Wer macht Jugendkulturen? Eine Diskussion um die Identitätsprägung der Jugend


Seminararbeit, 2001

16 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Einleitung

So gib mir auch die Zeiten wieder,

da ich noch selbst im Werden war,

da sich ein Quell gedrängter Lieder

ununterbrochen neu gebar,

da Nebel mir die Welt verhüllten,

die Knospe Wunder noch versprach,

da ich die tausend Blumen brach,

die alle Täler reichlich füllten!

Ich hatte nichts und doch genug:

Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug!

Gib ungebändigt jene Triebe,

das tiefe, schmerzvolle Glück,

des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,

gib meine Jugend mir zurück!

Johann Wolfgang Goethe[1]

Bereits Goethe beschrieb die Spannung des Lebensabschnitts zwischen „Kind sein“ und „Erwachsen sein“ und wünschte sich in diese Zeit zurück. Gemeint ist die Zeit, in der ein Mensch versucht, einen generationsspezifischen Lebensstil zu entwickeln, um individuelle Verhaltensweisen und Ausdrucksformen und spezielle Werte und Normen zu entwickeln und sich somit von der „Erwachsenenwelt“, auch von der restlichen Gesellschaft, zu unterscheiden.

„Ein subkultureller Stil drückt sich nicht nur symbolisch als Selbstverständnis der stilbildenden Gruppe aus, er lässt sich auch als eine chiffrierte Ausdrucksform von Klassenbewusstsein und als eine symbolische Kritik an der herrschenden Ordnung ‚lesen‘.“[2]

Aus Untersuchungen und ihren Auswertungen ergibt die Situation der Jugendlichen, dass sie die Prinzipien und Vorstellungen eines Erwachsenenanspruchs verkörpern müssen, andererseits gibt und gab es immer Gruppierungen, die sich diesem Einfluss entzogen haben und eigenständig und unabhängig von Erwachsenennormen handelten (z. B. die Wandervogelbewegung und die folgenden Organisationsformen und heute die Hip Hop-Bewegung, die Chaostage oder die Loveparade).

Der Ursprung war zunächst eine eigenständige Jugendkultur, die jedoch dann teilweise ihre Unabhängigkeit verlor, wenn Erwachsene sie in kommerzielle Strukturen einpassten und daraus eine Kontrollfunktion ableiteten. Jürgen Reulecke (1986)[3] geht sogar soweit, dass Jugend als eigenständige Kultur gar nicht existiert, sondern von Erwachsenen bzw. der Gesellschaft inhaltlich bestimmt wird. John R. Gillis (1974)[4] stellte jedoch zwölf Jahre vorher die These auf, dass „Jugend“ eine eigenständige Kultur mit einem ihr immanenten Bewusstsein ist und somit ihre eigene Geschichte macht.

Um dem Phänomen „Jugend“ auf die Spur zu kommen, sollen weitere Autoren zu Wort kommen.

In dem ersten Teil der folgenden Diskussion um die Identitätsprägung der Jugend, soll mit Hilfe eines geschichtlichen Überblicks, auf die Entwicklung der Jugendkulturen seit den 50er Jahren eingegangen werden. Dabei werden verschiedenen Sichtweisen unterschiedlicher Autoren betrachtet, die sich zu diesem Thema geäußert haben.

In einem Exkurs soll die Rolle der Medien dargestellt werden, die oftmals entscheidend die Inhalte der Jugendkulturen bestimmten und bestimmen.

In der verwendeten Literatur wurden meist die Begriffe „Jugendkultur“ und „Subkultur“ synonym verwendet. Diesem Gebrauch möchte ich mich im Nachfolgendem anschließen.

Die Entwicklung der Jugendkulturen seit Mitte des 20. Jahrhunderts

Die Situation der Jugendlichen während der Hitlerdiktatur war weitgehend fremd bestimmt. Nicht die nur Jugendorganisationen des Regimes, sondern auch die paramilitärischen Einrichtungen ließen so etwas wie eine eigenständige Jugendkultur in keinster Weise aufkommen.

