Wenn der Europäer heutzutage sein Alphabet benutzt, um zu schreiben, dann ist dies eine der größten Selbstverständlichkeiten seines Alltagslebens, und wenn er gefragt wird, was Schreiben bedeutet, glaubt er genau zu wissen, was es eigentlich ist: Wörter mit Buchstaben wiedergeben.
„Diejenigen, die etwas über die Geschichte der Schrift gelesen haben, wissen, daß es eine ganze Reihe von Schreibarten gibt und gab, die verschieden sind von dem, was man eine Alphabetschrift nennt“.
Mit diesen Worten beginnt Harald Haarmann sein Buch: Universalgeschichte der Schrift. Des Weiteren fährt er fort: „Die Ausbildung eines Alphabets war ein langwieriger und enorm komplizierter Prozess, der sich über viele Jahrhunderte hinzog. Die Verwendung des Alphabets, heute weltweit die verbreiteste Art zu schreiben, hat schon eine lange Tradition, die bis ins Altertum zurückreicht.“
In der Tat ist es für jemanden, der tagtäglich mit „seinem“ Alphabet arbeitet und ganz selbstverständlich damit umgeht, da er es seit den ersten Tagen in der Schule so erlernt hat, komisch anzunehmen, daß es dieses logische alphabetische System wie man es kennt, nicht schon immer so gegeben hat. Aber wo kommt „unser“ Alphabet eigentlich her? Von wem und warum wurde es eigentlich entwickelt? Oder wurde es gar erfunden? Vielleicht stimmt aber sogar die Ansicht des weltberühmten Autors von „Das Dschungelbuch“ Rudyard Kipling, daß das Alphabet die Erfindung eines Kindes war und wie Andrew Robinson weiter ausführt: „Es wäre möglich, daß ein gescheites kanaanitisches Kind irgendwo in Nordsyrien von der Keilschrift die Nase voll hatte und nach dem Vorbild der einkonsonantigen Hieroglyphen neue Zeichen schuf, um die Konsonanten seiner semitischen Sprache zu schreiben.“ Um der Wahrheit zumindest etwas näher zu kommen, müssen wir wie Haarmann richtig feststellt ins 2. Jahrtausend vor Christus blicken und genau diese Betrachtung ist Gegenstand dieser Arbeit.
Ausgehend von einigen teils gewagten Theorien und Fantasien über die Herkunft des Alphabets zu den wahrscheinlichsten Theorien der Forschung, über die Eigenheiten und die Bedeutung der phönizischen Schrift bis hin zur Vollendung des kompletten Alphabets der Griechen soll der Bogen gespannt werden.
Gliederung der Hausarbeit
1. Einleitung
2.1. Theorien zur Herkunft der nordsemitischen Schriften bzw. des ersten Konsonantenalphabets
2.2. Die feststehenden Annahmen und die wahrscheinlichste Variante
2.3. Die Eigenheiten der phönizischen Schrift
2.4. Ihre Bedeutung in der Schriftgeschichte
3. Die Komplettierung des Alphabets durch die Griechen
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursprünge und die historische Entwicklung des phönizischen Konsonantenalphabets als entscheidenden Meilenstein der Schriftgeschichte und analysiert dessen Bedeutung für die spätere Entstehung vollständiger Alphabetsysteme durch die Griechen.
- Historische Theorien und Mythen zur Entstehung von Buchstabenschriften
- Strukturelle Merkmale und das Prinzip der phonographischen Einzellautschreibung
- Die Rolle der Phönizier als Vermittler und Schrittmacher der Alphabetisierung
- Der Übergang vom phönizischen Konsonantenalphabet zum vokalreichen griechischen Alphabet
- Die gesellschaftliche Bedeutung der Schriftvereinfachung für Wissenschaft und Demokratisierung des Wissens
Auszug aus dem Buch
2.3 Die Eigenheiten der phönizischen Schrift
Andrew Robinson bringt uns die Phönizier mit ihrer Schrift etwas näher. Er schreibt: „... die Phönizier waren die größten Händler der Antike." Sie brachen aus ihren Stadtstaaten auf, erforschten das Mittelmeer und die Atlantikküste. Zu ihren wichtigsten Handelswaren gehörte das Purpur. Phönizier war das griechische Wort für „Purpurhändler“.
