungsweisen, ihrer sprachlichen Gestaltung und des Erzählverhaltens analysiert werden.
Das vor allem zu Beginn dominierende Erzählverhalten des Textes ist das eines auktorialen, kommentierenden und allwissenden Er-Erzählers, der vor allem in seinen Kommentaren und Reflexionen als Aussagesubjekt erkennbar wird. Diese Kommentare sind meist eingebettet in die Darstellungsweisen des Erzählerberichts und der Beschreibung, in denen sich der Erzähler den Anschein der Neutralität vorbehält. Ein Beispiel dieser Textgestaltung im Roman findet sich bereits zu Beginn.
So macht der Erzähler Anmerkungen über die vergangene Kriegsgefahr, spielt auf Cicero an und hat Kenntnisse über Arbeit und Stimmungslage Aschenbachs (vgl. 7). Der Standort der Erzählerfigur zur erzählten Figur und zum Geschehensablauf ist durch Distanz und Ferne gekennzeichnet. Durch die Äußerung „unser Kontinent“ (7) bezieht der Erzähler den Leser in die dargestellte Welt mit ein und vermittelt zusammen mit der Wortwahl „Spaziergang“ (7), „Frühlingsnachmittag“ (7), „Arbeit“ (7) und „Mittagsmahlzeit“ (7) und der Wahl des realen Schauplatzes München den Eindruck einer dem eigenen „normalen“ Wirklichkeitsverständnis entsprechenden intersubjektiven Lebenswelt. Die real anmutenden Ortsbeschreibungen und die klar strukturierten Raum- und Zeitangaben spielen auf den normalen Tagesablauf eines Menschen an. Es dominiert in diesen Passagen vor allem die Zeitraffung; die erzählte Zeit ist somit länger als die Erzählzeit. Die Motivation, der Ablauf und die zeitliche Einordnung der Handlungen ist für den Leser durch die Erklärungen des Erzählers transparent. Durch die erläuterten Mittel wird für den Leser die Illusion einer objektiven Alltagswelt erzeugt, in der eine normale Wirklichkeitsrezeption vorherrscht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der interdisziplinären Untersuchung und grenzt den methodischen Ansatz durch den Ausschluss biographischer Analysen zugunsten einer zeichentheoretischen Perspektive ein.
2 Methodologische Vorüberlegungen: Dieses Kapitel vergleicht soziologische und literaturwissenschaftliche Ansätze und begründet die Übertragung der Schütz’schen Theorie auf das literarische Werk als ästhetischen Gegenstand.
3 Anwendung auf den Tod in Venedig: Der Hauptteil analysiert die narrative Struktur von Thomas Manns Erzählung, wobei der Fokus auf Bewusstseinssprüngen, unheimlichen Begegnungen und der Verweisstruktur innerhalb des Zeichennetzwerkes liegt.
4 Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass durch den Wechsel der Darstellungsweisen beim Leser eine unalltägliche Wirklichkeitsrezeption ausgelöst wird, die neue Formen der Text- und Selbsterfahrung ermöglicht.
Schlüsselwörter
Tod in Venedig, Thomas Mann, Alfred Schütz, Lebenswelt, Zeichennetzwerk, Literaturwissenschaft, Soziologie, Bewusstsein, Rezeptionsästhetik, Strukturalismus, Unheimliches, Zeichenfelder, Signifikanten, Intersubjektivität, Erzähltextanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem interdisziplinären Verhältnis von Literatur und Soziologie und nutzt Thomas Manns Tod in Venedig als Fallbeispiel für eine zeichentheoretische Untersuchung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Übertragung soziologischer Theorien auf literarische Texte, die Analyse von Bewusstseinszuständen in Erzählungen und die Wirkung von Zeichen auf den realen Leser.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, durch die Theorie der Strukturen der Lebenswelt von Schütz eine neue Lesart des Textes zu eröffnen, die den Text von seinem Autor emanzipiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine zeichentheoretische und rezeptionsästhetische Literaturtheorie angewandt, die soziologische Kategorien in die Analyse von Erzählweisen und Zeichenverweisen transformiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse von Bewusstseinssprüngen, unheimlichen Begegnungen mit maskenhaften Figuren und der komplexen Verweisstruktur, durch die der Leser in ein Netz von Zeichenfeldern gezogen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Zeichennetzwerk, Lebenswelt, Entfunktionalisierung, Intersubjektivität und das Unheimliche.
Welche Rolle spielt die Figur des Aschenbach in der Analyse?
Aschenbach dient als zentrales Beispiel für die Darstellung der Bewusstseinsrezeption, wobei sein Abgleiten von der geregelten Alltagswelt in unalltägliche Sinnprovinzen nachgezeichnet wird.
Warum spielt das "Unheimliche" eine wichtige Rolle bei den Begegnungen?
Die Begegnungen mit Figuren wie dem Gondoliere oder dem Straßensänger irritieren den Leser, da sie durch das Fehlen von Intersubjektivität und das Verschwinden der Zeichen die alltäglichen Erwartungshorizonte aufbrechen.
Inwiefern beeinflusst der Begriff der "Zeichenfelder" die Textdeutung?
Zeichenfelder ermöglichen es, die verschiedenen Bedeutungsebenen wie Ästhetik, Erotik oder den Tod als miteinander vernetzte Gebiete zu begreifen, die dem Leser eine neue Sinngenese abverlangen.
- Arbeit zitieren
- Anne-Christin Sievers (Autor:in), 2002, Literaturwissenschaftliche Übertragung der "Strukturen der Lebenswelt" von Alfred Schütz auf die Erzählung "Tod in Venedig" von Thomas Mann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64887