Die steigende Produktivität nach dem 2.Weltkrieg und der beginnende Wohlstand in der Bundesrepublik in den 50er Jahren, führte dazu, dass „sich mehr oder minder von den Mustern der umgreifenden Gesamtkultur abweichenden Gesellungen Jugendlicher ohne Erwachsenendominanz von unterschiedlicher Intensität – von der latenten Subkultur bis hin zu delinquenten oder rebellierenden Gruppierungen oder zum Versuch der bewussten Konstituierung einer radikalen `Gegenkultur´ unter Verneinung der herrschenden Werte und Normen der Gesellschaft“ bildeten.[5] Die deutsche Jugend – die bislang nicht als eigene Generation wahrgenommen und akzeptiert wurde – entwickelte sich zu einer autonomen Teilkultur, die sich aus Gleichaltrigen zusammensetzte und die Definition ihrer Werte, Haltungen, Sitten und Normen vornahm.

Der immer stärker anwachsende Generationskonflikt zwischen Heranwachsenden und Erwachsenden bewirkte, dass die Jugendlichen sich zunehmend in altershomogenen Gruppierungen („peer groups“) trafen, die sie als Stabilisierungs- und vor allem Orientierungsfaktor ansahen und damit ihre Abgrenzung von den Erwachsenen ausdrückten. „Die Gruppe scheint heute die entscheidende Sozialform zu sein, die Bedürfnisse nach Kontakt und Nähe, Orientierung und Einheitlichkeit, Spannung und Dynamik in gleicher Weise befriedigt“[6] und „das verletzliche Ich der einzelnen Jugendlichen mit einem schützenden Mantel umgibt“[7]. Dadurch erfuhren sie Selbstbestätigung und Ich-Erhöhung in und durch die Aktionen der Gemeinschaft. Die objektiven gesellschaftlichen Konditionen, wie die Verlängerung der Schulpflicht, erweiterten zwangsläufig den zeitlichen Rahmen des Kontakts der Gleichaltrigen.

In den 50er, 60er und 70er Jahren fand ein entscheidender Entwicklungsprozess für die Identitätsprägung der Jugendlichen statt. Mit der gesellschaftlichen Produktion des „Teenagers“, orientierten sich die Heranwachsenden zwischen 13 und 19 Jahren an Lebensstil und Lebensformen westlicher Demokratien. Der Teenager wurde zu einem Medienereignis, das sich nur partiell in soziale Wirklichkeit umsetzte.

Im Vergleich zur der Zeit vor oder während des Zweiten Weltkrieges, standen den Bundesbürgern nun insgesamt mehr finanzielle Mittel zur Verfügung, mit denen sie den Rahmen ihrer Freizeit neu und aufwendiger gestalten konnten. Deshalb setzte sich vor allem die Teenagerkultur in den amerikanisch orientierten Ländern durch und entzog sich pädagogisch organisierten Einflüssen. Sie schloss sich, im Gegensatz dazu, kommerziell organisierten Richtungen an. Daraus folgte endgültig eine Modifikation jugendlichen Lebens in Jugendgruppen. Traditionelle Rituale wurden nunmehr in altershomogenen Gruppen durch sozialemotionales Interesse ersetzt, wobei insbesondere Wert auf ausreichend Spielraum von Freizeit, Freundschaft und Liebe gelegt wurde.

[...]


[1] Aus: PUNTSCH, E. (1997): Das große Handbuch der Zitate, Berlin, S. 166.

[2] Zitiert nach R. Lindner in: CLARKE, J. u.a. (1979): Jugendkultur als Widerstand. Milieus, Rituale, Provokationen, Frankfurt am Main, S. 11.

[3] REULECKE, J.: Jugendprotest – ein Kennzeichen des 20. Jahrhunderts?

In: DOWE, D. (Hrsg.) (1986): Jugendprotest und Generationskonflikt in Europa im 20. Jahrhundert, Braunschweig, Bonn.

[4] GILLIS, J. R. (1974): Youth and History, New York, London.

[5] Zitiert nach G. Wurzbacher & H. Grau in: CREMER, G. (1984): Jugendliche Subkulturen, München, S. 12.

[6] Zitiert nach D. Baacke in: ebenda, S. 13.

[7] Zitiert nach J. Zinnecker in: ebenda, S. 25

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wer macht Jugendkulturen? Eine Diskussion um die Identitätsprägung der Jugend
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar
Note
3
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V6494
ISBN (eBook)
9783638140508
ISBN (Buch)
9783668148024
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung der Jugendkulturen, Rolle der Medien
Arbeit zitieren
Gesa Mann (Autor:in), 2001, Wer macht Jugendkulturen? Eine Diskussion um die Identitätsprägung der Jugend, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6494

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