Im Vergleich zu den Ägyptern und Griechen wissen wir wenig von den Phöniziern, weil sie nur spärliche Aufzeichnungen und fast keine Literatur hinterlassen haben. Aber ihre Inschriften verraten uns, daß ihr Alphabet aus 22 Buchstaben bzw. Zeichen bestanden hat. Es waren: alef, bet, gimel, dalet, he, waw, sajin, chet, tet, jod, kaf, lamed, mem, nun, samech, ajin, pe, zade, kof, resch, schin und taw. Diese Namen bezeichnen noch in unserer Zeit die Buchstaben des hebräischen Alphabets.
Das Besondere an diesem 22 Konsonanten umfassenden Schriftsystem ist im vorhergehenden Teil ja schon angedeutet worden. In diesem Konsonantenalphabet, welches keine Vokale beschrieb, war die endgültige Abkehr von Silbenschriften und Ideogrammzeichen vollzogen. In diesem Fall stand in Zukunft für jeden Laut ein Zeichen, oder wie es Haarmann ausdrückt: „Das Prinzip basiert hier auf der phonographischen Schreibweise von Einzellauten“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die heutige Selbstverständlichkeit unseres Alphabets und stellt die Forschungsfrage nach dessen historischem Ursprung im 2. Jahrtausend vor Christus.
2.1. Theorien zur Herkunft der nordsemitischen Schriften bzw. des ersten Konsonantenalphabets: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über verschiedene wissenschaftliche und mythische Erklärungsversuche der Antike sowie moderne Thesen zur Herkunft der Schrift.
2.2. Die feststehenden Annahmen und die wahrscheinlichste Variante: Hier werden gesicherte Erkenntnisse der Forschung dargelegt, insbesondere der Übergang von ideographischen Systemen zur phonographischen Einzellautschreibung.
2.3. Die Eigenheiten der phönizischen Schrift: Der Abschnitt erläutert die spezifischen Merkmale des phönizischen Schriftsystems, insbesondere die 22 Konsonantenzeichen und die konsequente Abkehr von Ideogrammen.
2.4. Ihre Bedeutung in der Schriftgeschichte: Dieses Kapitel beschreibt die Rolle des phönizischen Alphabets als „Urmutter“ verschiedener orientalischer und abendländischer Schriften.
3. Die Komplettierung des Alphabets durch die Griechen: Die Analyse konzentriert sich hier auf die notwendige Ergänzung des Konsonantenalphabets um Vokalzeichen durch die Griechen, um ihre indoeuropäische Sprache adäquat abzubilden.
4. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass die Reduzierung der Schrift auf wenige, leicht erlernbare Zeichen eine demokratisierende Wirkung auf die Verbreitung von Wissen hatte.
Schlüsselwörter
Phönizische Schrift, Konsonantenalphabet, Schriftgeschichte, Griechisches Alphabet, Einzellautschreibung, Ideogramme, Lautwerte, Mediegeschichte, Vokalbezeichnung, Semitische Sprachen, Schriftvermittlung, Alphabetisierung, Kulturgeschichte, Wissensdemokratisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung der phönizischen Schrift und ihre zentrale Rolle als Vorläufer moderner Alphabetsysteme.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf den Ursprungstheorien der Schrift, den strukturellen Eigenheiten des phönizischen Systems und der Erweiterung durch die Griechen um Vokalzeichen.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, den Ursprung des logischen alphabetischen Systems aufzuklären und die Bedeutung des phönizischen Beitrags zur Entwicklung der Schrift zu würdigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die verschiedene historische und philologische Hypothesen zur Schriftentwicklung vergleicht und bewertet.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert die Theorien zur Herkunft, die spezifischen Merkmale der Konsonantenschrift und den entscheidenden Übergang zum griechischen Alphabet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind phönizische Schrift, Konsonantenalphabet, phonographische Einzellautschreibung und die kulturelle Bedeutung der Schrift als Wissensvermittler.
Warum war die Einführung von Vokalen durch die Griechen so wichtig?
Da Griechisch eine vokalreiche indoeuropäische Sprache ist, war die Ergänzung der vokalarmen phönizischen Zeichen um eigene Vokalzeichen für eine präzise Darstellung der Sprache notwendig.
Welche Bedeutung hat das phönizische Alphabet für heutige Schriften?
Das phönizische Alphabet gilt als „Urmutter“ fast aller modernen Alphabete, da es das Prinzip der Lautschreibung maßgeblich etablieren konnte.
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- Magister Artium Falko Krause (Author), 2000, Die phönizische Schrift - Ein Meilenstein in der Schriftgeschichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/64981